LEPROUS, IHLO und CRYSTAL HORIZON - Leipzig

05.03.2026 | 13:41

08.02.2026, Felsenkeller

Was für ein Statement!

Als ich 2019 erstmals eine LEPROUS-Headlinershow besucht habe, hätte ich vor Betreten des Clubs nie gedacht, wie fundamental mich die folgende Show zum Schweben bringen sollte. Glücklicherweise war das keine Veranstaltung unter freien Himmel, sonst hätte ich in der Zwischenzeit sicherlich dem Orion mal winken können. Kurzum: Das war allererste Güte in so einer unfassbaren Intensität...da will man einfach immer mehr! 

Daher ist es immer eine Freude, wenn die norwegische Truppe um Übersänger Einar Solberg in der Nähe einen Zwischenstopp einlegt. So ist es auch wieder Anfang Februar, als LEPROUS sich im ehrwürdigen Felsenkeller zu Leipzig eingenistet hat. Eine doch überraschende Wahl, halte ich den Felsenkeller für einen Tick zu groß. Aber dazu später mehr.

Am Ort des Geschehens angekommen, ereignet sich direkt eine Kuriosität und ein Ärgernis. Zielstrebig stapfte ich auf die Security zu, spreche den wohlformulierten Satz "Ich stehe auf der Gästeliste!" aus und ernte ein hörbar überraschtes "Das glaube ich aber mal nicht!" von der liebreizenden Frau der Security. Ich beginne an eine Beziehung von Blacklist und Gästeliste zu glauben. 

Aber die Irritation hat einen Grund: Die erste Band CRYSTAL HORIZON hat um 20 Uhr bereits ihr Set beendet, obwohl für 20 Uhr erst der Beginn der gesamten Veranstaltung geplant war. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber dieses spontane Vorverlegen des Konzertbeginns empfinde ich als großen Mist und eine Ohrfeige für die Konzertbesucher, die ihre Konzertplanung immer Spitz auf Knopf bewerkstelligen müssen. Aber sei es drum, schließlich hat LEPROUS mit IHLO noch einen weiteren Support dabei.

Die Truppe aus England um Keyboarder und Frontmann Andy Robison hat scheinbar einige Fans im Publikum, erntet sie doch nach jeden Song mehr als nur Höflichkeitsapplaus und wird ordentlich abgefeiert. Dabei spielt IHLO einen modernen Progressive Metal, der durchaus auch ein wenig an den heutigen Headliner erinnert, aber dabei den Gitarreneinsatz stets an erste Stelle stellt und moderne Riffs zelebriert, wie man sie von Bands wie TESSERACT oder HAKEN kennt.

Auch ich ertappe mich bei jedem Song coole Parts herauszuhören und mit jeder Minute mehr Spaß am Dargebotenen zu haben. Gerade 'Reanimate' fräst sich nachhaltig in mein Gedächtnis. So vergeht die Zeit wie im Flug und nach etwa 45 Minuten ist auch schon leider der letzte Song verklungen. Hier schlummert noch viel Potenzial und ich hoffe, man sieht IHLO irgendwann mal auf einer eigenen Headlinertour in unseren Breitengraden.

Wie eingangs erwähnt, bin ich über die des Felsenkellers als Location verwundert. Und selbst in den letzten Minuten, bevor dann LEPROUS die Bühne entert, wird es nicht gänzlich voll und man kann sich problemlos zwischen den Leuten zu seiner Wunschposition bewegen. Wenn der Laden richtig rappelvoll ist, wird die Platzsuche nämlich durchaus zur Herausforderung. Aber heute sind selbst die beiden Emporen links und rechts abgehängt. Durchaus schade. Sollte das der Stimmung einen Abbruch tun? Oh nein. Die folgenden 90 Minuten heißt es: Anschnallen, wir denken nicht mal dran, auf die Bremse zu gehen!

Schon im verlängerten Intro von 'Silently Walking Alone' des aktuellen Langdreher "Melodies Of Atonement" erfasst mich eine ungeheure Wucht, die schon im Finale des Songs den Höhepunkt erreichen sollte. Der Sound ist unterdessen so druckvoll, so klar, dass man jede Nuance heraushören kann. Nur ist das gerade mal der Anfang. Direkt im Anschluss folgt mit dem verschroben groovenden 'Illuminate' der nächste Knaller. Ein wahnsinnig eingängiger, nach vorne schiebender Song, wobei sich der Irre hinter dem Schlagzeug, Baard Kolstad, das erste Mal auszeichnen darf. Da er Hemden oder derartig profane Bekleidungen scheinbar verachtet, trommelt er ab Song Eins oberkörperfrei die absurdesten Rhythmen in die Felle, dass mir schlicht schwindelig wird. 

Ihm bei seiner Arbeit zusehen zu dürfen, rechtfertigt den Eintritt schon komplett. Die Setliste bietet dabei eine gute Mischung der letzten vier Alben, die Frühphase findet nur noch äußerst sporadisch statt, aber ich habe heute zu keiner Sekunde das Gefühl, dass die Anwesenden damit ein Problem haben. Ganz im Gegenteil. Auch eine eher zurückhaltende Nummer wie 'I Lose Hope' vom 2019er Werk "Pitfalls" wird abgefeiert wie die größten Hits. Apropos Hits: die folgen natürlich im Laufe des Abends auch noch. 

