Borknagar

Re: Borknagar

Beitragvon Rüdiger Stehle » Freitag 8. März 2024, 01:01

Au weh. Das ist ein echt weites Feld, das wir hier betreten. Aber gerne doch:

Vorweg geschickt sei, dass es für mich keine Rolle spielt, ob etwas Black Metal ist oder nicht, wenn es darum geht, ob ich es mag oder nicht. Was ich komisch finde, das sind Sachen, die sich Black Metal auf die Fahne schreiben, aber für mich nicht die Gefühle triggern, die den Black Metal für mich ausmachen.

In die Kategorie fällt Borknagar für mich nicht, denn mir war die Band jetzt nie als Truppe aufgefallen, die sich das TNBM-Banner anheften würde oder könnte, denn natürlich ist sie nicht TNBM in dem Sinne wie Darkthrone in their prime, Carpathian Forest, Taake oder Svarttjern.

Mir fällt es wahnsinnig schwer, das zu definieren, denn in erster Linie macht "Black Metal" für mich aus, sich in eine Tradition zu stellen und sich in dieser zu Hause zu fühlen. Venom, Bathory, Darkthrone, Mayhem, Burzum, Emperor... Seine Einflüsse aus dem zu ziehen, was diese Bands vordefiniert haben. Dazu gehören so viele verschiedene Dinge, stilistisch wie inhaltlich, dass sich BM für mich eben nicht auf dieses oder jenes reduzieren lässt.

Wenn wir es jetzt daran entlang führen, dann hat BORKNAGAR in dieser Ursuppe ganz offensichtlich seine Roots, denn die Musiker kommen aus dem norwegischen Ursumpf, waren bei Molested, bei Solefald, bei Dimmu Borgir, bei diversen anderen Truppen zugange, und sie haben mit dieser Tradition auch nie gebrochen, in einem Sinne, dass sie sich von ihren Roots und ihren Umfeld abgesondert hätten. Man spürt in Borknagar 2024 noch immer, wo die Band und ihre Mitglieder herkommen, musikalisch, inhaltlich, ästhetisch, und das reicht mir völlig aus, um die Band als Black-Metal-Band zu begreifen.

Dessen ungeachtet ist die gewählte Formensprache natürlich oberflächlich betrachtet eher epischer, leicht progressiver, dunkler, folkiger, nordlandromantischer Metal, der weit mehr "Twilight of the Gods" atmet, als dass er "The Return..." atment würde, mehr "Nordavind" als "Deathcrush", mehr "Kveldssanger" als "Nattens Madrigal".

Besser kann ich es nicht beschreiben. Ich bin von dem Norweger-Thema so sehr geprägt, dass ich mich einfach mehr frage, ob etwas für mich zu diesem Künstler-Nicht-Kollektiv passt, als ob es der Form nach nun Black Metal ist oder was anderes.

Dass ich in der Hinsicht eher bei dir bin als bei Kenni, wenn es darum geht, Black Metal und speziell den norwegischen Black Metal, nicht an äußeren Formalitäten, Produktionsmerkmalen, Gesangstechniken oder Labelzugehörigkeiten zu definieren, sondern anhand der historischen Entwicklung, deren Schlüssigkeit und Konsequenz, und der musikgenealogischen Prägung, das versteht sich von selbst.

Auf der anderen Seite sehe ich schon, dass Kenni eben den Black Metal eher aufgrund seiner Radikalität, Kompromisslosigkeit, Attitüde und verzehrenden, vernichtenden Ausstrahlung definiert, und wenn man so heran geht, dann ist natürlich an Borknagar eher wenig Black Metal. Was für mich aber eben nur etwas über die Qualität aussagen würde, wenn Anspruch und Realität auseinander klaffen würden, und das ist hier halt nicht der Fall, weil kein Mensch behauptet, dass Borknagar irgendwie TNBM definieren würde, oder dergleichen.
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Re: Borknagar

Beitragvon Julian Rohrer » Freitag 8. März 2024, 10:02

Ich denke, man darf Bands wie ENSLAVED, BORKNAGAR, etc auch einfach zugutehalten, dass sie einen eigenen Sound kreiert haben. Das kann Spuren von allem möglichen enthalten, aber zu versuchen, sich die Musik irgendwie mit Black Metal zu erschließen, wird nicht funktionieren.

