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von Rüdiger Stehle » Donnerstag 6. April 2017, 23:39
Dass es hier ein wenig gehakt hat, liegt nicht daran, dass ich das Projekt KREATOR aufgegeben hätte, sondern daran, dass ich mit dem Ranking ein wenig unglücklich bin, weil es irgendwie den Eindruck macht, als wäre immer die Scheibe, die gerade läuft, die beste, und nachher sieht's irgendwo aus, als wären qualitative Welten zwischen "Coma of Souls" und "Violent Revolution", was natürlich absoluter Käse ist. Außerdem sieht's so aus, als hätte die Band eher mies angefangen, wäre dann erst mal immer besser geworden, nur um ab ihrer "Rückkehr" zum Thrash Metal wieder richtig mies zu werden, was ebenso völliger Käse ist. Ich mach das mit dem Ranking noch eine Weile so weiter, aber nehmt mir das bitte nicht allzu ernst; im Endeffekt sieht's für mich einfach so aus, als wären die Scheiben der Band einfach alle auf einem sehr hohen Niveau und schenkten sich nicht allzu viel, denn das Ranking ist so dermaßen stimmungsabhängig, wie ich das in dem Maße noch nie bei einer Band festgestellt habe. Gut, auch das ist Käse, denn bei (zum Beispiel) Cirith Ungol, Manowar, Running Wild, Darkthrone und Bathory habe ich sehr ähnliche Problemchen. Ach ja, langer Rede kurzer Sinn: Weiter geht's!  "Coma of Souls" die fünfte Scheibe! Die fünfte? Irgendwie kommt es mir aus heutiger Sicht so vor, als wäre KREATOR bei Erscheinen dieses Albums schon eine alte Band gewesen. Pustekuchen! Gerade einmal fünf Jahre ist das Debüt hier alt gewesen, und musikalisch hat die Band in diesem engen Zeitraum einen nahezu irrwitzige Entwicklung durchgemacht. Inzwischen ist der Herr Schwarzfeuer von den Ruhrpottkollegen und Rivalen SODOM an Bord gekommen, und das Duo Petrozza/Gosdzik schüttelt sich einige richtig tolle zweistimmige Passagen aus den Ärmeln. Die melodisch gezupften Intros zu mehreren Stücken setzen richtige starke Hookline-Akzente, ja, mit dem Seelenkoma wird die Band noch mehr als mit allen Scheiben zuvor zur melodischen Thrash-Metal-Band, die ganz eindeutig neben den Extrempolen der NWoBHM einerseits und des Death Metals andererseits, eines der Vorbilder der kurz darauf ins Werden kommenden Melodic-Death-Szene sein wird. Thommy hat's schon in Bezug auf diese Scheibe erwähnt, dass sich einiges von den KREATOR-Werken aus dieser Phase bei späteren CARCASS findet, und ich finde auch in der Göteborg-Szene. Das ist nachvollziehbar, wenn man sieht, wie gekonnt die Jungs hier aus einem nach wie vor sehr hohen Aggressionslevel, starken Gitarrenmelodien und eingängigen Refrains ein wahres Hitfeuerwerk abfackeln, das mit Liedern wie dem Titelstück, 'Terror Zone' oder 'People of the Lie' etliche Standardwerke des Genres liefert, die auch heute noch fast jedem geläufig sind, der sich mit Thrash Metal befasst. Auch die Songs, die nicht jeder sofort nennt, wenn es um Genreklassiker geht, haben alle einen großen Reiz und das besondere Etwas, so zum Beispiel schon der Opener 'When The Sun Burns Red' mit seinen abenteuerlichen Gitarrenabfahrten und den apokalyptischen Gewitterparts und den klassisch traditionsmetallischen Zwischenparts. Das Artwork von Andreas Marschall wurde zur Ikone der Bewegung, und außerdem ist zu vermerken, dass bei KREATOR die Öffnung für melodischere Elemente nicht in eine derart mainstreamige Richtung führte, wie dies bei der einen oder anderen populären Thrash-Metal-Band zu dieser Zeit der Fall war. Das heißt nicht, dass die Entwicklungen von den anderen Bands zwangsläufig schlecht gewesen wären, doch KREATOR gelang die Weiterentwicklung und Diversifikation deutlich dichter am eigenen Stammpublikum. Dass das Album bei Musiksammler auf einen Schnitt von 9,15 Punkten kommt, und bei Metal-Archives auf 94% spricht dann doch Bände, denn bei beiden Portalen finden sich durchaus auch sehr kritische Rezensenten. Im Endeffekt ist "Coma of Souls" also wohl die KREATOR-Konsensplatte schlechthin, die sowohl den Altthrashern noch gefällt, als auch schon den Freunden der eher melodischen, neuzeitlichen Ansätze der Schöpfergesellen. Ich mag die Platte auch unheimlich gerne. Von daher ist sie dann für den Moment Mal an der Spitze der Liste... siehe oben... 01. Coma Of Souls (1990) 02. Pleasure To Kill (1986)03. Extreme Aggressions (1989) 04. Terrible Certainty (1987)05. Endless Pain (1985) 06. Violent Revolution (2001) 07. Hordes Of Chaos (2009) 08. Phantom Antichrist (2012) 09. Gods Of Violence (2017) 10. Enemy Of God (2005) ... ach ja, und "Pleasure To Kill" steigt im selben Atemzug um zwei Plätze nach oben, weil mir "Coma Of Souls" klar gemacht hat, dass "Terrible Certainty" und "Extreme Aggressions" bei aller Klasse doch auch zwei Alben waren, die im Prinzip auf "Coma Of Souls" schon eindeutig hingeführt haben, und Letzteres die Sache halt doch noch besser macht; während "Pleasure To Kill" demgegenüber doch ein Album ist, das auf sehr eigenen Füßen steht und für sich genommen einen großen Nachhall hatte und bis heute hat. Als nächstes kommt die Nagelprobe... 
