Zeitreise 04/1986: JUDAS PRIEST - "Turbo"
13.04.2026 | 14:25Mit einem gewaltigen Krachen fräst der "Turbo" einen Graben durch die Redaktion. Mickrige 2,5 Punkte für eine miese Platte oder doch lieber 9,5 Punkte für ein heimliches Meisterwerk?
Mit "Screaming For Vengeance" und "Defenders Of The Faith" hatte JUDAS PRIEST in den Jahren 1982 und 1984 zwei Alben veröffentlicht, die schnell zu Klassikern des Heavy Metals geworden sind. Mit diesen Erfolgen im Rücken begann die Gruppe im Jahr 1985 an den Aufnahmen zu "Turbo". Dabei spielten zwei erfreuliche Aspekte eine wichtige Rolle. Zum einen war Rob Halford nach langer Zeit endlich wieder suchtfrei, zum anderen besaß die Band so viele Songideen, dass JUDAS PRIEST ein Doppelalbum namens "Twin Turbo" herausbringen wollte. Allerdings war der damaligen Plattenfirma Columbia Records das finanzielle Risiko eines Doppelalbums zu hoch und genehmigte nur einen klassischen Longplayer. Gezwungenermaßen musste JUDAS PRIEST umdenken und das Konzept komprimieren. Die überzähligen Lieder wurden jedoch nicht im Mülleimer entsorgt, sondern größtenteils zwei Jahre später auf dem Nachfolger "Ram It Down" veröffentlicht.
Musikalisch wollten die Briten auf "Turbo" neue Wege beschreiten, ohne jedoch ihre klassischen Trademarks zu verändern. Wie Bassist Ian Hill erzählt, seien ihnen dabei im Studio zufällig Syntheziser in die Hände gefallen, die den eingängigen Sound von "Turbo" prägen. Rob Halford ordnet den kreativen Prozess dagegen anders ein. Im damals erscheinenden "Turbo Fax" für JUDAS-PRIEST-Fans, sagt er, dass sie gerne mehr Menschen erreichen und damit natürlich auch mehr Alben verkaufen wollten. Daher hätte es Songs gebraucht, die ein gewisses Single- und MTV-Potential besitzen würden.
Auch textlich vollzog sich ein Veränderungsprozess. Die klassischen Themen des Heavy Metals wurden stark von Inhalten wie Liebe und Beziehung abgelöst. Es waren Aspekte des menschlichen Lebens, die vor allem Rob Halford in der Mitte der 1980er Jahre beschäftigten. Die anderen Bandmitglieder waren jedoch nicht unglücklich darüber. Die Texte boten weit weniger Anlass zur Sorge, Gegenwind zu bekommen. Denn damals trieb Tipper Gore ihr Unwesen. Sie war an der Gründung des Parents Music Resource Center in den USA beteiligt gewesen. Diese Gruppe sorgte beispielsweise für die Einführung der berühmten "Parental Advisory"-Aufkleber, die auf angeblich unpassende Texte hinweisen sollten. Auf der "Filthy-Fifteen-Hitliste" der Vereinigung stand JUDAS PRIEST mit 'Eat Me Alive' von der "Defenders Of The Faith" sogar auf Platz drei.
All die Neuerungen in musikalischer und textlicher Hinsicht führten dazu, dass "Turbo" sowohl damals als auch heute sehr umstritten aufgenommen worden ist. Auch durch die Redaktion von POWERMETAL.de geht ein tiefer Graben. Unsere Zeitreise macht diesen sichtbar.
Man hört die ersten Töne des Titellieds und weiß genau, wann dieses Album entstanden ist, und das ist kein Lob! "Turbo" ist die Synthie-Pop-Anbiederung, der Blick in den Verkaufsolymp, obendrein mit einem Text versehen, der selbst bei JUDAS PRIEST, deren lyrische Ergüsse oftmals Bodensatzniveau haben, zu hochgezogenen Augenbrauen führt. Und das nach den beiden unglaublich tollen Vorgängern! WTF? Aber immerhin kann man sagen, wenn man das erste Lied gehört hatte, wusste man gleich, dass das Album am besten zu vermeiden war –und ist!
