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Gruppentherapie: FAITH NO MORE - "Sol Invictus"

23.06.2015 | 11:04

Was sind schon 18 Jahre? Die Mike Patton & Co. KG hat noch einmal Bock bekommen und haut plötzlich und unerwartet Album Numero sieben raus. Kann "Sol Invictus" an die alten Heldentaten anknüpfen?

Die unbezwungene Sonne hat im Review bereits 10 Punkte abgeräumt, nun trauen sich auch die Therapeuten an das Werk heran. Wie bei FAITH NO MORE so üblich, ist Vielseitigkeit (inkl. der einen oder anderen Überraschung) Trumpf und so ist eine Song-bezogene Sicht auf die Scheibe naheliegend wie auch der Vergleich mit frühen und nicht ganz so frühen Alben der Band. Die Meinungen gehen - zumindest etwas - auseinander.

Da sind sie wieder, die großen Helden meiner Kindheit, die mir mit 'Easy', 'Epic' und 'Midlife Crisis' die schrecklichsten Schultage versüßten, die mit "Angel Dust" und "The Real Thing" unsterbliche Klassiker veröffentlichten und nun nach 18 Jahren Ruhepause mit "Sol Invictus" zu alter Stärke zurückkehren. Ich mache kein Geheimnis daraus, dass die neueste Scheibe von FAITH NO MORE seit Wochen ihre Runden dreht und mich immer wieder verzückt. Vergessen ist das eher dahinplätschernde "Album Of The Year", was keines war, oder das Hin und Her der vergangenen Jahre. Mike Patton und Konsorten rocken wieder wie die Sau, die eher poppigen Anteile agieren unbekümmert im Hintergrund und obwohl "Sol Invictus" nicht auf Anhieb zündet, ist es definitiv eines der abwechslungsreichsten und interessantesten Werke dieses Jahres. Mit dem leichten Hang zur Verrücktheit, Mike Patton eben, und einer schier endlos langen Palette an Inspirationen sind beispielsweise 'Superhero', 'From The Dead' und das im Vorfeld veröffentlichte 'Motherfucker' einfach typische FAITH NO MORE-Nummern. Sie transferieren den Spirit und Esprit der damaligen Zeit am ehesten ins Hier und Jetzt, man spürt in jeder einzelnen Sekunde, dass "Sol Invictus" ein besonderes Album ist und die nächsten Monate auch bleiben wird. Ob FAITH NO MORE dort weitermacht, wo die Band damals aufgehört hat, weiß wohl nur sie selbst. Ich selbst muss jedes Mal mit nostalgischem Schmunzeln an meine damalige Schulzeit zurückdenken, als ich Mike Patton vor dem Spiegel imitierte und 'Epic' monatelang nicht aus meinem Kopf bekam.

Note: 9,0/10
[Marcel Rapp]


Das kann ich mir so richtig gut vorstellen, wie Marcelowitsch beim Schulbank drücken statt Integralrechnung die FAITH NO MORE-Nummern durch den Kopf geisterten. Kurioserweise waren es bei mir trotz des Altersunterschieds genau die selben Songs, die zur Schulzeit ganz groß angesagt waren. Und nun, über zwei Dekaden später war ich mehr als entzückt, als ich hörte, dass ein neuer Rundling im Anmarsch sei. Insbesondere den "King For A Day" und das "Album Of The Year" (ja Marcel, da plätschert nichts, das ist ganz großes Tennis) verehre ich sehr, aber auch die Frühwerke der Band haben wie eingangs erwähnt unbestritten ihren Reiz. Besonders das irrwitzig-abgedrehte Element, das Frontsau und Alleskönner Mike Patton einbringt, verleiht der Musik eine ganz besondere, einzigartige Note. Man nehme nur mal 'Cuckoo For Caca' von der "King For A Day" und höre dann 'Superhero' vom neuen Silberteller zum Vergleich - ja, es ist immer noch da, das Herumgewüte von Patton, der wilde Wahnsinn im FAITH NO MORE-Kosmos. Wobei Wahnsinn bei dieser Band niemals sperrig oder verschroben klingt, selbst dann häuten sich die Gänse vor Eigenwilligkeit und Eingängigkeit. Von den famosen Balladen wie 'Last Cup Of Sorrow', 'Stripsearch' oder 'Take This Bottle' mal ganz zu schweigen. Etwas Vergleichbares hat die Truppe auf "Sol Invictus" zwar nicht verzapft, jedoch mit 'Sunny Side Up' immerhin eine recht gediegene Nummer, deren Refrain man gut und gerne auch mal tagelang auf den Lippen mit sich rumträgt und dann zwangsläufig Appetit auf Spiegeleier verspürt. Wobei "Sol Invictus" generell relativ wenig Raserei und dafür etliche ruhigere Momente bereithält. Ziemlich ungewöhnlich und damit wiederum ganz FAITH NO MORE-typisch sind gerade auf der zweiten Hälfte einige Nummern: das für Band-Verhältnisse fast schon poppige, und dann doch wieder melancholische 'Rise Of The Fall', das mit Flamenco-artigem Rhythmus veredelte 'Black Friday', das musikalisch wunderbarerweise so überhaupt nicht zu seinem Text passende 'Motherfucker' und das theatralische 'Matador', welches eine gewisse Vorliebe für etwas übertrieben schwülstige, fast schon schlagerartige Nummern aufleben lässt, der Mike Patton ja schon in Form von italienischen 50er/60er Jahre Pop- und Schlagersongs auf seinem Soloalbum "Mondo Cane" (2010) frönte. Aber das Zerpflücken von "Sol Invictus" soll nun ein Ende haben, kurzum: Die Scheibe atmet, drückt, schwelgt, verblüfft und - vor allem - unterhält. Das ist kein halbgares Comeback (Kohle haben die sowieso bereits genug gescheffelt), sie ist famos, diese Platte, wenn sie auch ganz nüchtern betrachtet, ein gutes Stück hinter den letzten beiden Werken einläuft. Naja, es kann halt nicht immer die Zehn sein.

