MEGAHERZ: Interview mit Sänger Lex

21.08.2023 | 20:53

Mit "In Teufels Namen" melden sich die Jungs von MEGAHERZ pünktlich zu ihrem 30-jährigen Bestehen zurück und kredenzen uns einmal mehr feinste NDH mit diesen ach so typischen Texten aus der Feder Alexander Wohnhaas'. Da ließen wir uns auch nicht zweimal bitten, dem Sänger und Frontmann der Münchener ob der neuen Platte einmal auf den Zahn zu fühlen und mit ihm auf die aktuellen Texte und die kommenden Dates mit COMBICHRIST zu blicken.

Lex, wie geht es dir? Wie ist die Stimmung bei MEGAHERZ?
Danke. Ja, gespannt und freudig, ob der Dinge, die da kommen, würde ich sagen.

Euer letztes Album "Komet" hat stolze fünf Jahre auf dem Buckel. Was ist seitdem bei MEGAHERZ passiert? Kannst du mir ein kleines Update geben?
Nun, dazwischen waren mal, wie für uns Künstler alle, zwei Jahre Pandemie, die uns enorm zurückgeworfen haben. 2020 waren wir gerade mit HÄMATOM auf Tour und alles war schon fix geplant, danach ins Studio zu gehen, um 2021 mit neuer Platte wieder auf Tour zu gehen, als sich von einem Tag auf den anderen für uns natürlich viel verändert hat. Wir wussten erst mal nicht, wie es weitergeht, ob es überhaupt weitergeht und ich bin auch ganz ehrlich, während dieser ganzen Zeit habe ich nicht eine einzige Zeile schreiben können, denn warum soll ich Lieder schreiben, wenn man sie sowieso nicht auf die Bühne bringen kann. Als letztes Jahr langsam wieder alles aufgemacht wurde und wir auch wieder unsere ersten Festivals gespielt haben, hat sich das so angefühlt, als hätte man gerade Dornröschen wachgeküsst. Das war schön, unheimlich schön. Und so machten wir uns daran, neue Songs zu schreiben und hier sind wir. Wieder eine neue Platte und im September/Oktober unsere erste richtige Tour seit Jahren.

Der Maxx hat den Weg zu euch gefunden, ein neuer Schlagzeuger in der MEGAHERZ-Familie. Wie genau seid ihr auf ihn aufmerksam geworden und wie konnte er sich in den Songwriting-Prozess zum neuen Album integrieren?
Max hat sich wie einige andere echt tolle Schlagzeuger bei uns vorgestellt und wir haben mehrere Tage mit verschiedenen Kandidaten geprobt und mal so ein kurzes Kennenlernen gemacht. Dabei fiel er uns sofort mit seiner unglaublichen Tightness beim Spiel auf. X-ti und auch die anderen haben sich auf der Stelle schockverliebt und menschlich passt er auch ungemein gut in die Truppe. Sozusagen ein echter Glücksgriff.

"In Teufels Namen" klingt vom Titel her sehr verheißungsvoll. Wie lange habt ihr an der Platte gearbeitet und – aus eurer Sicht – worin liegen die musikalischen Unterschiede zum vergangenen "Komet"-Album? Mir persönlich kommt es ein klein wenig punkiger und spritziger vor.
Ja, es ist etwas roher, vielleicht auch ungeschliffener als "Komet". Die leichte Punk-Attitüde ist tatsächlich auch ein neues und wie ich finde, sehr belebendes Element bei einigen Songs auf dem Album. Das macht sich aber auch bei den Texten bemerkbar. Ich glaube, das Album verarbeitet einfach das, was wir die letzten fünf Jahre erlebt haben und es steckt sehr viel Gesellschaftskritik sowie Selbstkritik in den Songs. Ich würde fast behaupten, so schonungslos sind wir noch nie mit uns und allen anderen ins Gericht gegangen.

Mit "Komet" ging es gleich auf #7 der Albumcharts. Weckt das eine gewisse Erwartungshaltung an "In Teufels Namen" oder mit welcher Zielsetzung seid ihr an die Arbeiten herangetreten?
Wir würden uns natürlich über eine gute Chartplatzierung freuen. Das wäre zumindest eine tolle Bestätigung für die eigene Arbeit. Aber wir wissen auch, dass in der Zwischenzeit viel passiert ist und gerade nach den Erfahrungen mit der Pandemie ist vieles, zumindest für mich, nicht mehr selbstverständlich.
Ich bin einfach nur dankbar, dass es uns noch gibt, wir dieses wunderbare Album geschrieben haben und zumindest bei den Reaktionen der Fans auf unsere erste Single 'Alles Arschlöcher' kann ich doch erkennen, dass sich auch noch viele andere darüber freuen. Welchen Platz das letztendlich in den Charts ausmacht, ist für mich eigentlich nicht wichtig. Ich würde mich freuen, wenn so viele wie möglich auf die Konzerte kommen und wieder so wie früher mit uns abfeiern.

Songs wie 'Der König der Dummen', dein schon angesprochenes 'Alles Arschlöcher' oder 'Menschenhasser' haben vom Titel her eine klare Aussage – doch was steckt dahinter? Haben sich aufgrund der letzten drei Jahre eure Aussagen eventuell nochmals verschärft?
Wie ich ja schon angemerkt hab, haben sich manche Ansichten in den letzten Jahren verändert oder Eindrücke sogar noch verstärkt. Ich beobachte schon über einen längeren Zeitraum, dass sich immer mehr Menschen zu Arschlöchern zurückentwickeln, dass wir sogar so etwas wie eine Arschloch-Kultur zelebrieren. Der Lauteste bekommt immer Recht, der mit dem coolsten Auto, der hübschesten Frau, dem oberflächlichsten Spruch die meisten Klicks und den größten Applaus. Diskutiert wird nur noch, um die eigene Meinung durchzudrücken. Jemand anderem einmal zuhören oder gar von ihm was lernen ist sowas von vorgestern. Und das wird auch von unseren Eliten leider so vorgelebt. Da kann man schon mal zum 'Menschenhasser' werden und ein wenig zynisch anmerken, dass wir doch alle inzwischen zu kleinen Arschlöchern mutiert sind. Deshalb ja auch mein Credo: Nehmt euch mal selbst nicht immer so wichtig und hört mal auf andere!

