Song #1 ist ein langsamer, verschleppter Bluesrock / Boogie mit leicht sumpfigem Groove, der nach und nach intensiver, heißblütiger, heavier wird. "Looking for the dirt" und "Don't you see ambiguity" sind markante Zeilen, auch das sumpffiebrige Mundharmonikasolo und die ähnlich tönenden E-Gitarren sind neben der langsam walzenden Rhythmusgruppe songtypische Eckpunkte.
Song #2 ist auch ziemlich erdig im Grundton und noch deutlich bluesrockverwurzelten Groove, aber gesanglich schon etwas luftiger, dabei stimmlich und gitarristisch deutlich sleaziger gehalten, mit Boogierhythmus, Geld-, Whiskey-, Rock-'n'-Roll- und Geheimnis-des-Erfolgs-Text, sowie einem saftigen "ain't gonna tell it to you!" im Kehrreim. In diesem musikalischen Paralleluniversum befindet sich der Sunset Strip zumindest stilistisch in New Orleans.
Song #3 könnte wenn nicht von der gleichen Band, so doch von einer stammen, die mit dieser zumindest eine intensive Tourfreundschaft unterhält: Zähflüssiger Heavy Blues, klingt nach tiefstem Süden, Alabama oder Texas oder so, die Musiker klingen nach Bartträgern, ja auch ihren Instrumenten könnten schon Bärte wachsen, und zwar rauschende, rotnackige, holzhackende Bärte mit Äxten, denen wiederum auch Bärte wachsen. In mir wächst alleine durchs Hören schon das Verlangen, selbst mitten im Winter eine rostige Badewanne auf den Balkon zu schleppen, mir darin den Nacken verbrennen und einen Bart wachsen zu lassen, erst danach einen Cowboyhut aufzusetzen, Moonshine zu trinken und Mundharmonika zu üben. Wahrscheinlich wächst mir gerade auch schon ein weiteres Haar aus der Brust. Mein kleiner Freund würde nichtsdestotrotz schrumpfen, in der Badewanne draußen auf dem Balkon. Denn da würde mir ganz bestimmt stone, 'Stone Cold', and I guess: Yes, I could feel it, deep in my soul. Und nicht nur da...
Song #4 ist schrammelig. Aber nicht im Fußgängerzonengitarrerostil schrammelig, sondern metal-schrammelig. Mit Flitzefingergniedelei, die fast schon speedig zu nennen ist, aber der leicht grummelige Rhythmus (nichtsdestotrotz mit Hummeln im Hintern) bürstet das auf knödelig wurzelseppsch. Das hat dieses leicht flirrende Element, auf das der Holg gerne mal abfährt, irgendwie nervös. Ziemlich tight runtergeschrubbt. Eigenwillige Kauzstimme. Klanglich etwas flach gehalten. Aber nicht ohne Dynamik. Hibbelig.
Song #5 lässt es orgeln. Auch die Gitarren klingen orgelig. Der Gesang ist soulig. Die Kompositionsästhetik im instrumentalen Bereich hält ein 1970er-Jahre-Prog-Rock-Plakat hoch. Die Spielästhetik hält ein Spätsechzigerbluesrockschild hoch. Das Energielevel pegelt sich bei Frühsiebziger-Pubrock/Protopunk ein. Die Melodieführung rüttelt irgendwo in den Achtzigern am Gatter eines Stadions und ruft "Ich will da rein!". Zeitlos krautige, hochfliegende Rockmischung mit Schmackes und Eingängigkeitsfaktor, fast schon radiotauglich, dafür dann aber doch zu spielfreudig, psychedelisch, hart. Spinnerte Promofritzen nennen sowas mit schmierigem Griff in den Dummfugsprechklischeetopf: Thinking man's hardrock.
