POWERWOLF: Interview mit Falk Maria Schlegel

17.04.2023 | 14:13

Auch wenn es die Neider nicht wahrhaben möchten, POWERWOLF ist mittlerweile eine der größten und erfolgreichsten Bands der Szene. Und das liegt nicht nur an konsequent harter Arbeit, dem notwendigen Quäntchen Glück und jeder Menge starker Songs. Nein, vor allem an einem genialen Storytelling und Erschaffen einer ikonischen Marke, welche die Fans in aller Welt begeistert. Aktuelles Beispiel gefällig? Welche andere Band feiert bitte eine Release-Party zu einem neuen Album als (Un-)Holy-Easter-Messe am Gründonnerstag, um am Tag drauf, wohlgemerkt Karfreitag, ein neues Album zu veröffentlichen, welches ganz in der Tradition der Wölfe mit christlichen Anspielungen nur so vollgestopft ist. Genau - sonst nämlich keiner. Also Grund genug, Keyboarder Falk Maria Schlegel zum Interview zu bitten und die Hintergründe zum neuesten Streich zu erfahren.

Hallo Falk Maria, wie geht es dir? Wie ist die Stimmung im Rudel?

Hallo Stefan! Die Stimmung ist ausgezeichnet. Die Zeit des Jammerns ist endlich vorbei, wobei wir ja auch in der schwierigen Zeit versucht haben, immer vorwärtszuschauen. Getreu unserem Credo: Jetzt erst recht! Vielleicht liegen auch wieder schwierige Zeiten vor uns, man weiß es ja nicht und deswegen sind wir aktuell einfach froh, wieder die Dinge tun zu können, welche wir am meisten lieben, nämlich live zu spielen und auf Tour zu gehen.

Es gibt auch einen handfesten Grund, warum wir uns unterhalten. Ihr haut direkt zu Ostern ein neues Album auf den Markt mit dem Namen "Interludium". Ich würde ja vermuten, dass es in der Tat ein Zwischenspiel zwischen "Call Of The Wild" und einem späteren, neuen Album sein soll. Was ist eigentlich die grundsätzliche Intention hinter diesem neuen Output?

So kann man es eigentlich zusammenfassen. Wir wollten durch die lateinische Sprache die Begrifflichkeit Zwischenspiel wieder etwas hervorheben und in den passenden POWERWOLF-Kontext setzen. Wir sind eigentlich eine getaktete Band, das heißt wir haben einen längeren Tour-Zeitraum, dann machen wir ein Break und dann gehts direkt wieder ins Studio. In der Pandemie hatten wir nun aber doch schon das Gefühl, das dauert ja immer länger und länger und haben auch schon angefangen die anderen Jungs der Band zu vermissen. So haben wir uns klassisch mal wieder getroffen, Musik gemacht und geguckt was bei rumkommt. Das witzige war, dass wir dann zügig sechs Songs geschrieben hatten. Und so ehrlich muss ich sein, dann wussten wir nicht, was wir damit anfangen sollen. Lässt man die liegen und wartet ab oder haut man die jetzt raus? Und wir haben uns gesagt, das ist so spontan entstanden, dann lass uns auch relativ spontan was zwischen den regulären Alben rausbringen. Also gab es noch ein paar Raritäten dazu und fertig war "Interludium".

Um die Sache rund zu machen, haben wir dann gesagt, wir veröffentlichen es am Karfreitag und machen als Release-Party noch eine Ostermesse in Köln. Das passt halt alles zusammen und ist schön "POWERWOLF-like". Was passt besser, als die Auferstehung eines neuen Albums an Ostern zu feiern?

Definitiv. Das ist schön rund und wie du sagtest "POWERWOLF-like". Ich finde man hört dem neuen Werk auch an, dass es sechs neue Tracks sind und nicht irgendwelche B-Ware, um nochmal eine müde Mark zu machen. Das sind richtig starke Songs geworden.

Dankeschön. Das freut mich zu hören. Ich glaube zwar, dass es diese klassische B-Seite nicht mehr gibt, aber es uns wichtig aufzuzeigen, dass es keine Überbleibsel der "Call Of The Wild" -Session sind, sondern brandneue Tracks. Und eben auch so starke Lieder, dass wir auch unbedingt wollten, dass sie so früh wie möglich das Licht der Welt erblicken.