Note: 9,0/10
[Stephan Voigtländer]


Bei der Betrachtung der Diskografie der Band bin ich eher bei meinem Thrashkumpel Marcel. Die Scheiben nach "Angel Dust" fand ich immer schon zwiespältig. Trotzdem habe ich mich auf ein neues Album der Band gefreut. Mit Jim Martin wäre es noch schöner gewesen, aber das Leben ist kein Ponyhof. Sein Ersatz schüttelt sich nämlich ebenfalls ganz amtlich einen aus dem Handgelenk. Weniger überzeugend, um nicht zu sagen, komplett fehlend finde ich die sonst so präsenten Bassläufe von Billy, die jeden müden Arsch in Wallungen gebracht haben. Dafür hoppelt Mister Bordin noch immer mit der Urgewalt einer Meereswelle über sein Drumkit. Zumindest an den angebrachten Stellen, denn es gibt natürlich auch anno 2015 ausreichend ruhige Passagen auf dem Album. Abwechslung wird noch immer sehr groß geschrieben im Hause FAITH NO MORE. Aber reicht das aus? Das vorab ausgekoppelte 'Motherfucker' zeichnet sich durch den lieb gewonnenen Kontrast zwischen textlicher Aussage und musikalischer Umsetzung aus und zündet damit ein Hochlicht auf dem Album an. Was gibt es sonst zu hören? Neben herrlich krachenden Rosinenbombern der Marke 'Superhero' oder würzig garnierten Gourmetbeerensorbets der Marke 'Black Friday'schockschwerenotet mich das Quintett im banalen Mitsingtralala namens 'Sunny Side Up' mit Wiederholungsschleifen, die auch einem Menschen ohne Kurzzeitgedächtnis negativ auffallen würden. Da lobe ich mir 'Rise And Fall' mit seinen wunderbar-gefühlvollen, leisen Momenten, in denen Patton komplett brillieren kann. Geht also immer noch. Nur nicht mehr so oft, wie früher. Schade eigentlich.

Note: 7,0/10
[Holger Andrae]


Einen Titel wie das nach Death Metal klingende 'From The Dead' kann man bei FAITH NO MORE heutzutage tatsächlich als programmatisch bezeichnen. 18 Jahre hat es gedauert, bis die Mannen um Front-Weirdo Mike Patton dem Grab entstiegen sind und mit genanntem Song den ruhigen Schlusspunkt ihres neuen Werkes setzen durften. Bis wir aber den Rausschmeißer zu hören bekommen, gilt es neun Songs zu hören und zu verstehen. Ich gebe offen zu, ich hatte bei den ersten Durchläufen extreme Probleme mit dem Album, und auch heute würde ich Mike Patton für einen Song wie das mit einem nervigen Refrain gesegnete 'Sunny Side Up' am liebsten ins morgendliche Spiegelei kacken. Der Rest des Albums hat sich allerdings glücklicherweise von "unhörbar" zu "ok" entwickelt, was für mich als großer Fan der Alben "The Real Thing" und "Angel Dust" allerdings zu wenig ist. Der Störfaktor für mich ist die Tatsache, dass heutzutage der Wahnsinn überwiegt (was man eher von Pattons Projekten gewöhnt ist, auch wenn FNM natürlich auch früher mit einem gewissen Wahnwitz zu Werke ging), die Rockigkeit der alten Meisterwerke aber nur noch sporadisch aufblitzt. Stattdessen biedert man sich an Quentin-Tarantino-Soundtracks an ('Rise Of The Fall') und hält sich bis auf einzelne "aggressivere" Momente (das wirklich coole 'Superhero', 'Separation Anxiety' oder 'Black Friday') in einer eher chilligen Atmosphäre auf. Natürlich können aber auch in ruhiger Umgebung richtig gute Songs entstehen, wie beispielsweise das mit einem fast schon TENACIOUS D.-mäßigen Refrain versehene 'Motherfucker' und mein Highlight 'Matador' (bei dem Mike Patton sein gesamtes Gesangsspektrum abrufen darf) auf grandiose Weise beweisen. Und wenn ich dann beim erwähnten 'From The Dead' ankomme, bin ich wieder so ratlos wie vorher. Denn noch einmal ist "Sol Invictus" gewachsen, und ich muss mich von den angedachten mageren 6 Punkten verabschieden. Könnte demnach also sein, dass die nun endgültig unten stehenden 7 Punkte nach den nächsten zwei Durchläufen nochmals nach oben revidiert werden müssten.

Note: 7,0/10
[Michael Meyer]


Endstand im therapeutischen Meinungskampf um die Deutungshoheit:

"The Real Thing" & "Angel Dust" vs. "King For A Day" & "Album Of The Year" 3:1
'Sunny Side Up': gelungen vs. nervtötend 1:2
'Superhero': toll vs. nicht so toll 4:0
"Sol Invictus" insgesamt: klasse vs. gehobener Durchschnitt 2:2

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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