Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Montag 1. Dezember 2025, 11:59

Havoc hat geschrieben:Oh. Sehr schöne Nr. 1. Hast ja schon öfters mal erwähnt, dass Dir das Album sehr am Herzen liegt. Und ich habe auch schon des Öfteren erzählt, dass es mir da sehr ähnlich geht. Auch ich halte das Werk für ein sehr Unterschätztes. Ich kann alles gut nachvollziehen und empfinden was du sagst. :) :dafuer:


Ja, da sind wir wohl die Wenigen hier im Forum. Ich kann mich noch gut an deinen Beitrag erinnern als Antwort auf meinen, wie ich die Band kennengelernt habe erinnern :grins: :dafuer:
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Montag 1. Dezember 2025, 12:14

kingdiamond hat geschrieben:
Pillamyd hat geschrieben:Platz 1

Dream Theater | Octavarium
Genre: Progressive Metal
VÖ: 2005


Wer jetzt gedacht hat, dass hier „Images And Words“ stehen muss, dem kann ich nur ganz deutlich beipflichten, dass ihr da natürlich auf nicht ganz awbegigen Pfaden unterwegs gewesen seit.



Hehe, ja, ich hatte gedacht DREAM THEATER muss noch kommen. War mir aber nicht sicher ob mit „I&W“ oder „Metropolis 2“, daher hatte ich im Thread nachgeschaut. Wir haben ja erst im Februar mal ein paar Rankings gepostet.
…dass du jetzt ausgerechnet deine damalige Nr. 3 nimmst… WAR GENAU RICHTIG! :dafuer:
Die Story drumherum ist toll, mit der Geburt der Schwester - ein tolles Ereignis, was du ja mit dem Kauf verknüpfst - über die Querverweise und es ist auch zweifelsohne musikalisch ganz großes Tennis.

Überhaupt DREAM THEATER auf der 1 ist eh ein Sonderlob wert. Hätte echt nicht gedacht, dass sie sich gegen deine METALLICA-Liebe doch durchsetzen kann. Da du wohl auch andere Alben von DT ohne mit der Wimper zu zucken hättest nehmen können, die musikalisch für dich sicher die gleiche oder ähnliche Bedeutung haben, steht deine Nr. 1 für mich stellvertretend für die mehr als großartige Diskographie der Band.

Beim persönlichen Stellenwert von DREAM THEATER als Band für uns beide sind wir uns wohl einig.
Bei der Platzierung von „Octavarium“ ja nicht ganz. Ich weiß auch nicht warum. Habe das Album nach dem Durchhören der Diskographie im Januar auf die 10 gepackt.
Eine Momentaufnahme und wohl eine falsche. Gerade gestern beim Hören der neuen Live-CD und auch zur Konzertvorbereitung im Juli habe ich gemerkt, wie toll einfach allein der Titelsong ist. Ich habe damals die „Score - Live with The Octavarium Orchestra“ so oft gehört, da sind ja allein 4 Lieder von „Octavarium“ drauf.
Ich sag mal so, zu einer anderen Zeit könnte auch Platz 5/6 möglich sein. Aber sei es drum, in meiner Welt steckt eh 2/3 der Diskographie von DT viele „Spitzen-Alben“ anderer Bands in die Tasche - egal wie man die Alben im Ranking platziert. ;-)

So, ich genieße gerade nebenbei eine Runde. Meine Lieblings-Songs sind das 1. und das letzte Lied - also „The Root Of All Evil“ und „Octavarium“. Vielleicht sind es eben jene MUSE- und U2-Einflüsse bei den Songs dazwischen, die es mir etwas schwerer machen…


Ja, ich denke auch, dass da die Kernaussage vieler dahinter steckt, dass das Album diese Einflüsse zulässt, dazu führte, dass das Album nicht so gemocht wird, wie von zum Beispiel eben mir.
Zudem gesellt sich ja immer noch die Meinung, dass der Musik die "Seele" fehlt. Für mich ist "Octavarium" der Ausdruck der völlige Hingabe zu eben jener.