Song #6 hat einen Motorgroove. Irgendwie ist der Sampler stilistisch schon ziemlich homogen gehalten, dabei aber schon abwechslungsreich genug, um mich 100%ig bei der Stange zu halten. Wieder etwas Boogie, vielleicht auch ein wenig ZZ TOP in der Synthiephase als Einfluss? Die Mischung aus Rhythmus und Melodie funktioniert fugenlos, eins scheint ins andere überzugehen, dieser Motor läuft wie geschmiert im idealen Touringtempo. Hat gesanglich auch was von diesem einen Hit von den DIRE STRAITS, ihr wisst schon, der mit MTV und so. Oha, ein Solo, und es klingt songdienlich, hält den Fluss am Laufen, vertieft die Grundstimmung des Groove und verleiht ihm melodische Flügel. So lobe ich mir ein Rocksolo! Ich bin ja wahrlich kein Solofanatiker, und gerade darum ist dieses Solo bei mir mehr als nur geduldet, das geht voll in Ordnung. Das zweite, würzigere übrigens auch, gerade nach der Vorarbeit des ersten. Das bringt noch etwas bluesigen Unterton zurück, und zugleich macht es den zuvor ein wenig sehr eingängigen Song wieder rockverwurzelter, es erdet ihn, und tief in der Erde schlummert Eisenerz, die Vorstufe zum Stahl. Trotz Mainstreamtauglichkeit also mit dem gewissen Faustfaktor gen Ende. Nicht nur meine Melodieseele, auch mein Rabenherz ist zufrieden.
Dann, Song #7: Etwas dunkler, etwas melancholischer, ein Anflug von Frühdoomerwachen. Da schlurft so schön bittersamtig durch die Hallen, schwerer als Kanonenballen, um es mal halboasisch auszudrücken. Oha, der Gesang ist aber schon knietief drin im Doom. Der Basslauf auch, und dann gibt es dazu noch ein Klavier, von dem ich annehme, dass es irgendwas in Moll spielt. Ich habe zwar keine Ahnung von Musiktheorie, aber mein Gefühl sagt "Moll", mit dunklem "o" drin. "My fingers raw, my fingers bleeding" - sicherlich nicht vom Schnellspielen, aber wer weiß, worauf er hier spielt? Nerven wie Drahtseilen, oder Drahtbürsten, oder Stacheldraht von einem guten Jahrgang; Flandern 1916, Graben 217, wo gerade Typhus umgeht... Die schwarzmessianische Totenglocke darf nicht fehlen, passt aber gut rein, als Kontrapunkt zum im Zeitlupenmodus vorgetragenen hardrockig-bluesrockigen Instrumentalgitarrenteil.
Lieber Wichtel, Dein Sampler läuft mir gut rein: Äußerst versiert zusammengestellt, große stilistische Kohärenz, angenehmer Fluss, mit für derart homogenes Hörerleben beeindruckender Bandbreite, sehr geschmackssicher mit Offenheit in einige Richtungen, dabei tief, tief, tief im R.O.C.K. verwurzelt. Den könnte man über einen Musikverlag genau so herausbringen. Sollte man sogar! Der ist nämlich nicht exzentrisch, nicht abgegriffen, nicht zu beliebig und nicht speziell genug, um die Daseinsberechtigung "noch eines Samplers" und entsprechend leidige Grundsatzdiskussionen auch nur im Keim aufkommen zu lassen. Hört das, und schweiget fortan, Studioalbenfanatiker, Puristen und Compilationverachter dieser Welt!
Song #8 macht die Pathoskiste auf, aber nicht die vom Kostümverleih ausgestattete, sondern die aus dem Kauzwald. Am Anfang gibt es eine kurze Jagdsequenz durch protothrashiges Unterholz. Danach wird es etwas, hüstel, traditioneller. Der Traditionsbegriff hüstelt, denn diese Tradition ist nicht in das kollektive Bewusstsein von Otto und Ottilie Radiohörer eingegangen. Das klingt nach jener Art auf seine eigene stilistische Lichtung zurückgezogenen Heavy Metals, den hier im Forum unter anderem Graf Zahl zelebriert. Bollernd und episch, felsig und metallisch, rockistisch und folkig inspiriert, progressiv und faustig, filigran und heavy, elegant und speckig, silberwaldelfisch und kohlestarrendzwergisch, spartanisch und mystisch.
