Zunächst mal zur Gruppe. Die Dame und die Herren nennen sich Bridge City Sinners, ob die Gruppe wirklich dort ihren Anfang nahm, weiß ich nicht, auch nicht, ob ein Teil der Mitglieder dort wohnt, meine aber, neulich in einem Interview gehört zu haben, dass zwei der Mitglieder in Portland wohnen, also nicht ganz Texas.

Hier wäre jetzt der Ort, um den Musikstil zu benennen, das fällt mir allerdings schon einigermaßen schwer. Ich habe Bezeichnungen wie "Alternative Country" gelesen, ihr Label Flail Records hat wohl vor allem Folk Punk im Angebot, ich habe etwas den Verdacht, dass sich die Band auch in dem Rahmen sieht. Die Instrumentierung ist allerdings eher in Richtung Bluegrass anzusiedeln, das heißt dominant Banjolele, Banjo, Resonator Guitar, Upright Bass, Fiedel, Mandoline, Akustikgitarre, auf früheren Alben auch mal Oboe(? verwechsel die gerne mal mit Klarinette beim Hören, also ich lege keine Hand in's Feuer). Musikalisch geht die Band allerdings meist mit einer gehörigen Portion mehr Schwung und Heftigkeit zu werke, als die vereinzelten Bluegrass-Sachen, die ich bisher kenne, vielleicht also doch Punk. Auf dem jüngsten Album, auf das ich nachher noch detaillierter eingehen werde, ist noch eine ganz schön dicke Portion "Gothic"-Vibe dazu gekommen.*
Den Gesang übernimmt zu 99% Frontfrau Libby Lux, die auch Banjo(lele) und Mandoline spielt, teilweise durch Hintergrundgesang der Männer unterstützt, seltener auch mal mit gleichgestelltem Gesangspartner.
Ich weiß nicht mehr, wann genau mir die Gruppe bei YouTube über den Weg gelaufen ist, ist jedenfalls schon eine Weile her, dürfte damals gewesen sein, als ich etwas im Punk gestöbert habe, bzw. während meiner Dropkick Murphys Recherche, also schätzungsweise vor ein paar Jahren. Ich war damals schon ziemlich begeistert, auch durch die, insbesondere Libbys, Präsenz bei Live-Aufnahmen/Studiovideos, allerdings hat es da nicht dazu gereicht, dass ich ernsthaft nach Bezugsquellen gesucht habe. Vor ein paar Wochen ist mir bei YouTube dann allerdings erneut aus heiterem Himmel ein neues Video zu ihrer 2021er Platte "Unholy Hymns" unter geraten, und hatte mich tatsächlich direkt am Haken, der massive Gothic-Anteil war offenbar genau das, was fehlte, um mich über die Kante zu schubsen. So habe ich mir dann auch direkt beim Schweizer Merchpartner der Band direkt alle drei verfügbaren CDs bestellt. (Die selbstbetitelte Demo (2016), das erste Album "Here's To The Devil" (2019) und eben das aktuelle Album "Unholy Hymns" (2021). Leider alle in sehr spärlicher Verpackung, Demo und '21er Album gar nur in Papphüllen ohne weitere Info als das Tracklisting, "Here's To The Devil" wenigstens in einer Klapphülle, so dass innen dann auch die Musiker gelistet sind. (Dort noch Sieben derer, heute scheinen sie zu fünft unterwegs zu sein.))
So, nun also zum Anlass dieses Threads.
Das aktuelle Album nennt sich, wie gesagt, "Unholy Hymns", ist mit einer guten halben Stunde knackig kurz und hat es, für meinen Geschmack, echt in sich. Auch wenn die Musiker allesamt echt was auf dem Kasten haben, stechen für mich doch Libbys phantastischer Gesang, >>Lightning Luke<<'s (großartiger Künstlername
) teils echt mega schnelle Fiedel und tatsächlich der zum Teil wunderbar blubbernde Upright Bass noch etwas hervor.Die erste Hälfte des Albums ist stilistisch noch sehr nah am bisherigen Material der Band, ich finde jedoch, dass man, selbst beim swingenden Opener "The Devils Swing", schon etwas mehr "Schwere" spüren kann, als bislang. Es würde mich auch tatsächlich nicht wundern, wenn die Band auf diesen ersten Metern einige Neugierige hier bereits verlieren könnte, da das doch musikalisch ziemlich weit weg vom sonstigen Beuteschema hier im Forum ist. Song Nummer 2 allerdings sollte den meisten schon deutlich besser rein laufen, denn "Rock Bottom" ist schon der erste meiner Höhepunkte, musikalisch getragen, Libby erzählt etwas von Süchten, Rückfällen und wie man (nicht) auf die Nase fällt ''The is no rock bottom for me'', nur am Ende auf die Zeile ''Rock bottom's only six feet deep''. Der Song zeigt auch direkt schon Libbys gesangliche Klasse ziemlich gut auf. Passend dazu geht es textlich in "Departed" damit weiter, dass sie sich nach ihrem Ableben keine großen Sorgen mehr macht, musikalisch ist man hier wieder sehr viel typischer und folkiger unterwegs, also bitte nicht abschrecken lassen, ein bisschen bleibt es noch in dem Bereich.

