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Gruppentherapie: PURE REASON REVOLUTION - Amor Vincit Omnia

05.03.2009 | 00:06

Die britischen Prog-Hopefuls von PURE REASON REVOLUTION haben mit ihrem Debütalbum "The Dark Third" und beeindruckenden Liveperformances im Vorprogramm von PORCUPINE TREE und BLACKFIELD mächtig Staub in der Szene aufgewirbelt. Grund genug, das zweite Album "Amor Vincit Omnia", das ab dem 06.03.2009 via Superball Music in die Läden kommt, einer gründlichen Betrachtung zu unterziehen.



"Amor Vincit Omnia" – "Liebe besiegt alles." Latein ist so unnütz wie Walhall-Lyrics, aber für die riesengroße jahrhundertealte Botschaft musste es herhalten. Und je nach Einstellung drückt der Titel das Gegenteil des Bandnamens aus oder verträgt sich sehr gut mit ihm. Ähnlich weit streben die Meinungen auseinander, wenn es darum geht, ob PURE REASON REVOLUTION in den Prog-Schrank gesteckt werden sollen. Letztlich war das schon bei dem 2007er "The Dark Third" nur der einfachste Ausweg aus der Misere, eine stilistische Einordnung vornehmen zu müssen – wie bei RADIOHEAD oder tausend anderen Genreignoranten. Und nun drücken derartige Probleme erst recht. Auch die Labelmenschen mussten wegen der elektronischen Ausrichtung des neuen Materials mit den Öhrchen schlackern, weshalb die Lüge, dass es "super-heavy Riffs" zu hören gibt, als Schadensbegrenzung zu sehen ist. Es sei verziehen. Eine Platte, die keine Erwartungshaltungsbefriedigung ist, muss man als auf Rockmusik spezialisierte Firma auch erst mal verkaufen. Das semipermeable Songwriting ist noch die deutlichste Verbindung zur Vergangenheit. Es kommt nur durch, worauf man die wundervollen, lebensfrohen, oft im Kanon intonierten Melodien von Chloe Alper, Jon Courtney und Jamie Willcox montieren kann. Und das, was durchkommt, groovt diesmal auch noch intensiver. Das neunminütige 'The Gloaming', der KRAFTWERK-Knicks 'Disconnect', 'Les Malheurs', die beiden höllischen Zappler 'Victorious Cupid' und 'Deus Ex Machina' sowie der leidenschaftliche Beinahe-Titeltrack 'AVO' reflektieren ein Bandkollektiv, das selbstbewusst und innovativ mit der eigenen Musik umgeht. Lehrbuchmäßig.
[Oliver Schneider]

Kaum eine Band hat das Wort "progressiv" in den letzten Jahren so sehr mit Leben gefüllt, wie PURE REASON REVOLUTION mit ihrem Debüt "The Dark Third". Eigenständig, innovativ, originell, abseits der Norm. Und Rock war es schon auch noch. Irgendwie. Doch Jon Courtney, Chloe Alper, Jamie Wilcox und Paul Glover verstehen sich als Künstler. Freischaffend, ohne selbstauferlegte Grenzen. Und so erinnern lediglich die durch die Bank fabelhaften, mehrstimmigen Gesangslinien an den Vorgänger. Ansonsten zeigt man sich welt- und genreoffen und fügt selbstbewusst elektronische Beats, sphärische Soundkaskaden und Ambientsounds in den bandeigenen Sound ein. Das dürfte den gemeinen Rocker beim Opener 'Les Malheurs' oder den an KRAFTWERK erinnernden 'Disconnect' auch schon mal deutlich überfordern. Wer seinen Geist aber von derlei Schubladen befreit, wird schnell von der stimmgewaltigen Kraft bei 'Apogee', dem tanzbaren Groove von 'Deus Ex Machina' oder dem betörenden 'AVO' getragen. PURE REASON REVOLUTION laden zu einer einzigartigen Reise ein, die viel mehr ist als das bloße Anhören einer Platte. "Amor Vincit Omnia" ist die lebendig gewordene Vision dieses Quartetts. Kunst in Reinform.
[Peter Kubaschk]

