DREAM THEATER - Frankfurt

19.10.2009 | 12:58

18.10.2009, Jahrhunderthalle

Die "Progressive Nation 2009" kann mit DREAM THEATER als Zugpferd die Hallen ordentlich füllen, dennoch ist die "Jahrhunderthalle" bei Weitem nicht ausverkauft. Überdies sind die beiden Vorbands UNEXPECT und BIGELF von Mike Portnoy handverlesen und stehen auf seiner Playlist im oberen Bereich.

Auch dieser Bericht kommt ohne kulinarische Erlebnisse nicht aus; und so haben Frank und ich uns bei einem Asiaten gestärkt, bevor wir gegen kurz nach halb sieben an der langen Schlange vor der Jahrhunderthalle stehen, um auf Einlass zu warten. Der Beginn des Konzerts ist für 18.55 Uhr angesetzt, was bei der Menge an Bands nicht verwundert. Wenn man darüberhinaus bedenkt, dass die Länge der Songs sowohl von OPETH als auch DREAM THEATER die Zehn-Minuten-Marke sehr oft locker überschreiten, kann's eigentlich nicht früh genug losgehen.

Kaum haben Frank und ich die Halle betreten, legen UNEXPECT auch schon los. Allein vom Bandnamen erwarte ich das Unerwartete, was sofort bestätigt wird. Eine krude Mischung aus FINNTROLL, THEATRE OF TRAGEDY und SYSTEM OF A DOWN liefert das Sextett in beindruckender Weise ab. Für meinen Geschmack mit zu vielen Breaks gesegnet, doch dafür sieht man vor lauter kreisenden Matten kaum die Gesichter der Bandmitglieder. Die Sängerin duelliert sich gesangstechnisch mit den beiden Gitarristen, die die grunzenden Gegenparts darstellen. Mittendrin ist noch ein Violinist, der versucht, gegen die übrigen Instrumente anzustinken. Kaum hat man sich an den Sound der Truppe gewöhnt oder es zumindest probiert, gehen um 19.25 Uhr wieder die Hallenlichter an.
[Tolga Karabagli]

Jawoll, jetzt mal mit Schmackes! Was die sieben (!) fahrenden Musikanten aus dem fernen Kanada da zelebrieren, lässt sich nur mit Mühe in Worte fassen. Jazz-Death-Folk-Geprügel, gut abgeschmeckt mit scharfen Breaks, so dass nachher kein Song im Ohr bleibt, obwohl sehr melodische Teile und schöne Violinenmelodien en masse durch die Boxen klingen. Aber kaum gewöhnt man sich an eine Tonfolge, wird sie derbe niedergebrüllt, zerhackt, gnadenlos mit Füßen getreten. "Progressive Nation"? Aber hallo. Die Scheibe habe ich am Merchandise-Stand natürlich sofort verhaftet, mit der gutaussehenden Dame am Mikro und ihren langhaarigen Begleitern habe ich ein lauschiges Stündchen vor.
[Frank Jaeger]

Keine zehn Minuten später besteigen BIGELF die Bretter, um einen krassen Kontrast zu UNEXPECT darzustellen. Nach dem Star-Wars-Intro 'Imperial March' tönen fette Hammondorgeln gepaart mit tiefer gestimmten Gitarren zu einem BLACK SABBATH/URIAH HEEP-Monolithen. Wenn man das Quartett näher betrachtet, könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Truppe auf dem "Woodstock Festival" schockgefroren und in die Jetztzeit rübergebeamt wurde. Da beide Vorgruppen von Mike Portnoy ausgesucht wurden, lässt er sich's nicht nehmen, sich beim zweiten Track hinter die Kessel zu setzen und der Truppe unter die Arme zu greifen. Danach überlässt er die Jungs ihrem alleinigen Schicksal. Fehlt nur noch, dass Joints von einem Musiker zum nächsten kreisen, denn der Sound ist hierfür prädestiniert. Apropos Sound: Der ist bei allen Bands glasklar und druckvoll, was keine Selbstverständlichkeit darstellt. Nach 35 Minuten findet der Siebzigerjam sein Ende, um Platz für OPETH zu schaffen.
[Tolga Karabagli]

