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Gruppentherapie ENSLAVED-"Riitiir"

02.10.2012 | 12:00

Mit "Riitiir" bedienen ENSLAVED die Prog-Metal-Fraktion mit dem nächsten Jahres-Highlight. Für dieses muss man aber ganz schön Geduld aufbringen. Die Soundchecker jedoch sind Speed-Checker und hieven "Riitiir" auf Platz Zwei im Oktober-Soundcheck. Meinungen dazu lest ihr wie immer in der Gruppentherapie.



Cover Riitiir
In der Gruppentherapie zur letzten Scheibe "Axioma Ethica Odini" schrieb ich etwas von Gitarren-Druckwellen, etwas von Dynamik und etwas von facettenreichen Gesängen. Daher war ich erneut sehr gespannt auf die bärtigen Jungens aus dem hohen Norden. Allerdings will das aktuelle Silberscheibchen bei mir partout nicht zünden. Die erhabene Schwere des letzten Dampfhammers, der im Elchsgalopp jede Beschallungsmaschinerie in eine tief eingeschneite Waldlandschaft verwandeln konnte, ist beinahe komplett verschwunden. Lediglich im infernalisch schnell startenden 'Roots Of The Mountain' (Albumhighlight!) klöppelt man wundersam mitreißende Takte in die Felle und versteht es den Hörer mit blutig spritzendem Riffing zu begeistern. Und in dieser neun Minuten langen Nummer funktioniert auch der Balance-Akt zwischen cleanen Vocals über ruhiger Untermalung und gurgelnder Verbalakrobatik über strudelförmigen Tornadoriffs. Ansonsten zieht sich das Album enorm in die Länge. Die wilden Horden, die zu Tausenden durch die endlose weiße Weite stampfen, scheinen sehr müde geworden zu sein. Lieber hocken sie in ihren Zelten, eingemummelt in kuschelige Bärenfelle, trinken ein paar Schlummersäfte und erzählen ihren Kindern von ihren längst vergangenen Heldentaten. Ab und an muss mal ein Rachenerfrischer eingeworfen werden, aber zumeist erzählt man mit sanfter Zunge. In 'Materal' kehrt noch einmal die alte Stärke und Energie zurück in die müden Glieder. Ansonsten wird eine halbe Ewigkeit auf einer Idee herum gesummselt bis man mal etwas zur Sache kommt, dann werden die Schneeeulen aufgeschreckt und die entpuppen sich zu knuffigen Legenden-Der-Wächter-Gutvögeln. Wo ist ihr Jagdfieber geblieben? Wo ihre scharfen Krallen? Waren sie zur Pediküre?
Warum stehen unter diesem Genörgel jetzt trotzdem sieben Punkte? Hm, erstens gibt es diverse Momente und Passagen auf dem Album, bei denen ich recht angetan aufhorche, zweitens ist das handwerklich und klanglich erste Sahne und schlussendlich hege ich die Vermutung, dass mir das Album im Winter deutlich besser gefallen könnte. Eine schlappe Begründung? Vielleicht. Eine bessere habe ich aber nicht. Subjektivität ist halt etwas Feines.

Note: 7,0/10
[Holger Andrae]


Für mich sind ENSLAVED eine der am schwierigsten zu fassenden und zu verstehenden Bands der Szene. Jeder Kontakt mit Werken der Norweger hinterlässt mich verwirrt und unschlüssig. Auch auf "Riitiir" gibt es Momente der Göttlichkeit, wie den elegischen Opener 'Thoughts Like Hammers' oder das doppelbödig faszinierende 'Storm Of Memories'. Doch dazwischen verliere ich immer wieder den Faden, kann den musikalischen Gedankengängen nicht folgen. Ich ahne in den weiten Klanglandschaften gigantische Spannungsbögen, aber für mich bleiben sie letztlich im Nebel verborgen. Bestes Beispiel ist 'Roots Of The Mountain', dessen melodisch-erhabene Passagen für Gänsehaut sorgen, die das verlotterte Gekrächze dazwischen immer wieder vertreibt. Und was die instrumentalen Einschübe dramaturgisch mit dem Rest des Liedes zu tun haben, bleibt rätselhaft. Wo zum Beispiel auf BORKNAGARs "Urd" ganze Kathedralen komponiert werden, reißen ENSLAVED ihre eigenen sakralen Song-Bauwerke immer selbst wieder ein, um aus den Trümmern in Windeseile etwas anderes entstehen zu lassen, was wiederum auch seltsam unvollendet bleibt. Das mag der eine oder andere als besonders große, weil unangepasste und damit eben nicht gefallsüchtige Kunst bezeichnen; ich empfinde es bei allem objektiven Respekt vor der musikalischen Leistung oftmals als anstrengend. Diese Zeilen hätte ich so oder ganz ähnlich auch über den Vorgänger schreiben können, den besten Zugang habe ich unter den ENSLAVED-Alben bisher zu "Isa" und "Ruun" gefunden. Fazit: Die Fans werden bestens versorgt, diese Band ist immer noch wichtig, jeder sollte sie kennen, und ich bin jetzt trotzdem froh, dass ich was anderes hören kann.

