Perlen der Redaktion: Timon Krauses Highlights 2025
17.01.2026 | 19:27Ein musikalisch absolut erfreuliches Jahr liegt hinter mir – Schlag auf Schlag erschien ein Metal-Highlight nach dem anderen auf meinem Radar! Freunde modernerer Töne sowie extremer Randsegmente unserer geliebten Musik dürften 2025 ähnlich viel Grund zur Freude gehabt haben wie meine Wenigkeit.
Womit ich bereits zur Bronzemedaille meines persönlichen Jahres-Rankings komme: STILLBIRTH ist ein ziemlich extremes Unternehmen aus Hagen und schon seit etlichen Jahren im Underground unterwegs. Den 2025er Output "Survival Protocol" hätte ich beinahe vorschnell als grindige Spaßveranstaltung abgehakt –aber der Zehntracker ist so vieles mehr! Neben den traditionell grunzig-squealigen Vocals und diversen musikalischen Gags bietet das Album einfach unfassbar gutes Songwriting, eine effiziente Balance aus fetten Riffs, brutalen Breaks, überraschenden Tempowechseln, starker Gitarrenarbeit und ausreichend eingängigen Widerhaken für die Motivation zum Replay. Mit 'Baptized In Blood' haben nicht nur Spaß und Selbstironie Hochkonjunktur, vielmehr fahren unsere Landsleute ein mächtig bretterndes Death-/Hardcore-/Grindgeschoss an die Front, das einen feinen Spannungsbogen mitbringt und jeden Widerstand gegen den unmittelbar aufkommenden Headbang- und Mosh-Drang gänzlich sinnlos erscheinen lässt. Überhaupt finden sich auf "Survival Protocol" quasi keinerlei Ausfälle; selbst ein, zwei nachdenkliche Momente (wie die ruhigen Zwischenparts beim Titeltrack) finden sich in diesem grandiosen Schlachtenlärm. Das Album läuft bei mir auch im neuen Jahr noch regelmäßig, es macht einfach nur diebisch Freude, und ich giere schon nach der ersten Gelegenheit, STILLBIRTH nun endlich auch live erleben zu können!
Auf Platz 2 meiner Jahresbestenliste steht "Tsunami Sea" von SPIRITBOX. Für
mich hat das kanadische Djent-/Prog-/Modern-/Metalcore-Outfit mit diesem zweiten Langspieler die gewaltigen Vorschusslorbeeren nachträglich legitimiert und auf reife Weise aufgezeigt, dass der SPIRITBOX-Hype gerechtfertigt ist. Erst mit "Tsunami Sea" wurde das Lot, wie es Kollege Feldmann in seinem Review erörtert, endgültig gen Metal ausgelenkt. In Sachen Bissigkeit, Brutalität und Brachialität hat das Quartett um Courtney LaPlante massiv zugelegt; aber auch die verträumten Parts kommen tiefgründiger und weniger Pop-affin herüber. Allein das phänomenale Eröffnungsduo 'Fata Morgana' und 'Black Rainbow' rechtfertigt den Kauf dieses Albums, und man weiß sofort, dass all die Nachahmer und Kopierer dieses Sounds niemals die Größe von SPIRITBOX erreichen werden. Nichts wirkt aufgesetzt, nichts wirkt anbiedernd an irgendwelche Trends; Djent-Riffs, verschobene Takte und wahlweise verträumte bis hochaggressive Refrains räumen die ganze Palette an menschlichen Emotionen ab. Einzig dem in Hälfte zwo etwas nachlassenden Spannungsbogen ist es geschuldet, dass der Vierer in meinem Ranking eine Truppe an sich vorbeiziehen lassen muss, die – und das ist auf "Tsunami Sea" großartig zu hören – SPIRITBOX gewaltig inspiriert haben muss.