Ich würde gerne mal auf einen Song explizit eingehen, und zwar den Opener 'Wolves Of War'. Weil ich finde, der hat so leichte THE CHIEFTAINS-Vibes, also eine folkige Dynamik. Auf dem letzten Album hattet ihr mit 'Blood For Blood' auch schon eine solche Nummer im Programm und jetzt mit 'Altars Of Fire' sogar noch eine zweite, die etwas Folk-Spirit atmet, aber sich dann in eine andere Richtung entwickelt. Ist denn diese keltische Herangehensweise von den Melodien etwas, was ihr zukünftig verstärkt einsetzen wollt?

Also bei 'Wolves Of War' haben wir in der Tat erstmalig ein Hurdy-Gurdy eingesetzt. Bandintern wird der Song so ein bisschen in der Tradition RUNNING WILD gesehen, daher auch die keltische Melodieführung. Es ist aber nun nicht per se der Plan keltische Instrumente einzusetzen, damit man diese Instrumente verwendet oder einen anderen Touch bekommt. Aber in der Tat bieten dir neue Instrumente auch neue Möglichkeiten und damit zu spielen und zu experimentieren, macht eine Menge Spaß. Du hast auch 'Blood For Blood' angesprochen. Wenn ich das Intro jetzt mit der Orgel spielen würde, dann bekäme der ganze Song eine andere Dynamik. Und aktuell lieben wir es eben, damit etwas zu experimentieren. Aber es muss immer dem jeweiligen Lied dienlich sein und es weiterbringen. Auf Teufel komm raus werden wir nix machen und ein konkreter Plan existiert auch nicht. Wir haben zum Glück die Freiheit und auch das Privileg immer mal wieder was Neues in den POWERWOLF-Sound zu integrieren.

Es passt auf jeden Fall sehr gut zu euch und würzt die ganze Sache nochmal enorm.

Ja, absolut. Grade auch bei 'Blood For Blood', wenn wir den live spielen und das Publikum entsprechend reagiert und fast schon explodiert, dann macht so ein Arrangement natürlich voll Sinn.

Du hattest es vorhin schon kurz angesprochen, dass ihr das Album mit ein paar Raritäten "aufgefüllt" habt. Ist die Raritätenschublade denn jetzt leer?

Du willst gar nicht wissen, was wir noch alles in der Schublade haben. Aber es muss natürlich qualitativ auch wert sein es zu veröffentlichen und bei manchen Sachen, würde ich behaupten, ist es gut, wenn sie weiterhin in der Schublade bleiben.

Normalerweise ist es aber auch so, dass wir bei einer Albumproduktion nicht viele Leftovers, im Sinne von kompletten Songs, haben. Wir sind da relativ radikal in der Aussortierung und Weiterverfolgen von Ideen. Das ist dann hart, wenn es einen selbst trifft, aber so funktionieren wir als Band. Aber sicherlich gibt es immer mal Ideen oder Songfragmente, welche wir aufnehmen und dann später weiterverfolgen, aber wenn etwas recorded wird, dann hat es auch schon eine große Hürde genommen. Viele Ideen, die versanden halt und werden dann auch gar nicht mehr ins Studio hineingetragen. Das ist manchmal auch für unsere Produzenten schwer zu glauben, dass man solche Ideen dann doch nicht weiterverfolgen möchte.

Somit sind alle Raritäten auf "Interludium" die qualitätsbewusste Auswahl der ganzen Band?

Freilich, absolut. Ich denke, das ist grundsätzlich bei POWERWOLF so, dass wir ja auch sehr kritisch mit uns selbst sind und das, was rausgehauen wird, das muss auch unserem eigenen Credo, unserem Qualitätsmerkmal entsprechen. Und so sind wir hier auch vorgegangen.

Dann mal ganz direkt gefragt, warum ist das ALICE COOPER-Cover 'Poison' nicht auf dem Album.

