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Hier geht es um das alles, was den Rocker / Metaller / Goth so bewegt.
von Rüdiger Stehle » Dienstag 9. November 2010, 01:23
Um Frozens TOP-100 zu entlasten und dem wichtigen Thema mehr Raum zu geben, machen wir an dieser Stelle einfach mal ein neues Thema auf, das sich der Frage widmen soll, was Musikjournalismus leisten kann, soll und muss bzw. was er sich leisten kann und darf. Wie weit darf er mit der Industrie, den Fans und den Bands paktieren? Wie viel Unabhängigkeit muss er sich bewahren? Wie deutlich darf er kritisieren und wie viel Respekt muss er vor dem Künstler und seinem Werk wahren? Soll er vorrangig informieren, missionieren, enthüllen oder in erster Linie die Position des Schreibers darstellen? Die Fragen richten sich in erster Linie an die Leser, aber natürlich auch an die internen und externen Schreiber im Forenvolke. Hier die Ausgangspunkte der Diskussion: Rüdiger Stehle hat geschrieben:Wobei das Review schon sehr demonstrativ boshaft ist. Ansatzweise kann ich die Kritik schon nachvollziehen, gerade weil Kai schon recht offensichtlich Motive bei sich selbst und anderen borgt. Aber wenn ein Review so geschrieben wird, entsteht bei mir halt immer den Eindruck, dass man diese Scheibe schon nicht mochte, vor man sie gehört hat. Da stellt sich mir dann die Frage: Mache ich das (das Schreiben über Musik), um den Leuten tolle Sachen zu empfehlen, oder um die Fans einer Band zu provozieren. Klar, ich habe auch schon Verrisse mit boshaften Tendenzen geschrieben, aber ich meine, dass man die noch an einer Hand abzählen kann. Bei über tausend Rezensionen. Soll keine bösartige Kritik an deiner Arbeit sein, weil es ja durchaus berechtigte Aufgabe des Musikjournalismus ist, Dinge anzuprangern, die man als Misstand in der Szene wahrnimmt, aber ... na ja, lassen wir's ... Ich glaube, da treffen Welten aufeinander, was unsere schreiberische Praxis angeht. 
Vaillant hat geschrieben:Ich versuche immer zu verstehen, WAS eigentlich den Reiz solcher Bands ausmacht, die auf so ausgetretenen Pfaden wandern und PRIEST, MAIDEN und SAXON klonen, dazu Power Metal, etwas Haarspray, etwas Trve und das wars. Provozieren will ich eigentlich nicht. Mir ist nun schon klar, dass auch regressive Bands eine Existenzberechtigung haben. Ich allerdings feiere nicht alles ab bzw. nicht immer mit und nehme an der permanenten Selbstvergewisserung auch nur ansatzweise teil, was ja oft auch Ärger einbringt, auch mit Plattenfirmen/"Künstlern" natürlich. Denn eine 8 wird ja schon vorausgesetzt; hätte ich mir HELLOWEEN vorgenommen, wären es wohl so 2/10 gewesen, andere, die mir gefallen, weil sie mit echtem Enthusiasmus und Charme vorgehen, wie WOLF, CIRCUS MAXIMUS, KAMELOT, SYMPHONY X und selbst RHAPSODY z.B., haben eine Chance bei mir. Ich denke, man muss auch eine Band verreissen können, die von allen gemocht wird. Sie muss deswegen ja noch lange nicht wirklich gut sein... Klar, Einmannblackies, Power Metalgeklimper oder der 1087 Aufguss MetalCore hat kaum Chancen bei mir. ETWAS muss besonders sein, siehe ENSLAVED, MELECHESH, AGALLOCH, CRADLE, O' PAZUZU, TRANSMISSION0, THE MAN-EATING TREE, ein Kern Musikalität dasein und nicht nur "Okay, soll klingen wie Painkiller, der zweite wie Twilight Zone, der dritte wie irgendwas von SLAYER, dann noch ne Ballade, sagen wir METALLICA trifft RUNNING WILD und zum Schluss noch etwas Akustisches mit Glockenschlag... " Sind solche Sachen so interessant für euch, weil ihr die Achtziger (im Gegensatz zu mir) mit den Originalen (welche imo weit besser, weil inspirierter waren als die Epigone) nicht livehaftig mitgemacht habt? Oder warum dann? Würde es gern mal wissen, wir rätseln in der Redaktion oft über die hohen Noten für solch Powergedöns. SABATON, REBELLION, EDGUY, AVANTASIA, mir ein Rätsel, solche Bands... klingen die nicht eher nach Herbert Anton Bloeth alias Tony Marshall als nach "Metal Meltdown"? Okay, ich akzeptiere, dass sie vielen gefallen, warum allerdings, bleibt mir verschlossen. Na ja, werds nie verstehen, es sei denn ihr erklärt es mir, aber äußern werd ich schon noch was dazu 
Zu letzterem Absatz dann auch demnächst noch eine Antwort von mir. Fühlt euch aber eingeladen, vor allem auch zu den genannten allgemeinen Fragen zu antworten!
