Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskussion

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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 14. August 2010, 19:59

@ Frozen:

Das ist jetzt nicht böse gemeint, aber was mich dennoch ein wenig stört, ist die Tatsache, dass du regelmäßig so tust, als würde es speziell den Euro-Power-Metal treffen, dass er "nicht das Genre der Redaktion" ist und deswegen "objektiv tolle" Scheiben unerhört schlecht abschneiden. Was sollen denn da die Blackies, die Modern-Metaller und die Extrem-Deather sagen? Die Genres sind im Redaktionsmittel noch deutlich unbeliebter und "objektiv" gute Black-Metal-Scheiben müssen in aller Regel froh sein, wenn sie zwei oder drei Bewertungen über 7 Punkten bekommen. Warte bis zum nächsten Soundcheck, da wird es gnadenlose Abstraf-Noten für hochklassige Genre-Bands eines ganz speziellen Genres geben, die ihre Sache "objektiv" richtig gut machen und Genrefans wirklich gut gefallen müssen. Die Band auf dem letzten Platz bedient ihr Genre mindestens so perfekt wie Sabaton das ihre, und doch wird sie trotz meiner acht Punkte einen Schnitt von weit unter 6 Punkten haben.

Auch ich habe meine Genres, die sich sehr schwer tun und nur in Ausnahmefällen mehr als 7 Punkte bekommen können. Das ist bei Metalcore und Nu Metal so, ebenso bei nöligem oder zu glattem Genreprog und bei allzu extremem Grind/Death. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass mich hier auch einmal ein Album überzeugt, aber es ist eben selten.

Ich finde zwar auch, dass es Sabaton sehr hart getroffen hat, weil ich sie lange nicht so schlimm finde, wie einige Kollegen. Da ich aber im Metal-Underground sehr viele Leute kenne, die Sabaton noch viel, viel, viel bescheidener finden als selbst die härtesten PM.de-Kitschfeinde, ist die Platzierung für mich eigentlich doch irgendwie logisch.

Und was Avantasia angeht: Die haben viel besser abgeschnitten, als das zu erwarten war. Das beweist, dass "wir" für Euro-Power doch viel offener sind, als du uns unterstellen magst. Und bei aller Liebe: Mehr als 8 Punkte ist das Package aus meiner persönlichen Sicht dann doch nicht wert. Warum? Weil Avantasia selber schon besser war, und weil sie in allem, was sie tun, doch nie den Charme der Genregründer erreichen. Meine subjektive Sicht als großer Fan der Euro-Power-Orginale.
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Frozen » Samstag 14. August 2010, 20:49

Rüdiger Stehle hat geschrieben:@ Frozen:

Das ist jetzt nicht böse gemeint, aber was mich dennoch ein wenig stört, ist die Tatsache, dass du regelmäßig so tust, als würde es speziell den Euro-Power-Metal treffen, dass er "nicht das Genre der Redaktion" ist und deswegen "objektiv tolle" Scheiben unerhört schlecht abschneiden. Was sollen denn da die Blackies, die Modern-Metaller und die Extrem-Deather sagen?


Nehms auch nicht böse auf, stimmt ja schliesslich. Ist aber damit zu erklären, dass ich weder Black noch Extrem Death allzu oft höre. Ich kann weder die Qualität noch die Platzierung von etwas bewerten, was ich nicht kenne.

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Ich finde zwar auch, dass es Sabaton sehr hart getroffen hat, weil ich sie lange nicht so schlimm finde, wie einige Kollegen. Da ich aber im Metal-Underground sehr viele Leute kenne, die Sabaton noch viel, viel, viel bescheidener finden als selbst die härtesten PM.de-Kitschfeinde, ist die Platzierung für mich eigentlich doch irgendwie logisch.


Also ich hab heute mit einem Core und Death hörer gesprochen, der sich auf die Frage wie er die Scheibe auf 1-10 bewerten würde tatsächlich quälen musste, nicht 10 zu geben und sie
die best power metal scheibe des jahres
nannte. So weit würde nicht mal ich als Fan des Genres gehen, aber er hat sich dann aufgrund der bekannten "nicht-metal" Kritik ziemlich ausgelassen. Nicht weniger positiv sah er die Rhapsody of Fire, die zwar nur eine 8 von ihm bekam, aber das ist immer noch gut 2 noten höher als im SC. Das zeigt mir dass es sicher nicht am Genre liegt und selbst Fans anderer Genres die Kritiken nur zum teil (Rhapsody) oder gar nicht (Sabaton) nachvollziehen können.

