Hm, ja nun, die zehn prägendsten Musikalben also. Die Anzahl ist natürlich ziemlich willkürlich, da irgendwo einen Schnitt zwischen prägender und weniger prägend zu ziehen, keine einfache Aufgabe, und jede Lösung unbefriedigend. "Welches ihrer Kinder würden sie vor dem Ertrinken retten, während die anderen untergehen?" - ähem, nein danke. Keine schöne Frage. Aber eine interessante? Sie Schurke!
Nun ja, manchmal heißt es pragmatisch sein. Einfach die Klausel "Alle Angaben ohne Gewähr oder Anspruch auf Richtigkeit" davorgeklatscht, und dann auf ins Gefecht:
RVNNING WILD "First Years Of Piracy"
Eine Songsammlung mit bereits vorher veröffentlichten Titeln ist das, kurz auch Sampler genannt. Für die Nichtanglisten unter uns: Ein Muster. Nicht wie beim Schottenrock, sondern wie beim Tapetenkauf [oder im alten Radiojingle "Musterhausküchenfachgeschäft" *dudel*]. "First Years Of Piracy" bietet allerdings keine schottisch gemusterten Tapetenstückchen, sondern gut abgelagerte Songs aus der Hamburger Frühzeit teutonischer Metalltonkunst. "Rock 'n' Rolf" Kasparek hat im letzten Vierteljahrhundert gefühlte Trillionen Bandmitglieder verheizt, und so schwierig wie sein Charakter gescholten wird, so einfach sind seine Songs. Faust hoch, Haupt kreisen lassen, Haare schütteln! Mein Einstieg in die Welt stromverstärkter Gitarrenschläge erfolgte in erster Instanz hierüber [rückblickend ein Wunder, dass das Urteil damals nicht lautete: To be hung, drawn and quartered

]. Nicht zuletzt durch die auf "First Years Of Piracy" vertretenen Songs nahme eine musikalische Liebe ihren Lauf, die seither allenfalls hier und da zeitweise ein wenig fleckig wurde, in all den Jahren jedoch nie wirklich durchgerostet ist.
JUDAS PRIEST "Metal Works 73 ° 93"
Noch so ein Bandsampler. Nachdem "First Years Of Piracy" nebst anderem Material der Wildgewordenen plus diversem Kram der Judaspriester mir vom Großen Bruder eines Freundes auf Kassette überspielt worden waren, diese Musik in meinem Laufwerk aber trotz des erfolgten Kopierens einfach nicht sterben wollte [Musikindustrielle sind und bleiben nunmal schlechte Propheten], sollte dann irgendwann mal was Höchstoffizielles ins heimische CD-Regal. Sony hatte sich die Rechte an diversem JUDAS PRIEST-Material der letzten Jahrzehnte unter den Nagel gerissen bzw. gewähren lassen, und warf da zeitlich passend dieses Polycarbonatscheibendoppel mit diversen Zitaten der Bandmitglieder im Beipackheftchen auf den Markt, zu welchem ich dann auch immer wieder gerne und fleißig gegriffen habe, während die JUDAS PRIESTer in den nächsten Jährchen aufgrund musikerüblicher Differenzen getrennte Wege gingen. J. P. ist eine durch ihre lange Karriere höchst vielfältig klingende Band, die Zeitströmungen gekonnt aufgriff und ihren eigenen Bandsound integrierte, ohne zwischen ihren Veröffentlichungen an Wiedererkennungswert einzubüßen. Das dürfte auch ihren langanhaltenden Erfolg erklären. Von Rock über Hardrock bis in diverse Spielarten des Metal ist da so einiges vertreten, die größten Erfolge der Band fielen jedoch mehr oder weniger mit der NWoBHM zusammen, auch wenn die Band für diese stilistisch nicht besonders repräsentativ ist.
[Statt der jahrzehnteumspannenden "Metal Works" hätten hier genausogut einige andere Rock/Hardrock/Metal-Klassiker wie das hochmelodische IRON MAIDEN-Album "Seventh Son Of A Seventh Son" oder der genreprägende DEEP PURPLE-Klassiker "In Rock" stehen können, die mehr oder weniger zeitnah ihren Weg in mein MC- bzw. CD-Regal fanden und meinen Geschmackssinn hinsichtlich der musica saxea et metallica deutlich verfeinerten, ebenso ein obskurer Live-Sampler von QUEEN - meine erste CD überhaupt - oder auch die deutlich später hinzukommende Glam-Rock-Oper und Allzeitklassiker "The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars" von DAVID BOWIE, der sogar manchem Gothic- und Black Metal-Freak den genrewildernden Glücksglanz in die Augen treiben kann... - aber es soll hier ja lediglich auf zehn Tonträger näher eingegangen werden...]