Lichtblicke gibt es kaum, 'Locked In' ist so unmetallisch zahnlos wie zu "Rocka Rolla"-Zeiten, nur waren die Lieder damals cool. Keyboard-Harmlosigkeiten wie 'Private Property', das ich als schwächsten PRIEST-Song aller Zeiten nominieren würde, dem musikalischen Äquivalent zu einer JP-Instantsuppe 'Hot For Love', heißes Wasser drauf, schnell schlingen und am besten sofort vergessen, oder dem Partysong 'Wild Nights, Hot & Crazy Days', das wirklich nur noch mit Labeldruck und geistiger Umnachtung der Musiker zu entschuldigen ist, ziehen sich durch das ganze Album. Okay, 'Rock You All Around The World' kaschiert mit Uptempo den kompositorischen Offenbarungseid, der erst im Refrain offensichtlich wird, in 'Reckless' schrammelt wenigstens mal die Gitarre ein paar ordentliche Akkorde und aus 'Out In The Cold' hätte man eventuell einen ordentlichen HUMAN LEAGUE-Song basteln können.
Aber jegliche Ansätze, die ich immer wieder zu finden versuchte, werden durch das schallgewordene Ärgernis 'Parental Guidance' weggefegt. Wie singt Rob so schön? "No, no no"! Genau. Wäre doch mal ein Erwachsener da gewesen und hätte die Band davor bewahrt, diesen Kindermetal auf die Menschheit loszulassen.
"Turbo" ist ein Machwerk, über das man das Mäntelchen des Schweigens breiten sollte. Wenn man sich das Album allerdings kaufen wollen würde, empfehle ich die 30th Anniversary Deluxe Edition. Warum? Aus zwei Gründen: Zum ersten weil man noch zwei CDs mit einem tollen und kompletten Live-Konzert der Judaspriester bekommt und zum anderen, weil diese beiden CDs manche der Lieder sogar durch die gesteigerte Kraft der Live-Atmosphäre erträglich machen und gleichzeitig zeigen, wieviel besser alle anderen Nicht-"Turbo"-Stücke sind.
Nach unserer Wertungsskala bleibt da offensichtlich nur eine Wertung übrig, denn das Ding ist nicht nur langweilig, sondern schlimmer und noch dazu völlig ärgerlich.
Note: 3,0/10
[Frank Jaeger]
Puh, wenn ich Franks Kritik lese, könnte man ja meinen, dass nichts gut ist an dem Album. Das stimmt so allerdings nicht, ich finde nämlich das Plattencover echt gut. Es kommt nicht ganz an "Screaming For Vengeance" heran, ist aber vor allem – aber nicht nur – für PRIEST-Verhältnisse ganz hübsch!
Ach, wir reden über die Musik? Joa, da bin ich dann ganz bei Frank! 'Turbo Lover' würde sich vorzüglich auf dem Soundtrack von "Top Gun" oder "Beverly Hills Cop" machen – und genau wie viele der Filme dieser Zeit, ist der Song, vor allem textlich, sehr schlecht gealtert. Würde mich nicht wundern, wäre dieser auf Little Saint James in der Dauerschleife gelaufen. Der Rest der Songs ist lyrisch zwar zwei Stufen besser, mehr als übelst klischeehafte Radio-Pop-Sülze geben die Texte jedoch nicht her. In den neun Titeln auf "Turbo" geht es um folgende Themen: sexuelle Übergriffigkeit aus Tätersicht (heroisiert), Teenie-Verknalltheit, Teenie-Coolheit, Teenie-Rebellenhaftigkeit, guck mal unsere Band ist so cool wir spielen weltweit, erster Teenie-Liebeskummer, erstes Auto (wahrscheinlich als Teenie), sexuelle Übergriffigkeit aus Opfersicht (romantisiert) und die Pubertät im Allgemeinen. Beim Erscheinen des Albums waren die Mitglieder übrigens im Schnitt über 36 Jahre alt.