Auch du hast die Scheibe "nur" mit 7 bewertet. Wie hättest du die Art of War bewertet? Denn stilistisch hat sich seither, wenn überhaupt, verändert dass MEHR Gitarrenfokus herrscht, wieder eher in Richtung Primo Victoria.

Rüdiger Stehle hat geschrieben:...Weil Avantasia selber schon besser war...


Ja, waren sie. Dann müsste aber z.B. auch die neue Accept tief bewertet werden, denn sie waren ja gemäss einiger Kritiker auch "schon besser". Für mich kein Valables Argument. Und wenn man sich die beiden Alben anhört, reiht sich Kracher an Kracher, Ausfälle gibts nicht oder selten, je nach geschmack, also wer auf den Stil steht muss die Platten doch lieben? Viele andere Bands wären froh, auch nur annähernd an das Songwriting von Tobi ranzukommen und in sachen Qualität gibts keine Fragezeichen. Daher für mich trotzdem zu tief, die allgemeine Bewertung. Aber eben, das ist nicht der hauptsächliche Dorn in meinem Auge, sondern lediglich eine Randbemerkung.
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Jesus » Samstag 14. August 2010, 21:21

Denke Dir doch einfach bei den Noten im Soundcheck von Scheiben, deren Stil Dir grundsätzlich zusagt, ein paar Punkte hinzu. Ich habe auch gemerkt, dass die meisten Doom-Stile außer Traditional und Epic eher schwach abschneiden und das gilt ebenso für Black Metal, der nicht gerade massentauglich ist wie Watain, Dimmu Borgir oder Keep of Kalessin. Davon geht die Welt auch nicht zugrunde.

Und nur weil ein einziger Hörer von Core und Death die Sabaton so grandios findet (was aufgrund seines ansonsten völlig anderen musikalischen Hintergrundes die Meinung nicht glaubwürdiger macht), muss das nicht dem allgemeinen Konsens entsprechen. Ich persönlich habe keine Ahnung von Power Metal, fand aber anno 2003 die "Soul Temptation" von Brainstorm recht gut. Die hat es nicht aufs Treppchen geschafft in der hiesigen Jahresliste. Also was sagt das wiederum aus? Gar nix.

Meine persönliche Meinung zum Thema Power Metal hat eher wenig Bewandtnis (zu 99,9999% schwul, aber es hört ja keiner auf mich) und möglicherweise gab es dutzende besserer Alben in eben jenem Stil in diesem Jahr. Sonata Arctica und Circle II Circle haben hier besser abgeschnitten. Also sind die vielleicht aus Sicht der Power Metaller besser als Brainstorm. Was will man von einem Referenzpool von gerade einmal 8 Leuten erwarten?
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Rüdiger Stehle » Samstag 14. August 2010, 21:40

Frozen hat geschrieben:Ich kann weder die Qualität noch die Platzierung von etwas bewerten, was ich nicht kenne.

Niemand kann Qualität von Musik objektiv richtig bewerten. Das einzige was jemand richtig bewerten kann, ist die Übereinstimmung der Musik mit dem eigenen Geschmack. Kunstkritik ist der Fleisch gewordene Subjektivismus.

Also ich hab heute mit einem Core und Death hörer gesprochen, der sich auf die Frage wie er die Scheibe auf 1-10 bewerten würde tatsächlich quälen musste, nicht 10 zu geben und sie
die best power metal scheibe des jahres
nannte.