Das DREAM THEATER mit dem Album auf der 1 gelandet ist und eben nicht METALLICA oder IRON MAIDEN. Dem habe ich gar nicht so viel Gewichtung beigesteuert. Für mich konnte da es auf Album Ebene nur eine Antwort geben. Lieboingsalben sind wie gute Freunde. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass man sich nicht jeden Tag oder gar jede Woche sehen muss. Aber wenn man sich wieder trifft es sofort eine heimische und offene Atmosphäre in der Luft schwebt und man sich schn fast blind versteht und das Gefühl habe ich vor allem in der Top 10.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon frankjaeger » Montag 1. Dezember 2025, 12:38

Die achte also. Hätte ich nicht mit gerechnet, da bei DT für mich die ersten beiden immer über allem thronen, das liegt aber sicher an der Historie.
Benutzeravatar
frankjaeger
Musikredaktion
 
Beiträge: 16786
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 22:29
Wohnort: Burtenbach

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Jhonny » Montag 1. Dezember 2025, 21:12

Schon über die "Somewhere In Time" war meine Freude groß, aber das hier ist wirklich eine sehr feine Wahl, und ganz wundervoll geschrieben!

"Octavarium" hat auch für mich eine ganz große Bedeutung, auch wenn ich sie "nur" auf Platz 5 oder 6 im Bandkontext sehen würde - aber zum Beispiel immer noch vor der "Scenes From A Memory".

Aber ich habe enorm intensive Erinnerungen an das Album - die erste DREAM THEATER, die ich als junger Fan bei Erscheinung kaufte, dann lief sie dauernd bei meinem ersten Segeltrip 2005. Einer meiner Lehrer hatte sie zum Glück auf CD dabei, so konnte ich sie beim Abspülen hören. Ich selbst hatte da gerade keinen Discman. Einer Freundin lieh ich sie aus, die sie dann verlor (von da an habe ich keine CDs mehr verliehen). Sie kaufte sie mir dann nach :grins:

Also, ich finde den Abschluss sehr würdig, und von dir mit einem schönen Text garniert.
Danke dir!

Auch wenn ich einiges nicht kommentiert habe, habe ich alles mit angeschaut, mich an vielem gefreut. Manches sagte mir wenig überraschend gar nix. Aber etliche Scheiben liefen durch deine Liste dann mal wieder.

Ich finde es super, dass du die Liste bis zum Ende durchgezogen hast - vielen Dank dir!
Benutzeravatar
Jhonny
Musikredaktion
 
Beiträge: 36886
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 16:48
Wohnort: Landshut

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 2. Dezember 2025, 10:31

Danke dir!
Was soll ich da noch mehr schreiben? Es ist immer wieder spannend zu lesen mit was für Geschichten man bestimme Alben verknüpft. Danke auch dir für deinen Beitrag.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Dienstag 2. Dezember 2025, 23:38

Pillamyd hat geschrieben:Platz 2

Bild
Metallica | Ride The Lightning
Genre: Thrash Metal
VÖ: 1984


Welchen Weg die Band mit „Ride The Lightning“ einschlagen werden, war wohl zum damaligen Zeitpunkt wohl kaum zu erahnen. Was daraus geworden ist, erstaunt auch rückblickend über alle Maße. Während „Kill’Em All“ durch seinen unbekümmerten, jugendlichen Leichtsinn besticht und wild umhergestikuliert, so hat die Band einen wahnsinnigen Quantensprung im Songwriting vollzogen. Die Songs dringen ausgeklügelter und mit Harmonik zugebettet ans Ohr. Wer sich dafür verantwortlich zeigt und die Band voran- und antrieb, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dass die Band schlichtweg immer einen Schritt voraus war, liegt aber auch wohl auch an der Vision eines Lars Ulrich, einen Cliff Burton gesehen zu haben und gewusst zu haben: den brauchen wir!

