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KreatorRe: KreatorDas Album scheint echt zu polarisieren. Bei Plattentests.de gibt es 8/10 vom Redakteur aber (Stand jetzt) bloß 4 von der Leserschaft.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Re: Kreator
Dazu mal der Versuch ein paar Antworten aus dem Gedächtnis zu puhlen: 01. Diese Frage lässt sich damals wie heute wohl ähnlich beantworten. Es gab schon immer Underground-Freaks, die automatisch im Underground nach ihrer Musik gebuddelt haben und die Spaß daran hatten Teil einer aktiven Underground-Szene zu sein, inklusive dem damaligen postalischen Austausch. Das ist heut auch kaum anders, obwohl es viel (!) einfacher ist, den Underground zu entdecken. Aber das steht auf einem ganz anderen Blatt. Zurück in die damalige Zeit. Man hört und liest ja heute oft und gern, es hätte in den 90ern keinen guten Heavy Metal gegeben, was unter anderem daran gelegen haben soll, dass Grunge diesen getötet haben soll. Das ist natürlich sehr kurzsichtig betrachtet, denn nur weil die kommerziell goldenen Jahre (Achtung: Das war der Maintream, ihr Nulpen!) vorbei waren und Labels, Radios und Presse jetzt auf Seattle-Geschrammel standen und dort ihre Gelder hin verpusteten. Es gab noch ausreichend viel tollen Heavy Metal, den man nur etwas länger suchen musste. Hinzu kamen für unverscheuklappte Ohren natürlich solche neuen Klänge wie Tribe After Tribe oder Last Crack. 02. Das kann ich nicht beantworten, weil ich nur selten eine wirklich tiefe Bindung zu einer dieser großen Bands hatte. Da war mein Herz immer deutlich enger mit unbekannten Truppen verbandelt. Als Maiden anfingen mit Gitarren-Synthies ihre Zeit zu verplempern, war ich so geschockt, dass ich sogar diese Platten erstmal schlimm fand. Priest hatte mt "Turbo", "Ram It down" und dann "Painkiller" bei mir kurz auch mal verkackt und weiter große Namen spielten bei mir damals kaum eine Rolle. 03. Die Frage erschließt sich mir nicht ganz. Ich hatte es als Schüler/Ziwi/Azubi auch nicht Dicke und die Mittel für Post (Briefmarken) und Fanzines war immer da. Oder was genau meinst Du da? Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Re: KreatorDanke erst einmal für deine Überlegungen. Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht und möchte Punkt für Punkt darauf eingehen:
Frage 1: Waren die Metal-Fans damals vielleicht nicht bereit, tief genug zu graben?
Ich kann deinem Punkt grundsätzlich folgen, gerade was die Rolle der aktiven Underground-Sucher angeht. Dass es diese Leute immer gab und dass man auch in den 90ern großartige Musik finden konnte, steht für mich außer Frage. Die Verkürzung „In den 90ern gab es keinen guten Metal“ halte ich selbst für falsch und bequem. Mein Gedanke zielt allerdings auf eine etwas andere Ebene. Mir geht es weniger um die ohnehin vernetzten Szene-Insider, sondern um die Fans zwischen den Polen: Menschen, die emotional stark an ihrer Musik hingen, die Sehnsucht nach Neuem hatten, aber keinen Zugang zu den entsprechenden Kanälen. Keine Fanzines, kein postalischer Austausch, kein Umfeld, das Orientierung bot. Der Underground war da – aber er war nicht für alle gleichermaßen erreichbar. In dieser Lücke zwischen „Es gibt Wege“ und „Ich finde sie nicht“ entsteht aus meiner Sicht viel Frust, der sich dann weniger in differenzierter Kritik als in pauschalen Begriffen wie „Mainstream“ oder „Sellout“ entlädt. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass die Grenzen schwer zu ziehen sind, von wem dieses Meckern konkret kam. Ich nehme deine reflektierte Haltung da auch wahr, gerade wenn du sagst, dass sich heute wieder unsinnige Vermischungen von „Mainstream“ mit „gefällt mir nicht“ oder „Stilwechsel“ häufen. Mir geht es dabei auch nicht darum, Bands nach Mainstream-Kriterien zu bewerten. Der Begriff interessiert mich eher als Symptom denn als Kategorie. Deshalb versuche ich, diese Diskussion weniger moralisch und mehr sozial-emotional zu betrachten: Wer fühlte sich verloren, wer abgeholt, wer überfordert? Und wie haben sich diese Gefühle sprachlich entladen? In diesem Kontext taucht „Mainstream" für mich eher als Projektionsfläche auf – nicht als präzise Beschreibung von Musik. Frage 2: War die Bindung zu den alten Helden so stark, dass eine Abgrenzung schwer fiel?