Auch "Pick Your Poison" ist klar im folkig countryesquen Bereich zu verorten, der Songtitel ist, auch im Kontext der vorherigen Stücke, wohl selbsterklärend.
So, jetzt bitte anschnallen, der Steigflug beginnt. Zum nächsten Stück gibt es eines der beiden bislang produzierten Musikvideos des Albums. "Devil Like You" erzählt eine, recht typische, Femizid-Story, hier dann sogar zweistimmig (leider kann ich den männlichen Gesangspartner zur Zeit nicht benennen), ein junges Paar, frisch verheiratet, der Bräutigam mit Tötungsabsicht (die er auch umsetzt). So abgewetzt die Thematik auch ist, finde ich das musikalisch doch echt prima umgesetzt. Weiter geht es dann mit dem, für mich, ersten Zehner des Albums (tatsächlich würde ich, stand jetzt, habe das Album ca. zehn mal gehört, ab hier alle Stücke mit der Höchstnote ehren). "Love Of Mine" kommt aus der Sicht einer untreuen Partnerin, die einfach nicht davon abkommt, ausserhalb ihrer eigentlichen Liebesbeziehung zu wildern, und ihre(r/m) Geliebte(n/m) schließlich gesteht, wie es um sie steht. Ganz groß hier die wiederkehrenden Breaks, in denen dann nur der Bass vor sich hin wummert und blubbert, dass es eine wahre Wonne ist.
Das war jetzt ungefährt die Halbzeit des Albums und wir gelangen zu meinen beiden Lieblingsstücken. Zum einen scheint die Band eine gewissen Vorliebe zu Tolkien zu haben, zum anderen kommen hier plötzlich neue Stilelemente dazu. "The Legend Of Olog-hai Pt.1" und "~ Pt.2" werden plötzlich auch ausgiebig mit Growls und Screams verziert, dazu ist die Fiedel, eigentlich sollte ich sagen "sind die Streicher", viel breiter angelegt, so dass ich beim Hören teilweise echt die Assoziation hatte, als hätte sich der Theatervorhang noch weiter geöffnet. Libby erzählt von der Legende der Olog-hai die aus den Bergen und Wäldern kommen Schrecken verbreiten, 1A Tolkien eben, ein Hoch auf die Trolle! Für mich sind die beiden Songs absolute Filetstücke und entwickeln teils eine Heftigkeit und Heaviness, die selbst bei (Folk) Metalbands nicht immer so einfach aus dem Ärmel geschüttelt werden! (Wohlgemerkt, ohne elektrisch Instrumente oder Schlagzeug!)
"The Fear" beschreibt anschließend die Flucht vor den eigenen Ängsten, sowohl im übertragenen als auch tatsächlichen Sinne, wieder sind Growls und Screams am start, die dem Text an passender Stelle die richtige Gravitas verpassen, dazu kommt, dass Banjo, Gitarren und insbesondere Lukes Fiedel teils in einer echt beeindruckenden Geschwindigkeit durch die Gehörgänge jagen, getragen von einem schön pumpenden Bass!
Bei "The Damned" nimmt die Band die Geschwindkeit dann zunächst wieder zurück, nur um im weiteren Verlauf wieder zu explodieren, aber erst nachdem die Rhythmusabteilung und Fiedel eine breite Leinwand gestrichen haben. Großartig, wie Libby in den schnellen Parts zwischen Screams und Gesang wechselt und wirklich gut ihre Gehetztheit und Verzweiflung unterstreicht, während sie in den langsamen Abschnitten beinahe schon wehklagend wirkt, ganz großes Kino!
So, nun sind wir auch schon am Ende angekommen, der Titelsong ist das besagte Video, was mich zurück zur Band gebracht hat, und mit vier Minuten auch das längste Stück des Albums. Das Tempo ist hier durchgehend getragen, sowohl die Saiten als auch Libbys vermögen dennoch großartige Akzente und Betonungen zu setzen. Inhaltlich beschäftigt man sich offensichtlich damit, dass man mit der Bibel nichts am Hut hat und auch keine Bekehrung wünscht. "Matthew, Marc, Luke and James; it's time to march the saints to their graves; it's me against the world in this fable; which one is Caine and which one is Able? I'll be fine, don't pray for my sins. I'm going down, singing unholy hymns" (die Lyriks werden Libbys intensiver Darbietung nur teilweise gerecht, anhören!)
So. Wie bereits gesagt, für mich sind ab "Love Of Mine" im Grunde alles Zehner, und diese gehören für mich eindeutig mit zur besten Musik, die ich in den letzten Jahren gehört habe! Wer keine ausgeprägte Country/Bluegrass/Folk Allergie hat, sollte wirklich mal reinhören. Vielleicht verliebt sich ja doch noch jemand!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Musiklinks:
Zu "Unholy Hymns":
The Legend Of Olog-Hai Pt.1 (nur Musik, ohne Video)
The Legend Of Olog-Hai Pt.2 (nur Musik, ohne Video)
Unholy Hymns (offizielles Video)
Rock Bottom (Live Performance @ Flail Records)
Devil Like You (offizielles Video)
Weitere gute Stücke (älter, etwas mehr Folk/Country als die Hymnen):
St. James Infirmary (Killingsworth House Live Session) [mit Klarinette/Oboe(???), bitte kläre mich mal wer auf
]Song Of The Siren (Live Video Session)
Witches' Wrath (Bridge City Sessions Live)
*edit:
PS: Ich Esel hätte vor dem Schreiben nochmal auf der Homepage nachschauen sollen. Zitat:
From the misty, pine-covered hills of the Pacific Northwest hail the Bridge City Sinners, who span the continuum from prohibition era jazz to Appalachian death folk. This traditional string band line up bends the meaning of the word genre, playing festivals from Punk Rock Bowling, to Muddy Roots, to Oregon’s Bluegrass String Summit.
https://www.bridgecitysinners.com/

Photo by @bryon.jeremy (Instagram)
