100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 21. August 2010, 19:21

Eike hat geschrieben:Du meinst den ansatzweise gothischen Flair, der den Pop umspielt?


Dass wir beide eine andere Auffassung davon haben, was mit "Gothic" zu assozieren ist, haben wir ja schon heraus gefunden. Ich kann ja nichts dafür, dass das Zeug unter Gothic Metal läuft. Ich habe mir den Begriff nicht ausgedacht. Ich komme mir ja fast schon vor wie in Diskussionen mit dem C.O.T.D.: "Das Funeral-Zeug hat überhaupt nichts mit Doom zu tun; das ist Heavy Gothic oder Slow Death, aber kein Doom Metal ..."
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Eike » Samstag 21. August 2010, 19:35

Für Rüdiger wiederum sind solche Sachen Norse Black Metal, die ihm gefallen. ;-)

...

Ist jetzt ja nicht so, dass mir nur raues, wagemutiges, verstörendes Zeug gefiele, oder dass Gothic immer so drauf sein müsste, geschweige denn, dass ich mich gar für den Übergoth mit alleiniger Definitionshoheit hielte.

Aber - und das ist ein mittlerweile immer dicker anwachsendes "Aber" - das meiste Schöngeistige bis plump Massentaugliche, was hier im Forum von einigen als Gothic angesehen wird, hat halt wirklich keinerlei Bezüge zu Abgründigem oder von der modernen Zivilisation gerne mal verdrängtem Urwüchsigem oder tiefer Melancholie oder Überschreiten von Tabus oder sonstigen Konventionen oder musikalischen Elementen des (Post-)Punk oder kathedralem Sound oder tatsächlich in der Tradition der Epochen der europäischen Gotik oder der Neogotik des 19. Jh. stehenden Kunst oder zu sonstirgendwas, das ich irgendwie noch in spezifische Verbindung mit Gothic bringen könnte.

Erklärt's mir, wenn Ihr könnt. Ich würde ja gerne verstehen, was Euer Bezug zu Gothic und Euer Begriff davon ist, und wovon der geprägt wurde, seien es nun musikalische oder persönliche Begegnungen gewesen...

Stimmschwache Trällertanten ohne echtes Gefühl in der Stimme sind stimmschwache Trällertanten ohne echtes Gefühl in der Stimme, das hat aus meiner Sicht mit Genrezugehörigkeit erstmal nix, aber auch gar nix zu tun. Und wenn schon, dann mit dem Versuch, sowas wie Symphonic Metal zu machen oder mit gängigem 08/15-Euro-Powermetal zu kreuzen. Es mag ja ein gängiges Klischee sein, dass sich Gothic so anzuhören habe, aber woher kommt das? Warum nur ist ausgerechnet da bei vielen die erste Assoziation Gothic? Und wie passen in so eine Konzeption dann Bands wie ALIEN SEX FIEND, BAUHAUS, LACRIMOSA, SISTERS OF MERCY und FIELDS OF THE NEPHILIM rein, um nur mal die ausgelutschtesten zu nennen? Alles plötzlich kein Gothic mehr? Und wenn doch, warum wird dann rhetorisch der Gothicbegriff ständig dennoch nur auf flitzende Kleisterkeyboards und operettenhafte Trällerlieschen reduziert? :narf: O_o :jaja:
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 21. August 2010, 19:57

Eike hat geschrieben:Für Rüdiger wiederum sind solche Sachen Norse Black Metal, die ihm gefallen. ;-)


Negativ. Cirith Ungol und Manowar sind kein TNBM. Und Tristania auch nicht, aber sie haben einige Elemente daraus entliehen, was auch relativ wenig überraschend für eine Band ist, die Mitte der Neunziger in Norwegen ihre Karriere begonnen hat. Außerdem gefallen mir Tristania auch wieder nicht so gut, dass sie als TNBM-Ehrenhalber durchgehen würden. Ich war nur erleichtert, dass ich solche Elemente gefunden habe, weil das die Sache deutlich erträglicher macht, als wenn es nur Goth... äh, sorry, Düster-Pop-Geschnulze wäre.

Was "meine Definition" von Gothic angeht, ist das im Prinzip schlicht und ergreifend jene "Gothic Metal"-Definition, welche sich die Musikindustrie für Bands zwischen Theatre of Tragedy und Nightwish ausgedacht hat. Ich befasse mich nicht groß mit dem Genre, aber in der Regel weiß der Adressat, dass genau das gemeint ist, wenn man die Goth-Metal-Assoziation erwähnt.

Dass Gothic Metal im von dir verstandenen düster-kathedralen Wortsinne, sicher eher bei Doom/Death-Bands wie Funeral, Fallen, My Dying Bride oder Pantheist zu suchen ist als bei Evanscence und Xandria, das sehe ich schon auch so. Nur ist es leider sehr aufwendig, den typischen "Die Schöne und das Biest tanzen um ein Keyboard"-Stil, der heute gemeinhin als "Gothic Metal" verkauft wird, zu umschreiben, nur um die selbst nicht geteilte Gothic-Assoziation zu vermeiden. Das gleiche Schicksal hat doch der Begriff Power Metal auch. Man kann sich einen Ast argumentieren, um in einer Freedom Call-Rezension den Begriff "Power Metal" zu vermeiden, weil es nichts mit dem zu tun hat, was man als alter Helstar- und Metal-Church-Jünger unter Power Metal versteht, oder man kann die Referenz abgemildert hernehmen und eben "Euro-Power" oder "Melodic Power Metal" hernehmen, weil man weiß, dass die Mehrheit der Leser unter diesem Begriff exakt das versteht, was Freedom Call. Ist eine Gratwanderung, ich weiß. Ich versuche bei Power Metal meist, den Begriff komplett zu vermeiden, aber manchmal spürt man halt doch die Versuchung.