Note: 7,5/10
[Martin van der Laan]

Die Spannung nach dem formidablen Vorgänger "Axioma Ethica Odini" war groß. Natürlich erwartet man von einer Band wie ENSLAVED, dass auch das nächste Album Veränderung bringt und diese kann man auf "Riitiir" auch beobachten. Die Prog-Ausflüge scheinen noch mehr in den Siebzigern verwurzelt zu sein, in den derben Parts geht es etwas harscher als zuletzt zu, überhaupt bekomme ich den Eindruck, dass Ivar, Grutle und ihre Mitstreiter die Extreme noch stärker ausloten als zuletzt - hört dazu mal 'Roots Of The Mountain'. Das macht "Riitiir" unglaublich spannend, aber auch unglaublich schwer zu greifen. Wo beim Vorgänger die Refrains schon beim vierten, fünften Anlauf in der Großhirnrinde eingefräst waren, so ist "Riitiir" ungleich fordernder, ja, anstrengender und sperriger ausgefallen. Das bedeutet auch, dass man sich für das neue Album der Norweger mehr Zeit nehmen muss, als ich in den letzten Wochen geben konnte. Ob das Erforschen den ersten Eindruck verbessert oder verschlechtert, könnt ihr in einigen Monaten mal im Forum erfragen. So lange erfüllt "Riitiir" Erwartungen. Leider nicht mehr, aber sicher auch nicht weniger.

Note: 8,0/10
[Peter Kubaschk]



Peter bringt sehr gut auf den Punkt, was es mit "Riitir" auf sich hat. Die ersten Gehversuche mit der Scheibe waren schon sehr tough, obwohl mir so ein Sound im Prinzip sehr gut liegt. Vom Anspruch geht "Riitiir" in etwa in Richtung der IHSAHN-Werke, also eigenständiger, harter, moderner und komplexer Prog Metal mit Black-Metal-Einschlag. Und dennoch muss zumindest ich deutlich mehr kämpfen, graben und wühlen, um mich diesmal im ENSLAVED'schen Soundsammelsurium zurecht zu finden. Erstaunlich und auch lobenswert, dass ENSLAVED nach "Axioma Ethica Odini", das ganz sicher viel einfacher für das breitere Metal-Publikum zu fassen war, nicht auf Nummer sicher gehen und dem Hörer ein paar knackige Hausaufgaben aufgeben. Das lockt natürlich wiederrum die hirnknoten-verrückte Prog-Professorenschaft an und die gewinnt nach einigen Spins - gerne auch unterm Köpfhörer, mit Single-Malt Whiskey und Salt&Vinegar Chips in den Händen (um mal schön alle Klischees zu bedienen) - mehr und mehr Zugang zu "Riitiir". Dies führt alsbald zum Frohlocken, denn auch auf "Riitiir" verstecken sich wieder Melodien zum Niederknien, jedoch fröhlich eingebettet in teilweise sehr harsche und komplexe Black-Metal-Parts, entrückt art- und postrockige Sequenzen, futuristische Synthieteppiche und - ganz nebenbei - sogar ganz hip retro anmutende Mellotron-Sounds. Dazwischen grantelt Grutle so gut wie er es eigentlich schon immer tat. Strange und toll!