Das kann ich gut nachvollziehen – wenn die emotionale Bindung ohnehin stärker bei unbekannteren Bands lag, ist der Bruch bei den „großen Namen“ natürlich weniger existenziell. Deine Beispiele mit IRON MAIDEN oder der Phase bei JUDAS PRIEST zeigen ja auch eher Irritation als Identitätskrise. Was mich dabei aber noch interessiert – weniger aus deiner persönlichen Bindung heraus, sondern aus der Beobachterrolle: Hast du damals in deinem Umfeld, in der Presse oder in Gesprächen Reaktionen wahrgenommen, bei denen genau diese starke Identifikation mit den alten Helden spürbar wurde? Also Enttäuschung, Abwehr oder sogar Wut, die weniger mit der Musik selbst als mit einem Gefühl von „das war mal unsere Band“ zu tun hatte? Mir geht es bei der Frage weniger um individuelle Hörbiografien, sondern um die Atmosphäre jener Zeit – und da bist du ja trotzdem mittendrin gewesen. Natürlich musst du hier keine einzelnen Personen nennen oder private Details preisgeben – mir geht es wirklich nur um Beobachtungen und Wahrnehmungen aus der damaligen Szene. Du musst diesen Part also nicht beantworten, wenn es dir zu persönlich erscheint. Frage 3: Oder waren die Mittel schlicht nicht da, um selbst aktiv neue Wege zu entdecken?
Gute Nachfrage – vielleicht habe ich „Mittel“ zu unscharf formuliert. Mir ging es weniger um Geld oder die reine Möglichkeit, Porto und Fanzines zu bezahlen. Sondern eher um die Frage, ob alle Fans damals dieselben Voraussetzungen hatten, neue Wege überhaupt zu erkennen und einzuordnen: Wissen, Kontakte, Orientierung, vielleicht auch ein Umfeld, das Neugier unterstützt. Für manche hat das offenbar gut funktioniert – für andere möglicherweise nicht. Genau diese Unterschiede interessieren mich im Rückblick.
Re: KreatorDamit das jetzt hier keine Zitate-Mikado gibt, antworte ich mal so.
1. So ganz verstehe ich die Frage noch nicht, denn jeder hätte die Möglichkeit gehabt, diese Quellen zu nutzen. Da gab es wenig Geheimnisvolles darum, man musste nur suchen und gewillt sein, Zeit zu investieren. Fanzines gab es teilweise sogar in gut sortierten Plattenläden, Adressen zum Vernetzen in ebenjenen und sogar anfänglich auch in den großen Heften MH und RH. Damit habe ich auch angefangen. Von daher: Der Underground war von jeher für jedermann erreichbar. Von daher passt hier ja auch die Aussage, dass diese Meinung des "Mainstreams" bequem war. Die Frage, wer sich abgeholt fühlt und wer nicht, ist natürlich schwer zu beantworten, denn auch hier scheint es ja keine lineare Aussage zu geben. Wenn ich sehe, dass eine Band wie Iron Maiden wie eine Heilige Kuh jeden Stilwechsel problemlos durchziehen kann und konnte und bei anderen Bands schon eine minimale Kursänderung gleich dieses "Meckern" auslöst, kann es keine Pauschalaussage dazu geben. Vielleicht ist aber auch die Mehrzahl der Maiden-Fans nicht so emotional am Start, dass sie ihren Frust ins Netz oder die Welt posaunen. Denn hier kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel. Wer sich mehr mit Underground beschäftigt, möchte sich vielleicht auch mehr mit anderen über Musik austauschen, weil das Interesse tiefer geht. 2. Im direkten Umfeld erinnere ich mich hier eher an solche Sachen wie Saxon mit "Crusader" , Venom nach "At War WIth Satan" oder auch Tygers mit "The Cage". Das waren alles riesengroße Aufreger. Das war eher so eine Welle Mitte der 80er als HM insgesamt "größer" wurde und viele bands minimal zugänglicheres Material veröffentlichten. Exciter, Dio, Tokyo Blade, die Liste ist lang ... In der Presse gab es zwei Lager: Die großen Magazine, die das mehr oder weniger "sachlich" besprochen haben und die unendlichen Fanzines, die sich über jede Anbiederung