Das sich das ausbezahlt hat, ist mit jeder Faser in diesem Album zu erkennen und auch wenn Megadave sich immer noch daran reiben mag, dass teile seiner Musik verwendet worden ist, so liegt der Erfolg des Albums wesentlich an anderen Aspekten als nur das Riffing oder Songschnipsel zweier Songs.

Das Album startet furios mit einem der besten Opener eines Albums der Band und es braucht nicht viel Gehör, dass trotz der Wildheit, die Herrschaft im Schwitzkasten der Präzision im Riffing, der Harmonik in den Soli und der detailreichen Spielereien sich im engsten Raum abspielen. Getoppt wird das ganze für mich nur noch im Titelsong. „Ride The Lightning“ spielt mitselbigen Attributen. Der Pegel schlägt aber deutlich mehr in Richtung der Harmonik des Songs. Für mich eines der gelungensten Solo in einem Metallica Song. Definitiv ein Top 3 Song in der gesamten Diskographie der Band. Die Drumrolls und ganzen gespielten Fills eines Lars Ulrich sprechen für ihn und sind maßgeblich Teil der Richtung, die die Band später einschlagen soll. Meine Güte, ist da ein Punch dahinter.

Wie schon weiter oben beschrieben, macht das den unterschied zu den anderen Thrash Größen aus. Was nicht heißen soll, dass ich damit andere Alben abwerten will (wie denn auch?). Nein, es macht die Schritte die die Band noch gehen sollte logischer und erklärbarer. Die Antwort auf die Frage, warum METALLICA an eines der größten Heavy Metal Bands auf unserem Planeten heranwuchs.

Mit einem All-Time Fave, auf keinem Konzert vergessenen Song, dürfte sicherlich „For Whom The Bell Tolls“ sein. Das ikonische Intro von etwas mehr als 2 Minuten, dass Bassspiel dürfte jedem bekannt sein, auch wenn man die Band nicht mag. Da gibt es kein Vorbeikommen. Ein ungewöhnlicher Aufbau, der den Song recht kurzweilig macht. In seinem Text, dessen Vortrag so unabkömmlich ist. Absolut prägnant und der Beweis dafür, wie stark James Texte sind. Einen mutigen Schritt ist die Band damals auch ganz sicher mit „Fade To Black“ gegangen. Es lässt zum ersten Mal einen Blick auf die Gefühlswelt eines Hetfields zu, der über die Jahre sichtlich ins Hintertreffen geraten ist. Der Kerk muss einfach über die Jahre so viel geschluckt haben, dass es eine Qual ist. Es tut gut, dass auch ein weicher Kern hinter der harten Schale steckt. Ich bin froh, dass er uns bis heute erhalten geblieben ist, sowohl in der Musik als auch in der Person. Für mich war er lange Zeit so etwas, was man wohl als Vorbild beschreiben würde. Mit all seinen Macken und Rückfällen. Heute tue ich mich schwer damit, aber er hat mir in wahrlich schweren Zeiten vor Augen geführt, dass man Dinge aussprechen muss, als sie nur herunterzuschlucken und der Verarbeitung gewisser Dinge notwendig für die eigene Zufriedenheit ist als um Dingen hinterher zu trauern, die man nicht mehr ändern kann. Ich musste selbst auf die Schnauze fallen, um das herauszufinden. Aber er hat mir tatsächlich bei der Wegfindung Inspiration gegeben. Hui, jetzt wurde ich wohl so persönlich wie nie. Das war nicht beabsichtigt.

Dass in großen Kreisen und allen voran, die Band, nicht viel von Songs wie „Trapped Under Ice“ und „Escape“ halten, habe ich bis zum heutigen Tag nicht wirklich verstanden. Für mich sind das großartige Songs, die in die klassischere Richtung schlagen, die das dichte Album, an der richtigen Stelle auflockern, bevor bei „Creeping Death“ Pharaonenköpfe rollen. Ein Brett. Punkt. Ein Highlight in jeder Setlist, dessen geliebte „Die By My Hand“-Publikumsakteure Kirk dafür danken müssten. Ursprünglich für EXODUS geschrieben, fügte sich der Part wie ein letztes fehlendes Puzzleteil in den Song ein.