Deine eingangs genannte Bemerkung "ich kann nichts bewerten, was ich nicht kenne" als Maßstab genommen: Was soll ich auf die Aussage eines Core/Death-Fans geben, der die neue Sabaton als die beste Power-Metal-Scheibe des Jahres bezeichnet? Doch nichts, oder? Wenn er sagt, dass sie ihm gefällt, dann kann ich daraus ableiten, dass Sabaton vielleicht auch Death/Core-Fans ansprechen könnte. Wenn sie ihm nicht gefällt, kann ich daraus ableiten, dass Sabaton mit der Scheibe wohl kaum in dieser Zielgruppe neue Fans finden werden. Aber wenn er als "Outsider" sich um Pseudoobjektivität bemüht und zu dem Schluss kommt, dass das wohl ein tolles Power-Metal-Album sein muss, dann ist das doch sinnlos. Da alle Bands, die in unseren Soundcheck kommen, wissen was sie tun, was sie wollen und fast immer in der Lage sind, das umzusetzen, was sie tun wollen und ihre Zielgruppe gut bedienen, dürfte es keine Bands geben, die mit einem Schnitt unter 8 Punkten vom Platz gehen. Du wirst doch nicht meinen, dass die Aussagen, die deiner Meinung nach für Avantasia und Sabaton (Speerspitze ihres Genres, tolle Songwriter, großartige Instrumentalisten) nicht auch für Behemoth und Obituary in ihrem Genre gelten; und die sind auch ziemlich durchgefallen, so dass die Death-Metal-Lobby schimpfen musste.

So weit würde nicht mal ich als Fan des Genres gehen, aber er hat sich dann aufgrund der bekannten "nicht-metal" Kritik ziemlich ausgelassen.

Aha. Sorry, aber ich kann sehr gut verstehen, was diejenigen meinen, die das als "Nicht-Metal" bezeichnen. Natürlich ist das überzogen und etwas polemisch, aber wenn Kritik nicht auch überspitzt formuliert werden darf, dann ist sie doch langweilig. Einem Hörer, der diese Aussage trifft, fehlt bei Sabaton das, was er am Heavy Metal schätzt: Rauheit, bissige Gitarren, Ecken und Kanten. Für viele Leute ist Heavy Metal eine konsequente Fortsetzung des Rock'n'Roll, der schmutzig, verschwitzt und handgewoben klingen soll. Die von dir beanstandete Aussage soll nicht heißen, dass man Sabaton im Plattenladen nicht ins Heavy-Metal-Regal stellen soll, sondern einfach, dass Sabaton nicht das verkörpern, was er unter Heavy Metal versteht und daran schätzt. Das liegt unter anderem daran, dass die Keyboards die Musik melodisch und atmosphärisch genau so stark prägen, wie die Gitarren, daran, dass die Melodien in erster Linie eingängig, einschmeichelnd und mitsingbar sind, daran, dass die Rhythmik nicht komplexer ist als die einer Bierzelt-Polka, und daran, dass die Produktion eben nicht nach einer Les Paul und einem Röhrenverstärker klingt, sondern nach digitalen Pro-Tools, Glätter und Weichspüler. Das ist - wie klar sein sollte - nicht meine Meinung über Sabaton, die ich wie gesagt ganz gerne mag, aber eine Wahrnehmung, die ich komplett nachvollziehbar finde.

Nicht weniger positiv sah er die Rhapsody of Fire, die zwar nur eine 8 von ihm bekam, aber das ist immer noch gut 2 noten höher als im SC. Das zeigt mir dass es sicher nicht am Genre liegt und selbst Fans anderer Genres die Kritiken nur zum teil (Rhapsody) oder gar nicht (Sabaton) nachvollziehen können.

Man muss doch nicht jede Kritik nachvollziehen können. Ich werde nie im Leben verstehen können, warum Holg Running Wild so schlimm findet. Niemand wird bestreiten können, dass die Band einen eigenen Stil hat und den gekonnt umgesetzt hat. Dennoch: Wenn er deren neue Scheiben unerträglich findet, dann muss er ihnen auch die entsprechende Note verpassen und nicht versuchen, aus der Perspektive des Band- oder Genrefans zu bewerten, der er nicht ist. Das wird man doch schizophren...
;-)

Auch du hast die Scheibe "nur" mit 7 bewertet. Wie hättest du die Art of War bewertet? Denn stilistisch hat sich seither, wenn überhaupt, verändert dass MEHR Gitarrenfokus herrscht, wieder eher in Richtung Primo Victoria.

