Bewertungsschema

Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.

Bewertungsschema

Beitragvon ishina » Dienstag 17. September 2013, 11:26

Eine Frage an jeden von euch persönlich: Warum verwendet ihr das Bewertungsschema, das ihr verwendet?

POWERMETAL.DE verwendet eine zwanzigstufige Skala von 0.0 bis 10.0 in Halbpunktschritten.

Am liebsten würde ich eine besonders feingranulare Skala verwenden. Pitchfork verwendet zum Beispiel eine hunderstufige Skala von 0.0 bis 10.0 in Zehntelpunktschritten. Das gefällt mir, weil ich dann jedem Album einen präzisen Wert zuweisen kann und am Ende eines Jahres dann genau sehe, was ich besser und was ich schlechter finde. Doch ich habe feststellen müssen, dass diese Art von Bewertung Selbstbetrug gleichkommt. Ich kann vielleicht zu Zeitpunkt X eine Bewertung von 8.3 vergeben, doch meine Wahrnehmung von einem Album ändert sich mit der Zeit. Ist es in X + einem Jahr immer noch eine 8.3? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht eine 8.5. Vielleicht eine 7.6. Ich kann mit einem solchen System keine Bewertungen vergeben, die eine Dauerhaftigkeit besitzen. In verminderter Form habe ich das Problem auch noch mit der zwanzigstufigen Skala. Woran macht ihr fest, ob ein Album nun eine 8.0 oder eine 8.5 ist. Und: Ist dieser halbe Punkt nicht eine Angelegenheit von Tagesverfassung, ob ihr ihn vergeben oder nicht vergeben werdet?

Ich für meinen Teil verwende zur Zeit eine zehnstufige Skala von 0 bis 10, oder auch von 0 bis 5 in Halbpunktschritten. Erst dort habe ich das Gefühl, dass meine Bewertungen eine Dauerhaftigkeit besitzen. Nur selten habe ich das Bedürfnis, eine Bewertung nachträglich nach unten oder oben anpassen zu müssen. Mit etwas Ehrlichkeit mir selbst gegenüber kann ich noch jedes Album in eine dieser Punkteschubladen schieben. Zu den einzelnen Schubladen der Skala:

0-3 Punkte: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in der näheren Vergangenheit etwas gehört hätte, was meinem Gefühl nach hierhin gehört. Das ist ein Bereich für grobe handwerkliche Verfehlungen. Mit der fortschreitenden Professionalisierung der Musik gibt es kaum noch etwas, das ich mir tatsächlich anhöre und hierhin gehört.

4 Punkte: Vergebe ich dann, wenn die Musik mich damit ärgert, einerseits keine interessanten Ideen zu besitzen und andererseits sehr platt zu sein. Das Handwerkliche kann in Ordnung sein, doch fehlt diesem Werk der kreative Funke, der es für die Nachwelt wertvoll macht. 4 Punkte sind in meiner Welt bereits eine sehr große Enttäuschung und Ärgernis.

5 Punkte: Die CD ist vor allem uninteressant und plätschert an mir vorüber. Es ist nichts auszumachen, was grundverkehrt wäre - doch es gibt mir nichts.

6 Punkte: Ideen sind da - aber die Umsetzung gefällt mir nicht. Viele Längen, nur kleine Lichtblicke, kaum Eigenständigkeit, Merkwürdigkeit.

7 Punkte: Grundsolide. Gut gemacht, interessante Ideen, kaum oder keine Höhepunkte. Die häufigste Note, die ich vergebe. Ich vergesse diese CDs oft rasch wieder, ungeachtet der handwerklichen Solidität.

8 Punkte: Die höchste Note, die ich für handwerkliches Können allein vergebe. Gute Ideen, tolle Passagen, Längen sind vorhanden, stören aber nicht. Ich mag die Musik, doch noch fehlt ihr etwas. Eventuell höre ich die Musik auch häufig - doch Begeisterung wird sich langfristig nicht einstellen. Hier sammelt sich all die Musik, denen die letzte Besonderheit fehlt. Entsprechend häufig fällt diese Note auch aus.