Das Album schließt im klaustrophobischen Nebel mit einem Instrumental ab, welches die letzten Kritiker in ihre Schranken gewiesen haben dürfte. Diese Atmosphäre kann nur von einem Cliff entsprungen sein. Was hier abgezogen wird ist, kann einfach nur mit Cliffs Hang zur klassischen Musik erklärt werden. Anders kann man dieses Kraftwerk nicht erklären. Ich bin so froh, dass ich diesen Song live erleben durfte. Gänsepelle am ganzen Körper und eines von zwei richtig geilen Instrumentalen, die die Musik in METALLICA nochmal ein Stück weiter in den Vordergrund stellen dürfte.

Man sieht, ich habe rein gar nichts an diesem Album auszusetzen und deswegen habe ich mich, trotz meiner Vorlieben für Debüt Alben, trotz meiner Vorliebe für den trockenen Sound und von mir heißgeliebten und ausartenden „…And Justice For All“, für dieses Album entschieden. Wo ist „Master Of Puppets“ mögt ihr wissen wollen? Ja, ein großartiges Album bei dem ständig die falschen Songs in den Vordergrund gestellt werden. Aber für mich hat es im Gesamten nicht die Durchschlagskraft der anderen drei Alben aus den 80ern. Aber das ist ein anderes Thema.

Hörbeispiele:
Trapped Under Ice
Escape

(einfach zum Trotze und weil jeder die anderen Songs aus dem FF aufsagen können sollte)

Anmerkung:
Das sind die letzten Zeilen, die ich für meine Top 100 geschrieben habe, denn ich habe mir ganz bewusst den zweiten Platz als letztes aufgehoben, weil ich wusste, dass das, was ich dazu zu sagen habe, mir locker und leicht von der Hand gehen wird.

Ich bin wahnsinnig glücklich, das Thema so über die Bühne gebracht zu haben. Normalerweise erwartet man Zeilen wie diese am Ende eines Abschlusses. Aber ich möchte mich ganz bewusst nach diesem Album mitteilen, weil METALLICA für mich den Start in den Metal geebnet haben. Das Schreiben hat mir einen unfassbaren spaß gemacht und gerade in den letzten 10 Plätzen, wird für mich (ich weiß nicht ob das spürbar ist) nochmal inhaltlich deutlich, warum die Bands dasteht, wie sie da steht.


Mit großem Abstand auch meine Metallica Favorit und wohl das einzige Album der Band, welches immer wieder ganz läuft. Als Kind der Tapetrading-Szene hatte ich zwar Livetapes vor "Kill Em All", aber nicht das legendäre Demo. Von daher war klar, wie grandios das Debüt klingen musste.Das war dann natürlich auch so, aber irgendwie war die Überraschung nicht so groß. Wie groß die Band dann aber schon nach diesem Album wurde, war hingegen mehr als erstaunlich. Beim blauen Album war ich dann natürlcih komplett am Fiebern, weil man eben kaum etwas vorher kannte und es obendrein ein erstes Liveerlebnis mit meinen Helden von TANK geben würde. Das Album war dann 1984 zusammen mit der DIO mein meist gehörtes Album. Ein musikalischer Quanten-Sprung und dann trotz der anderen Klänge immer noch so unfassbar brachial. Die zweite Hälfte der A-Seite wurde beinahe von der Nadel durch gespielt, was bedeutet, dass mir die Kratzer in "Fade To Black" auf CD noch immer fehlen. Das Album erweckte mein Interesse an Lovecraft, was dazu führte, dass ich die Bücher verschlungen habe. Great Old Ones!
Bei "Master Of Puppets" war ich zwar noch immer Feuer und Flamme, aber irgendwie war das das blaue Album nochmal, nur auf Nummer Sicher. Trotzdem natürlich grandios.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ride The Lightning ist ein Meisterwerk!
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26373
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Mittwoch 3. Dezember 2025, 00:24

