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Gruppentherapie: CAPILLA ARDIENTE - "Bravery, Truth And The Endless Darkness"

04.07.2014 | 12:51

Soundchecksieger mit klangvollem Namen in der Gruppentherapie.

CAPILLA ARDIENTE? Was nach einem italienischen Pastagericht klingt ist eigentlich ein spanisches Wort für eine Begräbniskapelle. Das führt dann auch ganz schnell zur Musikrichtung, die uns hier erwartet. Es ist Doom. Und auf meine Freude, dass schon wieder eine No-Name-Band den Soundcheck gewinnt, gibt es schnell Gegenwind von unseren Doom-Experten. Denn hinter CAPILLA ARDIENTE stecken Musiker einer viel bekannteren Doom-Metal-Band. Doch das verklickern euch unsere Therapeuten.

In Prinzip hat Kollege Raphael vieles in seinem Review zu "Bravery, Truth And The Endless Darkness" (den Link findet ihr ganz unten - d. Red.) angeschnitten, was seine Berechtigung beziehungsweise Richtigkeit hat. Wer auf traditionellen Doom steht, kommt an CAPILLA ARDIENTE nicht vorbei. Auch der klare und kräftige Gesang weiß mir zu gefallen, zudem können die Südamerikaner nicht nur schlurfen, sondern auch mal straight-doomig rocken. Und immer wieder ertönt eine verheißungsvolle Gitarre, die gerne auch mal akustisch für das gewisse Etwas sorgt. So weit, so gut. Doch mit der Zeit packt mich dann doch wieder die doomige Trantütigkeit. Wenn der drölfte Genre-Riff erklingt, sind die Geduld und das Verständnis irgendwann vorbei. Für meinen musikalischen Hochgenuss brauche ich einfach mehr Abenteuer. Die wollen Traditionalisten natürlich weniger, weshalb sie, um es noch mal zu betonen, mit "Bravery, Truth And The Endless Darkness" perfekt abgespeist werden.

Note: 7.0/10

[Jakob Ehmke]

Also mein lieber Jakob, so zu tun als würden sich Traditionalisten mit aufgewärmtem Mittelmaß zufrieden geben, ist natürlich mutig. Ganz abstreiten lässt sich das Klischee sicher nicht, aber ebenso lässt sich erwidern, die Jünger der Moderne wollen "Andersklang" um des anderen Klangs wegen. Wie auch immer, wir sind ja eigentlich hier, um den in Schweden lebenden Chilenen zu huldigen. Und huldigen trifft es ziemlich gut, denn was die Begräbnistruppe auf ihrem neuen Longplayer für ein Programm abreisst, ist einfach oberste Liga! Besonders der Kontrast von einnehmenden Melodien auf der einen und martialischer Schwere des Genres auf der anderen Seite ist mein persönliches Highlight auf "Bravery, Truth And The Endless Darkness"! Feinste Gesangs- und Gitarrenmelodien werden flankiert von alles pulverisierenden Riffs und dennoch wird Abwechslung hier ganz groß geschrieben. So viele gekonnte Stimmungs-, Tempo- und Dynamik-Wechsel insgesamt hört man wirklich selten. Darauf zu bestehen, dass jedes Doom-Riff nach "neu" klingen muss, ist auch irgendwo albern. Denn wenn wir ehrlich sind, hat Meister Iommi in den ersten Alben seiner Karriere vermutlich jede geniale Akkordverbindung aufgetan, die natürlich im Doom am naturgetreusten als Inspiration herhalten muss. Insgesamt sprechen wir vom bisher tiefgängigsten und "reinsten" Doom-Album des Jahres.

Note: 8,5/10

[Nils Macher]


Es war die Fahrt zum Redaktionstreffen nach Hamburg, auf der ich zum ersten Mal in das neue CAPILLA ARDIENTE-Album "Bravery, Truth And The Endless Darkness" hörten konnte. Und es sollte beim besten Willen nicht der letzte Durchlauf sein. Ich weiß nicht, was es ist, doch dieses Album macht von Mal zu Mal mehr Spaß. Ist es die enorme Dichte, durch die das Album überzeugt? Oder die tollen Songs, von denen jeder für sich genommen als kleines Doom-Mammut durch die Wildnis stampft? Oder ist es das Album in seiner Gesamtbetrachtung, das vor allem in puncto Tiefgang und Herzblut auf sich aufmerksam machen kann? Ich weiß es nicht, fest steht jedoch, dass den vier Chilenen hier ein enorm ehrliches Album gelungen ist, in dem sehr viel Hingabe steckt. Auch wenn CAPILLA ARDIENTE vorliegend nur die dicken Geschütze auffährt, kommt die Abwechslung niemals zu kurz. Die Songs könnten für Doom-Verhältnisse unterschiedlicher nicht ertönen, tragen jedoch alle den unverwechselbaren Bandstempel, obwohl der anfängliche Zugang alles andere als einfach ist. Zugegeben, in der Retrospektive hätte man dem Viergestirn aus Südamerika den einen oder anderen Teilpunkt hinzuaddieren können, doch wer mit solch einem dichten Doom-Spektakel trotzdem noch acht Punkte bei mir einheimsen kann, darf sich mehrmals auf die Schulter klopfen.