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von Rüdiger Stehle » Freitag 7. April 2017, 01:32
 Die Nagelprobe! Warum die Nagelprobe? Nun, ich hab Jahre lang auf die Frage, welches meine liebste KREATOR-Platte ist, die Leute mit der Antwort "Renewal" vor den Kopf gestoßen. Vor den Kopf gestoßen deshalb, weil, glaubt man der hier einmal mehr zitierten Statistik beim Musiksammler, dann ist das gute Stück die zweitunbeliebteste KREATOR-Scheibe vor "Endorama". Für mich spielte sie eine besondere Rolle, weil der seinerzeit in den einschlägigen Metal-Formaten in Heavy Rotation befindliche Videoclip zum grandiosen Titelstück es war, der mich schließlich dazu brachte, meine erste KREATOR-Platte zu kaufen. Solche Erstkontakte haben es in sich, und führen bisweilen zu einer romantischen Verklärung eines Albums, die dann manchmal irgendwann doch dem "Test of Time" nimmer standhält. War es damals das erste, und einige Zeit das einzige KREATOR-Album meines Kosmos, so kenne ich heute derer vierzehn aus über 30 Jahren Bandgeschichte und derer 25, in denen ich mich mit KREATOR beschäftigt habe. Diese nun alle vor Augen und Ohren: Wie steht die "Renewal" heute da? Muss ich meine romantische Überhöhung revidieren, oder thront die Erneuerung nach wie vor über allem? Die Antwort fällt mir nicht leicht. Erst einmal ist zu sagen, dass der Titel des Albums programmatisch ist. "Renewal" ist wirklich eine Erneuerung des Bandsounds. Nach dem Konsensalbum "Coma of Souls" sicher für viele damals schon langjährige Fans erst einmal eine Belastungsprobe. Zum ersten Male in der Karriere der Band, würde ich von einem bewussten Stilbruch reden, zumindest von einer bemerkenswerten Revolte. Lief die Evolultion KREATORs bisher doch recht linear ab, und war sie ab "Terrible Certainty" bis "Coma of Souls" kaum mehr Evolution als vielmehr Verfeinerung, da begegnen wir auf "Renewal" doch echten Brüchen, ja, nahezu Gewaltakten. Die Tendenz, immer melodischer, filigraner, verspielter zu werden, wird fast schon gnadenlos gestoppt; das Tempo wird im Mittel unglaublich stark gedrosselt, Mille hat sein typisches Keifen, sein Trademark, angepackt und singt nun plötzlich teils cleaner, teils aber auch dunkler, roher und abgehackter; das Drumming ist dominanter, blecherner, die Snare ist kälter und das Drumming im Allgemeinen hat einen gewissen Industrial-Touch abbekommen. Passend zu einem teils öko-apokalyptischen Textkonzept, begegnen uns auf "Renewal" immer wieder ein mechanisch-maschninelles Ambiente, dezent eingesetzte, aber spürbare Industrial-Samples, dunklere, tiefergestimmte Gitarrensounds, finstere atmosphärische Parts mit cleanerem, durchaus hier und da auch mal etwas gotisch angehauchten Gesang. Trotz alledem ist KREATOR natürlich auch auf "Renewal" noch KREATOR, und die Band liefert mit dem Anfangsdoppelschlag aus 'Winter Martyrium' und 'Renewal' gleich mal zwei der besten Songs der Bandgeschichte. Hier finde ich es - ausnahmsweise! - auch sehr passend und gelungen, dass die Songs des Albums ohne hörbare Pause ineinander übergehen. Dadurch wird das Album sehr, sehr flüssig; wirkt konzeptionell geschlossen und lässt dich als Hörer ein wenig darin versinken. Manchmal entwickelt sich eine echte Trance, durch die rhythmisch-perkussiven Schwerpunkte, durch mantrische Riffs und Milles bisweilen durchaus charismatisch-beschwörende Gesangsdarbietung. So ist 'Karmic Wheel' etwa ein echtes Monster von einem Song. Auf der anderen Seite hat "Renewal" auch ein paar Stellen, die schwer zu verdauen sind, etwa das kurze Industrial-Noise-Zwischenspiel 'Realitätskontrolle', die aber durch weitere Kracher wie das leicht crustige 'Zero To None', das verhältnismäßig schnelle 'Europe After The Rain' und das abschließende im Intro sehr ruhige, allgemein etwas abgespacete 'Depression Unrest' mit seinem überirdischen Refrain wieder wettgemacht werden. Als Fazit bleibt für mich, dass "Renewal" ein Album des gezielten Stilbruchs ist, für mich aber trotzdem eine waschechte KREATOR-Scheibe mit einigen der größten Volltreffer der Bandgeschichte. "Renewal" ist teils sperrig und