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von Vaillant » Dienstag 9. November 2010, 01:27
Was hab ich getan Okay, bin gespannt, erklärt es den mescalinern 
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von Rüdiger Stehle » Dienstag 9. November 2010, 01:52
Vaillant hat geschrieben:Ich versuche immer zu verstehen, WAS eigentlich den Reiz solcher Bands ausmacht, die auf so ausgetretenen Pfaden wandern und PRIEST, MAIDEN und SAXON klonen, dazu Power Metal, etwas Haarspray, etwas Trve und das wars.
Gut, das ist natürlich ein fast schon wissenschaftlicher Ansatz. Stellt sich die Frage, ob du der Antwort auf diese Frage durch deine Auseinandersetzung mit "To The Metal" näher gekommen bist. Ist die Neigung des Deutschen zum Volkstümlichen die Ursache? Warum haben dann gerade Bands wie Helloween und Gamma Ray die größten Heerscharen ihrer Fans in Lateinamerika, Südeuropa und Ostasien und gelten im eigenen Lande verhältnismäßig wenig? Provozieren will ich eigentlich nicht. Mir ist nun schon klar, dass auch regressive Bands eine Existenzberechtigung haben. Ich allerdings feiere nicht alles ab bzw. nicht immer mit und nehme an der permanenten Selbstvergewisserung auch nur ansatzweise teil, was ja oft auch Ärger einbringt, auch mit Plattenfirmen/"Künstlern" natürlich.
Darum geht es mir an sich gar nicht. Eine Note abzuliefern, an der die Plattenfirma eine Freude hat, ist natürlich auch nicht mein Ansinnen. Das ist mir in letzter Konsequenz ebenso egal wie dir. Überschwängliches Abfeiern ist mein Ding auch nicht, weshalb ich mit Superlativen auch eher zurück halte, selbst wenn ich mal eine Höchstnote zücke, was im Vergleich zu den meisten Kollegen eher häufig geschieht. Mein Ziel beim Rezensieren ist in erster Linie der Anspruch den Leser und Interessenten bzgl. einer Veröffentlichung über deren Inhalt möglichst weitgehend objektiv zu informieren, und dabei der um Objektivität bemühten Werkbeschreibung ein persönliches Werturteil zur Seite zu stellen, das klar erkennbar subjektiv formuliert sein soll. Logischerweise kann auch ich nicht völlig konsequent zwischen subjektiven und objektiven Elementen trennen. Muss ich ja auch nicht, aber die wesentlichen Züge der Rezension versuche ich schon, auf diese Weise zu gestalten. Nun will ich deiner Rezension auf keinen Fall objektiven Informationsgehalt absprechen. Der ist natürlich da, und er ist kompetent dargestellt. Was ich mich frage ist, ob nicht eine Rezension (um des interessierten Lesers Willen) nicht von jemandem verfasst werden sollte, der zumindest dem Grunde nach zur Zielgruppe der Band gehört. So nach dem Prinzip: Ich gebe zwar meine Soundcheck-Noten und Gruppentherapie-Beiträge zu einer Alternative- oder Nu-Metal-Band ab, aber die Einzelrezension schreibe ich im Normalfall nicht, weil mir der Stil zu fern liegt, als dass ein der Zielgruppe angehörender Leser was mit der Einzelrezension anfangen könnte, außer sich darüber zu ärgern. Aber ihr kennt eure Leser natürlich besser als ich; wenn die an derlei Verrissen ihre Freude haben, dann ist die Rezension ja auch wieder zielgruppenrelevant. Sind solche Sachen so interessant für euch, weil ihr die Achtziger (im Gegensatz zu mir) mit den Originalen (welche imo weit besser, weil inspirierter waren als die Epigone) nicht livehaftig mitgemacht habt? Oder warum dann? Würde es gern mal wissen, wir rätseln in der Redaktion oft über die hohen Noten für solch Powergedöns. SABATON, REBELLION, EDGUY, AVANTASIA, mir ein Rätsel, solche Bands... klingen die nicht eher nach Herbert Anton Bloeth alias Tony Marshall als nach "Metal Meltdown"?