Die "Art Of War" kenne ich nicht. Der "Primo Victoria" habe ich 9,5 Punkte gegeben. Warum die neue Scheibe dahinter deutlich zurück bleibt, das steht in meinem Review.

Ja, waren sie. Dann müsste aber z.B. auch die neue Accept tief bewertet werden, denn sie waren ja gemäss einiger Kritiker auch "schon besser".

Die wird von mir zwar nicht tief, aber tiefer bewertet werden, als ich "Restless & Wild" und "Breaker" bewerten würde.

Für mich kein Valables Argument.

Für mich schon. Ich messe eine Band an drei Dingen: 1. An meinem Geschmack, 2. an den eigenen Vorgaben und 3. an der "Konkurrenz", soweit sie vergleichbar ist. Wie schon öfters gesagt: Eine Zehn gibt es dann, wenn die Scheibe mir voll reinläuft (1.), die Band damit auf Augenhöhe mit den eigenen Klassikern ist (2.) und die Scheibe das Zeug dazu hat zu meinen Lieblingsalben des jeweiligen Genres aufzuschließen (3.).

Und wenn man sich die beiden Alben anhört, reiht sich Kracher an Kracher, Ausfälle gibts nicht oder selten, je nach geschmack, also wer auf den Stil steht muss die Platten doch lieben?

Ja und? Aber wer nicht auf den Stil steht, der muss sie nicht lieben. Jeder Soundchecker repräsentiert einen bestimmten Geschmack. Seinen Geschmack. Er kann und will nicht beurteilen, wie Leute mit anderem Geschmack die neue Sabaton finden könnten.

Viele andere Bands wären froh, auch nur annähernd an das Songwriting von Tobi ranzukommen und in sachen Qualität gibts keine Fragezeichen. Daher für mich trotzdem zu tief, die allgemeine Bewertung. Aber eben, das ist nicht der hauptsächliche Dorn in meinem Auge, sondern lediglich eine Randbemerkung.

Ich gebe doch zu, dass Tobi ein guter Musiker ist, der weiß, was er tut. Für mich ist aber weder das Avantasia-Debüt ein Höhepunkt des Genres und noch viel weniger die neuen Werke. Höhepunkte des Genres sind für mich "Keeper I & II", "Somewhere Far Beyond" und "Land Of The Free" - und hinter denen bleibt für mich alles, was Edguy und Avantasia je gemacht haben, doch relativ weit zurück. Und auch aus dem 100-Sänger-Konzept macht für mich beispielsweise Arjen Lucassen mit Ayreon und Star One viel mehr als Avantasia. Von daher kann ich da nicht mehr als 8 Punkte geben. Das Debüt könnte an einer Neun kratzen, vor allem allerdings wegen der damaligen Freude Michael Kiske endlich wieder Metal singen zu hören. Bereits die zweite zeigte bei mir starke Abnutzungserscheinungen. Die dritte war die Schwächste und die neuen Sachen sind stark, aber nichts, was mich auf die Knie zwingt. Immerhin habe ich sie mir gekauft. Das ist weit mehr, als ich im Vorfeld erwartet hätte.
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Eike » Sonntag 15. August 2010, 01:00

Zum Vorschlag sogenannter "objektiver" Bewertung nach Können nur soviel:

Ich würde niemandem empfehlen, in einem bautechnisch perfekt errichteten Haus eine Wohnung zu beziehen, die mir wegen Farbwahl und Zuschnitt aufs Gemüt schlägt oder die als "superkomfortabel" bezeichnen.

Genausowenig würde ich eine Kaufempfehlung aussprechen für ein Album, das objektiven Kriterien entspricht, meine Seele aber kaltlässt oder mir beim Hören physisch auf die Nerven schlägt.

Warum nicht? Weil ich es anmaßend fände, aufgrund äußerer Kriterien auf die Wirkung bei Leuten zu schließen, deren Raumempfinden/Musikgeschmack ich nicht nachvollziehen kann.