Note: 8,0/10
[Marcel Rapp]


Im Sommer weniger Doom? Ganz entschieden nein! Solange er nämlich so genial dargeboten wird, wie auf "Bravery, Truth And Endless Darkness" gibt es kaum eine bessere Beschallung, wenn der Schweiß unnachgiebig aus allen Poren trieft, denn die übertrieben stickige Luft eines Hochsommertages ist von CAPILLA ARDIENTE adäquat in Musik kanalisiert worden. Die reine Lehre des Doom wird hier selbstredend strickt befolgt und das ist auch gut so, denn jegliche Versuche von Innovationen um ihrer selbst willen würden hier die eingangs beschrieben Wirkung schmälern. Und doch ist in den vier erdrückend schweren Stücken und zwei Intros weit mehr Raum für Stimmungs- und Tempowechsel als böse Zungen hier vermuten. Diese unerwartet leichtgängigen Umschwünge grenzen CARPILLA ARDIENTE dann auch notwendigerweise von PROCESSION ab, allerdings lässt sich zum Glück bei "Bravery, Truth And Endless Darkness" das gleiche Fazit wie in 2013 über "To Reap Heavens Apart" ziehen: ohne dieses Album geht es im Doom Metal dieses Jahr nicht. In diesem Sinne: Doom Over The World!

Note: 8,5/10
[Arne Boewig]


Dass Traditionalisten keine musikalischen Abenteuer wollen, ist natürlich Unsinn. Es ist doch lediglich so, dass sie den Begriff "Abenteuer" anders definieren. Für mich zum Beispiel ist das Subgenre Doom an sich schon abenteuerlich, weil in vermeintlich minimalistischen musikalischen Grenzen, sehr viele Schattierungen geboten werden. Wäre dies nicht so, gäbe es ja auch keine sinnlosen Grabenkämpfe innerhalb dieses Genres. Natürlich wird selten das Rad neu erfunden, aber weshalb sollte man dies auch machen? Es ist doch perfekt in seiner runden Schlichtheit. Genau so verhält es sich eben auch mit der Musik von CAPILLA ARDIENTE: Die Band um PROCESSION-Kopf Felipe Kutzbach liefert vier überlange Knusperdoomer und zwei kurze Zwischenspiele. Im Gegensatz zu seiner Hauptband geht Felipe bei CAPILLA ARDIENTE etwas weniger powermetallisch zur Sache. Die Songs leben von einem exzellenten Klangbild, bei welchem vor allem die wunderbar knarzenden Saiteninstrumente so ein tolles Schlaghosen-Gefühl vermitteln. Insgesamt ist es aber neben dem pathetisch Faustschwinger-Gesang des Meisters, den wir ja alle bei PROCESSION schon so toll finden, der Abwechslungsreichtum vor allem auch im Tempobereich. Denn die Band begeht nicht den Fehler sich ausschließlich in schleppenden, stoisch voran stampfenden Schlürfrhythmiken zu bewegen, sondern eben auch das Tempo einmal anzuziehen und das Gaspedal etwas durch zu treten. Das funktioniert im grandiosen 'Nothing Here Is For Me' besonders gut. Hier gibt es mitten im flotten Uptempo-Doom eine mystisch-düstere Passage, die fies unter der Oberfläche heran schleicht und sich langsam ausbreitet. Ein Vorgang, der sich beim direkt anschließenden 'Towards The Midnight Ocean' sogar noch einmal verstärkt. Das fröhliche Heranzitieren von Meister Leviathan geht schon mächtig unter die Haut. Alles in allem beweist die Truppe, dass traditioneller Doom auch hoch abwechslungsreich sein kann.

Note: 8,5/10
[Holger Andrae]


Soundcheck 06/2014

Review von Raphael Päbst

Redakteur:
Thomas Becker

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