9 Punkte: Hier, und erst hier wird es für mich interessant. Alles darunter war nett, jetzt muss sich Begeisterung einstellen, zumindest über weite Strecken. Jetzt haben wir wirklich interessante Ideen und meist auch tolle, tolle Höhepunkte. Das Album hat eindeutige Alleinstellungsmerkmale und ist bemerkenswert. Alles, was jetzt noch stört, sind meist Passagen, in denen das hohe Niveau abreißt und Längen in sonst phänomentalen Liedern. Innerhalb eines Jahres finde ich selten mehr als 5-7 Alben, denen ich diese Note gebe.

10 Punkte: Da der Punkteplafond erreicht ist, muss jetzt alles passen. Diese Alben sind nicht perfekt, weil Musik nicht perfekt sein kann. Was die 10er-Alben auszeichnet ist, dass sich extrem interessante und großartig gemachte Musik Lied für Lied aneinander reiht und eine Passage mit Länge entweder im Kontext der Musik Berechtigung besitzt oder von unbedeutendem Umfang ist. Extrem wenige Alben können das Niveau von Anfang bis Ende so hoch halten, dass sie diese Note bei mir inne haben. Ich habe diese Bewertung für mich das letzte Mal 2011 vergeben.

Ich bin mit dieser Skala momentan glücklich, würde aber gerne verstehen, wie und warum andere Leute mit feineren Skalen gut zurechtkommen. Ich bewerte streng, wenn es um die wirklich hohen Wertungen geht - 9-10 Punkte. Zwischen 6 und 8 Punkten sammelt sich das Allermeiste, was ich über das Jahr verteilt zu hören bekomme. Ich vergleiche das mit einer Schularbeit, deren Punkteskala von null Punkten bis zur Maximalpunktezahl reicht. Nur in den seltensten Fällen erlangen Schüler nur 30% der möglichen Gesamtpunktezahl, die meisten erreichen 60-85%. Einerseits könnte man sagen, dass es ein Qualitätsmerkmal der Musik ist, dass ich nicht niedriger gehe. Andererseits interessiert mich alles unter 8 Punkten auch nur sehr beschränkt, erst ab 9 Punkten richtig.

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Re: Bewertungsschema

Beitragvon Nils Macher » Dienstag 17. September 2013, 11:52

Über Bewertungsskalen wird natürlich auch intern viel diskutiert. Dabei gelten folgende Prämissen:

- unsere Noten sind subjektiv
- Noten sind Momentaufnahmen

Eine deutlich feiner eingeteilte Skala als die unsere halte ich für nicht praktikabel. Bekommt ein Album jetzt 67 oder 68 Punkte, das ist doch Augenwischerei. Auch bei der Höchstpunktzahl möchte ich dir gerne widersprechen, denn die gibt es dieses Jahr schon drei Mal von mir. Jedes dieser Alben hätte in dieser Form nicht besser gemacht werden können, läuft bei mir rauf und runter, berührt mich und wird von mir abgefeiert.

Durch den Soundcheck führt bei PM.de kein Weg an Punkten vorbei, aber die Reviews sind doch letztendlich viel wichtiger. Wenn man den Geschmack der Redakteure kennt, sind natürlich positive wie negative Bewertungen auch etwas aussagekräftig. Also wenn unser Blautier einer Metal-Platte mehr als acht Punkte gibt, sollte man skeptisch werden ;)

Ich mache mir ehrlich gesagt keine Gedanken darum, wie oft ich welche Punktzahl vergebe. Wenn es in einem Monat ein dutzend megageiler Scheiben gibt, ist das halt so. In anderen Magazinen wird Euphorie gerne künstlich gedämpft, das halte ich aber für ziemlich schwachsinnig. Da man bei Reviews ja auch lesen kann, welchen Zugang der Rezensent zur Band / Musik hat, sind auch hier die Punkte eher Beiwerk. Klar wird es niemanden gewundert haben, dass bei mir DT die volle Punktzahl bekommt, aber dafür gibt es ja auch Gründe. Und die sind eben nicht, dass die Band sich weiterentwickelt hat oder ein total anders klingendes Album aufgenommen hat.