Warum ich hier so viel über die Texte schreibe? Weil die Musik leider noch weniger hergibt. Wie Frank schon korrekt schreibt, handelt es sich hierbei um Synth-Pop von der Stange, wie ihn seinerzeit unzählige Künstlerinnen und Künstler ins Radio gespült haben. Nur haben die oftmals deutlich bessere Arbeit geleistet als JUDAS PRIEST hier. Ich würde gerne an dieser Stelle einzelne Songs herauspicken und besprechen, was diese gegebenenfalls weniger langweilig gemacht haben als die anderen auf dem Album, aber es gibt tatsächlich einfach nicht ein Lied, welches auch nur halbwegs positiv heraussticht. Musikalisch ist wahrscheinlich 'Turbo Lover' tatsächlich noch der beste Song – und damit ist ja irgendwie auch schon wieder alles gesagt.
Es gibt da draußen großartigen Metal aus den 80ern. Es gibt da draußen großartigen Synthie-Pop aus den 80ern. Und es gibt "Turbo" von JUDAS PRIEST, welches nichts davon ist. Ich gönn es jeder und jedem, der oder dem die Platte gefällt – bei mir löst sie nur Unverständnis darüber aus, warum JUDAS PRIEST die Alben mit "Ripper" Owens aus ihrer offizieller Diskografie verschweigen, "Turbo" jedoch stolz präsentieren...
3,5/10 als Synthie-Pop Album
1,5/10 als Metal-Album
macht
Note: 2,5/10
[Chris Schantzen]
JUDAS PRIEST - 'Turbo' live von der "Fuel For Live"-Tour 1986
https://www.youtube.com/watch?v=8hPgf5F3ZJs
JUDAS PRIEST war 1986 eine, wenn nicht sogar die geschmacksprägendste Band in meiner kleinen Musikwelt. Etliche Magnettonbänder der Band, sowie die Vinylausgaben von "Stained Class" und den beiden direkten Vorgängern unseres heutigen "Opfers" – namentlich "Screaming For Vengeance" und "Defenders Of The Faith" – waren fester Bestandteil der musikalischen DNA und demnach war die Erwartungshaltung entsprechend hoch.
Schon beim glatt polierten Artwork und den ersten Promo-Fotos zur Scheibe bekam man es ein bisschen mit der Angst zu tun. Als das Album dann erstmalig in geselliger Runde lief, waren wir alle komplett fassungslos. Diese stilistische Entgleisung war so etwas wie ein Verrat an allem, was uns musikalisch heilig war. Heute sehe ich das etwas entspannter, aber trotzdem ist "Turbo" für mich nach "Demolition" die zweitschlechteste Veröffentlichung der Band. Außer dem lustigen Hit des Albums, der mit ein paar Umdrehungen auf dem Kessel ganz gut abgeht, und dem leicht epischen 'Out In In The Cold', gibt es auf "Turbo" nämlich leider nur Stangenware und Hausmannskost. Nicht umsonst hört das Album ja eigentlich auch auf den Namen "Diesel". Von daher gehe ich mit Frank und Chris ja einher, dass es sich hier um eine schwache Veröffentlichung handelt.
Was ich allerdings hier zum ersten Mal lese und auch beim erneuten Anhören so nicht ganz verstehe, ist die Einordnung in den Bereich Synthie-Pop. Ja, auf der Scheibe gibt es viel zu viel Tasten-Kleister und viel zu wenig schneidende Gitarren, aber Rock-Musik ist es dann für mich schon immer noch. Aber vielleicht definiere ich Synthie-Pop auch anders als meine beiden Vorschreiber. Unabhängig davon bewerte ich ein Album auch nicht gern nach vermeintlichen Schubladen, denn das würde ja bedeuten, ich wüsste, was der Künstler im Kopf hatte, als er die Musik schrieb. Das finde ich ein bisschen anmaßend. Sicherlich hatte man Airplay im Auge, denn Musik ist immer auch ein Business und ohne Frage beweisen etliche Bands, dass man es auch schaffen kann, ohne plötzlich fast alle Trademarks über Bord zu werfen. Trotzdem bewerte ich die Musik auf "Turbo" eben als genau das und nicht als etwas, was es vielleicht sein sollte. Denn eine Truppe, deren Frontmann den Spitznamen "Metal God" trägt, wird kaum ins Studio gegangen sein, um sein Synthie-Pop-Album aufzunehmen. Es sollte ein zugängliches, eingängiges Radio-Metal-Album werden, was ja auch die nicht verwendeten Songs, die später auf der nur minimal besseren "Ram It Down" erschienen, eindeutig beweisen. Hätte man die besten Songs beider Scheiben mit anderem Klang und echtem Drummer veröffentlicht, wäre das eine gute Scheibe geworden.