Kurz zum Album: Als ausgemachter BORKNAGAR-Fan habe ich mich dieses Mal zurück gehalten: Weder habe ich alle Vorab-Singles gehört, noch mich für Review oder Gruppentherapie beworben und selbst die Möglichkeit, das Album vorab ganz anzuhören (und hier haben die Finger wirklich kurz gezuckt) habe ich ausgeschlagen. Im Gegensatz zu meinen sonstigen Hörgewohnheiten habe ich das Album als LP vorbestellt und wollte dann das erste Hören schön zelebrieren. Bis mir auffiel, dass es an dem ersten Tag einer dreitätigen Berlinreise ankommen sollte. Das führte dazu, dass ich das Ding dann am Freitagmorgen doch via (guter!) Kopfhörer auf dem Weg gestreamt habe. Und auch wenn ich mir den besonderen Moment auf die eine Art dadurch kaputtgemacht habe, war das auf die andere Art dennoch magisch. Ich kann die sich entfaltende Faszination über Zeit sehr gut nachvollziehen, mir geht es da ganz ähnlich. Das Album ist weniger zwingend als sein Vorgänger geworden, wie sehr es sich quasi sofort in die Gehörgänge fräst, aber es bietet enormes Wachstumspotential und eine Detailfülle, toll. Ich möchte es - als Gamer - mit einer Open World vergleichen, in der man sich frei bewegen kann und das Game immer und immer wieder lädt, weil hinter jeder Ecke was Neues zu entdecken ist. Und mit jeder Entdeckung stellt sich Zufriedenheitsgefühl ein, weil man irgendwie den in den fruchtbaren Musikboden skandinavischer Musik getriebenen Wurzeln der Musiker folgen kann. Ich bin enorm beeindruckt - schrieb das Havoc oder Pille - dass das Album dem monumentalen Vorgänger ein mehr als würdiger Nachfolger sein kann und es zementiert weiterhin die herausragende Stellung der Band im modernen Nord-Metal.
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Re: Borknagar

Beitragvon Pillamyd » Freitag 8. März 2024, 10:53

Oha, das war jetzt "größer" angedacht, als dass ich es herausfordern wollte.
Die Fähigkeit so etwas so verständlich zu äußern ist eine große Kunst. Danke dafür Rüdiger. Ich sehe das ziemlich genauso. Natürlich aus meinem Blickwinkel, der Black Metal erst ziemlich spät so richtig zugelassen hat. Das Genre hat für mich ein sehr weites Spektrum. Diese Ausloten der Grenzen mag ich. Finde ich faszinierend. Mehr, natürlich die Richtung die "Borknagar" und "Enslaved" fahren, als in die heftigere Richtung. Aber das ist trotz allem faszinierend. Im Endeffekt hast du recht. Ob mir etwas gefällt oder nicht, hängt nicht vom Genre ab. Natürlich hat das einen gewissen Einfluss auf mich und vereinfacht eventuell den Zugang. Aber dem würde ich nicht so viel Gewichtung schenken, wie der Musik an sich.


Eines ist mir aber auch wichtig! Ich wollte Kenni damit nicht absprechen, dass er es hört, wie er es hört. Ich fühle mich etwas an die Diskussion des letzten "Sodom" Albums erinnert, wo ich mit Sally auch nicht wirklich konform gegangen bin. Daraus hatte ich gelernt, dass solch Gruppentherapien gerne kontrovers sein dürfen. Darauf wollte ich mit meinem Beitrag ein bisschen anspringen. Wenn das falsch rübergekommen sein soll, dann tut es mir leid.
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Re: Borknagar

Beitragvon Pillamyd » Freitag 8. März 2024, 10:54

Julian Rohrer hat geschrieben:Ich möchte es - als Gamer - mit einer Open World vergleichen, in der man sich frei bewegen kann und das Game immer und immer wieder lädt, weil hinter jeder Ecke was Neues zu entdecken ist. Und mit jeder Entdeckung stellt sich Zufriedenheitsgefühl ein, weil man irgendwie den in den fruchtbaren Musikboden skandinavischer Musik getriebenen Wurzeln der Musiker folgen kann. Ich bin enorm beeindruckt - schrieb das Havoc oder Pille - dass das Album dem monumentalen Vorgänger ein mehr als würdiger Nachfolger sein kann und es zementiert weiterhin die herausragende Stellung der Band im modernen Nord-Metal.


