
Ganz objektiv betrachtet, mag dem einen die zunächst recht spannungsarmen Arrangements aufstoßen oder sich aufgrund der musikalischen Bedächtigkeit an eingeschlafene Füße erinnert fühlen. Tenhi gehen m.E. aber, und das versuche ich jetzt möglichst unprätentiös zu konnotieren, mehr eine geistige Wirkung, die sich weniger in der Musik als vielmehr über die eigenen Gedanken äußert. Wer es also schafft sich voll und ganz auf die Musik einzulassen, mag vielleicht einen ganz anderen Eindruck der Band gewinnen. Sonst wirkt es u.U. doch reichlich unspektaktulär auf den geeigneten Hörer. Hört ihr also in die folgenden Beispiele rein, schließt die Augen und konzentriert euch ganz auf die Musik. Tenhi ist nicht einfach zu erobern, wenn man beabsichtigt, tiefer in die Materie einzudringen und den hinter den oberflächlichen Schönklang zu blicken.

Den Grundstein legte die Band Ende des Jahrtausends mit "Kauan". Tenhi ist übrigens interessanterweise eine Band, die meiner Meinung nach, mit jedem Album besser wurde. Eine seltene Erscheinung, auch wenn mir viele Fans der Band hier widersprechen würden. Jedenfalls, "Kauan" zeichnet sich durch songdienlicheres Songwriting, als man es später von der Band kennenlernen wird. Die Songstrukturen und Harmonien sind verhältnismäßig simpel und in Songs wie 'Hallavedet' finden sich auch noch Synths, die so prägnant in späteren Album auch nicht mehr eingesetzt werden. Auch wenn ich das Album wirklich gut finde, fehlt mir hier der herausragende und besondere Aspekt und die Möglichkeit, tiefer in die Musik einzutauchen. Gerade das eben verlinkte 'Hallavedet' und das banale 'Lauluni Sinulle' (von vielen mir unverständlicherweise als DER Tenhi-Song angepriesen) sind für mich echte Skip-Kandidaten, da sie meines Erachtens nichts auszudrücken vermögen.
Das auf diesem Album aber auch schon echte Goldstücke zu finden sind, beweist das instrumentale 'Etäisyyksien Taa', das durch sein mantrisch-ausdrucksstarkes Violinen-Thema eine unausweichliche suggestive Anziehungskraft aufbaut, die trotz aller Schwermut und Gezogenheit eine helle Aura der Hoffnung ausstrahlt. Auch die abschließenden Songs 'Taival' und 'Soutu', welche überwiegend klaviergetragen sind, beweisen die umwerfende Aussagekraft, die mit wenigen, aber weise gewählten Tönen erreicht werden kann. Insgesamt ist das Album für mich wegen der zwei oben genannten Songs eine zwiespältige Angelegenheit, das aber durchaus in der Lage ist, aufzuzeigen, wohin die Reise gehen wird.

Das darauf folgende Album "Väre" geht einen Schritt weg von Debüt und orientiert sich stärker an schamanischer und ritueller Musik. Der Brummgesang findet verstärkten Einsatz und auch Maultrommen, Didgeridoo sowie hypnotische Trommeln werden stärker in das Soundgeflecht eingewoben. Wo "Kauan" noch eingängig und beinahe konventionell war, ist "Väre" sperrig, unnahbar und setzt auch die Stille als charakteristisches musikalisches Stilmittel ein (wie z.B. in 'Tenhi' oder 'Varis Eloinen'). Dennoch ist die Dynamik dieses Albums atemberaubend, da von, für Tenhi-Verhältnisse sehr kraftvollen Songs wie 'Jäljen' bis hin zu bedächtigen und chorgetragenen Titeln wie 'Kuoleessi Jokeen' eine hohe Bandbreite abgedeckt wird.
"Väre" ist eines der beiden unsterblichen Klassikeralben, die Tenhi meines Erachtens herausgebracht hat. Das Album ist ein in sich stimmiges und schlüssiges Gesamtkunstwerk; die Übergänge sind fließend. Und auch die Klimax, zumindest meine ich diese wahrzunehmen, über die Albumdistanz ist atemberaubend und findet in bereits verlinktem 'Kuoleessi Jokeen' ein herzzereißendes Ende.