Was auch ein paar Mal im Jahr vorkommt: Man hört eine Scheibe und findet sie nicht so toll oder auch total geil und ein paar Wochen oder Monate später hört man noch einmal und man hat einen anderen Eindruck. Passiert "leider", obwohl das natürlich absolute Ausnahmen sind. In 80% der Fälle steht meine Note nach dem ersten Hören und wird durch weitere Durchläufe nur für mein Gewissen "legitimiert" ;)
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon lenbert » Dienstag 17. September 2013, 12:40

Ohne hier oder in anderen Magazinen als Redakteur tätig zu sein, verwende ich für meine persönliche Musikbewertung ebenfalls eine Skala von 0 bis 10 mit Halbpunktschritten. Kleinere Skalen bzw. größere Punktschritte sind mir zu undifferenziert (laut.de wäre hier so ein Beispiel). Bei noch größeren Skalen oder kleineren Punktschritten könnte ich mich nicht auf eine Bewertung festlegen.
Ich verwende "meine" Bewertungsskala, um damit sämtliche Musik zu bewerten. Das heißt natürlich auch, dass sich ein Metal- oder Rock-Album schon sehr anstrengen müsste, um in dieser Skala weniger als 4 Punkte zu bekommen, einfach weil Metal- und Rock grundsätzlich zu mir passende Musikstile sind. Die ganz niedrigen Bereiche meiner Skala sind für Musikstile vorgesehen, die mir einfach nicht liegen.
Die Punkteeinteilung meiner Skala lässt sich grob wie folgt zusammenfassen:
unter 6.5: verschiedene Abstufungen von "na ja" bis "grauslich"
ab 6.5: brauchbar
ab 7.5: gut
ab 8.5: sehr gut
ab 9.5: herausragend
Für eine 10 muss ein Album bei mir nicht perfekt sein, denn das würde kein Album schaffen. Ich habe zumindest noch kein perfektes Album gehört. Selbst auf der Handvoll 10er-Alben in meiner Sammlung finde ich, wenn ich kritisch hinhöre, immer Dinge, die mich etwas stören. Diese Dinge sind aber im Gesamten betrachtet bedeutungslos. Wichtiger ist, dass ich bei 10er-Alben das Gefühl habe, musikalisch nach Hause zu kommen, sich die Musik einfach richtig anfühlt, mich begeistert, mich emotional mitnimmt.
Die Bewertung einzelner Alben ändert sich aufgrund von Stimmung und Hörgewohnheiten schon mal, aber damit habe ich kein großes Problem. Bei Alben, die mich manchmal begeistern und manchmal langweilen, - solche Alben gibt es durchaus - wähle ich eine Note zwischen den Extremen.

Nils Macher hat geschrieben:In 80% der Fälle steht meine Note nach dem ersten Hören und wird durch weitere Durchläufe nur für mein Gewissen "legitimiert" ;)


Das kann ich nicht. Beim ersten Durchlauf eines Albums bleibt bei mir meist nicht wirklich viel hängen. Vielleicht ergibt sich eine Notentendenz, aber mehr auch schon nicht. Ich brauche mindestens drei Durchläufe, um eine halbwegs fundierte Aussage über die Qualität eines Albums treffen zu können.
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon Nils Macher » Dienstag 17. September 2013, 12:51

Fundiert wäre eine Aussage nach einmaligem Hören auch nicht, aber das Bauchgefühl bestimmt die Note. Was danach folgt, ist auf Details achten, verschiedene Dinge beurteilen, die man dann im Review schreibt und den Eindruck untermauern. Manchmal hört man halt einen Song und denkt: "schweinegeil", das ist ein 9-Punkte-Song und erst danach geht man ins Detail und schaut, was die Band da gerade besser macht als eine andere etc. Also bei mir jedenfalls :)
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon salisbury » Dienstag 17. September 2013, 21:52