:zugabe:
Das ist wohl die schönste Beschreibung, die ich seit langem lesen durfte.
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Re: Borknagar

Beitragvon Julian Rohrer » Freitag 8. März 2024, 15:40

:bier: Danke dir
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Re: Borknagar

Beitragvon Kenneth Thiessen » Freitag 8. März 2024, 16:10

Jetzt, wo ich dazu komme, hier zu antworten, ist die halbe Diskussion schon gelaufen. Trotzdem:

Pillamyd hat geschrieben:Ich verlagere das mal hier her...

Die Gruppentherapie habe ich gelesen. Und zu großen Teilen werden wir da nicht übereinkommen.

Allein was den Sound angeht. Ich definiere schwarzmetallische Töne nicht über Raserei und non-stop klirrenden Gitarren. Atmosphäre, Getragenheit und Tiefe spielen gerade im Black Metal für mich eine große Rolle. Und das hat die Band für meinen Geschmack definitiv. Warum man da einen Zusammenhang mit einer Plattenfirma konsturiert müsstest du mir aber mal erklären. Verstehe ich nicht. Ja, ja...Gruppentherapien dürfen ausdrücklich kontrovers sein und brauchen keine 10, 15 oder gar 20 Durchläufe um etwas darüber zu schreiben. Aber...

...mich würde manchmal wirklich interessieren, wie oft das Album denn gehört wurde. Denn bei über 200 Durchläufen, gar 300+ Durchläufen pro Monat, kann ich mir kaum vorstellen, dass man die nötige Aufmerksamkeit dafür aufbringen kann. Das soll gar nicht als Angriff verstanden werden. Mich wundert es einfach nur.

Das man mit den Gesängen nichts anfangen kann, dass allerdings kann ich nachvollziehen. Natürlich gibt es hier den progressiven Ansatz, der für mich aber gerade auf diesem Album gar nicht so hoch anzusetzen ist. Trotzdem könnte ich es verstehen, wenn dass das Hauptargument wäre. Aber ich lese nur, dass das hier kein Black Metal sein soll und das mag mir nicht gefallen. Nochmal: Mir ist es hier einfach zu einfach, Black Metal nur über klirrende Kälte, raserei zu definieren. Gut, wenn das die Vorlieben sind ok. Aber es geht gerade in diesem Bereich so viel mehr. Mal ganz abgesehen davon, dass ich das Teil auch ziemlich grantig finde. Erzwungen poppig? Joa, da kann ich halt nur mit den Schultern zucken.


Zunächst einmal: Ich habe mir die Scheibe heute noch einmal angehört, um nicht unvorbereitet hier hineinzutreten und "Fall" ist wie auch in meinem Beitrag angedeutet ein Album, das ich nicht nur "schlecht" und nicht nur "gut" finde. Die dargebotene Epik bzw. die Raserei mit packenden eisigen, manchmal aber auch melancholischen Riffs gefällt mir beispielsweise ziemlich gut, während halt Songs wie 'Nordic Anthem', 'Moon' oder 'The Wild Lingers' komplett an mir vorbeigehen, gerade, weil mir der Breitwandige-Bombast-Pop, den ich besonders im ersteren Song höre, im Zusammenhang des Albums nicht ganz so gefällt. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass mir besagter Song nur nicht gefällt, weil er von einer Band stammt, die mal reineren Black Metal gespielt hat, oder auf einem Album steht, dass zwischendurch mal Blastbeats oder Tremolo-Riffs etc. einbaut. Damit will ich sagen, dass ich an die Sache mit dem "Borknagar spielt kein Black Metal" nicht ideologisch rangehe, in dem Sinne, dass ich "Fall" nur nicht überragend finde, weil die Band eigentlich eine Black-Metal-Band ist, aber jetzt stilistisch auf anderen Wegen unterwegs ist. Mit großer Sicherheit könnte ich dir sagen, dass ein derartiges Album mir auch von jeder anderen Band nicht unbedingt Stürme von Begeisterung bei mir auslösen würde, zumal ich bei weniger großen Bands aus dem Genre gar nicht dazukomme, mir das genauer anzuhören. Meine Definition des Black Metal ist darüberhinaus auch gar nicht so eng, wie das mir hier manchmal scheint, wobei meine Vorlieben in dem Bereich deutlich in den garstigeren und aggressiveren Bereich weisen. Für mich zählen jedenfalls nicht nur rasende Schweden oder Norweger zum Black Metal, sondern halt auch stark todesmetallisch beeinflusste Amerikaner oder die kauzigen Griechen. Aber das nur am Rande.