Note: 9,0/10
[Thomas Becker]

Lustigerweise finde ich mich in nahezu allen Einschätzungen und Urteilen meiner Kollegen wieder - genau genommen steht jeder Beitrag stellvertretend für meine Meinung zu einem bestimmten Zeitpunkt der Auseinandersetzung mit "Riitiir". Nach den ersten Durchläufen war ich irgendwo bei Holger: "Riitiir" ist eine gute, phasenweise sehr gute Platte, die aber Längen hat, die nicht wegzudiskutieren sind. 'Roots Of The Mountain' ist dabei der Höhepunkt der Reise! Wenig später ging es mir dann wie Martin: Die Platte ist spannend, allerdings auch genauso anstrengend. Auf dem Vorgänger haben ENSLAVED irgendwie kompakter und packender komponiert. Ein paar weitere Umdrehungen später fand ich mich dann bei Peter wieder: Die Norweger haben hier etwas Tolles geschaffen, was jedoch ziemlich sperrig ist und mit "Axioma Ethica Odini" im Unterbewusstsein fast schon verkopft wirkt. Und nun, wieder ein paar Durchgänge später, bin ich letzten Endes bei Thomas angekommen: Wenn man sich die Zeit zur bewussten Auseinandersetzung nimmt und "Riitiir" wachsen lässt, dann entsteht etwas wirklich Wundervolles. Die Melodien und der Gesang sind entrückter, verträumter als zuletzt ('Thoughts Like Hammers'), das schwarz angehauchte Geholze ist nicht mehr so richtiges Headbanger-Material ('Materal') und die post-rockigen Flächen ('Roots Of The Mountain') sowie die 70er-Ausflüge ('Forsaken') gänzlich neues Terrain - dennoch ergibt sich in allen Nummern ein stimmiges Gesamtbild. Die Musik ist weniger bissig als zuletzt, dafür aber schlichtweg "schöner". Zwar muss auch ich gestehen, dass mir der Vorgänger noch einen Tacken besser gefallen hat, aber das ändert nichts daran, dass ENSLAVED hier ein wunderbares Album abgeliefert haben. Der Weg ins Herz geht aber dieses Mal mal nicht über die Faust, sondern über den Kopf - und damit sollte nun jeder wissen, ob "Riitiir" für ihn in diesem und vielen weiteren Wintern von Bedeutung ist.

Note: 8,5/10
[Oliver Paßgang]




ENSLAVED nötigen mir eigentlich mit jedem neuen Release viel Respekt ab. Kaum eine andere Band vermag es, sich so konsequent weiter zu entwickeln, einen eigenen Sound zu behalten und die Wurzeln nicht gänzlich aus den Augen zu verlieren. Dazu kommt die Gabe, vertracktes Songmaterial darzubieten ohne die Heavyness zu verlieren. Man höre einfach mal 'Veilburner'. Der Song ist sowieso ein Paradebeispiel für das gesamte Album, denn nirgends finden sich Extreme-Metal-Elemente schlüssiger mit Post-Elementen kombiniert. Alleine die beiden Versionen der Vocals markieren einen deutlichen Abstand zur Konkurrenz, die gerne so gut klingen würde wie ENSLAVED. Auf keinen Fall unerwähnt dürfen die Melodien und Harmonieführungen bleiben, wie man sie z.B. bei 'Storm Of Memories' findet. Obwohl diese Nummer noch am ehesten an die Black-Metal-Wurzeln erinnert, tragen elegische Momente die Musik der Norweger und lassen sie eigenständig, einzigartig klingen. Das waren jetzt lediglich zwei Songs eines Albums, das in der Qualität nicht nach unten von diesen tollen Beispielen abweicht. "Rittiir" schafft den Spagat zwischen Hörspaß und Tiefe, und genau da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wo bei anderen Bands die genannten Einsprengsel aus anderen Genres nervtötend sind oder für Leere im Soundkostüm sorgen, machen ENSLAVED dies alles zu IHREM Sound. Und der ist auch 2012 wieder ein Paradebeispiel für progressive Musik, die sich nicht davor scheut, den ein oder anderen Scheuklappen-Fan zu vergraulen. ENSLAVED sind authentisch, bedienen ihre eigene Nische und werden sich das auch in Zukunft ganz bestimmt nicht so leicht streitig machen lassen. Für viele Fans verständlicherweise ein Kandidat für das Album des Jahres!

Note: 8,5/10
[Nils Macher]

Redakteur:
Thomas Becker

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