"Airut: Aamujen" ist eigentlich kein Album von Tenhi, sondern des Nebenprojektes HARMAA. Man entschloss sich aber, dieses Album unter dem Namen Tenhi wiederzuveröffentlichen, um den Bekanntheitsgrad auszunutzen. Besetzungstechnisch sind Harmaa und Tenhi identisch. Dennoch unterschiedet sich die musikalische Ausrichtung etwas. Die Songs sind direkter und basieren deutlich mehr auf dem Piano. Zudem auch ein Schwerpunkt im Wechselspiel zwischen männlichem und weiblichen Sang gesetzt wurde. Nichts desto trotz ist dieses Album ein Kleinod, dass es geschafft hat, mich auch nachhaltig sehr zu beeindrucken. Maßgeblich daran beteiligt ist auch die generell etwas positiver anmutendere Atmosphäre der Songs, wie z.B in 'Seitsensarvi'. Dennoch finden sich auch eher dramatischere und düstere Songs wie 'Lävitseni Kaikkeen' (dieses Pianomotiv bringt mich regelmäßig um den Verstand) und ganz besonders 'Oikea Sointi' oder 'Saapuminen'.
Auch wenn "Airut: Aamujen" etwas vom gänigen Sound der Band abweicht, würde ich es beinahe jedem als Einstiegsalbum empfehlen. Zum einen, weil hier direkter gearbeitet wird, ohne in Banalitäten zu verfallen und auch weil dieses Album einfach von absolut hochwertiger Qualität geprägt ist. Zudem dürfte es auch das musikalisch vertrackteste und "progressivste" sein, was man an Songs wie 'Hiensynty' festmachen kann und das ist hier im Forum ja ein gern gesehenes Attribut.

Ja... wie sehr ich dieses Album verehre, sollte ja mittlerweile keine Überraschung mehr sein. "Maaäet" ist seit Erscheinen definitiv mein meistgehörtestes Album, das mich mit jedem Durchlauf weiterhin beeindruckt, emotional mitreisst und zutiefst berührt. Praktisch jeder Song ist für mich mit einer Emotion, mit einem Geschehniss oder Gedanke gekoppelt. Wenn es ein Album gibt, das mich ausdrückt, dann ist es eindeutig das. Sei es 'Kuulut Kessiin', welches mich in einer überwältigenden Schneelandschaft zu Tränen gerührt hat oder 'Maa Syytty', das mich jedesmal in eine Art Wachkoma versetzt und ein musikalisches Äquivalent zu einem Stillleben darstellt, dieses Album ist an gängigen Maßstäben für mich einfach nicht mehr zu messen. Das viele Leute sehr enttäuscht von "Maaäet" waren, führe ich auf die anfangs erläuterte unspektakuläre Ader der Songs zurück, was sich in diesem Album noch viel drastischer wiederspiegelt, als in seinen Vorgängern. Und ich kann auch gar nicht genau sagen, warum dieses Album in der Lage ist, mich in einer derart entrückte Stimmung zu versetzen. Maaäet ist Kunst pur, in seiner wahresten Bedeutung... provozierend, inspierend, auf manche abstoßend, auf manche emotional einnehmend. Maaäet ist das perfekteste Album, das ich kenne und ich bin mir sicher, dass es dies in meinen Augen auch immer sein wird.
'Rannalta Haettu'
'Vähäinen Violetissa'
Neben der musikalischen Komponente haben Tenhi auch schon immer ein enormes Maß an Ästhetik bei ihren Tonträger-Veröffentlichungen gezeigt. Unkonventionelle Booklet-Größen und Layouts gehen Hand in Hand mit ausgewählten Zeichnungen, passend zu den Songtexten und Stimmungen. Ein weiteres großes Plus sind die herausragenden Übersetzungen der finnischen Liedtexte ins Englische, die im Booklet zu finden ist. Und das schönste daran ist, dass die Band sehr bodenständige und freundliche Menschen sind, die zwar ihre Musik sehr ernst nehmen, sich aber deswegen nicht vom Boden lösen. Jede Verbeugung, die ich dieser Band entgegen bringen könnte, wäre nich tief genug, kein Wort gut genug. Tenhi sind für mich ein wahrgewordener Lebenstraum in musikalischer Form. Und dieser kleiner Tribut ist das Mindeste, was ich dieser Band zurückgeben kann.

