Roots, rotting roots... - Postpunk

Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Eike » Donnerstag 23. Mai 2013, 15:43

Jesus hat geschrieben:
salisbury hat geschrieben:Was soll nun "Post-Punk" schon wieder sein.



Eike, erklärst Du Sally mal schnell, was Post-Punk ist? ;)



Alles, was nach Punk kam und keiner mehr war:

Britney Spears, Justin Bieber, Die Toten Hosen...

Naja, nicht ganz.

Eine Sammelbeckenbezeichnung für Bands, die die D.I.Y.-Attitüde der Punks für sich nutzbar machten, teilweise auch der Punk-Szene entstammten, aber sich weigerten, sich den ungeschriebenen Regeln der beginnenden Genrefizierung zu unterwerfen, bzw. die von vorneherein nie so richtig in die nun immer enger werdende Definition hineingepasst hatten. Soundtüftler, Freaks, Sammler und Jäger von Einflüssen aller Art, vom Establishment nicht gewollte oder verstandene oder verstanden werden wollende Künstler, Gegenkunst zum damals Üblichen, die das machten, was durch Punk im Pop plötzlich denkbar wurde - und noch nicht von Trendscouts (Stichwort: NDW) okkupiert war. Gibt da zwei Publikationen, die einen hübschen Überblick liefern:

Simon Reynolds "Rip It Up And Start Again"

Frank Apunkt Schneider: "Als die Welt noch unterging" (da geht's eigentlich mehr um Punk, mit Schwerpunkt Deutschland, aber mit Ausblick über den Tellerrand)
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Eike » Donnerstag 23. Mai 2013, 16:00

was durch Punk im Pop plötzlich denkbar wurde

Ich zitiere hierzu einfach mal zwei Passagen aus meinen Rezensionen zu den Büchern von Schneider und Reynolds:
Eike über Schneider hat geschrieben:Unter dem Stichwort ‘Niedrigschwellige Ästhetik’
wird abgehandelt, worin auch ein wesentlicher Unterschied zwischen straightem Rock / Rock ‘n’ Roll und seiner Gegenbewegung lag: “Das Masseninstrument der Neuen Wellen schlechthin”, der Synthesizer, “befreite von der Entfremdung durch Arbeit am Bandsein.” Der Künstler als Einzelperson rückte in den Vordergrund, was sich szenedynamisch auch auf Gruppen auswirkte, die gar nicht mit ihm arbeiteten: Es genügte, dass die Vorherrschaft der Vorstellung vom zünftigen Bandmitglied gebrochen war. Ähnlich ermöglichte die Loslösung von traditionellen Instrumenten und ihrer vordem zwingend notwendigen, mühselig zu erlernenden Beherrschung nicht nur das Sampeln von synthethisch erzeugten Tönen, sondern bewirkte auch eine “ungerichtete Aggression der befreiten Geräusche” insgesamt. Hierin hoben sich die neuen Wellen von jener Art des Punk ab, der mehr oder weniger traditionelles Musikantentum lediglich mit einer programmatischen Anti-Haltung verband; dessen Feindbildtexte auch bloß Negative des Altbekannten waren, und der musikalisch bieder dann eben doch wieder (wenn auch limitiertes) Können und Virtuosität-als-ob einforderte.

Frank Apunkt Schneider formuliert es ganz radikal: ”Das Politische von Punk lag nie in seiner mal besser (CRASS), mal schlechter (DAILY TERROR) durchdachten Institutionenkritik begründet, sondern darin, organlos, unkontrollierbar, streuend und giftig Geräusch zu produzieren, das keinen bekannten diskursiven Spielregeln folgte, aber auch nicht völlig willkürlich war, sondern in zahllosen möglichst fremden, seltsamen und schwachsinnigen Konzepten organisiert war, die sich kraft ihrer Fremdheit dem Zugriff der bürgerlichen Welterklärungsinstanzen, dem Sinnknast entzogen. ‘Alien Culture’ hieß dieses Geräusch bei THROBBING GRISTLE.”

Eike über Reynolds hat geschrieben:Der rote Faden dieser Erzählung ist das facettenreiche Kontinuum einer Reihe von Künstlern, Musikern, Managern und Musikjournalisten, die – beflügelt von der durch die Punkbewegung ausgelösten Aufbruchstimmung des Do-it-yourself-Spirits und des Ausbruchs aus formalisiserten musikalischen Traditionen – begannen, unter bewusster Vermeidung überkommener Rockstrukturen mit neuen technischen Möglichkeiten sowie mit neuartigen bzw. gänzlich ohne (formelle) Spieltechniken herumzuexperimentieren. Da die Protagonisten dieser heterogenen Szene(n) eine Vielzahl von musikalischen bzw. künstlerischen Ansätzen aufweisen, deren einziger gemeinsamer Nenner der bewusste Bruch mit der bisherigen Musikgeschichte inklusive des sich zunehmend formalisierenden Punkgenres war (welches in seiner Rolle als zum Rock ‘n’ Roll zurückkehrende Strömung bzw. als Fortsetzung des R ‘n’ R mit anderen Mitteln zum Teil bewusst abgelehnt wurde), ist der Untertitel des Buches “Postpunk 1978-1984″ eine durchaus treffende Bezeichnung. In der zweiten Hälfte der Achtziger wurde die anfangs noch konsequente Absetzung von den Traditionen des Rock und Pop dagegen kontinuierlich schwammiger bzw. unwichtiger. Doch bereits in den Anfängen der Postpunk-Szene(n) lassen sich erste Wurzeln solch unterschiedlicher Genres wie Synthpop, Industrial, Gothic, EBM und Alternative Rock ausmachen.
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Eike » Donnerstag 23. Mai 2013, 16:02