So haben wir heute eben "Diesel" und "Stampf Im Topf" in der Diskographie. Immer noch besser als "St.Inker" und "Lala", oder wie hießen die?
Note: 4,5/10
[Holger Andrae]
Wie zu erwarten war, ist "Turbo" die Piñata, bei der sich alle darauf einigen können, draufzuhauen. Der gezündete 'Turbo' führt dann auch dazu, noch etwas fester zuschlagen zu wollen, obwohl der Titeltrack wohl doch irgendwie noch das Highlight des Albums ist.
Ich muss zugeben, dass ich die meisten Songs der Platte tatsächlich zunächst von der "Priest...live"-Scheibe kannte. Dort wirken sie zwar recht poppig, aber der nervige Synthie ist nicht so ausgeprägt wie bei den Studioversionen. Deswegen ist die Platte für mich in Gänze nur bedingt hörbar. Experimente und ein bisschen Einflüsse der achtziger Jahre in allen Ehren, aber muss der eigene Sound im Vergleich zu den Vorgängern so verändert werden? Da hat IRON MAIDEN den Spagat im selben Jahr mit "Somewhere In Time" in ganz anderen Sphären um Welten besser hinbekommen.
Ich blicke einfach immer wieder ratlos auf dieses Machwerk namens "Turbo". In Amerika wird – bei aller Tragik der Hintergründe – um die angeblich satanische Musik von JUDAS PRIEST gestritten und die einzige Reaktion auf Personen wie Tipper Gore ist der Sing-A-Long-Popsong 'Parental Guidance'! Ich hätte mit mehr Wut gerechnet. Aber vielleicht wollte die Gruppe ihre Message einfach nur für ein breites Publikum zugänglich machen? Dann hätten sie die Einladung zum "Top Gun"-Soundtrack allerdings nicht ablehnen dürfen.
Als weiter auf die Piñata eingeschlagen wird, fällt überraschenderweise plötzlich etwas Schokolade heraus. 'Rock You All Around The World', 'Hot Love' oder 'Reckless' sind zwar eher Billig-Süßigkeiten vom Discounter, aber besser als nichts. Und da die Piñata groß ist, plumpst als Quasi-B-Seiten noch mehr Billig-Schoki auf die "Ram It Down". Es ist durchschnittliche Masse statt Klasse. Doch ganz am Ende platzt die Piñata und das große Geschenk kommt zum Vorschein. Es ist ein Schmerzmittel namens "Painkiller", das meines Erachtens nach nicht ohne diese gruselige, orientierungslose Phase von JUDAS PRIEST in der zweiten Hälfte der 1980er möglich gewesen wäre. Immerhin etwas!
Note: 5,5/10
[Dominik Feldmann]
Opfer? Mein Esel! Genug der Ketzereien, werte Kollegen! So eine halbe Spanne des groben, altenglischen Maßes weit kann ich euch zwar durchaus verstehen, denn mein kindliches Ich fand das hier besprochene Album auch viel zu glatt und zu poppig. Aber damals war ich halt auch ein echter, purer, böser Metaller. Zwar realiter erst frisch entwindelt und trockengelegt, aber gefühlt doch viel zu hart, um Dinge wie "Turbo", oder ein vergleichbar plüschiges Werk meiner anderen Faves gut zu finden (die Rede ist von HELLOWEEN und "Chameleon").
Aber je älter ich wurde, umso besser fand ich sie, diese aus der Art geschlagenen Scheiben, die mir ehedem als Verrat am wahrhaftigen Stahle galten. Und umso besser finde ich sie noch heute. Für mich ist "Turbo" einfach ein ganz besonderer Zeuge für eine spezielle Zeit, sowohl der Musikgeschichte als auch der individuellen Bandgeschichte. Und ein Stück weit ist sie bei aller Andersartigkeit auch doch irgendwie typisch JUDAS PRIEST. Warum? Nun, ganz einfach. Die Briten hatten, wenn man mal ehrlich ist, immer irgendwo das Ohr am Puls der Zeit, ohne aus meiner Sicht den Markenkern jemals zu verlieren. Da ist "Turbo" keine Ausnahme und ganz klar am seichten Ende der priesterlichen Inkarnationen, "Jugulator" und "Painkiller" sind am harten, thrashigen Ende belegen, "Demolition" haust am Crossover-Ende und "Nostradamus" füllt an seinem Ende die Opernhäuser.