Was die Nützlichkeit von Noten allgemein angeht:

Die sehe ich als ziemlich begrenzt an. Noten können mir eine Tendenz angeben, wenn ich die Kriterien des Notengebers nachvollziehen kann. Mehr nicht. Da empfiehlt es sich, zumindest die Redakteursprofile zu überfliegen, bevor man darauf auch nur einen Pfifferling gibt. Und ja: Individuelle Abweichungen sind nicht nur möglich, sondern im Detail nicht zu verhindern! Warum das aus meiner Sicht dennoch nicht den Untergang von Musikjournalismus bedeutet? ... --->


Was Musikjournalismus angeht:

Meines Erachtens besteht seine Aufgabe nicht darin, Meinungsbilder von Zielgruppen zu verkörpern. Das können automatische Ranking Systeme mit user generated content eh viel besser, denn da sorgt die schiere Masse für eine gewisse Repräsentativität im Mittel. Was Musikjournalismus dagegen leisten kann, ist, einen individualisierten Zugang über Sprache zu schaffen. Kennt man einen Autor, oder zumindest seine Art zu Hören und zu Schreiben, kann man tiefer vordringen als jede Querschnitts/Durchschnitts-Berechnung. Das Lesen ist zwar zeitaufwendiger, im schlimmsten Falle vielleicht auch mal Zeitverschwendung sofern man einfach nicht ins Denksystem des Schreibers vordringen kann, im besten Falle aber um so lohnender. Musikjournalismus ergibt für mich als Leser allerdings nur dann Sinn, wenn ich bewusst und kritisch lese(n), mich also mit der Einstellung der Autoren wenigstens ansatzweise auseinandersetze(n kann). Mir sind Autoren, die sich in der Darlegung ihrer Wert- und meinetwegen auch Vorurteile weit aus dem Fenster lehnen und damit angreifbar machen im Zweifel lieber, als solche, bei denen ich am Ende der Lektüre immer noch nicht weiß, wo sie stehen und was ich auf ihr Geschreibsel zu geben habe, weil sie sich hinter absoluten Aussagen oder vermeintlich "Objektivem" verstecken. Denn reine Faktenhuberei oder platte/glatte "Dem-X-sein-Gitarrenspiel-klingt-wie-dem-Y-seins" könnte ich genausogut einem besseren Promozettel oder irgend einem anonymen Forumsbeitrag per Googlesuche entnehmen. Von einem Journalisten erwarte ich, dass er - über das Aufzählen relevanter Fakten hinaus - auch fähig ist, mir klar zu machen, was ihm persönlich warum wichtig oder erwähnenswert erscheint; eben da in die Tiefe zu gehen, wo jedes Notensystem in puncto Aussagekraft versagt.


Zum Nutzen von Noten in Musikmagazinen:

Noten haben daher für mich nur die Funktion, mir die Entscheidung, was ich (genauer) lese, und was im Zweifel eben eher nicht, zu erleichtern. Dazu brauche ich allerdings Kontextwissen: Wenn ich sehe, dass eine Black Metal-Scheibe von Frank Jaeger volle 8 Punkte oder mehr erhält, werde ich hellhörig, weil ich weiß, dass er aus dem Bereich mit gefühlten 99,999% aller Veröffentlichungen nix anfangen kann. Wenn er als Halbwegs-melodischen-Gitarrenrock-fast-schon-pauschal-Gutfinder (<--- böse Zuspitzung meinerseits) hingegen irgendeiner AOR-Scheibe bloße 7 Punkte gibt, weiß ich, dass es sich höchstwahrscheinlich aus meiner Sicht um ein 08/15-Produkt handelt, das mich nicht aufhören lassen würde - und kann mir das Lesen sparen.

Grundlage einer Reinlausch- bzw. Kaufentscheidung ist allerdings in der Regel nicht die Note, die mich dann weiter kaum noch kümmert, sondern das, was in der Rezension steht und wie nachvollziehbar/hilfreich mir das im Abgleich mit meinen eigenen Geschmacksmustern ist. Komme ich auch nach x Leseversuchen noch nicht dahinter, wie ein Autor musikgeschmacklich tickt, suche ich mir einen anderen "Stammautor" - oder bei Häufungen innerhalb einundderselben Publikation lieber gleich ein anderes Magazin.