Ach ja, und da oben THROBBING GRISTLE erwähnt wurde, darf Jesus zu denen gerne noch was nachliefern... ;-) (Wie Du mir "ping" so ich Dir "pong", mein Lieber!)
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Jesus » Donnerstag 23. Mai 2013, 16:05

Die spielen aber Industrial wie COIL oder NURSE WITH WOUND — was zwar aus dem Post-Punk hervorging, aber hier nicht mehr hingehört ;)
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Eike » Donnerstag 23. Mai 2013, 16:15

Kommt drauf an, wie eng oder weit man den Begriff auslegt.

Es gibt Leute, die zählen Heavy Metal ganz selbstverständlich als Pop-Bestandteil mit.

Oder DIE TOTEN HOSEN als Punk. Oder INTERPOL als Postpunk.

salisbury hat geschrieben:INTERPOL - Our Love To Admire---> "Post-Punk" soll das sein :-S . Ich höre melancholischen Alternative-Rock. Was soll nun "Post-Punk" schon wieder sein. Sowas...
Das ist zweite Welle, oder eher PP-Revival, oder noch eher PP-Zombietum, wenn man mich fragt.
Dr. Best hat geschrieben:Was ist denn nun an INTERPOL Post-Punk, ich hab die als recht lupenreine Indi-Band mit ein paar postrockig-alternativen Momenten abgespeichert? Oder habe ich Quark im Hirn, musikalische Entwicklung verpasst, schräge Öhrlein?
Nö, Du hast sogar bessere Öhrchen als die Marketingabteilungen, die das unter PP verhandeln, weil es dann hipper klingt. ;-)

Man muss es aber nicht so engstirnig sehen wie ich - sondern sanftere Kritik an derlei Klassifizierungen bzw. Gleichsetzungen üben. Nochmal unter Bezug auf Reynolds:

Im weiteren Verlauf der Musikgeschichte sei diese dann zunehmend im Zitatewust der Postmoderne auf- bzw. untergegangen, wohingegen die ursprüngliche Rolle des (Post-)Punks als musikalische Revolutionsbewegung (nach Malcolm McLaren, den der Autor durchaus als ambivalente Figur beschreibt) um die Mitte der Achtziger herum schließlich vom Hip Hop übernommen worden sei. Den heute vom Postpunk beeinflussten oder inspirierten Bands attestiert Reynolds im Nachwort eine oftmals großartige, aufregende und erfreulich verstörende Art, die Klänge seiner Jugend wiederaufleben zu lassen. Auch sprängen sie auf die Aura der Dringlichkeit und des missionarischen Eifers an, von der die Musik dieser Ära durchdrungen gewesen sei, und das, ohne notwendigerweise viel über den damaligen Kontext solcher Bands zu wissen. Doch obwohl der weitere Kontext damals wie heute von geopolitischem Tohuwabohu und einem reaktionären backlash mitbestimmt sei, zweifelt Reynolds am Feuer der Neopostpunkbands und ihrem augenscheinlich fehlenden Willen zum Widerstand.


Für mich ist INTERPOL einfach eine Rockband, die möglicherweise vom Postpunk beeinflusst wurde.
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Jesus » Donnerstag 23. Mai 2013, 16:21

Mit INTERPOL bin ich zwar nicht vertraut, aber einige Bands aus dem gern so bezeichneten Post-Punk-Revival wie WHITE LIES oder JOYCE HOTEL würde ich durchaus unter dem Begriff einordnen. Auch wenn bei denen der DIY-Ethos und der ganze rotzige Punk-Spirit zugunsten von glänzenden Produktionen und teuren Musikvideos aufgegeben wurde. Aber man hört sicherlich noch die Keimzellen der Urväter wie THE SOUND, JOY DIVISION und THE CHAMELEONS heraus.
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon enemy-of-reality » Donnerstag 23. Mai 2013, 16:27

frankjaeger hat geschrieben:Briefträger mit Iro, was sonst?


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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon salisbury » Freitag 24. Mai 2013, 20:05

Vielen Dank für die Aufklärung, ihr seid wirklich spitze!

Na dann glauch ich, ich mag Post-Punk. Obwohl mir das stinkt. Ich hasse Punk (politisch wie musikalisch...)
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Holger Andrae » Freitag 24. Mai 2013, 21:05

salisbury hat geschrieben:Vielen Dank für die Aufklärung, ihr seid wirklich spitze!

Na dann glauch ich, ich mag Post-Punk. Obwohl mir das stinkt. Ich hasse Punk (politisch wie musikalisch...)


Wie gut, dass wir uns nicht vor 20/25 Jahren kennen gelernt haben.
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Re: Roots, rotting roots... - Postpunk

Beitragvon Jesus » Freitag 24. Mai 2013, 21:09

Wieso? Hättest Du damals Klein-Sally seinen Lutscher weggenommen?
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