Aber auch wenn das Ding heute, gerade eben, wieder seine Runden in meinem heimischen Abspielgerät dreht, steht für mich doch eins fest: Das Einzige, was JUDAS PRIEST einfach nicht hinbekommt, das ist eine schlechte Platte. Daran sind die Jungs schlicht und ergreifend immer gescheitert. So auch bei "Turbo": Da helfen keine Keyboards, keine Gitarrensynths, keine kurzen Singalongs mit der lyrischen Tiefe der hintergründigsten Schmachtfetzen KISS'scher Provenienz, und da hilft auch kein cleaner, polierter Sound.
So sehr sich das Quintett aus Brummagem auch angestrengt haben mag, die harten Metaller zu verschrecken und "Top Of The Pops" im Sturm zu nehmen, so sehr scheitern sie bei mir mit selbigem Unterfangen, weil ein jeder verdammte Song auf "Turbo" sofort ins Ohr geht und zum Mitsingen einlädt, weil Halfords laszive Lässigkeit beim Intonieren von transpubertären Schlüpfrigkeiten wie 'Parental Guidance', 'Turbo Lover' oder 'Hot For Love' einfach unbeschreiblich albern ist, aber halt auf die coole Art. Und weil 'Out In The Cold' zudem eines der besten Epen der Bandgeschichte ist.
Ich könnte noch ein kleines bisschen mehr schwärmen, aber wir beenden es an dieser Stelle, weil eh alles gesagt ist. Ein perfektes Album als unsterblicher Zeitzeuge für die Annäherung einer der besten Stahlschmieden der Menschheitsgeschichte an den Synth-Wahn der Mittachtziger, und ich frage mich gerade ernsthaft, warum ich nur lächerliche zwei Versionen von dem Ding hier stehen habe. Was für ein Unding! Die von Frank empfohlene schmucke Jubiläumsversion sollte die Firstpress-LP und die Remaster-CD (mit zwei Bonustracks) auf jeden Fall noch flankieren. Und wenn wir gerade dabei sind, vielleicht auch noch die Firstpress-CD, einfach weil Firstpress halt immer am coolsten ist. Der halbe Punkt zur Höchstnote fehlt nur deshalb, weil die Band halt ehrlicherweise doch – noch – bessere Alben hat.
Note: 9,5/10
[Rüdiger Stehle]

Welches Album haben manche Kollegen hier gehört? Ich gebe zu: Ich habe mich auch anfangs etwas schwer getan mit "Turbo". Und ich gestehe auch: In meiner persönlichen JUDAS PRIEST-Top-5 spielt es natürlich keine Rolle. Es ist für mich aber trotzdem ein wirklich starkes Album, ein Kind seiner Zeit. Passt es eher zwischen RATT, BON JOVI und MÖTLEY CRÜE als zwischen "Painkiller" und "Sad Wings Of Destiny"? Ja. Mag ich die oben genannten Bands? Absolut! Aber auch kompositorisch hat dieses Album Stärken, die über den Titelsong-Ohrwurm, 'Parental Guidance' oder den zurecht hier oft genannten Knaller 'Out In The Cold' hinausgehen. Wenn ich mir die Scheibe fair anhöre und nicht den Bandnamen im Kopf habe, dann ist es wahrscheinlich eines der 20 besten Hair-Metal-Alben aller Zeiten – mit herausragendem Gesang. Was will man mehr? Im JUDAS PRIEST-Kontext ist es ein Ausreißer, aber ein guter – mir bleibt hier tatsächlich deutlich mehr hängen als bei "Ram It Down", "Nostradamus", "Redeemer Of Souls" oder "Demolition".
Note: 9,0/10
[Jonathan Walzer]
Ach ja…"Turbo" seufz... Ich verstehe die Kritik hier ziemlich gut – und bin ehrlich gesagt auch näher bei "des war jetzad aber nix" als bei einer wohlwollenderen Einordnung. Turbo ist für mich 0815-Synthie-Pop – nur leider nicht mal besonders gut umgesetzt. Es klingt mehr nach dem Versuch, in der damaligen 80s-Welle mitzuschwimmen, als nach einem wirklich eigenen Ansatz.