Ich weiß jetzt nicht, wen du mit euch konkret meinst. Nachdem ich auch seit den (zugegebenermaßen späten) Achtzigern Heavy Metal höre (1988), habe ich die "Originale" schon noch miterlebt, und ich bin insoweit bei dir, dass auch für mich die genannten Epigonen (SABATON, REBELLION, EDGUY, AVANTASIA etc...) allesamt weniger interessant und in aller Regel auch schwächer sind, als die Originale. Für mich gilt da auch, dass eine Band aus einem alten und mit hochkarätigen Originalen bestückten Genre nur dann richtig punkten kann, wenn zumindest etwas daran sich absetzt. Bei SABATON finde ich da die Stimme und die martialischen Inhalte, wobei die Band sich für mich nach "Primo Victoria" mit zunehmender Schlag(er)seite auch stark abgenutzt hat. Da frage ich mich weitestgehend gleichermaßen, woran die Begeisterung liegt, wie du. Wobei ich in dem Fall HELLOWEEN und die direkt daraus hervor gegangene Kai-Hansen-Band GAMMA RAY definitiv zu den Originalen dieses Stils zähle. Ebenso natürlich auch BLIND GUARDIAN oder GRAVE DIGGER, RAGE oder STORMWITCH. Da dann alles auf IRON MAIDEN, ACCEPT und JUDAS PRIEST herunter zu brechen und bereits da die "Kopien"-Keule zu schwingen, geht mir eindeutig zu weit. Diese Bands haben sich von ihren Vorbildern schon so stark abgesetzt, dass sie als eigenständige Originale gelten durften. Dass Kai Hansen mit GAMMA RAY inzwischen die einst vorhandene Originalität immer weiter zurück führt, und immer mehr kopiert, ist indes richtig. Es stört mich wohl nur deshalb so wenig, weil ich Kai Hansen eben schon allein für seine unnachahmliche Stimme schätze und sein Songwriting seit zwanzig Jahren auf mich gewirkt hat. Ich fühle mich auf einer Gamma Ray Scheibe einfach zu Hause, auch wenn ich natürlich sehe, dass es hier und da krankt. Ich meine, dass ich das bei meiner Rezension zu "To The Metal" auch so gesagt hätte. Zu den 8,5 Punkten stehe ich aber nach wie vor. Ich höre den Kai einfach unheimlich gerne. Das macht mir Spaß. Okay, ich akzeptiere, dass sie vielen gefallen, warum allerdings, bleibt mir verschlossen. Na ja, werds nie verstehen, es sei denn ihr erklärt es mir, aber äußern werd ich schon noch was dazu 
Sollst du ja auch.
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von Rüdiger Stehle » Dienstag 9. November 2010, 02:04
Vaillant hat geschrieben:Okay, bin gespannt, erklärt es den mescalinern 
Um Gottes Willen. So überzeugt bin ich von mir nicht, dass ich meine, dir was erklären zu müssen. Ich finde es einfach interessant, sich über die verschiedenen Motive auszutauschen, die einen dazu bringen können, über Musik zu schreiben, und ebenso über die verschiedenen Ansätze, dies dann auch in die Tat umzusetzen. Es ist ja nicht so, dass ich meinen Schreibstil und meine eigenen Leitlinien in Stein gemeiselt hätte und eine Entwicklung oder Modifikation ausschließen würde. Letztlich finde ich einen bissigeren Stil mit bösen Verrissen nicht grundsätzlich verkehrt, weil natürlich viel zu viel veröffentlicht wird, und keiner mehr folgen kann, was letztlich die Guten und Hörenswerten viel an Zuspruch kostet, den sie verdient hätten. Insofern kann ein polarisierender Journalismus hier auch Gutes bewirken. Dass ich dafür geeignet wäre, sehe ich indes nicht, weil ich in den stilistischen Bereichen, die mir liegen, nicht nur wohlwollend schreibe, sondern auch wohlwollend höre. Will sagen: Ich bin zwar kein Allesgutfinder, aber durchaus ein Nichtswirklichschlechtfinder. Und in den stilistischen Bereichen, die mir gar nicht liegen, da sehe ich es halt so, dass es albern wäre, über sie zu schreiben. Hat ja kein Schwein was davon, wenn der Stehle in vielen bösen Worten schreibt, dass er die neue Limp Bizkit total schlecht findet. 