Völlig losgelöst. Das hat mit Metal mal rein gar nichts mehr zu tun. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass der Infozettel nicht zu diesem Album passt. Da ist von "super-heavy Riffs" die Rede. Das ist hier aber Fehlanzeige. Elektro-Prog mit gelegentlicher Alibi-Gitarre ist nämlich die richtige Einordnung, mit NDW-Härtegrad und entsprechenden, oft nervig klingenden Keyboardsounds aus der C64er-Ära. Wenn man die Metaller-Brille absetzt, offenbart die Scheibe allerdings ein paar sehr gute Momente. Die Gesangsharmonien sind großartig, und sobald die Kompositionen ein bisschen Drive haben, ist das sehr unterhaltsam: die Achziger-Hommage 'Les Malheurs', das progressive 'Victorious Cupid' und 'Deus Ex Machina', das von hypnotischer Intensität ist, ohne langweilig zu sein, kann ich jedem ans Herz legen. Dann gibt es noch ein ordentliches Stücke 'Apogee', das leider in ein dreiteiliges Mini-Epos eingebettet ist, das nicht durchgehend dieses Kaliber hat. Auch 'The Gloaming' wäre erträglich, doch ist es leider viel zu lang geraten – um etwa fünf Minuten. Doch das ist - leider - noch nicht alles, die restlichen Stücke sind schlicht und ergreifend öde. Schnulzenpop mit Retro-Keys, der schon 1989 jeden Tanzpalast nachhaltiger geleert hätte als eine Bombendrohung: 'Bloodless' ist eine Schlaftablette und 'Disconnect' einfach nur ein Ärgernis. Obwohl 'AVO' am Ende beinahe noch die Kurve kriegt, lässt dies die Play-Taste nicht einladender erscheinen. Was hier als Anspruch verkauft wird, ist phasenweise einfach nur Gedudel.
[Frank Jäger]





Die-Hard-Metaller werden mit PURE REASON REVOLUTION in etwa so viel anfangen können wie ein Kolibri mit einem Taucheranzug. Das sagt aber natürlich nichts über das Talent und die Fähigkeiten dieses bemerkenswerten Quartetts aus. "Armor Vincit Omnia" (Welch ein Titel!) ist meine erste Begegnung mit Jon Courtney und seinen musikalischen Fantasiereisen. Auf diesem Album ist dem Mann etwas Sagenhaftes gelungen, nämlich klangliche Elemente, die sich auf den ersten Blick auszuschließen scheinen, wunderbar zusammen zu fügen. Da verschmelzen dann auf einmal mit atemberaubender Selbstverständlichkeit wummernde Elektronik-Beats mit federleichtem Art/Prog-Rock und roh groovender Riff-Gewalt. Charmanter Pop-Appeal und kompositorischer Anspruch schließen sich plötzlich gar nicht mehr aus und träumerisch entrückter Gesang zerfließt elegant über enorm druckvollen und präzisen, unter die Haut gehenden Rhythmen. Scheinbar grenzenlose Kreativität und eine seltsam hybride Atmosphäre dominieren diese Platte, die auf ihre ganz eigentümliche Weise verdammt heavy und intensiv ist. Bewusstseinserweiternde Tonspielereien wie 'Deus Ex Machina' verdrehen einem den Kopf und flirten gerne mal mit den Visionen eines Billy Corgan (SMASHING PUMPKINS). Doch PURE REASON REVOLUTION gehen gleich mehrere Schritte weiter. Sie kreuzen konsequent die exzessive Farbenfreude und den flirrenden Sound von Ambient und Elektronica mit dem kompositorischen Verständnis einer modernen Rock-Band. Dabei entsteht eine Musik, die alle Sinne anspricht und den Hörer völlig in sich aufnimmt. Manchmal ertappe ich mich bei der Vorstellung, wie es wohl wäre, wenn diese Band auch noch den Jazz und Künstler wie Ludovic Navarre (alias SAINT GERMAIN) für sich entdecken würde. Meine einzige Kritik an "Armor Vincit Omnia" ist, dass einige der weiblichen Gesangsparts von Chloe Alper etwas blass und konturlos wirken. Das sollte abenteuerlustige, geschmacklich breit aufgestellte Musik-Liebhaber aber keinesfalls davon abhalten, sich den Namen PURE REASON REVOLUTION auf den Einkaufszettel zu schreiben. Doch nun genug der Worte, denn dieses Album ist ein einzigartiges Erlebnis, dass man nur fühlen und nicht wirklich erklären kann.
[Martin van der Laan]

