Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Martin van der Laan » Montag 24. November 2025, 00:24

Pillamyd hat geschrieben:Von der Klassik zum Metal klingt ja erst einmal wie ein progressiver Werdegang :grins:
Lief daheim viel Klassik?

Nö. Meine Mutter stand auf Roy Black und Chris Roberts, mein Vater auf SIMPLE MIND und GENESIS als ich (Jahrgang 1974) noch ein Dreikäsehoch war. Einer meiner holländischen Onkels war der vermutlich größte STATUS QUO-Fan aller Zeiten, der hat mir deren gesamte Diskographie vor "In The Army Now" in meiner Grundschulzeit auf Kassetten überspielt. Was Pop-Kultur betrifft, gehörte ich als Teenie zur Fraktion britischer Elektro-Pop und New Wave, so mit ERASURE, CAMOUFLAGE, NEW ORDER und so schlimmem Zeug. Aber wirklich fasziniert hat mich von Anfang an nur klassische Musik. Meine Mutter sagt man musste mir als Baby nur Ravels "Bolero" vorspielen und ich war ruhig und zufrieden. Tschaikowskys Klaverkonzert Nummer 1 hat mir dann mit fünf Jahren eine Freundin meiner Mutter auf Kassette geschenkt. Auf der Rückseite war das Violinkonzert in D-dur opus 35, das einzige überlieferte Violinkonzert von Tschaikowsky. Ich habe das jeden Abend im Bett gehört und bin dabei friedlich eingeschlafen. Als dann irgendwann mal im dritten Fernsehenprogramm (mehr gab es damals nicht!) eine Aufführung von Beethoven's 9. Symphonie gezeigt wurde, habe ich vor Ergriffenheit geweint. Ich konnte bis zum 16. Lebensjahr nicht mal Noten lesen und habe nie wirklich ein Instrument gespielt, was mir heute leid tut. Mein Zugang zu dieser Musik war sehr emotional und intuitiv. Meine Eltern hielten das für eine Macke und meinen Freunden habe ich davon erst mit eben 15, 16 Jahren erzählt, als meine Liebe zum Heavy Metal zum ersten Mal in voller Blüte stand, also dass sich mir diese Musik seltsamerweise über meinen Zugang zu Klassik erschließt. Seitdem habe ich mich mit so ziemlich jeder Musik dieser Welt beschäftigt, die nicht ausschließlich lustig oder zur seichten Unterhaltung gemacht ist. Ich bin inzwischen Deeply in Love mit vielen Modern Jazz-Sounds, schwöre auf Flamenco- und Tango-Musik und kann mich an Balkan Gypsy Klezmer Brass Electro-Swing-Parties erfreuen. Und das erste Mal so richtig komplett weggehauen von einer Metal-Platte war ich bei "Ride The Lightning" und dem METAL CHURCH-Debüt. Und "Walls Of Jericho". Danach ging dann alles ziemlich schnell.
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Montag 24. November 2025, 00:53

Das finde ich wirklich und ernsthaft außergewöhnlich und zugleich auch wiederum gar nicht. Ich mein, dass mit der Faszination in frühen Kindheitstagen kann ich natürlich sehr gut nachvollziehen. Aber das es dann die Klassik ist die einen so früh begeistert. Wenn ich nur daran denke (und jetzt muss ich wieder darauf zurückgreifen), wie viele gähnende Gesten im Unterricht gemacht wurden und das wirklich kaum interessiert hat.

Ich finde das großartig, wenn man da wie du wohl einen Zugang gefunden hat und das in dem Alter. Echt cool!

PS: Vergessen drauf einzugehen. Beethovens 9. ist wohl einey der wenigen Stücke immer noch im Kopf. Und das nicht nur wegen dem 2. Satz.
Das war eines der ersten Stücke bei denen ich wissen wollte wie das ganze Stück klingt. Und das lief dann auch öfters.
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Montag 24. November 2025, 02:14

Platz 6

Bild
Exodus | Bonded By Blood
Genre: Thrash Metal
VÖ: 1985


Irgendwie ist es doch ein Krux, dass die Band nie zu den Big Four des Thrash Metals gehört haben. Und das, obwohl das Album zur gleiche Zeit entstanden ist wie die Großtaten anderer Bands in dem Bereich. Durch die erst spätere Veröffentlichung verschob sich allerdings gefühlt dieser Eindruck, dass die Band erst hinterherkam. Was aber völliger quatsch ist. Musikalisch steht es den anderen Alben in nichts nach und gilt nicht umsonst als eines der stärksten Thrash Metal Album überhaupt. Und auch wenn es scheißegal ist, weil die Anerkennung wahnsinnig auch ohne Big Four Stempel rießig ist, ein bisschen ärgerlich finde ich es schon. Den Platz hätten sie sich redlich verdient gehabt. Allein das Duo Holt/Hunolt ist wohl eines der besten die es jemals gab. Und ich wünsche mir tatsächlich, dass das vielleicht nochmal der Fall sein wird.