Pillamyd hat geschrieben:Platz 1

Bild
Dream Theater | Octavarium
Genre: Progressive Metal
VÖ: 2005


Wer jetzt gedacht hat, dass hier „Images And Words“ stehen muss, dem kann ich nur ganz deutlich beipflichten, dass ihr da natürlich auf nicht ganz awbegigen Pfaden unterwegs gewesen seit. Aber, ich habe lange überlegt ob ich meine eigene Geschichte zum Album einfließen lasse, oder ob ich einen Klassiker mit einbaue. In Noten schenken sich die beiden Alben bei mir nicht viel (ist in Noten auch nicht am Unterschied sichtbar). Das ist der Krux an meiner eigen auferlegten Regel für die Top 100, bei der man natürlich der etwas waghalsige Annahme sein könnte, dass ein Album wie „Images And Words“ hinter dem Album stehen müsse, weil ja eben nicht in meiner Top 100. Ich werde jetzt nicht noch einmal erklären, wieso ich mich für die Regel "1 Album pro Band" entschieden habe. Aber kommen wir zum eigentlichen Album.

Wie „Awake“ war „Octavarium“ der zweite Versuch mir ein Bild der Band zu machen. Ich schnappte mir also aus irgendeinem Grund (Schicksal?) das Album ging damit im damaligen Müller zum Kopfhörer und fragte, ob ich da reinhören dürfte. Mein Gott, habe ich Stunden damals dort verbracht. Nun, kaum überraschend, war der Höreindruck kaum haftend und ich legte die Scheibe wieder zurück in die Regale. Etwas später hörte ich einen Song, der mir gut gefiel. „The Roots Of All Evil“ und es viel mir zunächst nicht auf, dass ich den Song schon einmal gehört habe und die Band noch viel früher ebenfalls. Erst als ich das Artwork dazu sah, machte es klick. Ich bin dann am Tag danach, in denselben Müller und habe mir die Scheibe geschnappt und bekam dann die Nachricht, dass mein Schwesterchen das Licht der Welt erblickt hat. Das war vor über 18 Jahren.

Zunächst blieb da gar nicht so wahnsinnig viel hängen. Erst mit der Zeit nahm ich die Musik auf und darauf folgte dann wohl meine Bindung zur Band. Relativ zeitig hatte ich alle andere Scheiben der Bands und die Bindung wurde tiefer und DREAM THEATER wuchs zu einer meiner liebsten Lieblingsbands.

Ja, der nostalgische Aspekt spielt eine große Rolle. Aber auch musikalisch halte ich "Octavarium", auch über die Jahre hinweg, für ein wirklich überragendes Album. Von den Einflüssen aus U2 und MUSE konnte ich noch gar nichts erahnen, denn mir fehlte ja auch erst einmal der Vergleich zu anderen Alben. Ich bin da also ganz unvorbereitet und unverkopft an die Band rangegangen und das ist vielleicht auch der Grund, warum das alles mit der Band und mir zu dem geworden ist, was es ist. Mir haben jedenfalls sofort diese luftige glasklare Produktion und die Leichtigkeit der Songs gefallen, die aber auch ordentlich Punch haben können.

Mit der Zeit lernte ich dann das Konzept hinter dem Album kennen. Die Zahl 8 und alles, was dazugehört und hintersteckt. Das achte Album der Band, die acht Songs, die Oktave und seine Stammnoten, die Klaviatur als Ausdruck dessen auf dem Backcover, das Main Cover mit seinen 8 Kugeln im Pendel und die 5 Vögel, dass das Album mit derselben Note beginnt, mit dem das vorausgegangene Album endete. Der Kreis der Quinten, der sich sowohl musikalisch als auch in den Texten widerspiegelt. Dass das Album mit derselben Note endete, mit der es begann.

