The Satanic Panic Tour: LUCIFER, ATTIC und THE NIGHT ETERNAL - Leipzig

26.02.2024 | 21:32

21.02.2024, UT-Connewitz

Eine kinoreife Vorstellung

Ich weiß ja nicht, wie ihr das seht, aber bei vielen stattfindenden Touren ist meine erste Reaktion Verwunderung oder Stirnrunzeln. Mir ist schon bewusst, was für komplexe Mechanismen im Hintergrund ablaufen, allerdings verwundern manche Konstellationen an gemeinsam auftretenden Bands dann schon. Das ist für einen notorischen Vielhörer und jemanden mit sehr breit gefächertem Musikgeschmack kein großes Problem, aber aus meinem privaten Umfeld höre ich viele Stimmen, welche bestimmte Touren nicht besuchen, weil sie nur ein Drittel der auftretenden Bands wirklich mögen. Aber natürlich gibt es Ausnahmen und ein sehr prominentes Beispiel ist die aktuelle "The SATANIC PANIC-Tour". Hier wurde es geschafft ein wirklich homogenes Package zu schnüren, was stilistisch einwandfrei zueinander harmoniert und trotzdem noch die gewisse Abwechslung beinhaltet, welche für einen stimmungsvollen Abend unersetzlich ist. Rückgrat dieser Veranstaltungsreihe ist die Band LUCIFER, welche die neuen Songs der aktuellen fünften Langrille nun der Bevölkerung servieren darf und als Opener-Slot dürfen sich die Senkrechtstarter von THE NIGHT ETERNAL einem größeren Publikum empfehlen. Der wahre Clou ist allerdings, dass die Tour zweigeteilt stattfindet und als Support im ersten Abschnitt ANGEL WITCH bestätigt wurde und im zweiten Teil die Ruhrpottler ATTIC ihre Form der satanischen Messe zelebrieren dürfen. Und im Gesamtkontext funktionieren beide Abschnitte hervorragend. Einen Einblick zum ersten Teil der Tour hat euch mein Kollege Thomas Becker bereits in seinem Bericht gegeben und darin auch gar keinen Hehl daraus gemacht, dass er eigentlich hauptsächlich wegen den Original-LUCIFER [der Bandname, unter dem sich ANGEL WITCH ursprünglich anno 1977 gegründet hatte - d. Red.] um Kevin Heybourne den Weg ins Backstage gefunden hat. Da ist schon der erste große Unterschied, da ich hauptsächlich wegen der neueren Teufel-Inkarnation um Johanna und Nicke heute Abend dem UT-Connewitz einen Besuch abstatte. Dementsprechend anders könnte mein Fazit ausfallen.

Zu einem gelungenen Abend gehört auch immer das Rahmenprogramm und hier gehen bereits beide Daumen nach oben. Zum einen ist das Union Theater Connewitz für diese Art der Unterhaltung eine perfekte Location. Der morbide Charme des historischen Kinogebäudes ist größtenteils im Originalzustand von 1912. Was hätte ich dafür gegeben hier eine Aufführung von Friedrich Wilhelm Murnaus "Nosferatu" zu sehen. Besonders das große Portikus-Relief wirkt sehr beeindruckend und wird auch im Laufe der Shows durchaus ansprechend als stilistisches Mittel genutzt. Zum anderen gibt es auch schönes Merchandise, welches individuell für die einzelnen Orte der Tour angefertigt wurde und besonders das Poster für den Halt in Leipzig nimmt die Kinovergangenheit nochmal sehr geschmackvoll auf.