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von firestarter » Dienstag 9. November 2010, 02:42
Ich habe den Vorlauf jetzt nicht gelesen, aber das Stichwort "boshaftes Review" führt mich hier her, denn genau so empfand ich Vailants ATLANTEAN KODEX Review. Auch wenn ich die Musik als durchschnittlich und das Brimborium um die Band als überkandidelt empfindet, finde ich dieses Review komplett daneben. Da spricht aus jeder Zeile der Versuch, sich gegenüber dem Album und der Band zu profilieren. Sowas kann ich als "Kritik" nicht ernst nehmen.
Ich denke, dass ich unverdächtig bin zu der "gekränkten Community" zu gehören...
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von Jhonny » Dienstag 9. November 2010, 12:29
Ich habe mir jetzt die Freude bereitet, alles mitzulesen.
Das Ziel einer Rezension sollte meines Erachtens nach eine Information für den Fan sein, ob er sich diese oder jene Scheibe gönnen sollte oder nicht. Der erfahrenere Leser kennt natürlich die Vorlieben mancher Rezensenten, doch gerade dem Nicht-Dauer-Leser eines Magazins oder einer Website sollte auch die Chance gegeben werden, aus dem Review heraus zu erkennen, ob er damit was anfangen kann.
Notwendige Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der Rezensent der Scheibe auch eine Chance gibt, ihm selber zu gefallen! Wenn sich das von vornherein ausschließen lässt (z.B. weil jemand Burzum oder die Böhsen Onkelz bewusst ablehnt oder mit Euro Metal generell nix anfangen kann), dann sollte dieser Rezensent lieber andere Reviews schreiben. Akzeptabel ist, wenn Rüdiger oder Holger gerne Maiden mögen würden, aber mit einer Scheibe einfach nicht warm werden. Das merkt man ihnen auch an. Nicht akzeptabel ist, wenn ich eine Band schon vor dem Review in eine Schublade stecke und der Scheibe keine Chance geben.
Eine zweite notwendige Voraussetzung ist die Nicht-Abwertung der Fans einer Band in einem Review. Nur weil jemand Sabaton mag ist er nicht automatisch ein dümmerer Fan als der Watchtower-Anhänger! Den Fans der Band sollte eine gewisse Wertschätzung entgegen gebracht werden, d.h. wenn der Rezensent merkt, dass er trotz einer wohlwollenden Einstellung zu Beginn des Review-Verfassens nichts mit der Band anfangen kann, er trotzdem versuchen sollte, den Wert der jeweiligen Scheibe für die jeweilige Fangruppe zu bewerten. So viel Objektivität sollte angestrebt werden! Dass eine subjektive Note generell die Note nach unten ziehen kann ist völlig klar, das nimmt man dem Rezensenten aber auch nicht übel, wenn man merkt, odass er wirklich schaut, ob Atlantean Kodex was für die KIT-Liebhaber oder Metalium für die Helloween-Fans sein könnte.
Diese beiden Voraussetzungen sollten immer gegeben sein. Dass das nicht bei jedem Rezensenten für jede Scheibe der Fall sein kann ist aufgrund subjektiver Vorlieben selbstverständlich, aber eben darum sollte man auch nicht zu jeder Scheibe ein Review veröffentlichen.
Ein Verriss ist meines Erachtens nach nur dann nötig, wenn man trotz wohlwollender Einstellung UND positiver Beurteilung der Zielgruppe zu dem Schluss kommt, dass das Album wohl kaum positives für den Hörer zu bieten hat.
Klar kann ich PERSÖNLICH jede Post-Sludge-Melodic-Prog-Ambient-Band richtig scheiße finden, aber gerade deshalb sollte ich (immer vorausgesetzt, ich wäre ein Rezensent, was ja nicht der Fall ist) kein Review darüber schreiben, denn damit pisse ich nur den Fans ans Bein, rede eine Band schlecht zu der ich keinen Bezug habe und helfe keinem weiter.