VENOM "Metal Punk" - oder auch: TWOAFKA [the work of art formerly known as] "Calm Before The Storm"
Irgendso'ne obskure Nachpressung aus den music business-Wirren der Neunziger Jahre fand während eines Bayern- [oder war es Franken? Separatisten mögen mich ob dieser Gedächtnislücke steinigen...] -Urlaubs über die Supermarktkette "Müller" ihren Weg in meine Musiksammlung, nachdem ein Viele-Bands-vereint-unter-der-Flagge-des-Schwermetalls-Sampler namens "Heavy Metal Killers" mich mit dem Song 'Welcome To Hell' vertraut gemacht hatte, in den die VENOMinösen eine Frauenstimme meinen Taufspruch säuseln ließen. Jenes Sprüchlein war zwar nicht der Kaufgrund, aber irgendwie erscheint mir das jetzt trotzdem erwähnenswert. Und sei es nur, um die trockene Vorstellung hochunterhaltsamer Musik durch tiefenöde Anekdoten etwas aufzulockern. Die britische Band VENOM machte den Begriff "Black Metal" einst populär, ihr Langzeitmitglied Conrad "Cronos" Lant sieht die ganze Chose glücklicherweise jedoch weniger verbissen als so mancher skandinavische Panda. Dynamisch scheppernde Songs über allerlei Okkultes und dazu ein Schlagzeug, das lustig die Treppe hinabpurzelt; damit hat "Calm Before The Storm" meinen [keinesfalls nur humoristischen] Sinn für "kaputte Musik" deutlich geschärft und steht somit am Anbeginn meiner Würdigung dessen in den unterschiedlichsten Genres.
TORI AMOS "Under The Pink"
Meinem Geschwisterlein werde ich immer verbunden bleiben, ganz allgemein gesprochen, speziell musikalisch jedoch vornehmlich durch sein mich-Heranführen an den oben kurz erwähnten DAVID BOWIE mit seinem Spinnenepos sowie an das komplett anders klingende aber keineswegs weniger grandiose und kunstvolle TORI AMOS-Album "Under The Pink". Mit diesem begann dann auch eine tiefe, nach wie vor anhaltende, zweite musikalische Liebe zu nahezu sämtlichen Werken der Künstlerin [ihre übrigen werde ich auch nicht von der Bettkante stoßen...

]. Höchst klavierös, höchst stimmvoluminös, höchst fantastös!
TIAMAT "Wildhoney"
Gothic was my third love... So mehr oder weniger. "Wildhoney" ist nicht repräsentativ für das Genre, aber repräsentativ ist das Album eigentlich für gar nichts. Nichtmal für die Band TIAMAT. Vielleicht aber trotzdem ihr bekanntestes Album. Psychodelisch ist es - irgendwie. Und düster - irgendwie. Und irgendwie auch - gemütlich. Ein Album zum Schwelgen. Ein Meilenstein in der Chronologie meiner liebsten musikalischen Fundsachen. Wunderschön. Einem damaligen Mitschüler sei ewiger Dank dafür!
BONE THUGS ~N~ HARMONY "East 1999 Eternal"
Hip Hop betritt die Bühne meines musikalischen Horizonts. Das lässt sich freilich nicht allein an diesem Album festmachen. Aber dies war die erste CD des Genres, die ich käuflich erstand. Die Single 'Crossroads' hatte es mir angetan. Ein zuvor ungehört hochmelodischer flow, dazu weitgehend entspannte Beats - dennoch nicht der damals übliche und irgendwann fast totgenudelte G-Funk-Sound, sondern einfach etwas anderes, zunächst geradezu mysteriös anmutendes. Im Booklet so ein apokalyptischer fantasy warrior look und ein okkultes ouija board. Das zweite Album der vom ehemaligen N.W.A. ("nigga wit attitude") Easy E geförderten Clevelander brachte ihnen den Durchbruch - nicht nur in mein Gehörzentrum.
