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Gruppentherapie: HOLOCAUST - "Predator"

06.01.2016 | 23:52

Alter Hase oder Raubtier? Gruppentherapie zur Rückkehr einer Lars-Ulrich-Lieblings-Band.

Etwas kontrovers wurde "Predator" im Dezember-Soundcheck aufgenommen. Platz acht mit der knappen Sieben im Schnitt ist für sechs Therapeuten dennoch kein Hinderungs-Grund, in das Album hinein zu lauschen. Klaro, so gilt HOLOCAUST bei manchen Redakteuren doch als Legende des NWoBHM. Und genau, irgendwas mit METALLICA und Lars Ulrich war da doch auch, oder? Lest selbst!



"Predator" ist mal wieder ein wunderschönes Beispiel, wie fundamental unterschiedlich Musik in unserer kleinen Redaktion aufgenommen werden kann. Uns Rüdiger hievt das Album auf seinen Jahresthron und redet in seinem jubilierenden Review unter anderem von "monolithischen, massiven Riffs", "mitreißendem Sound" und "grandios gutem Songwriting". Tja, das wirft bei mir auch beim erneuten Hören von "Predator" große Fragezeichen auf. Wo zur Metal-Hölle hört unser Redaktions-Rabe das alles?
Doch fangen wir mit etwas anderem an. Ich lerne, dass HOLOCAUST wohl ein großer Einfluss für METALLICA war und die Buben um Lars Ulrich sind auch ohne dieses Wissen meine allererste Assoziation, wenn ich den Opener und Titelsong höre. Ja, das gesamte Album wirkt auf mich wie ein Spiegelbild der Musik alter METALLICA. Oder doch eher eine Projektion auf METALLICA im Alter? Denn so richtig jung und dynamisch wie die Metallicats in den 80ern klingt das nämlich nicht mehr, obwohl man klanglich Gott sei Dank keine verstaubte Hommage auf diese Zeit getätigt hat. Dennoch, irgendwie klingt das alles leicht unbeweglich. Auch Kollege Päbst bezeichnet es in seinen Kurz-Kommentaren als hüftsteif, wie z.B. die lahme Variation über das 'Creeping Death'-Hauptriff in 'Expander'. Und welche "sexy woman" man damit erobern möchte, frag ich hier. Grandma?
Aber es gibt auch ein paar lichte, sogar gute Momente auf "Predator". Aus 'Lady Babalon', das von einem feinen Stoner-Rock-Riff getragen wird, hätte ein ganz feiner Song werden können, wenn man nach dem düster-hymnischen Refrain nicht die Atmosphäre mit einem weiteren Metal-Riff aus dem Katalog zerstört hätte. Auch das kurze Instrumental 'Observer One' trägt einige Ideen-Ansätze - sogar psychedelische Spielereien - die man gut hätte ausbauen können. Was aber auch danach nicht kommt, sind "zündende Songs" mit "großen Hooklines", mit denen Rüdiger uns das Maul wässrig macht. Viel eher ist das alles hier "nur" solide, sehr konservative Metal-Kost, die nicht weh tut, wenn man sie hören muss. Typische sechs Punkte also.

Note: 6,0/10
[Thomas Becker]



Ja, Geschmäcker sind verschieden, da muss ich dem Kollegen Becker recht geben. Im Gegensatz zu ihm höre ich hier jedenfalls keinesfalls eine hüftsteife METALLICA-Kopie. Vielmehr ist "Predator" eine wunderbare Hommage an die klassische New Wave of British Heavy Metal geworden, wie sie wohl kaum einer nach der zwölfjährigen Pause von den Schotten erwartet hätte. Songs wie das grandiose 'Can't Go Wrong With You', der Opener und Titelsong 'Predator' oder das wilde 'Shiva' hätten sich auch auf dem Debüt "The Nightcomers" wunderbar gemacht und sollten das Herz eines jeden Anhängers des klassischen Heavy Metals höher schlagen lassen.
Der Vergleich zu METALLICA liegt natürlich auch auf der Hand, immerhin war "The Nightcomers" eines der Alben, die der junge Lars Ulrich 1981 in seinem Kinderzimmer rauf und runter gehört hat. Dementsprechend kann man wohl kaum davon sprechen, dass HOLOCAUST nach METALLICA klingt, viel mehr ist es genau umgekehrt. Die Thrash-Titanen aus San Francisco haben in ihrer Frühphase einfach so ungeniert bei britischen Bands wie HOLOCAUST und DIAMOND HEAD abgekupfert, dass es fast unvermeidlich ist, zwischen den genannten Bands Parallelen zu entdecken. Einzig bei der etwas zu offensichtlichen Referenz an 'Creeping Death' im Song 'Expander' muss ich Thomas recht geben - hier hat sich das Trio kurzerhand bei Ulrich und Co. revanchiert und den Spieß umgedreht.
Trotzdem bleibt "Predator" eine faustdicke Überraschung im auslaufenden Musikjahr 2015. Ich würde nicht ganz soweit gehen wie Kollege Stehle, der die Platte zu seinem Album des Jahres kürt, dennoch möchte ich mich ihm anschließen und jedem NWoBHM-Fan dazu raten, in "Predator" schleunigst reinzuhören. Wer es nicht tut, der verpasst ein echtes Genre-Highlight!

