HéR - Monochrome
Mehr über Hér
- Genre:
- Folk / Ambient
- ∅-Note:
- 8.50
- Label:
- Season Of Mist
- Release:
- 30.01.2026
- Chant
- Needles And Bark
- Going Down
- Patience In Observation
- Slipknot
- Praise The Day
- Farewell
Avantgarde in seiner eigenartigsten Form!
Andersartigkeit ist vielleicht nicht die absolute Priorität bei den polnischen Avantgardisten von HÉR, aber schlussendlich eine Eigenschaft, die sich die Band auf ihrem aktuellen Werk noch deutlicher erarbeitet. Die Osteuropäer vermischen Inhalte aus der slawischen Kultur und der nordischen Folklore, öffnen sich noch weiter der weltlichen Musik und kreieren neben einigen sehr eindringlichen, Ambient-affinen Folknummern auch einige spirituelle, rituelle Gesänge und Harmonien, deren schamanischer Charakter vor allem im gewöhnungsbedürftigen, vielleicht auch nicht ganz so glücklichen Opener 'Chant' sehr stark in den Vordergrund dringt.
Nimmt man die eigensinnige Geräuschkulisse dieses Songs als Maßstab für die weiteren Tracks, ist es durchaus möglich, dass man recht bald das Interesse an "Monochrome" verliert, schließlich nimmt die Experimentierfreude rasch zu und verabschiedet die hypnotische Verschlossenheit der einleitenden, immerhin zehnminütigen Komposition. Denn so richtig los geht es auf dem neuen Album erst mit den dezenten Jazz-Arrangements von 'Needles And Bark', die sich mit reduzierten Post-Rock-Versatzstücken mischen und schließlich eine bahnbrechende Intensität erzeugen, von der man sich umgehend in den Bann gezogen fühlt - und die auch bis zur letzten Note von "Monochrome" nicht mehr abreißen soll.
Mit einem Schlag explodiert das stille Klangkostüm von HÉR nämlich völlig, legt weitere Ambientflächen an, macht den Weg frei für gewaltige Percussions, gibt den beeindruckenden Gesängen zusätzlichen Raum, kreiert aber auch einen atmosphärischen Grundton, von dem eine gehörige Faszination ausgeht. Die Polen nehmen einen regelrecht gefangen, bauen immer neue Klangkörper ein und strecken die Grenzen der modernen Folklore ins Unermessliche, während sich an vorderster Front monumentale, aber doch sehr düstere Harmonien ins Spiel bringen und tatsächlich so manche Hookline verankern, die als solche aber ganz bestimmt nicht gedacht sind. Denn es bleibt bisweilen verstörend und schräg, eine wirkliche Linearität bleibt verborgen, die atonalen Einwürfe sorgen ab und zu für Verwirrung, und irgendwie will das alles gar nicht greifbar und entschlüsselbar sein - und doch spürt man zum Ende, dass sich so viele Passagen von "Monochrome" in den Ohren festgebissen haben und nur darauf lauern, in jeder einzelnen Facette ausgekundschaftet zu werden.
Letzten Endes entpuppt sich diese Platte als kleines Meisterwerk der modernen Avantgarde, manchmal abstoßend und befremdlich, manchmal auch kaum nahbar, dann aber doch packend und ergreifend in seinen vielen kleinen Weseneinheiten. Gebt "Monochrome" den nötigen Raum und die nötige Zeit, dann zahlt dieses Album voluminös zurück - für dieses Versprechen lege ich die Hand ins Feuer!
- Note:
- 8.50
- Redakteur:
- Björn Backes