TOM WAITS "Bone Machine"
And now to something completely different... - again. An American singer/songwriter - again. Diesmal allerdings von ganz anderer Art als die gute Tori. Der gute Tom macht's mitunter schon mal auf die richtig kaputte Weise. Dank VENOM

kein Problem mehr für mich, als eine gute Freundin mir die erste gebrannte CD meines Lebens überreicht. [Und wieder schafft es die Kopiererei - allem Prophezeien und Lamentieren einschlägiger Musikgeschäftscharaktermasken zum Trotze - nicht, die darauf getragene Musik noch kaputter zu kriegen als sie ohnehin schon tönt. Seltsam, aber so steht es geschrieben...] - Blues, Folk, Spoken word, Story telling, allerlei Experimentelles und Alternativmusikalisches, eine kleine aber feine Rocklegendenkooperation (in Form eines herrlich schief und versoffen tönenden Gassenheulers mit Keith Richards), der Anlass zu von Punklegenden gezolltem Tribut [Ja, die RAMONES coverten Toms 'I don't wanna grow up'.] - "Bone Machine" lässt im Anschluss die TOM WAITS-Alben fast wie am Fließband aus den Presswerken in mein Heim ziehen. Gut so! [Mehr oder weniger parallel dazu öffnet sich mein Horizont auch gegenüber dem "richtigen" Blues.]
LIFE OF AGONY "Soul Searching Sun"
L.O.A. ist eine Band, deren Songs mir sinnbildlich von innen unter die Schädeldecke tätowiert sind, zumindest die Songs von "Ugly" [nach "River Runs Red" dem letzten Album mit noch erkennbaren Wurzeln im New York Hardcore] und dem nachfolgenden, meisterhaften Wurf mit deutlicher Bandsounderweiterung richtung Alternative Rock. Prägend ohne Ende: die leidenschaftliche Stimme von Keith Caputo und die, mal treibenden, mal schwelgerischen, E-Gitarrenakkorde, welche im Zusammenspiel mit einer niemals langweilenden Rhythmusgruppe endgültig die Früchte jener Saat in meinen persönlichen Rock-Olymp heben, die bereits durch Bands wie SOUNDGARDEN, PEARL JAM und LiVE sowie die extrem unterschiedlichen NIRVANA-Alben "Bleach" sowie "MTV Unplugged Live In New York" gelegt war. Mit dem Caputo-Solo-Album "Dies Laughing" folgt wenig später eine weitere Ohren-Öffnung in Richtung gut gemachten [nicht nur und viel zu selten AOR-Radio-] Pop.
SQUAREPUSHER "Go Plastic"
Noch ein Meilenstein, der fast schon einer Kehrtwende gleichkommt: Tom Jenkinson alias SQUAREPUSHER katapultiert mich anno 2001 [oder war's 2002 ?] mit "Go Plastic" zeitweilig in eine andere musikalische Umlaufbahn - bisweilen deutlich schräger und kaputter als weiland TOM WAITS oder noch früher VENOM. Synapsenpingpong: Scheinbar wirr aneinandergereihte, teils völlig abgespacete, dann wieder hektische oder gar zahnarztbohrermäßig klingende, mehrfach gebrochene Beat-Collagen aus abgehackten Jazzgitarrenakkorden und jede Menge Elektronik wirken ihr bewusstseinserweiterndes Werk. Zuvor hatte ich aus dem "Techno"-Bereich kaum mehr als SNAPs 'Rhythm Is A Dancer' & den ein oder anderen track der CHEMICAL BROTHERS nicht nur gehört, sondern auch gemocht. Ähnlich verwirrend und musikbewusstseinserweiternd war für mich zu jener Zeit nur noch TOOLs "Lateralus", aber das ist eine völlig andere Kiste.
OPETH "Damnation"
In etwa zeitgleich trat OPETH in mein Leben [mehrere Monate vorher den Bandnamen erstmals rühmend erwähnt gehört, Monate später ein erstes ihrer Werke dann tatsächlich besorgt], doch so faszinierend ein ruppig-romantisches Düsterwerk wie "Blackwater Park" bereits beim musikalischen Erstkontakt für mich war, brauchte es doch deutlich zärtlicheres Material, um mich zum Einlass in die eigene CD-Sammlung zu verführen. Da sich die Death/Prog-Band mit "Damnation" erstmals an durchweg balladesken Artrocksongs [oder wie auch immer man diese tiefromantischen, doch niemals kitschigen Klangmalereien fachmännisch bezeichnen mag] versuchte, ist diese Verführung schließlich doch noch erfolgt.
Wie auch immer die musikalische Reise weitergeht, wie auch immer eine solche Zehner-Auswahl in Zukunft aussehen wird: Nichts ist für die Ewigkeit, außer vielleicht der Wert der Musik an und für sich. Hin und wieder lohnt es sich dennoch, innezuhalten und zurückzuschauen, was einem den bisherigen Weg gewiesen hat. Und irgendwie ist es auch ein Vergnügen, hier zu stöbern, wie das bei anderen lief.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)