garstig, teils lärmig und schroff, teils atmosphärisch und dunkel, mal industriell hackend, mal coreig groovend, und natürlich auch immer mal wieder thrashend. Es ist fordernd, abweisend, einschmeichelnd und betörend zugleich. Das macht es dann auch zum abwechslungsreichsten und spannendsten Album der Bandgeschichte bis dahin. Man muss es nicht mögen, man kann es hassen. Ich liebe es nach wie vor und ich bleibe für den Moment dabei, dass es meine Lieblingsscheibe von KREATOR ist. 01. Renewal (1992) 02. Coma Of Souls (1990) 03. Pleasure To Kill (1986) 04. Extreme Aggressions (1989) 05. Terrible Certainty (1987) 06. Endless Pain (1985) 07. Violent Revolution (2001) 08. Hordes Of Chaos (2009) 09. Phantom Antichrist (2012) 10. Gods Of Violence (2017) 11. Enemy Of God (2005)
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von Pillamyd » Freitag 7. April 2017, 14:06
Ich hab ja tatsächlich, nach meinem ersten Beitrag zu deinem Projekt hier. Chronologisch alle Alben durchgehört. Ich finde das wahnsinnig gut geschrieben von dir Rüdiger! Ich kann dir hier in eigentlich wirklich in jedem Punkt zustimmen. Bis "Renewal" ist das schon eine erstaunliche Entwicklung. Wenn du schreibst... Rüdiger Stehle hat geschrieben:Die Tendenz, immer melodischer, filigraner, verspielter zu werden, wird fast schon gnadenlos gestoppt
...dann kommt mir in den Sinn, dass ich mir das auch für die aktuelle Scheibe gewünscht hätte. Aber dazu kommen wir ja höchstwahrscheinlich im späteren Verlauf zu sprechen. Bin mal gespannt was du zur nächsten Platte sagst.
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von Rüdiger Stehle » Freitag 7. April 2017, 16:22
Pillamyd hat geschrieben:Ich hab ja tatsächlich, nach meinem ersten Beitrag zu deinem Projekt hier. Chronologisch alle Alben durchgehört. Ich finde das wahnsinnig gut geschrieben von dir Rüdiger! Ich kann dir hier in eigentlich wirklich in jedem Punkt zustimmen. Bis "Renewal" ist das schon eine erstaunliche Entwicklung. Wenn du schreibst... Rüdiger Stehle hat geschrieben:Die Tendenz, immer melodischer, filigraner, verspielter zu werden, wird fast schon gnadenlos gestoppt
...dann kommt mir in den Sinn, dass ich mir das auch für die aktuelle Scheibe gewünscht hätte. Aber dazu kommen wir ja höchstwahrscheinlich im späteren Verlauf zu sprechen. Bin mal gespannt was du zur nächsten Platte sagst.
Die aktuellsten fünf Scheiben habe ich ja schon ganz am Anfang besprochen, die kommen nicht nochmal. Darum sind sie im Ranking ja auch schon enthalten. Ja, ein Album wie "Renewal" täte der Band mal wieder gut. Damit käme zum einen ein Ende der Blindguardianisierung bevor auch noch Hansi Kürsch gastvokalisiert, und zum anderen halt auch mal wieder ein kleines Rütteln an der Notbremse, damit der Zug nicht weiter ungebremst auf den Abgrund Melodienirvana zubrettert.
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von Rüdiger Stehle » Freitag 7. April 2017, 16:37
Ich glaub nicht, dass heute noch irgendwer schaut, was Sepultura tut. Und Gothic ist auch out.
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von Feamorn » Freitag 7. April 2017, 16:41
Rüdiger Stehle hat geschrieben:Ich glaub nicht, dass heute noch irgendwer schaut, was Sepultura tut. Und Gothic ist auch out.
War ja auch nur Spaß.  Wobei ich mich über etwas mit mehr Endorama-Genen natürlich freuen würde. 
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von Schaf » Freitag 7. April 2017, 17:15
Mille lässt doch seinen Endorama-Genen in den neuen Platten freien Lauf und die Presse nennt es halt Melodic Thrash bzw. hierzulande spricht man eben von zunehmender "Blindguardianisierung". Sie sind also alle da, genauso viele wie anno 1999.
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von Havoc » Samstag 8. April 2017, 11:49
Über Nuclear Blast werden die ersten vier Alben wohl im Juni wiederveröffentlicht. Als 2CD und auch als LP. "Coma Of Souls" wohl nicht. Mhh. 
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von Schaf » Samstag 8. April 2017, 16:44
Ist die jetzt neuerdings schwer zu bekommen? 
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