Ich muss gestehen, dass mich der Erstling von PURE REASON REVOLUTION zwar mehrfach im Auto beschallt hat, ich mich allerdings nicht besonders intensiv mit eben jenem auseinandergesetzt habe. Klang alles irgendwie ansprechend und handwerklich erstklassig, lag aber neben meiner damaligen Kauz-Metal-Vorliebe. So wurde die Band unter "noch mal antesten" im musikalischen Hirnarchiv abgespeichert. Nun liegt bereits der nächste Longplayer parat. Okay, Kopfhörer aufgesetzt und Lauschen galore: Der Opener überrascht mit unerwartet hohen Keyboardanteilen. Das habe ich anders in Erinnerung. Rockiger. In 'Victorious Cupid' werden allerdings fröhliche Zwirbelgitarren geschwungen, ohne dass dabei der progressiv-cordhosige Hornbrillen-Rock-Einschlag über Bord geht. Ich vernehme MUSE, ich vernehme aber auch RUSH. Man verzeihe mir das. Was? Das ich diese beiden Bands in einem Satz verbrate natürlich. Kommt nicht wieder vor. Auch nicht bei diesem Silberling, denn dafür ist im weiteren Verlauf der Tastenanteil zu Ungunsten der Saitenfraktion viel zu hoch. An allen Ecken zirpt, fiepst und piepst es. Das Quartett schafft es allerdings nicht, mich dadurch aus der true-metallischen Ruhe zu bringen, denn sie verpacken diese Sampling-Experimente in exzellente Rockrhythmen, die sofort mitreißen. Als Beispiel mag hier 'Deus Ex Machina' herhalten. Auch der dauerhaft mehrstimmige Gesang, der eher im höheren Bereich angesiedelt ist, klingt eher originell als nervig. Ein Attribut, das ich der andauernden Wiederholungsschleife in 'The Gloaming' allerdings nicht verwehren kann. Insgesamt zwischen SLOUGH FEG und HELSTAR eine nette Alternative.
[Holger Andrae]




PURE REASON REVOLUTION sind mir seit ihrem Album "The Dark Third" ein Begriff, von dem es mir vor allem der formidable Song 'Goshens Remain' angetan hat. Schon aus diesem Grund ist das Stück 'Deux Ex Machina' mein Favorit vom neuen Album - schlägt es doch in eine ähnliche Kerbe und ist  zudem der einzige Song, bei dem es mal mit etwas Schmackes zur Sache geht. Neben dieser sehr rockigen Nummer stehen aber auch einige Songs auf "Amor Vincit Omnia", die eine so starke Electro-Schlagseite aufweisen, dass es zunächst schon etwas irritierend wirkt. Diese elektronischen Passagen bilden zudem einen sehr starken Kontrast zu den atmosphärisch-einschmeichelnden Melodien der übrigen Songs. Was haben wir also? Einige der Melodien sind sehr einprägsam geraten und setzen sich sofort im Hirn fest, andere Stellen wirken hingegen reichlich sperrig und setzen harte Kontrapunkte gegenüber den harmonischen Parts. Es ist aber auf jeden Fall der Hut davor zu lüpfen, wie unbeirrbar und auf Konventionen scheißend PURE REASON REVOLUTION ihr Musikschaffen betreiben, dennoch macht es dies dem Hörer nicht gerade leichter. Es ist durchaus möglich, dass dieses Album in der Langzeitanalyse eine ganz andere Wirkung zutage treten lässt als zu Beginn. Bei meinem knappen Dutzend Hördurchläufen hat "Amor Vincit Omnia" jedenfalls eine bemerkenswerte Wandlung durchgemacht und erwies sich als echter "Grower". Definitiv künstlerisch wertvoll und mit teils überraschenden Ingredienzien, was die englischen Proggies hier auf sehr kreative Weise zusammengebastelt haben.
[Stephan Voigtländer]