Note: 8,5/10

[Tobias Dahs]

Man konnte wahrlich nicht sicher sein, ob es jemals wieder ein neues Album dieser NWoBHM-Legende zu hören geben würde und daher punkten John Mortimer und seine Mannen schon allein durch den Survival- und Überraschungs-Bonus. Und die Herrschaften machen auf "Predator" exakt das, wofür man sie seit Dekaden schätzt. "Predator" stellt demnach nichts anderes dar als ein tief in der NWoBHM verankertes Album, das auf der einen Seite zwar durchaus auch schon verdammt viele Lenze auf dem Buckel haben könnte, zugleich aber auch von einer Frische und beeindruckenden Leichtigkeit lebt. Der alte Haudegen John Mortimer schafft es immer noch locker, einen bunten Strauß jener Klänge aus dem Ärmel zu schütteln, die er entscheidend mit geprägt hat. Schließlich verlernt man Radfahren ja auch nicht, auch wenn man einige Jahre auf keinem Drahtesel gesessen ist. Als Fan der NWoBHM wird man also auch "Predator" auf Anhieb ins schwermetallische Herzchen schließen, denn die Scheibe entpuppt sich schlichtweg als gelungenes wie zeitloses Teil, das den Esprit jener Tage perfekt in die Gegenwart transferiert. Welcome Back!

Note: 8,5/10

[Walter Scheurer]



Was für eine gelungene Überraschung! Nachdem ich den Auftritt beim KIT nicht ganz so gelungen fand und es in den letzten Monaten ziemlich still um dieses einstmalige NWoBHM-Flagschiff geworden war, hatte ich schon gar nicht mehr mit einem Album gerechnet. Dass dann auch noch so ein Monster dabei herauskommen würde, hat wohl nur der kühnste Optimist erwartet. Sich hier nun über vermeintliches Abkupfern bei METALLICA zu beschweren, empfinde ich sehr befremdlich. Sollte ein neues LED ZEPPELIN-Album herauskommen, wird hoffentlich auch niemand schreiben, dass die Band bei den BLUES PILLS abgeschrieben habe. Auch ohne rosarote Brille muss man anerkennen, dass es ohne HOLOCAUST eine Band wie METALLICA vielleicht gar nicht geben würde. Im Gegensatz zu den Angestellten des Damage Inc.-Konzernes gelingt es Mainman John Mortimer und seinen beiden Mitstreitern allerdings auch 30 Jahre später noch, einen unbekümmerten Spirit in ihrer Musik zu transportieren. Die Musik auf "Predator" klingt nämlich erfrischend altmodisch mit offenen Armen für neue Ideen. Wer den Werdegang der Band verfolgt hat, weiß, dass es da wenig Platz für Stagnation gab. John Mortimer hat seine musikalischen Visionen immer in seiner Musik ausgelebt. Mal war es ein textliches Konzept, mal musikalische Veränderungen, aber es klang immer nach HOLOCAUST. So auch heuer, denn trotz aller Gradlinigkeit in den Songs, gibt es viele kleine Details, die "Predator" zu einem absoluten Dauerbrenner machen. Dies alles gekleidet in ein druckvolles Klanggewand, welches schön transparent und dynamisch nach vorne drückt, ergibt ein erstklassiges Album, welches meilenweit entfernt ist von Attributen wie "hüftsteif" oder "lahm". Das Attribut "konservativ" darf man hier gern als Kompliment nehmen, auch wenn ich immer wieder überrascht bin, diese Vokabel negativ behaftet auf einer Seite zu lesen, die sich vorwiegend mit einem auf Traditionen basierenden Musikstil beschäftigt. In meiner altmodischen Welt ist die Band HOLOCAUST ziemlich progressiv unterwegs, wenn man die gesamte Schaffensphase betrachtet. Und damit meine ich jetzt keine Progression, die allein auf unendlich vielen Noten oder extrem seltsamen Taktzahlen beruht. Auch auf dem aktuellen Album finden moderne Einflüsse ihren Platz, seien es die mehrschichtigen Gitarrenwände, die extrem wuchtig daher kommen oder die fast aus dem Industrial-Stil entnommenen, atmosphärischen Einsprengsel. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Album und vergebe...