Song #9 ist Abgehheavymetal alter Schule, wie gemacht für ein verschwitztes Langhaarigenkonzert. Da will selbst ich Stubenhocker raus und rocken, zwischen Lederjacken-, Stiefelsohlen- und Turnschuh-Abrieb-, Bühnennebel- und Biergeruch, ja sogar die Anwesenheit von mehreren Menschen pro Quadratmeter anstatt umgekehrt, wie sich das eigentlich gehört, in Kauf nehmend. Kraftvoller Gesang kurz vorm hysterischen Überschlag ins Kreischen, schlingernde Gitarrenlicks kurz vorm hysterischen Überschlag ins Ausbrechen, dahinjagend wie ein übermotorisiertes Leichtmotorrad, alles kurz vor der Karambolage, aber nicht zu verbissen, sondern mit Spaß in den Backen. Allen vieren!
Habt ihr was gemerkt, werte Leser? Ja genau, langsam aber gerade noch merklich, so wie die Sonne übern Erdenhimmel wandert, hat sich hier im Zuge der Samplerentwicklung die Klangfarbe nach und nach verschoben. Vom bluesverwurzelten Hardrock in Richtung stählern werdender Schwermetall. Und so geht es erstmal auch weiter!
Song #10 ist mitten drin im Heavy Metal, im Metalinferno, in der Powerchordorgie im Testosteronrausch. Heavy/Power Metal nach meinem Geschmack. Alles zieht beständig nach vorne. Das rumpelt, pumpelt, flitzt und fliegt dahin, dass es eine wahre Freude ist, da dürfen auch mal Tonleitern zelebriert werden, denn die bollern im Geiste mit, wenn der vom Ansatz her noch leicht verschleppte Rumpelgroove dann aber im Zeitraffer mit Ton abgespielt wird.
Song #11 ist definit in die Welt getreten, als der Hardcore Punk schon voll da und als Genre und Szene fest verwurzelt sowie als Einfluss auf die Stahlwelt etabliert war. Das hat diesen Groove, den man auch im Death Metal manchmal findet, das hat diese pathetischen Gesangsmelodien, die sich in der Metalmoderne gerne mal mit diesem groovehärtnerischen Moment paaren, das ohne Punk/Thrash, PANTERA & Co. undsoweiterundsofort kaum denkbar wäre - jetzt aber wieder viiiiiiiiiiel melodischer daherkommt. Ist das noch Heavy Metal, Power Metal oder schon Melodic Death, oder eine Metalcore-Vorstufe? Nach 1990 blicke ich da eh nicht mehr so wirklich durch, wenn Schubladen diskutiert werden, und ich will da auch gar keine zu starren Grenzen ziehen: Willkommen in der Postmoderne, anything goes. Nicht ganz meine Metalwelt mehr; die Mainstreammetalmoderne bin ich bis JUDAS PRIEST mitgegangen, danach habe ich sie allenfalls punktuell noch verinnerlicht, ansonsten eher schulterzuckend zur Kenntniss genommen - falls überhaupt. (In den Zweitausendern ging es dann erst wieder los, dass ich mich darum kümmerte. Davor war musikhörerische Stilverfransung angesagt, gerade auch abseits des Metals. Ich habe vorm Jahrtausendwechsel zum Beispiel eher davon gelesen als aus erstem Ohr gehört, dass sich das Metalepizentrum "plötzlich" von Nordamerika nach Skandinavien hin verlagert habe. Von irgendwelchen Zurücküberdenteicheinflüssen einmal ganz abgesehen. Und wirklich eingebaut habe ich diese Information in "meinen" Metalkosmos immer noch nicht so richtig. "Schweden" ist auf meiner Musiklandkarte eher als Ort des Garagenrock-, Alternativ-, Folk-, Motown- und Retro-Heavy/Rock-Booms besetzt, rund um HELLACOPTERS, GLUECIFER, TURBONEGRO, oder stonermäßig auch WE, dann MADRUGA, dann MANDO DIAO, und schließlich halt WITCHCRAFT, RAM und BLUES PILLS. Daher kann ich hierzu leider gar nicht viel sagen...) Nennen wir das vorliegende Produkt eines Songs also einfach Heavy Metal, vermutlich von der Post-Millennium-Sorte.