Neben METALLICA ist EXODUS die zweite Band (noch vor SLAYER) die ich kennenglernt habe. Und das lag natürlich auch an der Verbindung zu Kirk. Als ich mich um die Band musikalisch bemüht habe, kam etwa zur gleichen Zeit die "Shovel Headed Kill Machine" raus, die ich mir umgehend besorgt habe und die ich auch heute noch sehr mag. Aber an das Frühwerk kommt einfach nichts ran.

Ungeschliffen, roh, aggressiv, messerscharf, präzise bis zum Anschlag. Das würde eigentlich schon reichen um das Album abschließend zu beschreiben. Manche Alben brauchen einfach gar nicht so viele Wörter.

Es gibt aber schon sehr viel zu diesem Album zu sagen. Oben in mehreren Attributen kurzgefasst, ist es, wenn man auf die Songs im speziellen schaut ein kompromissloser Brocken, der nicht allein auch an dem unkonventionellen Gesang eines Baloffs liegt. Das Album atmet über Kontinente hinweg, diesen Bay Area Geruch bis zum Anschlag. Verschwitzte Proberäume, die leck mich am Arsch Attitüde, viele Konzertclubs. Schweiß, Blut, Haare, abgestandenes amerikanisches Bier (da braucht es ja nicht viel zu, haha). Eingefangen auf Konserve und immer wieder reproduziert bei jedem Durchlauf. Für mich stellte „Bonded By Blood“ immer die Präzision METALLICAS im Verbund mit der Schnelligkeit SLAYERS und der ganz eigenen Performance und Herangehensweise. Wo zu der Zeit METALLICA immer mehr Wert auf Arrangements und Harmonien legte, wo MEGADETH immer von Daves Verbittertheit überschattet wurde und SLAYER auf Raserei setzte, so hat man das Gefühl, dass EXODUS weniger Gedanken daran verschwendet hat und einfach das machten, worauf sie bock hatten. Locker und lässig, aber in verdammt fieser Art und Weise.

Ein unwiderstehlicher Klassiker, der in jede Sammlung gehört. Punkt. Dass die Band Jahrzehnte später dieses Album tatsächlich nochmal aufgenommen haben und damit jegliche Magie dieses monumentalen Werkes, nicht nur durch Dukes, in die Tonne getreten haben, hätte zu der Zeit wohl auch keiner für möglich gehalten. Mir bleibt es für immer ein Rätsel, wieso man so etwas tut. Alles, wirklich alles daran ist falsch. Sowas macht man nicht. Das sind verdammt nochmal Zeitdokumente, die diesen Muff, wie ich ihn oben zu beschreiben versucht habe, einfach dem ganzen die Charakteristik verleihen Man kann mit so etwas nur verlieren.

Es gibt ja Erzählungen, dass Baloff gerne einmal Pop Platten auf der Bühne zerrissen hat (woher auch immer die hergekommen sind). Gerade musste ich lachen, wenn ich der Vorstellung einen gewissen Raum gebe, in der ein verrückter Baloff, diese Liste hier in die Finger bekommen würde. :grins:


Hörbeispiele:
Bonded By Blood
Strike Of The Beast
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Martin Schneider » Montag 24. November 2025, 11:22

OK, hast ja recht. Ist bestellt :dafuer: Zumal EXODUS zusammen mit ANTHRAX (mit John Bush) meine Nummer 2 Thrash Band hinter DEATH ANGEL ist.
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Montag 24. November 2025, 21:00

Dann muss sie mit der Platte dennersten Platz übernehmen ;-)
Kennst du die Scheibe gar nicht? Ich wünsche dir jedenfalls viel spaß damit.
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Martin Schneider » Montag 24. November 2025, 21:16

Ich stehe meist nicht so auf den 80er/90er Metal Sound (der Klang auf Scheibe - nicht die Songs an sich). Daher hole ich mir meist erstmal die aktuellen Scheiben ;-)
Ich hab auch bei den ersten drei DEATH ANGEL-Alben lange gebraucht, bis ich mich reingehört hatte.
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Montag 24. November 2025, 21:25

