Ich kann dir sagen, ob ein Sound für mich steril oder lebendig, warm oder kalt, industriell oder erdig, dünn oder fett, druckvoll oder schwachbrüstig klingt. Aber mit "komprimiert" kann ich nichts anfangen bzw. ich erkenne das nicht, was einen Sound zu einem komprimierten Sound macht.
Okay, extra für Rüdiger ein paar Worte zum Thema "extreme Kompression anschaulich":
Stell Dir ein Album vor, bei dem es keine oder kaum noch Lautstärkevariation mehr gibt - alles klingt nahezu gleich laut. Dem fehlt dann in dem Bereich einfach die Dynamik. Das klingt in meinen Ohren schon steril. Soweit, so schlecht, aber Kompression geht einen Schritt weiter, und das wird dann richtig mies...
Also stell Dir dazu noch vor, dass die Stellen, die eigentlich lauter klingen sollten als der Rest - beispielsweise weil da zusätzlich zum durchgängigen Gitarrensurren noch ein riesiger chinesischer Gong mit der Muskelkraft eines überdurchschnittlich muskulösen MANOWAR-Cover-Helden angeschlagen wird -, nicht nur genausolaut klingen wie die Stellen ohne Gong, sondern dass darüberhinaus das anschwellende Dröhnen des Gongs überhaupt nicht mehr anschwillt, weil die Hälfte davon einfach nicht mehr in den engen, vollgestopften Rahmen des Klangbilds passt.
Du hörst nur noch den halben Gong (halbwegs) laut (jedoch keinesfalls lauter als die eigentlich leiser gespielten Gitarren), der Rest der zur erwartenden Lautstärke ist einfach abgeschnitten.
Dein Hörzentrum im Hirn will das Fehlende ergänzen, wie ein Restaurator einen Bildausschnitt in einem Bild, bei dem der obere Teil in Verdünnung getränkt worden ist; kann das aber nicht, weil der übertünchte Bildausschnitt gar nicht mehr im Rahmen liegt, sondern eben davon abgeschnitten wurde. Der Gehör-Restaurator könnte jetzt zwar theoretisch auf die das Bild umgebende Wand malen, seine Geisteshand müsste dazu aber den Klang(bild)rahmen verlassen.
In dem Moment, wo dein Gehörzentrum das versucht, bist Du nicht mehr im (Klang-)Bilde, sondern fällst quasi aus dem (Klang-)Rahmen: Du bist nicht mehr mit reinem Musikhören beschäftigt, sondern Du denkst über Dein Musikhören nach. Das ist der totale Upfuck, das ist wie wenn jemand im Kino während (nahezu) der gesamten Vorstellung mit der Chipstüte knistert, während du versuchst, durch eigenes Mitsprechen der Dialoge die übertönten Silben zu ergänzen. Argghhh!!
Ich bin bestimmt kein Audiophiler, dafür ist mein Gehör bestimmt zu geschädigt, mein Audio-Abspiel-Equipment zu mies, mein Hirn zu unmusikalisch. Ich habe auch nicht per se etwas gegen ein nicht authentisches Klangbild, etwa gegen ineinander verschmierte Tonspuren, weil die den Gesamtklang auf mich unter Umständen sympathisch und "aus einem Guss" oder auch "angenehm gedämpft" oder "mystisch vernebelt" wirken lassen können und für mich mitunter einfach prima zum Charakter gewisser Stücke passen, obwohl die Band selbst vielleicht sogar die "beschissene Aufnahmequalität" des entsprechenden Albums bemängelt. Anderes, gewisse Feinheiten im Klang, kann ich aus den oben genannten Gründen einfach gar nicht erst differenzieren.
Aber wenn selbst mir etwas als "extrem komprimiert" auffällt (bei der HELLOWEEN jetzt eigentlich weniger, aber sonst ist das bei jüngeren Produktionen halt schon öfters mal der Fall), dann dürfte ein richtiger Audiophiler bereits die Krätze kriegen und röchelnd unterm Tisch liegen.
Das ist dann - wie Holger gerne sagt: - "einfach nur an", klingt auch alles andere als "frisch", es sei denn man empfindet das akustische Äquivalent eines eine Albumlänge andauernden Bades in flüssigem Stickstoff als "frisch".
Aber gut, die Geschmäcker sind eben verschieden...
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)