an den neuen Markt aufgeregt haben. Dann kamen ja parallel zu den Thrash-Bands auch noch die Hairspray-Kollegen dazu, von denen eigentlich nur Ratt und natürlich Twisted Sister akzeptiert wurden. Ich selbst habe das bei keiner Band erlebt, denn alle Bands, zu denen ich einen extrem starke emotionale Bindung hatte, haben mich nie so entäuscht (oder meine rosarote Brille hat dies versteckt). Ganz schlimm war es aber in meiner Clique als Def Leppard mit "Hysteria" das schlimmste Album aller Zeiten veröffentlicht haben. Da wurden böse Briefe an den Fan Club in England geschrieben, da wurden Kutten vernichtet. 3. Darauf habe ich teils schon in Antwort 1 etwas geschrieben. Sicherlich war vielen gar nicht klar, dass es diesen Tape-Trader-Pen-Pal-Circle gab und dass Bands tatsächlich auf Briefe geantwortet haben. Aber, wer sich ein bisschen intensiver mit der Materie beschäftigen wollte, hatte alle Möglichkeiten dazu. Da es kein Netz zum Reinhören gab und man viele Sachen, die in den Magazinen angepriesen wurden, nur über die Bands selbst bekommen konnte (später gab es ja mehrere deutsche Tape-Vertriebe), war man ja quasi "gezwungen" aktiv zu werden, wenn man ein bisschen mehr wollte. Wer das nicht gemacht hat, hatte nach meinem Empfinden auch gar nicht das Interesse und Bedürfnis danach. In meiner Clique haben das irgendwie alle gemacht, einige waren auch noch in Bands, haben Konzert veranstaltet oder an Fanzine mitgearbeitet. Auf Konzerten hat man dann auch immer wieder ebensolche Fans getroffen, sodass der Schneeball-Effekt sehr schnell und effektiv war. ALs ich dann über meinen Job bei WOM noch mehr Musikverrückte kennen gelernt haben, haben die alle genau das gleiche erlebt. Also: Wer wollte, konnte. Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Re: KreatorIch glaube, wir reden hier tatsächlich auf unterschiedlichen Ebenen – und das meine ich weder vorwurfsvoll noch wertend.
Damit ich klarer werde: Mir geht es weniger darum, ob Wege grundsätzlich vorhanden waren. Mich interessiert vielmehr, wie diese Möglichkeiten aus Sicht der Fans wahrgenommen wurden, welche emotionalen Reaktionen es gab und wie sich Rückblicksperspektiven auf unsere Einschätzung der damaligen Zeit auswirken. Du beschreibst sehr nachvollziehbar die objektiven Möglichkeiten der damaligen Zeit: dass der Underground sichtbar war, dass Informationen verfügbar waren und dass man – mit Einsatz – Zugang finden konnte. Daran habe ich auch keinen Zweifel. Meine Fragen zielten allerdings weniger auf das Ob dieser Wege als auf das Wie ihrer Wahrnehmung. Also nicht: „Gab es Mittel?“, sondern eher: „Für wen fühlten sich diese Mittel realistisch oder einladend an – und für wen möglicherweise nicht?“ Ich möchte anmerken, dass ich mich an dieser Stelle etwas missverstanden fühle. Das liegt nicht daran, dass du nicht geantwortet hättest – im Gegenteil, ich schätze sehr, dass du dir die Zeit genommen hast, reflektiert zu antworten – sondern daran, dass meine eigentliche Fragestellung offenbar nicht ganz angekommen ist. Vielleicht zeigt das vor allem, wie unterschiedlich Rückblick und persönliche Perspektiven sein können. Es ist kein Scheitern der Diskussion, sondern eher ein Hinweis darauf, dass die Szene damals vermutlich sehr unterschiedlich erlebt wurde – und dass es spannend ist, diese Unterschiede besser zu verstehen.
Re: KreatorHm, ich fürchte tatsächlich, dass ich diese Frage entweder nicht gänzlich verstehe oder ganz einfach nicht beantworten kann. Vielleicht aus Betriebsblindheit. Woher soll ich denn wissen, wer sich eingeladen gefühlt hat? Für mich war das immer eher eine Frage, wer möchte sich tiefer einbringen und (mehr) Zeit investieren.