Nach dem unfassbar mitreißend vorgetragenen 'Below' feuert LEPROUS direkt hintereinander seine Gassenhauer ab. Den Anfang macht ein Cover eines völlig totgenudelten Popsongs einer bekannten Band aus Norwegen. Ihr könnt es euch vielleicht schon denken, es ist 'Take On Me' der Landsmänner von A-HA. Dass sich LEPROUS mit einem schnöden Nachspielen hier nicht begnügt, sollte klar sein. Der gesamte Song ist dekonstruiert, neu zusammengesetzt. Mal kaum erkennbar, doch diese markante Melodie wird klug immer wieder eingewoben. Es ist einfach viel mehr als ein Cover, das ist schon fast ein eigener Song. Als hinterher das Publikum die Hauptmelodie noch minutenlang grölt, strahlen alle auf der Bühne und sind sichtlich dankbar. Selbst der eher ernste Einar Solberg grinst wie ein Honigkuchenpferd.

Es hat mich allgemein sehr gefreut, dass er mittlerweile mehr mit dem Publikum interagiert. Seitdem mit Harrison White ein Live-Keyboarder mit der Band auf der Bühne steht, bewegt sich Einar Solberg wesentlich freier über die Bühne, feiert mit dem Publikum, wirkt gelöster und fast wie entfesselt. Was nicht weiter entfesselt werden muss, ist seine unglaubliche Stimme. Hat er bei 'Below' schon bei mir eine Gänsehautentzündung verursacht, folgt mit dem Hit 'Alleviate' die nächste Eskalation. 

Das Publikum frisst LEPROUS mittlerweile komplett aus der Hand. Der Raum steht völlig Kopf, singt lautstark mit und erwidert jede Animation von der Bühne lautstark. 'The Price' mit seinen 'Ahaha' wird dabei so laut mitgeschmettert, das die Protagonisten sichtlich begeistert sind, allen voran Gitarrist Tor Oddmund Suhrke. Es mag redundant klingen, aber es folgen nur noch Knaller. Jeder Song zündet, die Atmosphäre ist schlicht unglaublich. So kocht die Stimmung beim Mini-Epos 'Like A Sunken Ship' nach dem introvertierten Beginn mit seinen "Lalalalas" komplett über und der Raum steht Kopf. 

Wirklich JEDER ist nun völlig in der "Zone" und geht mit. LEPROUS will die Meute dann auch nicht wirklich beruhigen, nimmt sich aber im Anschluss die Zeit, das Publikum über den nächsten Song abstimmen zulassen. Wie geil ist das denn? Zur Auswahl stehen 'Passing' vom Debüt, 'Contaminate Me' und 'Forced Entry', wobei letzteres das Rennen macht. Es entscheidet dabei nur der größte Applaus. Mit diesem zehnminütigen Koloss geht es dann langsam in Richtung Ende. Aber bis dahin folgen noch das grandiose 'Slave' und das herzzerreißend schöne 'Castaway Angels', bevor mit dem Hit 'From The Flame' das Ende des regulären Sets beschlossen wird.

Doch natürlich ist es das nicht. Nach einer kurzen Verschnaufpause folgt noch der Titelsong 'Atonement' vom aktuellen Werk. Bis sich dann plötzlich alle Lichter rot färben. Ich kann es nicht anders sagen, jetzt folgt noch die Krönung des ganzen Abends. Damals zur "Pitfalls"-Tour hat mich 'The Sky Is Red' komplett sprachlos zurückgelassen. Heute spielt LEPROUS nicht den kompletten Song, sondern nur die zweite Hälfte. Beginnend mit leicht unheimlichen Klängen wird die Lautstärke und Intensität immer weiter erhöht, die dann in einer letzten kathartischen Eskalation gipfelt, die spürbar auch die Band erfasst. 

Wenn LEPROUS ein wenig wie THE WHO wäre, hätte die Band hier alle ihre Instrumente zerkloppt. Waren die letzten 85 Minuten schon fantastisch, sind diese letzten Momente einfach nicht in Worte zu fassen. Nachdem die Lichter wieder angeschaltet werden, blicke ich in eine Menge sprachloser Gesichter. Ich bin eines davon. Alle sind sich sicher, etwas Besonderes erlebt zu haben. LEPROUS hat für mich hier unmissverständlich klar gemacht, das sie in dieser Form eine der besten Bands im modernen Progressive Rock/Metal ist und diese Power live scheinbar mühelos reproduzieren kann. Ich bin einfach nur vollends begeistert und ein wenig unglaubwürdig, ob diese Norweger das nochmal toppen können. Viel besser und eindringlicher kann man diese Musik kaum herüberbringen. Das ist einfach geil.

Text und Photo Credit: Kevin Hunger


Redakteur:
Kevin Hunger

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