Na ja, nach dem Soundcheck 9 wusste ich ja, was mich erwartet, denn da schob sich der große Elf nämlich klammheimlich in die Top ten. Nun war ich ausgerechnet derjenige, der ihnen die niedrigste Note gegeben hat. Und auch heute überzeugen sie mich nur bedingt. Anfangs legen sie mit ordentlich Schmackes los, aber gegen Ende wird es sehr bluesig und improvisiert, was irgendwie nicht ins Paket passen will. Aber damit stehe ich dann doch relativ allein da, das Publikum nimmt die US Amerikaner um Orgel-Clown Damon Fix ansonsten gut an. Na ja, ich will sie mal nicht schlechter machen als sie sind, die gute halbe Stunde ist schon ganz unterhaltsam, aber am Ende sind sie dann doch klar Vierter des Abends und kommen nicht aufs Treppchen. Daran ändert auch die Einlage mit Mike, dem Tausendsassa nix.
[Frank Jaeger]

OPETH seh ich dieses Jahr mittlerweile zum zweiten Mal. Klar ist, dass sie keine 130 Minuten zocken werden - wie Ende Mai bei ihrer Headlinershow im Wiesbadener Schlachthof. Dennoch ist es posititiv, dass die Truppe ihre Setlist erneut umgestellt hat. Mit 'Windowpane' tastet sich das Quintett behutsam hinein, um danach mit 'The Lotus Eater' einen krassen Gegenpol zu kredenzen. Mikael Akerfeldt ist wieder mal bestens aufgelegt und man fragt sich bei jedem OPETH-Konzert aufs Neue, ob man wegen der Songs oder der Ansagen präsent ist. Selbst ein vermurkster Gitarrenpart bei 'The Lotus Eater' wird von ihm humorvoll aufgegriffen, um dem Publikum zu gestehen, dass er die Pedale vertauscht hat.

Ansonsten reagiert er spontan auf Zurufe wie dem, 'Welcome To The Jungle' zu spielen, was er auch kurz darauf anspielt, um danach mit dem eigentlichen Song weiterzumachen. Mit 'Burden' kramen OPETH eine meiner Lieblingsballaden heraus, was sie nach eigenem bekunden erst zum zweiten Mal live umsetzen. Kurz vor 'Wreath' spielt Mikael noch 'I Remember You' von SKID ROW an, um danach wieder einen vor den Latz zu knallen. Nach dem abschließenden 'Hex Omega' kündigt er DREAM THEATER mit den Worten "John Petrucci plays now all the licks I tought him" an, was ein Teil des Publikums nicht gerade humorvoll aufnimmt. Nach guten 55 Minuten wird die Bühne für den Headliner freigeräumt.
[Tolga Karabagli]

Die Schweden sind eine Bank, ganz klar. Nicht weniger OPETH-Shirts und frenetischer Applaus nach jedem Song deuten darauf hin, das der oder die eine oder andere wegen ihnen hier sind. Die Setlist wurde auf den letzten Gigs nur geringfügig geändert, aber heute packen die Herren doch tatsächlich mal zwei alternative Songs aus. Bei nur sechs Songs, die sie in ihrer Stunde spielen können, ist das eine ganz schön große Variation, oder? Mikael macht mit dem Publikum den ganzen Gig über Spaß, erntet aufgrund seines Humors natürlich auch die eine oder andere hochgezogene Augenbraue, zum Beispiel als er sagt "If you don't like Death Metal .... Fuck off". Allerdings mit dem ihm eigenen Schulbub-Lächeln, wer will ihm das böse sein? Besonders wenn er so nett ist, sonst alles zu übersetzen. Zum Beispiel: "We are from Sweden. That is 'Schweden'". Ah ja, gut das zu wissen. Musikalisch geht es zur Hälfte nach vorne, will heißen mit Volldampf ins aktuelle Album "Watershed", aber auch mit mehreren Blicken zurück. Klar, bei dem Backkatalog könnten die vierzehn Tage spielen, und es würden sich immer noch Leute finden, die den einen oder anderen Song vermissen, aber die sechzig Minuten vergehen wie im Flug, auch wenn der eine oder anderen DT-Fan ob der Growls sicher ein wenig irritiert gewesen sein mag. Ein starker Auftritt.
[Frank Jaeger]

Setlist: Widowpane, Lotus Eater, Reverie/Harlequin Forest, Burden, Wreath, Hex Omega

Gute zehn Minuten bevor DREAM THEATER auf die Bretter steigen, tönen Akustikversionen von DT-Hits aus den Boxen u.a. 'Pull Me Under'. Das Intro stellt die Titelmelodie vom Hitchcock-Streifen "Psycho" dar, um daraufhin mit dem "Black Clouds & Silver Linings"-Opener 'A Nightmare To Remember' zu starten. Auch hier ist der Sound glasklar und druckvoll. Allen voran der Gitarrensound von John Petrucci hat ordentlich Wumms! Die Songs werden eindrucksvoll von Videoprojektionen im Bühnenhintergrund untermalt, was bei näherem Betrachten sehr offensichtlich von RUSH inspiriert ist.