All das, brachte mir das Album bei. Brachte mir die Herangehensweise an ein Konzeptalbum näher, dass sich auf das Gesamte ausdehnte, mehr als nur eine konzeptionelle lyrische Geschichte. Die Kreativität spielt sich im kompletten Album ab und hat mich durchgehend fasziniert. Wie ein Gemälde, dass einen Rahmen bildet, in dem man sich bewegt, welches man Stundenlang betrachtet und sich fragen stellt, warum der Künstler den Strich jetzt ausgerechnet da gesetzt hat und nicht wo anders. Je länger man es aber anschaut, stellt sich raus, dass das alles Sins ergibt. Bei der man zur inneren Ruhe findet und von Glück überwältigt wird. Ab dem Moment der Erkenntnis, dass sich das wie ein Puzzle von Zeit zu Zeit fügt, herrschte eine Intimität zwischen mir und dem Album, die ich auf dieser Ebene zuvor noch nie so gespürt habe.

Natürlich muss aber auch die Musik im Vordergrund stehen und die gab und gibt mir auch heute noch ziemlich viel. „The Roots Of All Evil“ ist für mich der packendste Teil der AA-Suite. Hat einen sehr alternativen Touch und ist aber durch das Riffing ein wahnsinnig mitreißender Song, der durch die Soli Einlagen auch einen Touch des Albums zuvor abbekommt. Die eben erwähnten MUSE und U2 Einflüsse spiegeln sich vor allem in „These Walls“ und „I Walk Beside You“ wider.

„Panic Attack“ ist mir besonders wichtig, weil es ein Thema anpackt, dass ich nur zu gut kenne und ich die musikalische Umsetzung so perfekt finde. Ich wurde in diesem Forum mal vor nicht allzu langer Zeit vor die Wahl zweier Songs gestellt. Einer war dieser hier, der andere der Song von JUDAS PRIEST. Und das war meine Antwort: „Mir persönlich sagt der Text von "Dream Theater" etwas mehr zu. Zum einen, weil es aus der Ich-Perspektive ist und etwas direkt. Gleichzeitig wühlt das hektische Grundmuster des Songs auf.

Ich mag diese abstraktere Art der Band, die für mich mit „Six Degrees Of Inner Turbulence" angefangen hat. Und die sie mit der kurzen Unterbrechung der „Train Of Thought“ in eine kompaktere, melodischere und weniger sperrige Form auf „Octavarium“ fortgesetzt hat. Einzig „Sacrificed Son“ geht den Weg der Sperrigkeit. Ein Song den ich gerne einmal live erleben würde.

Das Album ist in der Summe wieder Keyboardlastiger und wird wohldosiert eingesetzt. Keine One-Man-Show wie es später gern einmal der Fall war.

Das Herzstück des Albums ist natürlich der Titelsong. Hier wird alles in die Waagschale geworfen, was der Band zur Verfügung steht, und ist an kreativem Input niemals wieder von der Band übertroffen worden. Hier wird die Stilistik so ausgereizt und ausgedehnt, die dem „Kreis“ eine wahnsinnige Bedeutung beisetzt. Das Referenzieren im musikhistorischen Kontext ist ein wesentlicher Teil im dritten Part des Songs („Full Circle“). Ein Haufen Zitate historisch relevanter Songs wie „Lucy In The Sky“, „My Generation“, „Light My Fire“ und „Gabba Gabba“ werden unter anderem so passend eingesetzt, dass der Kreis dir förmlich ins Gesicht hüpft. In einer Form so von Dramatik durchzogen, wie ich es zuvor nie auch nur im Ansatz zu hören bekommen habe. Was jeder einzelne da abzieht, kann ich bis heute kaum begreifen. Ein für mich wahrlich ausgeklügeltes und voller Ideen gespickter Part. Der erste Part („Someone Like You“) der gesungen so geschmeidig verläuft und nachdem dritten Verse in einen Basspart verläuft, bei dem es mir noch immer eiskalt den Buckel runterläuft. Im vierten Teil des Songs („Intervals“) wird auf jeden einzelnen Song desselben Albums noch einmal Bezug genommen. Gespickt von dem herrlichen Easter Egg, dass Mike vor jeder Textzeile die Tonart angibt. Textlich eine absolute Meisterleistung. Es wird deutlich härter im Aufbau. Mike und James schaukeln sich hoch und James flippt mit der Wiederholung „Trapped Inside This Octavarium“ völlig aus um dann im letzten Part („Razor’s Edge“) einen Abschluss zu finden, der wie ein versöhnliches Fazit klingen mag.