PURE REASON REVOLUTION stechen aus der Masse hervor. Schon das Vorgänger-Album "The Dark Third" war ein absoluter Meilenstein für alle, die sich von Schubladen-Genres abwenden wollten und ein offenes Ohr für mehr als nur eine Musikrichtung hatten. Mit dem epischen Neuling "Amor Vincit Omnia" legen PURE REASON REVOLUTION noch eins drauf und bieten eine Explosion der Hörsinne! Denn das Album mit dem schönen Titel (aus dem Latein "Liebe besiegt alles") durchstreift Genres und Emotionen. Mal werden die kreativen Briten elektronisch und machen mit Songs wie 'Les Malheurs' Lust drauf, das Tanzbein zu schwingen, mal lässt man sich auf heavy Gitarren ein und geht mehr in die Richtung des Vorgänger-Albums oder mischt einfach beides wie beim eingängigen 'Bloodless'. Dabei stellt sich vor allem der Song 'Victorious Cupid' als typischer PURE REASON REVOLUTION-Ohrwurm heraus, der durchaus mit dem "The Dark Third"-Hit 'Goshens Remain' mithalten kann. Zwischendurch zaubern PURE REASON REVOLUTION noch relativ ruhige und extrem  leidenschäftliche Klänge aus dem Hut ('Apogee') die bei mehrmaligem Hören einfach nur süchtig machen. Spätestens beim Neun-Minuten-Klangmonster 'The Gloaming' überzeugt die Band rund um das talentierte Sängerduo Jon Courtney/Chloe Alper den Hörer von der Einzigartigkeit ihrer Kompositionen. "Amor Vincit Omnia" ist ein Meisterwerk, welches über jegliche Genregrenzen hinausgeht - progressiv, modern, heavy, emotional, episch, elektronisch, verträumt und noch viel mehr!
[Caroline Traitler]

So eindrucksvoll das letzte Album auch war, das hier kann ich mir als Space-Night-Untermalung oder als Seminarbegleitung vorstellen. Für tanzbares Elektrozeug gibt es Experten zu Hauf, für mehrstimmige Chorale ebenso. Wo ist denn das Arrangement hin, das musikalische? Es gibt Längen und Längen, es gibt Parts, die in ihrer frechen Wiederholung vorhersehbar und sogar abgeschrieben erscheinen. Eine nicht mutige Platte, ich glaube nicht, dass die Kreativen damit zufrieden sind. So richtig. Nichts gegen Ausprobieren, gegen Stilbrüche, gegen Kontrastierungen und lange Arrangements, aber so? Der Eindruck, der sich hier ausdrückt, ist erdrückend, denn er ist: Stangenware. Die nämlich walzt uns täglich platt mit ihrem Popappeal. Diese Blase, die mehr Schwere und Gewichtung vorgibt, als dann wirklich drin ist. Diese Platte schrammt den Belanglospop und verfehlt einen Totalausfall nur knapp.
Ärgerlich ist das irgendwie ja nicht. Das Potential von PURE REASON REVOLUTION ist bewiesen und das Können wird ab der Sechs auch hinlänglich angedeutet. Aber da gibt es dieses Plätschern, ein Vorsichhin, ein Zeitfressen, wie es auch anders und schöner verbracht werden kann. Ein Effekt scheint sich zumindest einzustellen: nach dem nunmehr fünften Anlauf zum Durchlauf schwingen sich so manche Harmonien bereits besser in das Mitsummzentrum ein, einnisten werden sie sich aber nicht, so viel steht fest. Dass hier niemand auf die Idee komme, PURE REASON REVOLUTION sind mir Ventil für einen schlechten Tag. Es ist nicht gelungen, damit Schluss.
[Matthias Harz]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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