Doch wir sind ja für die Show hier und THE NIGHT ETERNAL darf ultrapünktlich starten. Nach dem sehr guten Auftritt in Osterode bin ich gespannt, wie die Band sich nun als Vorgruppe schlagen kann. Während mein Kollege Norman froh ist, dass die Bühnenausleuchtung endlich einmal eine bessere Fotoqualität liefert als es im Jugendclub in Osterode möglich war, bin ich etwas irritiert. Nicht nur hat man mit 'Stars Guide My Way' einen neuen Opener gewählt, sondern wirkt auch wie von der Tarantel gestochen. Ich bin geneigt das Wort übermotiviert in den Mund zu nehmen, so einen wilden Eindruck macht die Performance. Kann es den Grund haben, da das Set mit nur sechs Songs nahezu lächerlich kurz ist, dass man in dieser knappen Zeit sich besonders engagiert zeigen möchte? Die Vermutung liegt zumindest nahe. Dass somit auch eine Göttergabe wie 'Between The Worlds' unter den Tisch fällt, vervollständigt meine Einschätzung, dass sich THE NIGHT ETERNAL hier leider etwas unter Wert verkauft. Ich bin eh kein Freund von 20-30 Minuten dauernden Auftritten und bei einer Band wie dieser schon mal gar nicht. Somit behalte ich den Headliner-Auftritt vom "United Forces"-Festival in Erinnerung und bin gespannt, wie sich die Truppe auf den Sommerfestival schlagen wird, wenn der Slot leider wohl auch nicht wesentlich länger sein wird und noch der unpassende Faktor Tageslicht dazukommt. We will see.

Setliste: Stars Guide My Way; In Tartarus; Prince Of Darkness; Deadly As A Scythe; Elysion (Take Me Over), Moonlit Cross

Jetzt ist zumindest etwas länger Pause, denn ATTIC rüstet auf. Das fällt zwar schon in den Bereich Kalauer, aber Karneval ist noch nicht so lange vorbei, sodass ich mich doch traue es aufzuschreiben: Was haben die Jungs bloß alles auf dem "Dachboden" gefunden? Okay – das ist echt schlecht. Aber es wird ständig noch ein Deko-Artikel nach vorne geschleppt, um die Bühne so aufzumotzen.  Dazu darf sich auch die Nebelmaschine jetzt richtig austoben und sorgt zusammen mit dem Bühnendesign dann doch für ein stimmungsvolles Ganzes, was kurz vor dem Kitsch noch die Kurve gekriegt hat. Das macht sich besonders beim Einstieg 'Darkest Rites' bemerkbar, welcher zusammen mit dem Titeltrack die einzigen Berührungspunkte mit dem neuen Album "Return Of The Witchfinder" sind. Das ist zwar schade, aber da diese Platte erst am 21.03.2024 erscheinen wird, vertrauen die Gelsenkirchener lieber auf bekanntes Songmaterial. Ich selbst hab mich erst durch das neue Album mit der sehr traditionellen Musik von ATTIC beschäftigt und muss gestehen, dass dieser markante Falsett-Gesang auf 2-3 Nummern sehr beeindruckend ist, auf Dauer diese musikalische Retro-Metal-Veranstaltung aber gewaltig torpediert. Ich muss allerdings zu meiner Verteidigung sagen, dass ich auch bei MERCYFUL FATE und KING DIAMOND schnell abwinke. Nicht die idealen Voraussetzungen für die live-haftige Feuertaufe. Und was soll ich sagen? Ich bin hin- und hergerissen das Ganze abzufeiern und mir entnervt die Ohren zuzuhalten. Songs erkenne ich kaum und werde sie im Nachgang recherchieren müssen und eigentlich höre ich nur absurde Schreie und Worthülsen von Herr Cagliostro und dazwischen einen musikalischen Bastard aus MAIDEN, PRIEST und den oben genannten dänischen Vorbildern. Klar, das hat einen undergroundigen Charme, welcher auch perfekt zum Union Theater passt, aber irgendwie bin ich mehr der Freund von wohltemperierten Klängen. Das Publikum ist allerdings sehr angetan von ATTIC und zeigt bei den Songs 'Join The Coven' und 'The Headless Horseman' sogar richtig euphorisches Feedback. Ich werde den Jungs mit einer besseren Vertrautheit des Back-Kataloges nochmal eine zweite Chance geben. Heute freue ich mich aber teuflisch auf den gemäßigteren Sound von LUCIFER.