Echt? Das liest man nicht so oft.
Na dann hoffe ich, dass dir das dir das genug gibt, dich dann weiterhin mit frühen EXODUS zu beschäftigen. Kannst ja gerne dann mal deinen Eindruck mitteilen (hier oder im Band Thread). Das würde mich jetzt tatsächlich interessieren :)
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Dead_Guy » Montag 24. November 2025, 22:03

Zu Exodus, eins der besten Thrash Alben übehaupt und unpopular opinion das einzige was ich von der Band brauche. Kann mich noch erinnern die damals als Teenie im jährlichen Sommerurlaub in Lübeck im Wo Anders (einen gut aufgestellten Second Hand CD Laden) günstig geschossen zu haben, seit dem läuft sie ab und an, ist nicht mehr mein bevorzugtes Genre, aber manchmal hab ich nachwievor Bock drauf.
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Pillamyd » Montag 24. November 2025, 22:48

Dead_Guy hat geschrieben:Zu Exodus, eins der besten Thrash Alben übehaupt und unpopular opinion das einzige was ich von der Band brauche. Kann mich noch erinnern die damals als Teenie im jährlichen Sommerurlaub in Lübeck im Wo Anders (einen gut aufgestellten Second Hand CD Laden) günstig geschossen zu haben, seit dem läuft sie ab und an, ist nicht mehr mein bevorzugtes Genre, aber manchmal hab ich nachwievor Bock drauf.


Zumindest "Another Lesson In Violence" und die "Tempo Of The Damned" sind eigentlich noch unverzichtbar. Wobei bei letzterem schon ausschlaggebend ist ob man Zetro und seinen Gesang mag.
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Re: Einhundert Umarmungen sind es mir wert! - Pilles Top 100

Beitragvon Holger Andrae » Montag 24. November 2025, 23:08

Pillamyd hat geschrieben:Platz 16

Bild
Thin Lizzy | Chinatown
Genre: Hard Rock
VÖ: 1980


Das war nach der „Black Rose: A Rock Legend“ sicher nicht einfach, den warteten Gesichtern gerecht zu werden. Gary Moore war nach der einen Platte schon wieder raus. Aber Phil und seine Mitstreiter wirken, als wäre es ihnen mächtig egal und gehen mit einer Stange an Selbstvertrauen zu Werke.

„Chinatown“ gefällt mir deswegen so gut, weil es weniger auf sofortige Effekte setzt, sondern seine Eingängigkeit auf subtilere Weise entfaltet, die von einer stilistisch gereifteren Komposition zeugt, aber nichts an der bekannten Lizzy-Coolness einbüßt. Beweisen muss die Band niemanden mehr etwas und trotzdem tun sie das auf ganz natürliche Art und Weise und machen damit einiges richtig. Es möchte doch wohl keiner behaupten, dass Songs wie „Killer On The Loose“, „Sweetheart“, „Chinatown“ oder „Genocide“ keine großartigen Songs sind?

Aber für mich stellt vor allem der Opener „We Will Be Strong“ einer der herausragenden Momente dar. Ein in Musik gegossener Motivationssong, ein immenser Stimmungsaufheller, der seine Kraft vor allem über die Sprache und seiner Klangästhetik auszudrücken weiß. Selten klang Phil so eindringlich und nahbar. Wie ein verlängerter schulterklopfender Arm, der ohne großen Pathos auskommt, aber wahnsinnig nachhallt.

Daneben muss ich auch die kernige Produktion erwähnen, die in der Gesamtheit nicht unbedingt reduziert, aber doch angenehm basisch klingen lässt. Das verleiht dem Album einen wirklich großartigen Schub. Vielleicht ist es gerade diese Natürlichkeit im Zusammenspiel mit der Herangehensweise der Songs, die „Chinatown“ so ausdrucksstark macht und ihm eine bemerkenswerte Langzeitwirkung verleiht – noch immer!

Hörbeispiele:
We Will Be Strong
Sweetheart


Grundsätzlich ist erstmal jede Lizzy-Scheibe mit Gorham richtig in so einer Liste. Ich kenne einige Menschen im Internetz, die diese Platte ebenso verehren wie Du. Ich bin da eher der Mainstream-Liesel-Fan, der auf die schwarze Rose abfährt. Mit 'Genocide' ist hier aber ein absolutes Highlight drauf, dafür mit 'Didn't I' und 'Sugar Blues' aber auch zwie weniger zwingende Nummern. Während die erste einer der wenigen ruhigen Momente der Band ist, die ich nicht sonderlich gelungen finde, komme ich mit diesem furztrockenen ZZTOP-Blues-Sound auf so einer schwungvollen Platte auch nur bedingt klar. Ist natürlich immer noch toll, aber eben nicht tolltoll.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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