Die immer wiederkehrende Elemente aus dem Song, der langsame Aufbau des Songs, das immer größer werdende Volumen, die emotionalen Auf und Abs, für die die Songlänge von 24 Minuten passender nicht sein könnte, die Referenzen im Inneren als auch im Äußeren, zeigen für mich mehr als nur das musikalische Können der Herren hinter der Band. Es ist eine Explosion an Kreativität, eine wahrliche Meisterleistung eines konzeptionellen Gedanken in Form zu gießen und daraus ein sinnergebendes Gesamtbild zu entwickeln, dass nicht nur auf hohem Niveau statuiert wird. Der Einbau eines Orchesters, lässt das Stück nicht weniger an ein Level der klassischen Musik erinnern. Wohldurchdacht und nicht überladen. Ein Song der einer modernen Symphonie gleichkommt. Ein Song der ganz ohne Kitsch auskommt und sich trotzdem so bewegen kann, wie er es eben tut. Ein Pik, den die Band nie wieder erreicht hat. Und vor allem ein Song, der beweist, dass Technik und Emotionalität sich nicht ausschließen müssen. Ein Song, der die Charakteristik der Band hervorhebt, auf Albumebene neues ausprobiert und dabei so zugänglich klingt wie kaum ein anderes Werk. Mit der Verspieltheit arbeitet, ohne dabei das Gefühl von Stückwerk zu begegnen. Ein ineinanderlaufendes Schweizer Uhrwerk, präzise, kompromisslos aber voller Glanz. Erhaben, episch und wunderschön.

Ein Album, für das ich mir wünschte, dass es die Anerkennung bekommt, welches es verdient hätte. Ein moderner Klassiker, in meinen Augen, dass zum größten Teil eben nicht als solches beschrieben wird. Aber viele Musikenthusiasten auf den Plan rief, die das Stück in seine Einzelteile zerlegt hat und mir eine Langzeitbeschäftigung bescherte, die seinesgleichen sucht.

Ein hoch emotionales Werk, dass ich in der Form niemals hätte erahnen können und mir aber, wenn ich zurückblicke, eine unfassbare Ganzkörpergänsehaut beschert. Jedes Mal, wenn dieses Album läuft oder ich, wie ich es hier getan habe in einer Ausführlichkeit beschreibe, die ich ebenso niemals für möglich gehalten hätte, in der Lage dazu zu sein. Ich bin sehr aufgewühlt und ergriffen, weil das hier beschriebene alles ausdrückt, wirklich alles, was ich an der Musik so liebe. Genresprengend, übergreifend auf alles, was ich höre. Horizonterweiternd und die Kontinuität, wie ich Musik höre. Scheiß auf Statistiken, überbordender Musikeinkäufe, die ausdrücken, wie sehr man „into it“ ist. Das hier drückt den Kern, den wahren Sinn aus, warum mir das alles so wichtig ist.

Hörbeispiele:
Panic Attack
Octavarium



Ich bin überrascht! Doppelt und dreifach!

Mit diesem Album hatte ich hier nicht gerechnet. Mit so einem tiefgreifenden, fantastischen Text noch weniger. Chapeau!
Ich bin ja einer dieser weißen, alten Männer, die im Waldorf & Statler-Modus über neuere Werke alter Helden abnörgeln. Zumindest manchmal. Im Falle Dream Theater ist das aber so, denn es ärgert mich, diese einstmalige Herzensband irgendwann emotional verloren zu haben. Dabei ist das noch immer sehr gute Musik und auf diesem Album gibt es mit 'Panic Attack' und 'Walk Beside You' sogar zwei Nummern, die ich ohne sie zu hören, im Kopf habe. Das ist bei den meisten Dream-Theater-Alben der Neuzeit - letzte 20 Jahre - eher nicht der Fall. Da ich für ein Spiel im Nachbarforum gerade noch einmal alle Alben durchhöre, ist mir dies auch wieder bewusst geworden. Das ist oftmals zu abgeklärt, zu ernsthaft für meine Art des Progs. Mir fehlt der Spielwitz, das Herzblut, welches ich für mich beim Anhören doch glaube zu hören, auch wenn andere Mitbewohner dieses Forums, dies immer wieder recht vehement als unmöglich darstellen.