Dein Ärger ist im Prinzip der Gleiche, wie der Ärger der Doomster, denen man ihre Bands in einen Topf mit PL, MDB und Anathema wirft, und der Ärger der US Power Metaller, deren Lieblingsstil von den Massen mit Kinderlied-Metal gleichgesetzt wird. Ich kann es verstehen, und vielleicht schaffst du es, mich umzuerziehen.
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Eike » Samstag 21. August 2010, 20:09

Hm, THEATRE OF TRAGEDY, wa? Ob da von da aus 'was rübergeschwappt ist und inzwischen deren Growling aus der "Gothic Metal"-Begrifflichkeit quasi rausgerechnet wurde, weil Growling ja schon unter Death Metal fällt und deshalb vermeintlich nicht dazugehören kann, und dann eben nur noch hübscher Frauengesang übrigbleibt, wenn man bloß oberflächlich mal reinschaltet? Klingt so unwahrscheinlich doof, dass es fast schon wieder wahrscheinlich sein könnte...

Entweder das, oder was ganz Anderes, oder aber:

Vielleicht muss ich mich auch einfach locker machen, aufhören nach Erklärungen zu suchen und stattdessen endlich damit abfinden, dass Gothic Metal für die meisten was ist, das irgendwann vom Opernhaushimmel in ein Metaldrumkit fiel und mit der älteren Gothic-Kultur rein gar nix zu tun hat.

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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 21. August 2010, 20:15

Jau. Letzteres dürfte die Lösung sein. Wie gesagt: Die Doomszene muss sich auch damit abfinden, dass es einen Funeral Doom gibt, der mit dem klassischen Doom der 70er und 80er wenig bis nichts gemein hat.

Am Rande: Bei Tristania wird doch gegrowlt, und das nicht zu wenig...
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon firestarter » Samstag 21. August 2010, 20:17

Ich kann leider (mangels Wissen) nichts zu der Gothic-or-not Diskussion beitragen. Die hier vorgestellten Songs klingen für meine Ohren nach einer Mischung aus SISTERS OF MERCY, Melodic Black Metal und Symphonic Metal mit Frauengesang. Tut nicht weh...
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 21. August 2010, 20:20

firestarter hat geschrieben:Ich kann leider (mangels Wissen) nichts zu der Gothic-or-not Diskussion beitragen. Die hier vorgestellten Songs klingen für meine Ohren nach einer Mischung aus SISTERS OF MERCY, Melodic Black Metal und Symphonic Metal mit Frauengesang. Tut nicht weh...


Danke. Danke! Danke!! Genau das wollte ich hören.
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Eike » Samstag 21. August 2010, 20:47

Am Rande: Bei Tristania wird doch gegrowlt, und das nicht zu wenig...
Ich bezog mich da auch nicht konkret auf Tristania, sondern allgemein auf ein gewisses Klischee.

Die hier vorgestellten Songs klingen für meine Ohren nach einer Mischung aus SISTERS OF MERCY, Melodic Black Metal und Symphonic Metal mit Frauengesang. Tut nicht weh...
Ja, das passt schon so ungefähr, jedenfalls auf 'Lethean River', und in dem Zusammenhang kann ich dann auch mit dem Begriff Gothic Metal noch etwas anfangen, auch wenn es für mich halt nicht der definitive, erst- und alleingültige Fall davon ist, sondern das Feld für mich schon noch etwas offener. Wenn wer irgendwas als Gothic empfindet, wo ich das im Gegensatz hierzu nicht so fühle, warum auch immer, ist mir das auch kein Dorn im Auge, ich bin wahrlich kein Purist. Ich find's nur problematisch, wenn sich wer unter Gothic nichts anderes vorstellen kann als die Gesangspassage zwischen 2:55 und 3:13 und dennoch meint aufgrund von Diesnichtmögen gleich mal das ganze weite Feld zu verbrannter Erde erklären zu müssen.

Frieden.
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Holger Andrae » Samstag 21. August 2010, 22:27

AN Tristania habe ich mich gewöhnt, weil meine Frau das früher gut fand. Das tut mir nicht weh, kann ich mir anhören (wie auch Nightwish), hat mit Gothic aber tatsächlich überhaupt nichts zu tun. Parallelen zu Christian Death, Pxies oder The Cure und Bauhaus höre ich nicht.

Ich weiß auch nicht, wer diesen Kitsch-Faktor immer mit Gothic in Verbindung bringen. Dann ist die Metal-Szene mit ihren Klischees auch kitschig. Das nur mal am Rande.
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Re: 100 Schnappschüsse aus meinem musikalischen Kosmos

Beitragvon Eike » Samstag 21. August 2010, 22:56

Kitsch entsteht meist durch Erstarrung, Sinnentleerung, Oberflächlichkeit gepaart mit ZU VIEL von etwas, dessen Einsatz nicht (mehr) hinterfragt wird. Konvention, die sich hinter manischer Übertreibung von Details zu verbergen sucht. Davor ist über kurz oder lang wohl kein Genre gefeit. Das auch nur am Rande.
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