Ich empfinde eine Notenskala, auf der sich 80 % der Alben zwischen 6,0 und 8,5 bewegen sollen, sehr einengend. Ich habe deshalb im kommenden Soundcheck versucht, den ganzen Durchschnitt zwischen 4,0 und 6,0 anzusiedeln. Darunter Das passt auch ganz gut zu unserer Notendefinition. Damit ist der Spielraum zwischen 6,5 und 8,5 sehr viel größer geworden. Ich finde, hier kann und sollte man versuchen, feiner zu diskriminieren. Damit ist ein Album mit zwei, drei sehr coolen Songs und dem Rest "ganz gut so" nämlich nicht mehr die sieben (und von denen gibt es viele...). Sieben und 7,5 sollte schon richtig und durchgehend cool sein. Acht und 8,5 will ich haben wollen. 9 und höher werde ich ganz sicher haben, da führt kein Weg dran vorbei. 10 sollte faszinieren und nicht mehr loslassen.

Von der Philosophie, die Noten 0,5-3,5 unangetastet zu lassen, halt ich nichts. Ich bin zudem auch keiner, der Sachen gut findet, nur weil es nach Rock oder Metal klingen. So sehr ich mich für Musik begeistern kann, so sehr kann diese mich auch abstoßen, egal welcher Stil. Von manchen Bands fühle ich mich in meiner persönlichen Auffassung von Ästhetik attackiert. Dafür eigenen sich Zweier und Dreier ;-) .
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon salisbury » Dienstag 17. September 2013, 21:59

Eine andere Sache: geht es euch auch so, dass ihr die 15er-Skala irgendwie anders wahrnehmt als die Zehner-Skala? Musikreviews.de und Babyblaue Seiten haben die z.B. 15 gibt es dort kaum. Sehr gute Alben, die hier zwischen 8 und 9 pendeln, haben dort so 10-12 P. Was übersetzt 7,0-7,5 wäre. Topalben wie ARCH/MATHEOS oder STEVEN WILSON kommen dann auf 13/15, selten höher. Übersetzt wäre in dieser Skala alles ein wenig tiefer als hier, ich denke ich würde das selber auch so instinktive so machen. Die Psychologie der 15er-Skala ist...anders...ich weiß gard ned, wie ichs besser formulieren soll.
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon Nils Macher » Dienstag 17. September 2013, 22:01

Die Bewertungen auf den Babyblauen Seiten sind sehr oft mumpitz, bei den Kollegen von Musikreviews sehe ich oft ähnliche Noten (umgerechnet) wie bei mir, halt bis auf die Höchstnoten.
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon salisbury » Dienstag 17. September 2013, 22:03

Nils Macher hat geschrieben:Die Bewertungen auf den Babyblauen Seiten sind sehr oft mumpitz, bei den Kollegen von Musikreviews sehe ich oft ähnliche Noten (umgerechnet) wie bei mir, halt bis auf die Höchstnoten.


Accepted.
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon enemy-of-reality » Dienstag 17. September 2013, 22:09

Von den babyblauen halte ich inzwischen gar nichts mehr, schau dort auch kaum noch vorbei. Bei euren Kollegen von musikreviews surfe ich hingegen täglich vorbei um die neuesten Reviews zu checken. Ob ich eine 15er-Skala anders wahrnehme als eine 10er. Hm, keine Ahnung. Wobei ja eure eigentlich eine 20er ist, wegen der 0.5er Schritte. Bei Musikreviews seh ich alles ab 12 Punkten als sehr gute Bewertung an, bei euch eher erst ab 9. Das liegt daran, dass ihr meinem empfinden nach etwas lockerer mit sehr hohen Noten umgeht. Die Diskussion über die 10er hatten wir hier ja schon einige male.
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Re: Bewertungsschema

Beitragvon the seeker » Dienstag 17. September 2013, 22:16

ihr entwertet aber die Höchstenote(n), indem diese hier so oft vergeben wird

was sind die babyblauen seiten?
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