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Gruppentherapie: GEHENNA-"Unravel"

26.10.2013 | 15:28

Für die kontroverse Gruppentherapie haben wir diesmal norwegischen Black Metal ausgesucht.

GEHENNA ist eine Band aus der Glanzzeit des norwegischen Black Metals Mitte der Neunziger. "Unravel" ist dabei aber erst ihr sechstes Album und im neuen Jahrtausend hat sich die Band sogar sehr rar gemacht, denn der Vörgänger stammt von 2005. Die düstere Musik ist gewiss nicht jedermanns Sache und landet demzufolge auf den hinteren Plätzen, jedoch mit großer Notenstreuung. Für manche sind solche Alben die interessantesten [und für manche, die als Einzelrezensent von der Teilnahme an der Gruppentherapie ausgeschlossen sind, gar der unheilige Gral - RS]. Grund genug, hier mal auf den Zahn zu fühlen.



Black Metal ist immer noch ein großes und schwer erfassbares Abenteuer für mich. Die Musik ist oft abschreckend aber immer wieder auch faszinierend und irgendwas daran zieht mich magisch an. Das Böse? Nein, das ist es eigentlich gar nicht. Am besten wirkt Black Metal, wenn ich in der Natur unterwegs bin.
Am Tag der deutschen Einheit bin ich bei tollstem Wetter spontan in die Einsamkeit der Berge geflüchtet, meine Soundcheck-Scheiben im Gepäck. Stunden später lag ich unter bizarrsten Felsformationen auf einem kleinen Wiesenstück in der Herbstsonne, vor mir ein endloses, karges Geröllfeld, Wolken und Nebelfetzten in den hohen Felstürmen - ansonsten Einsamkeit. Dies war der ideale Zeitpunkt für GEHENNA. Zuhause vor dem Rechner war das nur Gerumpel mit schlechtem Sound. In diesem besonderenen Ambiente wurde mir jedoch klar, was diese Klänge bedeuten sollen. Auf einmal waren sie so karg wie erhaben, abweisend zwar aber doch wunderschön, wie die Natur um mich herum. Die Musik war die der Felsen, des Gerölls, der Nebelschwaden in den Zackengraten, die des Sonnenuntergangs und des danach aufkommenden Schattens. Ein ganz tolles Aha-Erlebnis war das, beinahe spirituell.
Zurück zuhause vor dem Rechner ist das nun kein Gerumpel mit miesem Sound mehr. Aber der nüchtern-analytische Verstand, der beinahe verkrapft versucht, Musik in eine Schablone zu pressen und mit einer Note zu versehen, verwehrt sich diesen kargen Klängen. Lässt man die Gedanken abschweifen und sich in den Tönen vergehen hallt es jedoch wieder, dieses erleuchtende Gefühl. Irgendwas stellt GEHENNA da an. Ich kann es aber weder greifen noch beschreiben. Aus Ratlosigkeit pinsel ich mal sieben Punkte...

Note: 7,0/10

[Thomas Becker]


Irgendwie ist diese Band samt ihrem 20. Geburtstag in diesem Jahr bis "Unravel" komplett an mir vorbeigegangen. Dies hat jedoch den Vorteil, gänzlich unvoreingenommen und grünäugig durch die Lande zu ziehen und dieses pechschwarze Metall auf mich wirken zu lassen. Während Kollege Steele sich dieses Comebacks sichtlich erfreut, habe ich für diese Zeilen das Vorgängermodell "WW" zu Rate gezogen, um besser vergleichen zu können. Und in diesem gewinnt "WW" deutlich. Wo vor rund acht Jahren noch offensivere Highspeed-Attacken das Schwarze beherrschten, rückt heuer die depressive, melancholische Mid-Tempo-Ära in den Vordergrund. So zieht sich der zähflüssige Songteer durch die insgesamt acht Stücke, ohne dabei wirklich auf den Putz zu hauen. Zur kommenden Dunkelregenzeit passt "Unravel" wie Arsch auf Eimer, doch nichtsdestotrotz hätte ich mir persönlich mehr Abwechslung, Spannung und Geschwindigkeit gewünscht. Mische man das "WW"-Feuer mit dem peinigen, depressiven Touch von "Unravel" würde GEHENNA neue Maßstäbe im Genre setzen. So reagieren die Jungs deutlich defensiver und bringt ihnen ein solides und atmosphärisches, aber auch spannungs- und abwechslungsarmes Stück Schwarzmetall ein. Hier wäre also deutlich mehr drin gewesen.