Ich finde Deine Fragen zwar spannend, weiß aber nicht so richtig damit umzugehen, weil ich natürlich nicht in die Köpfe anderer Menschen schauen kann. Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Re: Kreator
Ich glaube diese Denkweise gab es damals einfach nicht... 668 - Neighbor of the Beast
Re: KreatorJa, jetzt habe ich wirklich das Gefühl, dass wir ein Stück weit aneinander vorbeireden.
Mir ging es bei meinen Fragen nie darum, dass jemand in die Köpfe anderer schauen muss (wie denn auch?), oder dass konkrete Antworten geliefert werden. Ich hatte eher an Diskussionen oder Gespräche gedacht, aus denen solche Wahrnehmungen vielleicht sichtbar werden. Mir ging es vielmehr um soziale Schwellen, Orientierungslosigkeit, fehlende kulturelle Brücken – das „Dazwischen-Sein“, weder in der Undergroundszene noch beim reinen Konsumieren. Ich wollte nicht fragen „Gab es das?“, sondern eher: Für wen fühlten sich diese Wege realistisch, einladend oder überhaupt sichtbar an? Es ging mir um Fan-Erfahrung, nicht um die Beschreibung des Szene-Kerns. „Wer wollte, der konnte“ greift mir hier etwas zu kurz – wie war es für die, die es fühlten, aber nicht andocken konnten? Es war ein Versuch meinerseits, weil ich sofort auf diese Gedanken gekommen bin und sie unbedingt in etwas umwandeln wollte, in dem ich Potenzial gesehen habe. Aber das führt hier zu nichts. Wie auch immer, wir können es dabei stehen lassen. Es war interessant, deine Sicht zu lesen, und das reicht mir vollkommen.
Re: KreatorIch vermute, du hättest gerne auch die Perspektive von Leuten, die vielleicht in einem Dorf fern einer größeren Stadt aufwuchsen, wo sich niemand sonst für die Musik interessierte, keine Konzerte in der Nähe stattfanden, der nächste Plattenladen eher stiefmütterlich Metal zwar bestenfalls auf Anfrage bestellen konnte aber nicht im Regal stehen hatte oder Fachwissen dazu hatte - so in etwa?
Möglicherweise wäre diese theoretische Person - mangels ersten Kontakts zur Musik - erst gar nicht zum Metalfan geworden. Als es losging lief Metal ja kaum im Radio, Musikfernsehen gab es in Deutschland allenfalls in einzelnen Sendungen mit anderen Schwerpunkten, Metalbands tourten womöglich nicht durch jede Mittelstadt, für weiter entfernte Konzerte wurde vielleicht auch nicht unbedingt in sämtlichen Kleinstädten plakatiert, usw. Ich bin etwas zu jung, um das wirklich wissen und deine Fragen beantworten zu können. Aber möglicherweise könnte das eine Missverständnisquelle sein. Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Re: KreatorWir müssen das hier auch gar nicht abbrechen, denn ich finde die Gedanke ja spannend, nur bin ich aus den von Eike genannten Gründen nicht der Richtige, da ich halt diese Zugänge hatte.
Was mir in diesem Zusammenhang allerdings doch noch eingefallen ist: Der grundsätzliche Zugang war sicherlich für die meisten relativ einfach. Da musste man nur auf die Idee kommen, den postalischen Weg zu nutzen. Etwas schwieriger wurde es, wenn man richtig tief abtauchen wollte. Um zum Beispiel in die innersten Kreise des Tapetradings zu gelangen, musste man ja selbst auch Dinge zu Tauschen haben. Also Tapes, die andere nicht hatten. Da war eine eigene Quelle natürlich hilfreich. Wenn man zu diesem Kreis aus Ron Quintana, Katon DePena, Bob Muldowney, Bob Nabaldian, Doug Swalen etc. gehören wollte, brauchte man Livetapes, die diese Menschen noch nicht hatten. Das war ja quasi unmöglich, denn deren Quellen waren halt immer first hand. An dieser Stelle endete dann auch der "öffentliche und leicht erreichbare Zugang" zu dieser Szene. Ich habe eine Weile mit einem der Hauptschreiber vom Aardshok-Magazin getauscht. Seine Liste umfassten monatlich (!) mehrere Hundert Neuzugänge. Da konnte ich mit meiner Mini-Liste (20-30 Neuheiten monatlich) nicht lange mithalten, sodass sein Tauchinteresse nachließ und ich dann kaufen musste. War nicht schilmm, die Preise waren sehr fair. Zeigt aber eines: Dieser Schneeball-Effekt war immens wichtig. Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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