Das Problem ist dabei nicht, dass JUDAS PRIEST etwas anderes ausprobiert hat, sondern dass es einfach nicht funktioniert. Der Sound ist zu glatt, zu austauschbar und verliert genau das, was die Band eigentlich stark macht. Und je länger das Album läuft, desto deutlicher wird dieses Gefühl.
Über die Texte könnte man jetzt noch deutlich tiefer einsteigen, aber selbst wenn man das außen vor lässt, bleibt musikalisch einfach zu wenig hängen. Einzelne Momente funktionieren, aber das reicht nicht, um das Gesamtbild zu retten.
Unterm Strich wirkt das Ganze wie ein Experiment, das nicht gezündet hat.
Note: 3,0/10
[Kathy Ertl]
Wenn ich an Metal, speziell an Heavy Metal denke, ploppt immer JUDAS PRIEST in meinem Kopf auf. Diese Band ist für mich der Inbegriff, wie Metal sein muss. Das wusste ich kurze Zeit später, nachdem ich im zarten Jugendalter 'Hell Bent For Leather' gehört habe. Durch die Gnade der späten Geburt sind Geschichten, wie sie Holg erzählt hat, völlig an mir vorbeigegangen. Mir wurde nur immer wieder empfohlen: "Halte dich von "Turbo" fern, das hat mit PRIEST nichts zu tun".
Klar, den Titelsong...den kennt man und den würde ich durchaus zu den Klassikern der Band zählen. Aber ich bin bis dato immer an "Defenders Of The Faith", "Screaming For Vengeance", "Stained Class" und vor allem "Painkiller" hängen geblieben. So war die Zeitreise für mich die Gelegenheit, erstmals ernsthaft in "Turbo" einzutauchen. Und ich war bewaffnet und vorbereitet. Sturzhelm, Knieschoner. Die Fenster wurden alle auf Anschlag geöffnet, um das eventuelle Aufkommen von Schmalz effektiv und schnell abfließen zu lassen. Soll sich die Dorfgemeinschaft damit auseinandersetzen. Nehmt das, Nachbarn! Aber auch 40 Jahre nach Release spaltet "Turbo" die Szene und auch die Redaktion in zwei Lager. Ich kann beide Seiten irgendwo verstehen, runzele aber gleichzeitig die Stirn, wenn der böse Name "Synthie-Pop" fällt. Und ich mag die ehrliche Begeisterung von Jhonny und Rüdiger. Oder so ähnlich. "Turbo" ist ein Kind seiner Zeit. Es riecht nach billigem Kunstleder und Lack und verströmt so unnachahmlich dieses typische 80er-Gefühl, was auch außerhalb der Metal-Szene ganze Lagerhallen an Hits produziert hat. Und da stehe ich einfach total drauf. Am neunten Tag schuf Gott das Haarspray. Oder so ähnlich.
Rob Halford singt weiterhin wie der Metal God, der er ist. 'Locked In' knüpft durchaus an die Vorgänger an, 'Out In The Cold' ist ein kleines Epos – was gerade durch die verpönten Gitarrensynthesizer – ordentlich Atmosphäre erzeugt. Es ist schlicht alles sehr catchy, aber auf eine gute Art und Weise. Nur die textlichen Peinlichkeiten ziehen "Turbo" für mich dann ein wenig herunter, da darf man schlicht nicht hinhören, was gerade bei 'Hot For Love' da vom Stapel gelassen wird. Brrr! Während mich 'Private Property' schelmisch grinsen lässt. Den Chorus kriegt man dann für Tage nicht aus der Birne. Ich glaube, wenn eine Glam-Band wie RATT oder gar MÖTLEY CRUE "Turbo" veröffentlicht hätte, würden wir es alle wesentlich mehr abfeiern. So ist für mich "Turbo" beileibe nicht das schlechte PRIEST-Album. Für diesen Titel habe ich eher den Nachfolger oder die beiden Alben mit dem Ripper ins Auge gefasst. "Turbo" ist nicht so schlimm, wie es gemacht wird, aber definitiv auch nicht auf Höhe der Klassiker.