Mit dem stark an ABBA angelehnten 'A Rite Of Passage' setzen die Jungs fort und man muss sagen, dass James LaBrie stimmlich heute sehr gut aufgelegt ist. Wenn seine Gesangskunst nicht gefragt ist, verzieht er sich abseits der Bühne, um seinen Sidekicks das Rampenlicht zu überlassen. Dieses kostet vor allem Tentakel Mike Portnoy aus und spuckt während des kompletten Gigs wie ein Lama wild durch die Gegend. Bei der Reichweite verwundert's, dass er nicht mehrmals John Petrucci trifft, der von Mike aus gesehen die linke Bühnenseite in Beschlag nimmt. Jordan Rudess darf sich in Form eines kurzen Keyboardsolos ebenfalls im Scheinwerferlicht suhlen und spielt synchron zum computeranimierten Klon auf der Leinwand. John Myung hingegen zockt seine Läufe, ohne eine Miene zu verziehen, und überlässt den übrigen Mitgliedern das Spotlight. Ganz ohne Pathos geht's nicht, weshalb bei 'Sacrified Sons' Bilder vom 11. September auf der Leinwand flimmern. Nach noch nicht mal 70 Minuten verlassen die Jungs die Bühne, um mit 'The Count Of Tuscany' eine eindrucksvolle Zugabe zu zocken bei der sich Jeder nochmal von seiner Schokoladenseite präsentieren kann.
[Tolga Karabagli]

Ich mag James LaBrie sehr gerne und kann die Kritik, die er immer einstecken muss, nicht nachvollziehen. Heute zeigt er es allen mal wieder und singt kraftvoll und klar sowohl die harten Tracks als auch die ruhigeren Parts. Für mich steht oder fällt ein Konzert nämlich mit dem Sänger, und diesbezüglich ist heute abend alles im grünen Bereich. Natürlich nehmen die Virtuosen an den Instrumenten den größten Raum ein und beanspruchen viel Spielzeit für ihre Parts, darunter auch das Instrumental 'Erotomania'. Was für OPETH gilt, gilt natürlich in mindestens gleichem Maße für DREAM THEATER. Die Fünf können es nicht jedem recht machen, und so ist es natürlich schade, dass insgesamt nur neun Songs gespielt werden können. Wobei - neunzig Minuten Programm als Headliner sind die Pflicht, für die Kür hätte man durchaus nochmal 30 Minuten drauflegen können. Es ist erst 23.30 Uhr, als der letzte Ton verklingt, und der nächste Tourstopp ist Ludwigsburg, als an der Reisezeit kann es auch nicht liegen. Trotzdem ist das Publikum absolut begeistert, denn mittlerweile macht den Herren in Sachen Bühnenpräsenz niemand mehr etwas vor. Dass alles absolut perfekt gespielt wird, versteht sich von selbst. Die Videoshow hinter Mike Portnoy ist teilweise sehr gut und unterstützt die Songs, häufig wird auch ein Musiker groß in den Hintergrund projiziert. Der Streifen, in dem die Artworks der Alben verschieden präsentiert wird, ist dagegen irgendwie Füllmaterial, auf das ich gerne verzichten kann. Ansonsten ist alles wie immer: Großartig.
[Frank Jaeger]

Setlist: A Nightmare To Remember, A Rite Of Passage, Keyboard Solo, Forsaken, Sacrificed Sons, Voices, Erotomania, In The Name Of God, As I Am, The Count Of Tuscany

Bleibt festzuhalten, dass OPETH für mich die Band des Abends waren, gefolgt von DREAM THEATER, BIGELF und UNEXPECT. 90 Minuten sind für DREAM THEATER definitiv zu kurz, doch dafür konnten OPETH mit ihrem kurzweiligen Set die Kohlen aus dem Feuer holen. Beim nächsten Mal ist weniger mehr, dennoch sollte man die "Progressive Nation Tour 2009" nicht verpassen.
[Tolga Karabagli]

Redakteur:
Tolga Karabagli

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