In meinen Augen ist Century Media Records schon eine größere Plattenfirma und hat dadurch auch eine gewisse Markstellung, wodurch bestimmt von der ein oder anderen Seite eine gewisse Erwartungshaltung an gewisse Produktionsstandards kommt. Ich denke nicht, dass man über so ein Majorlabel einen Rumpelsound vermarkten und verkaufen könnte, wie es bei kleineren Independent-Labels der Fall ist. Für meine Ohren ist daher der Sound, die Produktion oder wie man es auch nennen mag, hier ziemlich modern und sauber geraten, was mich persönlich etwas stört, aber wie man in der Gruppentherapie sehen kann, für den anderen wieder ein Qualitätsmerkmal ist.

Eine genaue Anzahl von Durchläufen nenne ich jetzt nicht, kann dir aber versichern, dass keiner der Spins ein Nebenbeihören bzw. ein unaufmerksames Hören war, gerade da ich mir (oder wir uns) für einen GT-Beitrag weniger Spins zugestehe als für ein komplettes Review und ich zumindest hier vom ersten Spin an intensiver höre, um textlich etwas sinnvolles zusammenzuschustern.
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Re: Borknagar

Beitragvon Havoc » Freitag 8. März 2024, 17:08

Ich kann hier eigentlich so ziemlich alles Geschriebene gut nachvollziehen. Klingt alles logisch. ;-) 8-)

Um noch mal direkt auf die einzelnen Songs zu kommen...im Grunde finde ich alle toll und die Favoriten wechseln quasi mit jedem Hören ein wenig.
Aktuell hätte ich hier wohl bei den Top 3 gleich 2 Überschneidungen.

Pillamyd hat geschrieben:Borknagar - Nordic Anthem
Borknagar - Stars Ablaze
Borknagar - The Wild Lingers


Bei mir würde nur "The Wild Lingers" durch "Summits" ersetzt. "The Wild Lingers" ist wohl der einzige Song, der neben "Afar" bisher noch nicht unter den Top 3 eines Durchganges vertreten war.
Alle anderen Songs waren schon mal mehr oder minder unter den Favoriten. Bei den letzten beiden Rotierungen hat sich "Unraveling" ziemlich nach vorne gespielt. Aber wie schon gesagt. Alles top!

Vielleicht noch ein Wort zur Produktion. Habe letztens noch mal "True North" laufen lassen und fand den Klang (den ich eigentlich immer super fand) im direkten Gegensatz zur Neuen echt deutlich schwächer. Irgendwie undifferenzierter und matschiger. Vorher hätte ich das niemals so gehört. Aber im direkten Vergleich war das echt krass.
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Re: Borknagar

Beitragvon Pillamyd » Samstag 9. März 2024, 10:50

Havoc hat geschrieben:Bei mir würde nur "The Wild Lingers" durch "Summits" ersetzt. "The Wild Lingers" ist wohl der einzige Song, der neben "Afar" bisher noch nicht unter den Top 3 eines Durchganges vertreten war.
Alle anderen Songs waren schon mal mehr oder minder unter den Favoriten. Bei den letzten beiden Rotierungen hat sich "Unraveling" ziemlich nach vorne gespielt. Aber wie schon gesagt. Alles top!


Ich komme seitdem letzten Durchlauf von gestern morgen zu der endgültigen Meinung, dass man in meinen Augen jeden Song wählen könnte. Es gibt kein Falsch. Vor allem "Moon" ist mir gestern im Gedächtnis geblieben.

Havoc hat geschrieben:Vielleicht noch ein Wort zur Produktion. Habe letztens noch mal "True North" laufen lassen und fand den Klang (den ich eigentlich immer super fand) im direkten Gegensatz zur Neuen echt deutlich schwächer. Irgendwie undifferenzierter und matschiger. Vorher hätte ich das niemals so gehört. Aber im direkten Vergleich war das echt krass.


Haha, da möchte ich auch noch einmal den direkten Vergleich starten. Ich muss tatsächlich gestehen, dass ich Und dann wird es mal Zeit die mir drei fehlenden Alben zu besorgen. "Origin", "Universal" und "Urd" fehlen noch.
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