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von Rüdiger Stehle » Dienstag 9. November 2010, 12:45
Jhonny hat geschrieben:Klar kann ich PERSÖNLICH jede Post-Sludge-Melodic-Prog-Ambient-Band richtig scheiße finden, aber gerade deshalb sollte ich (immer vorausgesetzt, ich wäre ein Rezensent, was ja nicht der Fall ist) kein Review darüber schreiben, denn damit pisse ich nur den Fans ans Bein, rede eine Band schlecht zu der ich keinen Bezug habe und helfe keinem weiter.
Außer du verbändest mit deiner Rezensententätigkeit den Anspruch zu einem Gesundschrumpfungsprozess der Szene beizutragen, indem du den Konsumenten zu einem kritischeren Hinterfragen der auf den Markt gespülten Produkte anregen willst. Das ist ein Ansatz, den ich persönlich zwar bislang nicht verfolge, der aber durchaus seine Berechtigung hat, weil die gnadenlose Marktüberflutung in letzter Konsequenz auch schädlich ist, und zwar für alle Szenegänger.
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von Jesus » Dienstag 9. November 2010, 13:11
Das ist ein extrem schwieriger Ansatz, zudem ist "Marktüberflutung" auch ein recht subjektiver Begriff. Es wäre wohl wenig sinnvoll, wenn Jhonny über Post-Metal und ich über Power Metal schreiben würden, selbst wenn die Intentionen noch so positiv sein mögen. Und um zu einem "Gesundschrumpfungsprozess" beizutragen, müsste man sich schon in der Szene auskennen, um beurteilen zu können, wie notwendig oder originell denn nun das zu rezensierende Album sein mag.
Ich würde wahrscheinlich die aktuellen Alben von ACCEPT oder HELLOWEEN selbst mit dem Anspruch, irgendwie "möglichst objektiv" zu sein, als unnötig und altbacken titulieren. Jhonny würde das gleiche machen mit NEUROSIS oder JESU. Da mangelt es uns beiden an Bezug zur jeweiligen Szene. Andersherum kann es durch den mangelnden Bezug und Kontext auch passieren, dass man eine mittelmäßige Platte eines Genres, mit dem man normalerweise nichts am Hut hat, gut findet und diese dann über alle Maßen lobt, weil man keine Vergleichsmöglichkeiten hat. Soll auch vorkommen. So oder so wäre damit niemandem geholfen.
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von Rüdiger Stehle » Dienstag 9. November 2010, 13:37
Ja, das ist natürlich richtig. In einem Genre, zu dem man wirklich keinerlei Bezug hat, ist es nicht sinnvoll Rezensionen zu verfassen, nur um den Lesern bestenfalls zu erklären, warum man die Band oder das Genre nicht leiden kann. Das könnte nämlich spätestens mit der ersten Rezension zum Genre, oder noch besser, mit einer allgemeinen Abhandlung zu einem Genre, erledigt werden.
An eine Bekämpfung der Überflutung sollte man sich in der Tat nur in Bereichen wagen, in denen man sich auskennt und die man zumindest zum Bereich seines musikalischen Interesses zählt. Das heißt für mich, dass ich vielleicht in den Bereichen Epic Doom oder Black Metal beurteilen kann, wer sinnvolle individuelle Akzente setzt und somit dem Genre etwas Interessantes zu geben im Stande ist, in den Bereichen Metalcore oder Alternative aber definitiv nicht.
Konsequent zu Ende gedacht, ist es dann doch so, dass ein richtiger Verriss nur dann etwas wert ist, wenn er von einem Genregänger, oder besser noch, von einem Fan der jeweiligen Band stammt. Sehe ich jedenfalls so, und das ist ja letztlich auch das, was mich zum Start der Diskussion veranlasst hat.
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von Jhonny » Dienstag 9. November 2010, 13:40
Sehe ich genauso - ich muss kein Riesen-Manowar-Fan sein, um Manowar zu zerreißen, aber mit traditionellem Metal sowohl europäischer als auch amerikanischer Prägung sollte ich in der Regel schon mehr als nur Soundcheck-Arbeit verbinden. Sonst kann ja von einer Hilfe für den Leser keine Rede sein.
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