Ja, das war tatsächlich eher als Hommage gedacht und als "Geschenk" für Alice zum 75. Geburtstag. Er ist ein beeindruckender Sänger und Musiker und wir durften auch schonmal zwei bis drei Festivals mit ihm spielen, und er ist natürlich als Meister des Theatralischen auch im Geiste verwandt mit POWERWOLF. Die ganze Inszenierung der Show ist immer noch sehr beeindruckend. Ich meine, das ist natürlich so ein Song, den irgendwie jeder kennt. Und natürlich auch ein Song, welcher zeigt, was für ein krass gutes Songwriting Alice da geliefert hat. Es ist somit wahrscheinlich ein extra Risiko gewesen ein solch populäres Lied zu covern, statt irgendeine Rarität. Die Fallhöhe ist deutlich größer und man kann bei so einfach klingenden Songs so viel falsch machen. Aber es hat halt so viel Spaß gemacht und ich finde, wir konnten der Nummer schon unseren POWERWOLF-Stempel aufdrücken ohne den Grundcharakter zu verändern.

Wie ist denn grundsätzlich bandintern oder bei dir persönlich die Einschätzung von dieser Entwicklung, dass immer mehr Bands auf die reinen Standalone Singles setzen? Bleibt denn POWERWOLF, so wie ich das jetzt vermute, zukünftig auch weiterhin eine Albumband? Oder könnte das tatsächlich irgendwann mal in eine andere Richtung kippen?

Das ist echt eine gute Frage. Also wenn du mich jetzt als Fan fragst oder auch innerhalb der Band, dann würde ich sagen, Album ist das Nonplusultra, weil es einfach so ein bisschen Familienportrait ist. Es ist einfach eine Momentaufnahme von der Band, die sehr genau den Stand der Entwicklung zeigt, wo die Band grad steht. Ich mag das gerne. Es ist doch eine total spannende Erfahrung, eine Band mit dem neuen Album kennenzulernen und sich dann an die alten Veröffentlichungen ranzutasten. Das gibt immer so ein Gefühl, wo die Band XYZ in diesem Moment stand.

Aber es ist natürlich schon so, dass wenn du dir anguckst, wie das ganze jetzt digital läuft und wo deine Single platziert wird und in welchen Listen du dich jetzt wiederfindest, dass ein Album dann so ein bisschen seinen ursprünglichen Charakter verliert. Was ich persönlich schade finde. Deshalb denke ich, dass wir noch sehr, sehr lange an diesem klassischen Albumformat festhalten werden. Aber natürlich wirst du Singles veröffentlichen, um auch ein Album anzuteasern oder zu promoten. Aber das haben wir ja früher auch schon gemacht. Das ist jetzt eigentlich nichts Neues, aber jetzt nur noch mit reinen Singleveröffentlichung zu agieren kann ich mir nicht vorstellen. Ich persönlich bin Albumfan und würde es auch ganz gerne für POWERWOLF so halten.

Ist ja für euch und eure Alben als Gesamtkunstwerke auch der beste Weg, wenn ich da nur an die vielen bockstarken Artworks und Illustrationen denke.

Das ist das, was ich meine. Wir geben uns mit allen Elementen sehr viel Mühe und sind glücklich, dass unsere Fans das auch entsprechend wertschätzen. Wie du sagst, im Artwork, im Layout, mit 40 Seiten Booklet. Es ist einfach schön, wenn man wirklich was in der Hand hat und das durchblättern kann, wenn man sich parallel die Musik anhört.

Das kann man in der digitalen Form so nicht adaptieren. Deshalb ist dieses Format auch nicht vom Aussterben bedroht. Aber natürlich können und wollen wir die großen Streamingplattformen nicht ignorieren. Das wäre ja fast fatal, wenn du da nicht mit dabei bist.

Apropos Album als Gesamtkunstwerk und Value for Money: Auch "Interludium" kommt mit einem richtig fetten Package daher. Inklusive einer Bonus-CD, auf welcher mit euch befreundete Bands eure Songs covern. Und da ist dieses Mal auch tatsächlich eine sehr illustre Mischung dabei. Wenn ich da nur mal ELECTRIC CALLBOY erwähne.

Ja, "Communio Lupatum II" ist von der Herangehensweise schon eine total spannende Geschichte, da es häufig in dem jeweiligen Stil der Band passiert. Bei so einer Band wie ELECTRIC CALLBOY und ihrer Interpretation von 'Fire & Forgive' ist es dann natürlich schon ein krasser Crossover zu unserem Style. Der Song ist eine sehr klassische Power-Metal-Geschichte. Aber auch LORD OF THE LOST mit 'We Are The Wild', da sind viele tolle Ergebnisse dabei, an denen ich mich kaum satthören kann. Weil sie auch einfach so komplett anders sind als unsere Versionen. Ja, das ist schon ein großartiges Bonusding - aber man sollte auch nicht vergessen, dass da eine Menge Arbeit und Planung drinsteckt. Wir können von Glück sagen, dass so viele Bands wirklich Bock haben einen POWERWOLF-Song zu covern.