Setliste: Darkest Rites; Sinless; Join The Coven; The Hound Of Heaven; Return Of The Witchfinder; Dark Hosanna; The Invocation; Funeral In The Woods; The Headless Horseman

Ja, die Voraussetzungen bei LUCIFER sind besser für mich. Hier stehen alle Alben im Regal und jeder Refrain und jedes Gitarren-Lick der fünf Platten sind im Kopf fest verankert. Dazu noch die Prämisse, dass der aktuelle Langdreher, für meine Geschmacksknospen, das beste LUCIFER-Werk überhaupt darstellt. Der Einstieg gebührt allerdings erstmal dem Eröffnungs-Doppel vom dritten Album, bevor mit 'At The Mortuary' der erste aktuelle Hit runtergezockt wird. Und dieser Song soll auch als Synonym für den heutigen Abend herhalten, denn die Fans zeigen sich schon besonders von Songs angetan, die in eine straightere Retro-Rock-Richtung tendieren. Das ist schade, da die bluesigen Nummern, aber auch insbesondere die doomigen Elemente, welche ja ohne Zweifel die DNA von LUCIFER darstellen, doch eher stoisch wahrgenommen werden. Und gerade diese Songwriting-Perle vereint doch beides hervorragend. So muss ich festhalten, dass es der Stimmung zuträglicher gewesen wäre, wenn eine zusätzliche Nummer wie 'Riding Reaper' den Weg in die Setlist gefunden hätte und stattdessen ein Song wie 'Wild Hearses' rausgeflogen wäre. Ich befürchte LUCIFER befindet sich am künstlerischen Scheideweg und ich bin sehr gespannt, wie die Band sich entscheiden wird. Hin zum kommerziell deutlich erfolgreicheren, fluffigen Rocksound oder weiterhin der künstlerisch großartig gelungene Sitz zwischen den Stühlen. Eigentlich möchte ich weder eine Ballade wie 'Slow Dance In A Crypt', welche von Johanna auch wunderbar pathetisch performt wird, oder einen Slow-Burner wie 'Leather Demon' missen müssen, nur weil eine straightere Hook der einfachere Weg zum Ziel wäre. Gerade diese Abwechslung macht auch den heutigen Abend so gelungen, was auch, und da muss ich Kollege Thomas widersprechen, zu einem Großteil an Johanna liegt. Es ist schade, dass sein persönlicher Eindruck dazu geführt hat, dass er den Gesang so künstlich wahrgenommen hat. Heute ist zumindest alles zu 100% live umgesetzt und passt somit auch zum entsprechenden Songmaterial wie die Faust aufs Auge. Auch ansonsten macht die Frontfrau eine sehr authentische und agile Figur auf der Bühne und steht einem großen Vorbild wie Jinx Dawson (COVEN) nicht nur in nichts nach, sondern setzt auch eine ganz eigene unnahbare, leicht erotisch-diabolische Note. Ich muss immer etwas an den Emma Peel-Charakter von Diana Rigg denken. Auch dieser hat eine spezielle Ausstrahlung und kann ein Publikum einfangen, wie eine hungrige Spinne ihre Mahlzeit. Sollte die Band in Zukunft nochmal über eine Live-Auswertung in Form einer Blu-ray nachdenken, dann wünsche ich mir auf jeden Fall eine ergänzende Version in schwarz-weiß. Ich denke, da bekommt diese einnehmende Performance nochmal eine deutlich nachgeschärfte Perspektive.

Heute muss ich mir diesen Filter noch selbst vorstellen und bin trotzdem vom Auftritt der multinationalen Truppe erneut sehr angetan. Auch wenn LUCIFER selbst mit dem Label "Okkult-Rock" nicht so ganz zufrieden ist, ist es eben doch deutlich nachhaltiger und spiritueller aufgeladen als bei vielen Bands, welche sich sonst unter diesem Banner so versammeln. Ich bin somit mehr als glücklich mit dem Ausgang dieses Konzertabends und habe noch lange Zeit den Chorus von 'Bring Me His Head' im Ohr.

Setliste: Ghosts; Midnight Phantom; At The Mortuary; Crucifix; Leather Demon; The Dead Don’t Speak; Instrumental; A Coffin Has No Silver Lining; Wild Hearses; Slow Dance in A Crypt; Coffin Fever; Bring Me His Head; Zugaben: Maculate Heart; California Son; Reaper On Your Heels

Photo Credits: Norman Wernicke

Redakteur:
Stefan Rosenthal

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