Man muss doch nicht jede Kritik nachvollziehen können.
Das vielleicht nicht, aber ich will zumindest nachvollziehen können, aus welcher Ecke und aus welcher Haltung heraus die Kritik kommt.

Natürlich gibt's trotzdem auch unter Musikjournalisten ein paar Freaks, bei denen ich alleine wegen des schönen Stils gerne reinlese, selbst wenn ich mir des Öfteren denke: Ach ja, der nu wieder mit seinen obskuren und letztlich unbeschreiblichen Lieblingsgeräuschen, aber hey, ist doch trotzdem geil, wie man über immerdengleichen Quatsch noch beinahe jedesmal so euphorisch werden kann. ;-)


Fazit:
Weniger hochgestochene Erwartungen ---> weitaus seltenere Enttäuschungen :-)
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Teichfrosch » Sonntag 15. August 2010, 11:35

([Powermetal ist] zu 99,9999% schwul, aber es hört ja keiner auf mich)


Ich höre auf dich und sehe es genauso, würde es aber nicht so drastisch formulieren. Abgesehen davon, mit diesen lustigen Provokationen können wir hier grade ohnehin nicht viel reißen weil sich die Diskussion (mal wieder) um das Notensystem dreht und das offensichtlich weit mehr zu provozieren weiß als wenn man über Schmusegummibären.. äh, Unerträglichesklischee... nein, natürlich: Powermetal ablästetert.


Ich finde es nicht besonders selbstbewusst wenn ihr euch zu 100% hinter
Kunstkritik ist der Fleisch gewordene Subjektivismus.

versteckt, wenn dem so wäre könnte man auf einer Metalfanseite auch Hiphoper oder Klassikfans die Kritiken schreiben lassen. Gute Kritiken zeichnen sich doch gerade dadurch aus dass man das Subjektive mit dem Objektiven verbindet, wie es ja auch auf dieser Seite eigentlich immer geschieht. Man bewertet objektive Kriterien und verbindet sie mit seiner subjektiven Meinung und findet so zu einer Note. Man KANN sogar bei Kunst objektiv bewerten, ob beispielsweise bei einer besonders schrägen Theatervorstellung die Stilmittel, welche zum Zwecke eingesetzt werden, vernünftig umgesetzt werden, oder ob die abstrakte Skulptur zumindest handwerklich gut umgesetzt ist. Ob jetzt eine installierte, verbeulte Coladose schon Kunst ist oder nicht hat nichts mit Kunstkritik zu tun, sondern mit der Frage ob das überhaupt schon Kunst ist und ab wann man von "Kunst" sprechen kann, aber von diesem Punkt sind wir hier ja glücklicherweise weit entfernt (ist nämlich eine ermüdende und fruchtlose Diskussion, selbst für einen Philosophen wie mich ;) ).
Was ich damit sagen will: ergiebige Kritiken kann nicht jeder schreiben, einfach weil nicht jeder die objektiven Kriterien zu bewerten weiß. Dafür ist dann doch eine gewisse Ahnung von der Materie von Nöten. Ohne Objektivität ist der schönste Subjektivismus nur Ausdruck der Ahnungslosigkeit, und insbesondere ist man ohne Objektivität kaum in der Lage das, was man eigentlich vermitteln will, zu vermitteln. Ein Hiphoper beschreibt Deathmetal als Krach mit Grunzen, geht man objektiv an die Sache heran ergibt sich erst das Bild und die Möglichkeit, das ganze subjektiv zu beurteilen.
Das ändert natürlich nichts daran dass die eigentliche Kritik selbstverständlich vollkommen subjektiv ist, und insofern hat Rüdiger auch wieder Recht :D.

