VÁN-Records hat vor einigen Jahren zwei Raritäten-Sets der seit langer Zeit - bald 20 Jahre sind es schon - auf Eis liegenden Band veröffentlicht. Zum einen die Compilation "Alte Welten", die allerlei Non-Album-Tracks von diversen Singles, Splits und Samplern enthielt, und zum anderen das Demo-Boxset "Als die Tore sich öffnen... Jagd", welches hier erst einmal im Zentrum des Interesses stehen soll.
So sieht das gute Stück von außen betrachtet aus, mattschwarzer, kartonierter Schuber mit silbergrauem Druck, optisch edel, ansonsten spartanisch und funktional:

Im Schuber befinden sich zwei separate Digipaks, jeweils mit den Original-Artworks der Demos, beide mit doppelt auffaltbarem Inlay, das jeweils auf der einen Seite das Artwork in Miniposter-Format und auf der anderen die Texte und Produktionsdetails enthält. Auch hier edel, und unterm Strich genau das was ich an solchen Boxsets für den Idealzustand halte. Ich finde es toll, wenn jedes Werk als separater Tonträger mit eigenem Digipak oder Jewelcase und Booklet enthalten ist, auch wenn theoretisch alles auf eine CD passen würde. So wird aus einer lieblosen Demo-Compilation eben ein edles Boxset, mit dem es nochmal mehr Spaß macht, die Frühphase der Band zu entdecken, die dann eben aus den beiden Demos "Als die Tore sich öffnen..." (1995) und "Jagd" (1996) besteht.
"Als die Tore sich öffnen..." ( 1995 / 25'33" )

Das erste Demo enthält die drei Stücke 'Seelenland', 'Fressen der Raben' und 'Srontgorrth - Kapitel 1: Als die Tore sich öffnen...'. Der Klang ist für ein Demo aus dem Jahre 1995 angemessen gut, also so, wie man das erwartet und als Genrefan sich auch erhofft. Der Sound ist also so roh wie rauh, natürlich leicht rauschig und verhallt, bei den Gitarren obligatorisch höhenlastig und bassarm, aber stets so, dass sich Gesangsarbeit und Instrumentalarbeit sehr gut erkennen und nachvollziehen lassen. Es ist also klanglich definitiv eines der sehr guten 90er-BM-Demos. Stilistisch ist es in wesentlichen Zügen eine Burzumiade, gerade was den hysterischen Gesang im Crying-Orc-Style und den Klampfensound angeht, oder die sparsam eingesetzten Ambient-Momente, das Gitarrenspiel kann dagegen einen ganz dezenten Teutonenhauch nicht verleugnen, was ich hier sehr positiv meine, denn es hebt die Band ein wenig von den norwegischen Vorbildern ab, zu denen ich neben BURZUM durchaus auch ganz frühe DIMMU BORGIR (der Keyboard-Parts wegen) und ULVER (betreffend die akustischen Zwischenspiele) zählen würde. Die Songs sind erkennbar Frühwerk, aber packendes Frühwerk, spannend strukturiert und atmosphärisch packend.
Jagd ( 1996 / 36'35" )

Das zweite Demo kommt ebenfalls mit drei Stücken ums Eck - 'Skölls Jagd', 'Nacht der Rache' und 'Srontgorrth - Kapitel 2: Die Existenz Jenseits Der Tore' - und es ist direkt hörbar besser produziert, etwas klarer, deutlich druckvoller, weniger rauschig, aber noch immer ganz klar tief im BM-Untergrund verwurzelt. Die Produktion lässt mehr Feinheiten und Details durchscheinen, cleane Gesangspassagen und Spoken-Word-Momente lassen die Strukturen und die Lyrik nachvollziehbarer werden. Das kurze Piano-Intro und die wiederkehrenden Pianoparts streifen erneut DIMMU BORGIRs Debüt oder die "Stormblåst", während das rasendere Oeuvre des Openers und die nochmal extremere Gesangsdarbietung auch das HELHEIM-Frühwerk in Sichtweite rücken lässt. Die Dramatik der Songs ist hervorragend, die Stimmungswechsel sind stark und markant. Das zweite Stück hat mit seiner hektischen Doppelklampfenraserei und den immer wieder einfallenden Synths ein bisschen was von EMPEROR aus der Zeit mit Mortiis. Der "Srontgorrth II"-Longtrack setzt das auf dem ersten Demo begonnene Epos eindrucksvoll ab, liebäugelt ein wenig mit Edvard Grieg und Sergei Sergejewitsch Prokofjew, und ist einfach ganz allgemein ziemlich groß und spielt erstmals die ganze Klasse der Band voll aus. Episch arrangiert, vielseitig komponiert, wahnsinnig vielseitig und packend gesungen. Hier passt echt alles.
Unterm Strich also aus meiner Sicht für jeden eine essentielle Boxset-Veröffentlichung, der die Original-Tapes nicht hat und wahlweise a) NAGELFAR sehr gerne mag, b) generell ein Faible für atmosphärischen, mystischen Black Metal der alten Schule hat, oder c) eine Freude am archäologischen Erkunden der Wurzeln des Genres hat.
Da ich mal ausgehe, dass die Kriterien bei dir erfüllt sind, @Dekalog, kann ich die Box ohne weiteres Zögern ganz dringend empfehlen. Besser kann man das Frühwerk von NAGELFAR nicht neu auflegen, und es handelt sich hier eben um richtig gutes Non-Album-Material (die Srontgorrth-Teile 1 und 2 und Seeleneland wurden für das gleichnamige Album bzw. letzterer für das Debüt dann nochmal neu eingespielt, unterscheiden sich aber merklich), und nicht nur um schrammeligen Krach, den man bei manch anderen namhaften Bands aus Demotagen serviert bekommt, der dann nur "historisch interessant" ist. Hier ist es richtig gute Musik für Black-Metal-Puristen, die man sich auch super anhören kann, wenn man gerade nicht auf dem Trip ist, Wurzeln erkunden zu wollen.
Also... würde mich freuen, wenn du (oder jeder andere Mitleser) mal hinein lauschen und sich zurück melden würde.
Ansonsten sei der Thread jeglicher Diskussion über NAGELFAR und alles Schaffen der Band gewidmet.
Danke für die Aufmerksamkeit.