Song #12 ist Black Metal, würde ich sagen, allerdings von der groovigen, melodieseligen Sorte, also quasi Heavy Black Metal. Dritte Welle vermutlich, das klingt weder nach frühem Original-Black von POSSESSION, VENOM, BATHORY, noch nach der Findungsphase als starres Genre mit eigenen Szene-Codes, sondern nach der Phase der erneuten Ausdifferenzierung seither. Also nicht orthodox, aber schon traditionsbewahrend. Mit modernem Soundgewand und so... Ein Mittelding zwischen Tradition und Moderne: Das Rumpelpumpel, das zu Anfang der Extremstile im Metal weiten Teilen von Thrash/Death/Black gemeinsame Schnittmenge war, findet sich hier ebenso wieder wie die kalt-sterile Raserei des eigentlichen Black später, aber auch das groovige Moment, das melodieselige Element und die knallende Produktion sowie der leicht sinfonische Unterton, kurzum: der ganze Kram, der sich seit einem Vierteljahrhundert zunehmend durch die modernen Metalmainstreamstile zieht.
Song #13 führt mit Akustikgitarren-Intro kurz in die Irre, dann wird losgeholzt. Die blanke Raserei. Irgendwas zwischen Power/Thrash/Death/Black in seiner modernen Ausprägung. Dies ist definitiv Metal-Metal, keine modernistische Metalcore-Liebäugelei, obwohl sich die Hardcorepunktradition natürlich als Haupteinfluss von außen in allen Extremstahlstilen seit spätestens 1985 wiederfinden läasst. Etwas chaotisch anmutend in den ersten Durchläufen, was aber auch an der dynamikfreien, alle Regler im Dauerhoch fahrenden Produktion liegen könnte, die wirklich alles an Klangfläche zustellt, auf maximales Volumen aufpumpt und dazu noch die Decke der maximalen Lautstärke darüber durchgehend bis zum Anschlag herunterzieht, sodas den einzelnen Elementen kaum noch Raum zur Entfaltung bleibt, was naturgemäß zusätzlich für Reizüberflutung (summa summarum: galore!) sorgt.
Song #14 fängt auch wieder ruhig an. Hier ist aber mehr oder weniger schon vom ersten Ton an klar, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Danach setzt das Thrashdauerfeuer ein. Der Sangesmann kehlfauchrotzt was von attack, retaliation, time has come for retreat, hour of defeat raus, martialisches Vokabular zu martialischen Riffsalven. Klassisches full metal barrage Material. Knallt voll rein, ist durchweg heavy, soliert zerrissen, während Schlagzeug und Bass unbeirrt weiter teppichbomben. Vom Image her würde das zu SABATON passen. Aber da ich SABATON nicht wirklich kenne, ist das mehr gelogen als geraten.
Wider mein anfängliches Erwarten haben wir es bei dem vorliegenden Sampler also mit einer Reise quer durch den Heavy Metal von seinen Ursprüngen bis heute, von der Basis bis zur Peripherie, von der Mainstreamrockanschlussfähigkeit zum harten Metalkern zu tun, das Ganze in stilistisch konsequent angeordneter Reihung und unter Berücksichtigung einer möglichst großen Bandbreite, ohne darüber den roten Faden aus den Augen oder sich in gänzlich abseitigen Exzentriken zu verlieren. Der Sampler sollte eigentlich jedem irgendwo anschlussfähig sein, der sich wirklich als Metalfan bezeichnet, und das, ohne dass hier lediglich die üblichen Verdächtigen präsentiert werden. Ich schließe auf einen Ersteller, der seinen eigenen Geschmack gefunden hat, gut bewandert ist in der Metalmaterie, der das Musiknerdtum verinnerlicht hat, der aber daraus weniger eine theoretische Philosophie als einen praktischen Lebensstil gemacht hat. Das hier gebotene Material ist durch und durch Bauchmusik, selbst wo progressiv kein technizistischer Frickelprog, insgesamt vermutlich deutlich weniger apollonisches Ideal als vielmehr dionysischer Genuss.
Raf, bist Du's? Dann ehrt Dich der Verzicht auf übermäßig heroisches Pathos, auf VALLENTOR und Konsorten.
Aber eigentlich ist auch das mehr ins Blaue geraten.
Hierfür kämen mehrere in Betracht.
Leider konnte ich keinen Song mit Band erraten.
Ich zähle auf viele Ratefüchse.
I want cookies!
Danke, Wichtel.
Gutes Teil.

Am besten haben mir naturgemäß die ersten 2/3 des Samplers gefallen. Aber er bleibt sich auch gen Ende treu.