-Core Scheiben werden hier auch immer Wert abgestraft, darüber muss man sich aber nicht ärgern sondern darf arrogant die Nase rümpfen über die unwissenden und unqualifierten PM Redakteure - und weiterziehen zur natürlich viel qualifizierteren Konkurenz. Man muss ja nicht so tun als wäre der PM Soundcheck sowas wie der Ältestenrat im Dorf wo 200 km drum herum nichts ist und man auf das Urteil der alten Knacker angewiesen ist (das ist wirklich nicht abwertend gemeint meine geschätzten Herren älteren Semesters :) ). Lass das "power" in der Adressleiste weg und du kommst auf eine Seite, deren Rezensionen dir vielleicht mehr das geben was du lesen willst. Ich find den SC meistens auch ziemlich doof wertungstechnisch (man erinnere sich nur an die unerträglich hohe Punktzahl für "Obsidian Conspiracy"), aber hier gehts nicht um Fairness. Du weißt doch dass SABATON hier keine Gegenliebe erhält, also denk dir deinen Teil, schlag 3 oder 4 Noten auf, und erfreu dich weiter daran, was dir Spaß macht.

... und im Übrigen finde ich jede Wertung von über 1 für SABATON viel, viel, VIEL zu hoch.
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Frozen » Sonntag 15. August 2010, 11:50

Teichfrosch hat geschrieben:... und im Übrigen finde ich jede Wertung von über 1 für SABATON viel, viel, VIEL zu hoch.


Es gibt ja auch noch die 0.5 ;)

Und dass Nevermore hier eine unglaubliche Lobby hat sieht man ja auch wieder am aktuellen Jahresrückblick.

Bei mir scheint es ja aber so, dass ich im neuen SC durchaus zustimmen werde was die Top 3 betrifft. Zumindest die Top 2 sollten ja gesetzt sein, nur in welcher Reihenfolge, das ist die Spannung.
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Feamorn » Sonntag 15. August 2010, 11:51

Also gerade die benannte Seite ohne Kraft in der Adresszeile hat sich, in meinen Augen, schon mehrmals disqualifiziert, weil da öfter mal irgendwelche Leute Reviews schreiben, die offensichtlich GAR KEINE Ahnung hatten, was ihnen da vorliegt und auch kein Interesse, da irgendetwas nützliches zu zu schreiben. Ich besuche die mittlerweile so gut wie gar nicht mehr (oder nur, wenn ich nochmal herzhaft lachen möchte). Kam gerade wieder drauf, weil sich ein Freund gestern über exakt das gleiche beschwert hat. ;)

Das ist mir hier so noch nicht aufgefallen. (Stichwort: Ein Doppelalbum einer einigermaßen etablierten Band wegen ihrer althergebrachten Trademarks in gefühlten fünf Zeilen zu verreißen, ohne auch nur irgendetwas Informatives zum Besten zu geben.)
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Teichfrosch » Sonntag 15. August 2010, 12:01

Ich sag ja nicht dass Nicht-Kraftmetall.de besser oder qualifizierter ist, aber etwas mehr Gegenliebe für SABATON gibts da trotzdem. Vielmehr muss man sagen: ja, die sind teilweise erschreckend unqualifiziert. Ich empfehle an dieser Stelle mal das Review zu SUBSIGNAL (selbstredend ein geniales Album, ist doch klar, oder?). Im Großen und Ganzen ist PM bei WEITEM besser was Rezensionen angeht, sowohl bei der Auswahl der zu rezensierenden Bands wie auch bei der eigentlich Durchführung der Rezension. Aber eben auch nicht immer, und andere Meinungen tun manchmal sicher nicht weh.
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Re: Artikelreihe: Das Vierte Jahrzehnt: 2000 - 2009 - Diskus

Beitragvon Feamorn » Sonntag 15. August 2010, 12:08

Ich tu mich halt schwer damit, eine Seite zu Empfehlen, von der ich weiß, dass sie schon einige Male ziemlichen Mist verzapft hat. Das merkt man ja meist nur bei Sachen, die man kennt, und da brauchts kein Review. Die Frage ist ja, wieviel sind dann die Texte zu Sachen wert, die ich nicht kenne. ;) Aber es gibt in der Tat genug Seiten im Netz, auf denen man sich weitere Meinungen holen kann.
Wie gesagt, ich schaue mich mittlerweile deutlich weniger auf anderen Seiten um, da mittlerweile einigermaßen weiß, wie die Redakteure hier ticken (nicht zuletzt dank der Diskussionen hier im Forum), aber auch ich mache das dann und wann, vor allem eben, wenn ich Zweifel habe, oder das hiesige Review von jemandem stammt, den ich nicht einschätzen kann.
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