Die Rede ist von den DEFTONES und ihrem zehnten Album "Private Music". Niemals, wirklich niemals hätte ich erwartet, dass es den Veteranen aus Sacramento dreißig (!) Jahre nach "Adrenaline" nochmal gelingen würde, ein so unverbrauchtes, erfrischendes, konsistentes, von Anfang bis Ende mitreißendes Werk zu komponieren! "Private Music" klingt juvenil und erwachsen zugleich, voller frischer Energie, es klingt zu 100% nach DEFTONES und steht doch für sich. Und im Gegensatz zum Gros der DEFTONES-Diskographie finden wir hier keine jener atmosphärischen Lückenfüller, welche die Grundstimmung des jeweiligen Albums zwischen den Hits tragen mussten, aber als allein stehende Songs nicht so recht zünden wollten. Diesmal funktioniert jedes Stück auch für sich; dennoch bilden sie im Ganzen eine atmosphärisch dichte, mitreißende Einheit. Obwohl bei den DEFTONES alles immer irgendwie ähnlich klingt, kommt auf "Private Music" zu keinem Augenblick Langeweile auf. Nach "Gore" und "Ohms" war ich der Meinung, dass der Truppe um Chino Moreno mehr und mehr die Ideen ausgehen würden – doch weit gefehlt! Wie beim Opener 'My Mind Is A Mountain' entwaffnender Optimismus zelebriert wird, wie 'Infinite Source' und '~Metal Dreams' zum Schwelgen einladen, wie bei 'cXz' und erst recht beim jugendlich wilden 'Milk Of The Madonna' losgerockt wird, das alles ist schlicht und ergreifend königlich! Dass die Herren nach über dreißig Jahren gemeinsamen Schaffens, Streitens und Leidens mit 'I Think About You All The Time' erstmals eine funktionierende, aber absolut DEFTONES-konforme Ballade am Start haben, rundet das überragende Gesamtbild von "Private Music" vollends ab. Mit klarem Abstand unangefochten mein Album des Jahres!
Doch auch hinter den Treppenplätzen
findet sich starkes Material. Mit "Fate" von SULAMITH hat es ein deutscher Vertreter des hiesigen Death-Metal-Undergrounds ziemlich weit vorne in meiner Bestenliste gebracht, mit einer abwechslungsreichen, knackigen Mischung aus Groove Metal, Hardcore und böse ballerndem Todesstahl. Die Paderborner liegen damit vor Größen wie LORNA SHORE und HEAVEN SHALL BURN, beides etablierte Namen im Death-Metal-Zirkus, beide im Jahr 2025 mit starken, aber nicht mehr ganz so herausragenden Veröffentlichungen wie zuvor. Ein Kleinod und ein großer Grund zur Freude war für mich noch die EP "Counting Seasons" der Post-Hardcore-/Metalcore-Griechen ABOVE US THE WAVES, die – leider nur mit vier Tracks – endlich wieder einmal ihre herausragende Qualität auf Platte unter Beweis stellten. "This Consequence" von KILLSWITCH ENGAGE ist ebenso souverän wie überraschungsarm;
WHITECHAPELs Rückbesinnung auf die bluttriefenden, misanthropischen Wurzeln überraschte und beeindruckte, konnte mich aber nicht auf gleiche Weise mitreißen wie die beiden vorangegangenen, metallisch-abwechslungsreicheren Alben.
Einen Song des Jahres zu wählen ist für mich beinahe ein Ding der Unmöglichkeit; von "Private Music" konkurrieren 'My Mind Is A Mountain' und 'Milk Of The Madonna' um die Goldmedaille, allerdings gibt es mit dem episch-dystopischen 'Oblivion' von LORNA SHORE ein schweres Kaliber als Konkurrenz. ABOVE US THE WAVES könnte jeden der vier neuen Tracks ins Rennen schicken; der Anti-Kriegs-Song 'Cliffhanger' und 'Guard My Six' wären aber naheliegende Kandidaten. Vergessen darf ich auf keinen Fall noch 'Baptized In Blood' von STILLBIRTH, diese geniale, humorvolle Verquickung aus Grindcore und Brutal Death Metal.
Mein Konzert des Jahres 2025 wiederum ist schnell ausgemacht: Der Auftritt von SPIRITBOX im Kölner Palladium am 19. Februar war das beste Konzert, dem ich seit Jahren beiwohnen durfte! Einen dermaßen fantastischen, ebenso druckvollen wie transparenten Sound erlebt man bei Metal-Konzerten wirklich selten; Courtney LaPlante mit viel Publikumsinteraktion; eine Audienz, die erfreulicherweise quasi alle Generationen von Metal-Fans umfasste. Dieser Auftritt setzte die Live-Messlatte dermaßen hoch, dass diese von jeder anderen Band 2025 gerissen werden musste.
|
Rang |
Band | Album |
| 01. | DEFTONES | Private Music |
| 02. | SPIRITBOX | Tsunami Sea |
| 03. | STILLBIRTH | Survival Protocol |
| 04. | ABOVE US THE WAVES | Counting Seasons |
| 05. | SULAMITH | Fate |
| 06. | LORNA SHORE | I Feel The Everblack Festering Within Me |
| 07. | HEAVEN SHALL BURN | Heimat |
| 08. | KILLSWITCH ENGAGE | This Consequence |
| 09. | WHITECHAPEL | Hymns In Dissonance |
| 10. | LOWHEAVEN | Ritual Decay |
- Redakteur:
- Timon Krause