Note: 9,0/10
[Holger Andrae]



Zuerst einmal: Ich möchte die Platte mögen. Ich mag nämlich HOLOCAUST. Und wenn "Predator" auch nicht schlecht geworden ist, hält sich meine Begeisterung doch leider in Grenzen, obwohl ich es intensiv versucht habe. Das liegt vor allem daran, dass die Band über weite Strecken mit angezogener Handbremse agiert, so als würde sie unter Wasser rocken. Dass der Opener nach OZZY klingt - geschenkt, denn der ist prima. Aber die meisten Lieder kommen nicht richtig in Gang, abgesehen von den ersten beide Liedern verbergen sich die Highlights wie 'Shiva', 'Shine Out' und 'What I Live For' erst in der zweiten Hälfte. Doch zumeist tragen die Lied-Ideen leider nur drei Minuten, werden aber bis auf die ersten beiden Lieder durchschnittlich mehr als zwei Minuten zu lang ausgewalzt. Das ist der eigentliche Schwachpunkt von "Predator". Natürlich wird die Scheibe trotzdem ins Haus kommen, allein schon wegen 'Shiva' und 'What I Live For', aber die anderen Highlighs habe ich schon auf der "Expander"-EP. Deswegen bleiben Jubelarien von meiner Seite leider aus.

Note: 6,5/10
[Frank Jäger]


Guten Morgen, neues Jahr. Her mit der Musik, auch wenn sie aus dem ollen 2015 ist und von sparsamen Schotten gespielt wird. Denn Klischees kennen keine Grenzen. Auch keine zeitlichen. Wie sagt Frank so schön: Er möchte das Album hier mögen. Ich auch, weil ich gerade Lust auf jedwede neue Musik habe. Kollege Tom drängt mich, für mich festzustellen: Ist "Predator" hüftsteif? Oder ist das großes Kopfkino, wie Rüdiger es sinngemäß lobpreist?
Nun, ich habe mit dem Namen der Band schon ein Problem. Einige werden lächeln, doch es ist nun mal so. Aber mit meiner kunstkritischen Meinung steht das in keiner Verbindung, versprochen. Die Band ist so alt wie ich und daher gibt es natürlich Respekt-Punkte. Aber auf "Predator" kann mich die sparsam (Tatata! Da ist der Bogen!) gehaltene Musik nicht überzeugen. Ich liebe Garagensounds, ich mag die muffige Melange aus Metal, der nach Second-Hand-Lederwesten und Punk, der nach Schweiß und vollgesifftem Proberaumteppich riecht. Beides schimmert bei diesen Veteranen durch, beides ist ansprechend, ja. Und ja, ich bin froh darüber, jedes Instrument hier in Gänze und klar arbeiten zu hören. Da wirkt nichts gestellt, überproduziert, zugekleistert oder hormonüberladen. Schön in Ruhe. Das fetzt, ist aber auch problematisch.
Ich bin, was HOLOCAUST betrifft, vollkommen unbefangen und eine Wissenslücke schließt sich. Ich bemerke auch mit jeder gemeinsam verbrachten Minute ein gesteigertes Interesse. Ich werde dennoch auch nach dem dritten Durchgang nicht im bisherigen Katalog der Band herumfummeln und die Perlen suchen. Zum jetzigen Zeitpunkt: Danke, schottische Veteranen, 5 Punkte. 5,5. Wobei... 'What I Live For' ist schon cool! 6 Punkte. Mit 'Observer One' 6,5 Punkte. Und Schluss.

Note: 6,5/10
[Mathias Freiesleben]

Redakteur:
Thomas Becker

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