'Kannst du den Himmel sehn?' und 'Auf dem Weg zur Sonne' sind zwei sehr emotionale und wunderschöne Nummern. Was genau sind die Kernaussagen der beiden Songs?
Sie sind eigentlich der Gegenpol zu den recht kritischen und auch zynischen Tönen auf dem Album und beschreiben vielleicht auch sowas wie meinen Weg aus dem Dunkel ins Licht. Auch wenn man es manchen Texten nicht anmerkt, aber ich bin eigentlich Optimist. Ich trage eigentlich tief in mir den Urglauben, egal, wie scheiße die Sache gerade auch aussieht, irgendwie kriegen wir das gebacken. Da hilft es, ein Träumer zu sein. Aber um Träume umzusetzen braucht man auch Glaube und Selbstvertrauen. Diese Songs sollen Mut machen, an sich zu glauben, sich von anderen nicht runterziehen zu lassen. Nur wenn man an sich selbst glaubt und manchmal auch an das Unmögliche, schafft man es auch Träume zu verwirklichen. Ich weiß es, denn ich lebe ja meinen Traum. Ich lebe von der Musik und dem Sprechen. Alles Träume, die ich schon in meiner Jugend hatte.

Nach 'Alles Arschlöcher' wurde auch 'Engelsgesicht' mit einem Video versehen. Für mich ein sehr guter Repräsentant für das gesamte Album, der all eure Facetten widerspiegelt. Für dich auch?
'Engelsgesicht' war der erste Song, der diese neue Punk-Attitüde mitträgt, den X-ti geschrieben hat und der mich auch zu der Line von 'Alles Arschlöcher' inspiriert hat. Der Refrain ist ein unfassbarer Ohrwurm und ich habe die Nummer sofort geliebt. Aber ich glaube, man kann "In Teufels Namen" gar nicht mit einer Nummer allein beschreiben. Die Songs sind wieder sehr unterschiedlich und spiegeln eigentlich die komplette Bandbreite unserer Bandhistorie wider.

30 Jahre MEGAHERZ – das ist eine stolze Historie. Aus dem Bauch heraus: Was waren in drei Dekaden die absoluten Highlights und was war in dieser langen MEGAHERZ-Geschichte vielleicht das Kurioseste, was euch passiert ist?
Nun ja, ich bin zwar nicht von Anfang an dabei, aber auch ich bin jetzt schon bald 20 Jahre dabei. Das kommt einem gar nicht so lange vor, bis man es mal auf einem Blatt Papier vor sich liest. Ich könnte hier von unzähligen Erfahrungen sprechen. Mein erstes "Summer Breeze" 2008, als ich plötzlich auf der Mainstage vor über 30.000 Leute spielte, wo ich noch im Jahr zuvor immer im Publikum stand. Die ersten Shows im Ausland, dabei ein unvergessliches Konzert in Norwegen, knapp 800 Kilometer vom Nordpol zur Mitsommernacht, als wir um Mitternacht auf der Bühne standen und ich am Horizont beobachten konnte, wie die Sonne gerade eine Bergkette streifte, während 3000 betrunkene Wikinger "Heuchler" grölten. Eine Tour durch China, als noch nicht mal RAMMSTEIN dort war. Ein Konzert in Kiew in einer wunderschönen, weltoffenen Stadt, in der jetzt durch Krieg wieder Menschen sterben. Das sind wirklich unzählige Erlebnisse, die einem auch keiner nehmen kann und die viel mehr wert sind als jede Chartplatzierung.

Im September startet eure gemeinsame Europatour mit COMBICHRIST. Kannst du uns schon einen kleinen Ausblick geben, auf was man sich gefasst machen darf? Wie werdet ihr das Jahr ausklingen lassen? Eher ruhig oder weiter Vollgas?
Na ja, ruhig hatten wir es ja jetzt lang genug. Natürlich erwarte ich mir da ein absolut spannendes Paket aus Weltklasse-Industrial und ehrlicher Neuer Deutscher Härte. Ich finde, dass wir uns super ergänzen. COMBICHRIST hat unfassbar geile Sounds und Rhythmen und wir geben dem ganzen einen etwas rockigeren Unterstrich. Da ist für jeden Fan was dabei. Wie gesagt, das ist das, worauf ich mich nach all der langen Zeit am meisten freue. Endlich wieder mit den Leuten gemeinsam unsere Musik zu feiern.

Wenn du einmal vorsichtig in die Glaskugel schaust, wo siehst du MEGAHERZ in zehn oder zwanzig Jahren?
Du bist gut. Ich wüsste gern, wo MEGAHERZ nächstes Jahr steht. Eins hab ich durch die Pandemie gelernt. Keine allzu langen Pläne machen, improvisieren und auf das Beste hoffen. Nichts ist selbstverständlich.

Lex, was möchtest du euren Fans und unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?
Ganz einfach, kommt auf die Konzerte! Wir haben lange genug auf euch gewartet. Jetzt ist es an der Zeit, wieder gemeinsam die Musik, die wir lieben, live abzufeiern.

Fotocredits: Franz Schepers und Napalm Records

Redakteur:
Marcel Rapp

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