Du hast es kurz angeschnitten, dass es ja primär befreundete Bands sind. Gäbe es denn tatsächlich auch einen Wunsch-Künstler, von dem dich eine Interpretation eines POWERWOLF-Songs reizen würde.

Ja, klar. Ich fände es schon großartig, wenn sich Steve Harris und Bruce Dickinson mit ihren Leuten mal eines Songs von uns annehmen würden. Aber das gilt wahrscheinlich für viele Bands da draußen, wenn die Band, die Jahrzehnte lang eine Szene geprägt hat, sowas umsetzen würde. Stell dir nur mal vor, Steve Harris sagt zu Bruce, dass sie jetzt 'Dancing With The Dead' in ihrem Stil machen und Nicko McBrain spielt das am Schlagzeug. Das ist doch der absolute Ritterschlag.

Aber ich weiß nicht, ob ich die Band jemals fragen würde - dafür bin ich selbst noch viel zu sehr Fanboy von IRON MAIDEN. Da ist so eine kindliche Freude, die ich mir gerne erhalten möchte.

Diesen Spaß an der Freude merkt man euch aber auch an. Jetzt habt ihr Gründonnerstag noch die (Un)Holy-Easter-Messe in Köln gerockt und das relativ kurz vor dem "Monumental Mass"-Konzert, welches ja schon eine ziemliche Benchmark ist, was man technisch bei Konzerten umsetzen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass bei dir da schon etwas Druck aufkommt, wie man die letzten Konzerte zukünftig noch toppen kann, insbesondere, da bei euch die Show ja so eine elementare Rolle spielt.

Die "Monumental Mass"-Show war ja tatsächlich eher als Konzertfilm konzipiert und somit eh etwas "over the top". Aber wir haben uns auch schon im Rahmen der Wolfsnächste die Frage gestellt welche Teile dieser besonderen Messe wir in eine Livesituation transportieren können. Im Kern wollen wir das schon alles, z.B. Stichwort Feuerorgel oder die begleitenden Animationen/LED-Wände zu den einzelnen Songs umsetzen. Und so wollen wir uns peu a peu immer weiterentwickeln. In Köln haben wir jetzt auch entsprechende "Interludium"-Stücke gespielt, welche auch neue visuelle Dinge erfordern. So geht es immer weiter. Unser Credo ist tatsächlich "mehr ist mehr" und unser Produktionsteam im Bereich LED oder Pyro sagt uns dann was realistisch ist.

Persönlich kann ich euch sagen, dass euch der Aspekt, eine Show produktionstechnisch auf das nächste Level zu bringen, beim Rockharz 2022 gelungen ist.

Oh ja, da kann ich mich dran erinnern. Es war arschkalt und sauwindig.

Ja, dass stimmt, aber die Elemente, welche ihr von "Monumental Mass" übernommen habt, haben sehr gut funktioniert.

Vielen Dank! Da hatten wir auch die Nonnen und Mönche. Aber wenn du so krass dem Wettergott ausgesetzt bist, dann musst du schon schauen, wie sehr Flammen Menschen auch gefährden können. Aber natürlich ist es unser Anspruch, immer die größtmögliche Show zu haben. Und es ist immer unser Anspruch, in der Show zu spielen, als wäre es deine letzte. Und dann hast du eigentlich eine gute Mischung für eine perfekte POWERWOLF-Show.

Prima. Dann sind wir auch schon am Ende unseres Interviews angelangt und es bleibt noch etwas Platz für die famous last words. Wenn du also noch irgendwas an unsere Leser loswerden willst. Hau raus!

Ja, Leute - bleibt stabil. Bleibt optimistisch in allem, was ihr tut, und bleibt dem Heavy Metal treu. Dann kommt ihr gut durchs Leben.

Vielen Dank Falk Maria.

Fotos: Napalm Records

Redakteur:
Stefan Rosenthal

Login

Neu registrieren