Note: 7,0/10
[Marcel Rapp]


Vielleicht hätte ich es dem geschätzten Kollegen Becker gleichtun sollen und das Album auf eine Bergwandertour mitnehmen sollen oder, was für mich einfacher gewesen wäre, mit "Unravel" auf den Ohren einen Spaziergang an der See zu machen. Das habe ich nicht getan und somit muss sich das wohl kultige Trüppchen aus Norwegen mit meiner Meinung begnügen, die ich lediglich unter recht intensiver Ohrinhalation per Kopfhörer erworben habe. Gerade hierbei ist das wohl als Stilmittel zu deklarierende Element des Dumpfklanges nicht besonders förderlich für eine positive Meinungsfindung meinerseits. Die Musik an sich hingegen weist spannende Momente auf, jongliert sie doch durchaus gekonnt mit recht frostigen Passagen, denen immer wieder recht zähflüssige Nebelhornwalzer-Versatzstücke entgegen gehalten werden. Langweilig ist die Musik auf "Unravel" also keinesfalls. Ich habe lediglich ein großes Problem mit völlig unverständlichen und sehr in den Hintergrund gemischten Sängern und mit der in meinen Ohren völlig undynamischen Produktion. Es ist beinahe so als läge über dem gesamten Album eine dicke Staubschicht, die jemand vergessen hat weg zu wischen. Wie bereits geschrieben, ist das wahrscheinlich sogar so gewollt. Mir nimmt es leider komplett die Freude daran, mich intensiver mit dem atmosphärisch dichten Songmaterial näher zu beschäftigen. Vielleicht ist es auch einfach eine völlig falsche Herangehensweise? Freude soll man wohl auch gar nicht daran haben. Schade eigentlich.

Note: 5,0/10
[Holger Andrae]


Es scheint mir, als läge meinen Vorrednern ein anderes Album vor als mir. Denn langweilig, lieber Marcel, ist "Unravel" ganz bestimmt nicht. Alleine schon die ersten drei Nummern bieten mehr Abwechslung als andere Black-Metal-Bands in ihrem gesamten Backkatalog vorweisen können. Das gilt selbstredend nicht nur für die unterschiedlichen Songs, sondern auch für den Variantenreichtum innerhalb der Tracks. Im Fall von Holgers Kritik bezüglich des dumpfen Sounds muss ich mit einstimmen, dass mich die höhenarme Produktion auch erst einmal etwas abgeschreckt hat. Doch wenn man dem Album Zeit gibt, dann entfaltet sich unter der vermeintlichen Staubschicht eine 41-minütige Orgie feinsten Black Metals, der über weite Strecken so grimmig und kalt klingt als hätte der Gehörnte selbst ihn aufgenommen. Wenn einen der spezielle Charakter dieser Platte also nicht abschreckt, darf man sogar Spaß mit ihr haben.

Note: 8,5/10
[Nils Macher]




Der Vollkontakt mit dem Finstergebüsch. Unheilschwanger 'The Decision', im doomigen Tempo wird gekreist, ein Einstieg, der mir gleich Lust auf tieferes Eindringen in den GEHENNA-Kosmos beibringt. Das nachgeschaltete Titelstück zeigt dann an, wo die Reise hingeht und wo ich die Truppe aus Norwegen einzuordnen habe: klassischer, in unser glattes Jahrzehnt hinübergeretteter Ursprungsmetal. Ja, das ist es: keine teuer gekauften, bearbeiteten, fotoaffinen Tattoos, keine Medienoffensive mit ausgebufften Nebenstories von geschlachteten Haustieren oder erklärenden gelangweilten Lyrics-Videos, Haarsprays schon gar nicht. Reifkalter, morgensonnenhassender schwarzer Metal, ein Auf- und Abwallen der Gefühle. Will ich, trifft mich. Ich mit meinem Zehntelwissen Black Metal suche den Sektor regelmäßig nach gut produzierter und vor allem abwechslungsreicher Nischenbestätigung ab. Erklären kann ich es nicht, warum ich es nach all den Enttäuschungen immer noch nicht aufgegeben habe. Noch eine geschminkte, dann doch wieder Wiederholungen palavernde Band? Die Faszination, die zum Beispiel 'A Grave Of Thoughts' ausströmt, ist schwer erklärlich – aber sie ist da. Und ich frage mich ernsthaft, wenn ich die nächsten beiden Songs höre, warum ich eigentlich im Album bleibe. Stilecht, fröstelnd, aber vorhersehbar. Hin und Her, wie finde ich es nun? Das Album hat Wirkung, macht Eindruck durch seine Rohheit, aber mir fehlen insgesamt Überraschungen oder musikalische Wendungen.
Ich war mal gerade draußen in der Oktoberluft und nachdenken. Komme zurück und fälle mein Urteil: Ehrliche Musik, die in ihrem Genre-Rahmen bleibt, den aber absolut auszufüllen weiß.

Note: 6,5/10
[Mattias Freiesleben]


Mittlerweile sind die Tage kürzer geworden, die Schatten dafür länger. Die Berge sind eingeschneit und es ist Ruhe eingekehrt. Das einsame Wiesenstück, in dem ich mich gesonnt habe, gehört nun der Wildnis. Was auch immer sich dort im Winter tummelt, Gämsen, Steinböcke oder doch vielleicht Felsendämonen, ich werde es nicht erfahren. Möglicherweise wird dieser Ort ja zu GEHENNA, einem Ort für Verdammte. Die Musik jedenfalls wird immer stärker, immer einnehmender, man stellt sie an und sie ist da und sie macht etwas mit einem: verstören, einnehmen, auf morbide Weise faszinieren. Kann Musik mehr bewirken?

Note: 42
[Thomas Becker]

Redakteur:
Thomas Becker
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