Note: 8,5/10
[Kevin Hunger]
JUDAS PRIEST - 'Parental Guidance' live von der "Fuel For Live"-Tour 1986
https://www.youtube.com/watch?v=OWWXfkkRGyM
Das Verhältnis zwischen JUDAS PRIEST und mir darf man gern als On-Off Beziehung bezeichnen. Die erste Liebe zündete mit Erscheinen des Live-Albums "Unleashed In The East", führte über den Klassiker "British Steel", dem fulminanten "Painkiller" bis zum grandiosen Comeback "Invincible Shield". Dazwischen finden sich einige schwächere Platten und irgendwo auch das Objekt dieser Gruppentherapie: "Turbo".
Ich liebe den Opener 'Turbo Lover'. Das ist ein Song, mit dem einige persönliche Erinnerungen an die Achtziger verknüpft sind und der mich heute noch mitreißt. Auch 'Out In The Cold' ist ein kleines Highlight aus dieser priesterlichen Epoche. Doch der Rest? Jegliche Beschreibung würde am Ende auf die Floskel "Versuch des Schönhörens" hinauslaufen. Das gelang zum Teil noch, aber spätestens beim nachfolgenden, ganz schlimmen Live-Album "Priest...Live" verblassen die Tracks dann vollends.
JUDAS PRIEST hat gut daran getan, nach den zwar guten Vorgängeralben mal etwas Neues zu probieren und sich mit den seinerzeit aktuellen Trends anzufreunden. Klar, aber: irgendwie hatte das Ganze dann doch einen etwas faden Beigeschmack, das fängt schon beim Artwork und der sterilen, fast leblosen Produktion von Tom Allom an.
Das Ganze wirkte in der Szene tatsächlich eine Weile nach, erst mit dem oben genannten "Painkiller" hatten wir JUDAS PRIEST endlich wieder so richtig lieb. Irgendwie tue ich mich mit der Vergabe einer Note hier besonders schwer. Am Ende pendelt sich das in der berühmten Mitte ein.
Note: 6,0 / 10
[Frank Wilkens]
Holla, diese Gruppentherapie ist ja eine höllische Achterbahnfahrt. Bei mir kommt es äußerst selten vor, dass es bei Bands, die ich sehr mag, eine so riesige Bandbreite vom Nichtgefallen bis Superfinden zwischen den Alben gibt. So finde ich beispielsweise auch auf schwächeren IRON-MAIDEN-Scheiben immer noch genügend Momente und Songs, die ich hörenswert finde. Weil ich oft eher die musikalische Art, die charakteristische Band-DNA mag als stilistische und klangliche Aspekte. Deswegen liebe ich wie Rüdiger auch HELLOWEENs "Chameleon". Dasselbe gilt auch für JUDAS PRIEST. Ich mag die Band eigentlich immer, auch die locker-flockige "Point Of Entry"-Scheibe ist mittlerweile bei mir angekommen. Und "Turbo"?
Klar, das Album ist wirklich "Top Of The Pops" mit albernen Teenie-Texten, wie die Herrn Stehle und Schantzen schon geschrieben haben. Es ist nach "Screaming For Vengeance" und "Defenders Of The Faith" auch aalglatt. Aber das macht mir nichts.
Es singt ja immer noch Rob Halford, die Gitarrenmelodien und Leads sind immer noch wundervoll. Und mindestes drei Songs gehören bei mir auf die ewige JUDAS-PRIEST-Bestenliste: Natürlich der Titelsong, der vor allem live eine Macht ist, aber auch 'Locked In' rockt doch super voraus und, jawohl Herr Rabe, 'Out In The Cold' ist doch ein Epos vorm Herrn. Skippen würde ich eigentlich nur 'Parental Guidance', doch es gehört auch zur Wahrheit des Priesterfandaseins, dass es auf fast jedem Album so ein, zwei Songs gibt, die es dort nicht unbedingt geben müsste. Somit bin ich hier eindeutig in der Pro-Fraktion, die ansonsten wirklich alles gesagt hat, was mir sonst noch so auf der Zunge lag, und vergebe ganz nach unsere Notendefinition auch satte 8,5 Punkte.
Note: 8,5/10
[Thomas Becker]
- Redakteur:
- Dominik Feldmann