Die ganzen Details, die Du hier so wunderbar auflistest, werde ich beim nächsten Durchlauf nochmal genauer unter die Lupe nehmen und vielleicht sind sie auch mein Anker, dieses Album so richtig toll zu finden. Fände ich ganz wunderbar!

Auch von mir ein dickes Dankeschön für diese Reise in Deine musikalische Inselwelt!
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26373
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Martin Schneider » Mittwoch 3. Dezember 2025, 09:33

Toller Text, acht ist meine Glückszahl - Album ist bestellt :dafuer:
Benutzeravatar
Martin Schneider
Kuttenträger
 
Beiträge: 4267
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 12:41

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 16. Dezember 2025, 12:18

So, dann komme ich auch einmal dazu, etwas loszuwerden.

Es löst in mir eine wahnsinnige Feude aus, dass so ein Text von einem langjährigen erfahrenen Schreiber so viel Lorbeeren abbekommt, wie es hier geschehen ist. Danke vom ganzen Herzen dafür.

Danke auch an all denen, die diesen Thread vorallem zu den Top 10 mit großer Mitwirkung gefüllt haben. Das war ein wunderbarer Antrieb.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Dienstag 16. Dezember 2025, 12:50

100 Plätze später, 38548 Wörter an reinem Text weiter, habe ich meine Top 100 nach gut zweieinhalb Jahren beendet. So, was mach ich nun? Richtig, mich an dem erfreuen, was sich mir mit dieser Liste ermöglicht habe. Nämlich eine intensive Beschäftigung mit eben jener. Der vielen Stunden, in denen ich versucht habe, meine Gefühle in Sätze zu packen immer mit dem Blick, verständlich und plausibel dabei zu klingen. Es war für mich ein absoluter Mehrwert, aus dem ich wahnsinnig viel ziehen konnte und ich mich und mein Verhalten, meinen Umgang mit „meiner“ Musik noch einmal anders und weiterbringend kennengelernt habe. Die eigene Top 100 komplett zu sehen ist schon sehr cool. Ich bin glücklich und beseelt. Zufrieden und freudig auf alles, was noch kommt.

Blicken wir einmal zurück auf die Jahre die am Meisten vertreten sind:

1984 ist mit ganzen 12 Alben vertreten. Zeigt aber auch sehr gut, dass ich das Jahr allgemein als das stärkste empfinde. 1985 und 1994 dann mit jeweils 7 Alben und 1986 sowie 1987 mit jeweils 6 Alben.

1984: 12x
1985: 7x
1994: 7x
1986: 6x
1987: 6x
1991: 6x

Von 1971 bis 1996 sind es immer zwischen 2 und 4 Alben. Danach dann immer vereinzelnde Alben aus verschiedenen Jahren. Das älteste Album ist aus 1965. Wobei das jüngste Album aus 2023 ist und es noch zwei Alben aus 2003 in meine Liste geschafft haben.
NIcht vertreten ab 1997 sind folgende Jahre: 1972, 1975, 1976, 1979, 2001, 2002, 2004, 2006, 2008, 2010, 2011, 2014, 2017, 2020, 2021. Das heißt von 1980 bis einschließlich 1997 ist jedes Jahr mindestens 1x vertreten.

Mit 27 Nennungen sind die 90er stark verteten. Den größten Anteil mit 46 Nennungen haben nicht wenig überraschend die 80er. Danach mit 12 Nennungen die 70er und von 2000 bis 2023 sind es insgesamt 14 Nennungen.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

VorherigeNächste

Zurück zu Die Rockbar

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast