Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskographie

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Re: Jethro Tull - Meine Entdeckungsreise durch die Diskograp

Beitragvon Pillamyd » Freitag 3. Oktober 2025, 12:58

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UNDER WRAPS (1984)

Tracklist:
01. Lap Of Luxury
02. Under Wraps #1
03. European Legacy
04. Later, That Same Day
05. Saboteur
06. Radio Free Moscow
07. Astronomy
08. Tundra
09. Nobody's Car
10. Heat
11. Under Wraps #2
12. Paparazzi
13. Apogee
14. Automotive Engineering
15. General Crossing

Auf dieses Album war ich natürlich sehr gespannt. Polarisiert es doch wie kein weiteres Album in der Diskographie. Was macht das Album denn zu einem der am schlechtesten bewerteten Alben von Jethro Tull? Ich musste mich etwas gedulden, denn in der Version, in der ich das Album haben wollte, war es viel zu teuer. Aber das Warten hatte irgendwann ein Ende.

Ich hatte ja, wie man vielleicht weiß, auch immer ein wenig einen Faible für vermeintlich hässliche Entleins innerhalb einer Diskographie. Auch wenn das in den letzten Jahren gar nicht mehr so ausgeprägt war. Seis drum. Aber hier wollte sich so gar nichts einstellen. Ich hatte schlicht und einfach keine großartige Meinung zu diesem Album. Bis zum 19. Durchlauf blieb es auch dabei und ich hatte echt schon bammel, dass ich mir hier irgendetwas aus dem Hut zaubern muss, damit das hier halbwegs funktionieren mag.

Ab dem Moment hatte ich einen wirklich großartigen Erkenntnisgewinn, der so langsam eine Meinung zu diesem Album hat gedeihen lassen. Mit ein Grund war der Schlusspart zu „Later, That Same Evening“. Tulliger konnte man nicht zu Werke gehen. Ein weiterer Grund ist sowohl der Stilmittel als auch die Songstrukturen, die dazu führten, dass ich das Album gar nicht so weit entfernt vom vorherigen Album finde. Mit dem Unterschied, dass ich es tatsächlich auch überzeugender finde. Aber bevor ein Raunen durch den Thread zieht…lasst es mich erklären. Ich glaube hier eine ähnliche Kurzweiligkeit herauszuhören, wie auf „The Broadsword…“. Der Versuch, der kurzen und knackigen Songs, wurde hier vehement fortgesetzt. Der Punch ist ein ähnlicher wie auf eben erwähnten Album. Hier aber etwas steriler, kälter new waviger. Ja, sogar etwas angepisster. Und das scheint mir gut zu gefallen. Wenn also „The Broadsword…“ das Helle ausdrückt, etwas verträumter, aber nicht weniger verspielter ist, dann ist „Under Wraps“ in aller Deutlichkeit der dunklere Gegenpart.

Das Album löst in mir etwas aus, was der Vorgänger und Nachfolger so nicht schaffen. Die Band nimmt sich einem Sound an, der nicht weiter entfernt liegen könnte. Und trotzdem machen sie sich den Sound völlig zu Eigen und basteln, zumindest für mich, ein wirklich überzeugendes Album, das so viel Verspieltheit in sich trägt, dass mich an viele gute Taten in den früheren Tage erinnert. Würde man dieses Album durch einen Filter jagen mit dem Prompt, das Album nach klassischen 70er Tull klingen zu lassen, ich wäre überzeugt davon, die ganzen Spielereien an den Synthies und Effekten würden viel mehr Wertschätzung erfahren. Und somit ist das Album für mich die beste Verschmelzung, die der Band in den 80ern gelungen ist. Die Flöte hat sogar viel mehr Einsatz als auf dem Vorgänger, und zwar in den richtigen Momenten und völlig überzeugend in diesem Soundgefüge, was ich so auch nicht für möglich gehalten hätte.

Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen, ob man so etwas auf einem Jethro Tull Album hören möchte. Und das bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Mir gefällt es aber besser als das, was danach kam, denn anders als dort, spürte man keine Anbiederung, auch wenn man das bei der Verlagerung des New Waves Sound meinen könnte. Ian klingt wie Ian. Keine Knopfler Kopie, Keine Pepsi/Cola Lyrics und trotzdem findet er den richtigen Weg sich auszutoben, wirkt dabei aber zielgerichteter, ernster, ideenreicher und eigenständig.

Das einzige Manko: Das Album wirkt insgesamt etwas zu lang. Für mich das einzige Argument, das zählen könnte. Denn ich finde (und das wollte ich weiter oben schon erwähnen), macht die Band hier nichts anderes, als was Rush in den 80ern gemacht haben. Den Sound zu verlagern aber durch und durch nach Jethro Tull zu klingen.
Da ist es also doch wieder, der Faible für hässliche Entleins in einer Diskographie.

8,5/10
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Pillamyd
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