Gruppentherapie: SOEN - "Reliance"
09.02.2026 | 13:29Die nächste Prog-Offenbarung aus dem Hause SOEN oder zu sehr auf Nummer sicher?
Einen ordentlichen Platz fünf belegte SOEN im Januar-Soundcheck mit Album Nummer sieben "Reliance". Doch wie sieht es bei genauerer Betrachtung auf dem Therapeuten-Tisch aus?

Hier kann ich es kurz machen: Zu SOEN und ihrem Album "Reliance" kann ich nur wenig Zugang entwickeln. Beim Durchhören kam es mir so vor, als würde der Opener endlos wiederholt. Dabei gefiel mir 'Lotus' von der gleichnamigen früheren Scheibe recht gut. Auch 'Lascivious', aber da singt der Frontmann angenehmer, nicht so klirrend, als würde er permanent an Strom angeschlossen.
Die Gesangslinien sind für mich daher sehr anstrengend, diese auf progressive Melodien getrimmte Produktion zu kitschig, zu clean, zu steril auch. Das Liedgut ähnelt sich dermaßen, dass ich verrätselt auf meinem von Drachen bewachten Thron verharre. 'Huntress' ist ganz okay, das folgende 'Unbound' allerdings tönt dann wieder 1:1 wie ein bereits gehörter Track.
Die sehr sanften Passagen gefallen mir erheblich besser als das Gitarren- und das sehr gleichförmige Stimmengeschiebe. Daher sagt mir auch das atmosphärische Finale 'Vellichor' mit stimmungsvollem Solo am Ende zu. Die Drachen werden unruhig, sie brauchen Fleisch: MAYHEM? NAGLFAR? SATYRICON?
Ach ja, IHLOO, VULKAN oder VOLA erreichen mich weit mehr, wenn es um Prog geht. Falls das überhaupt welcher ist. Das Verrätselte will nicht weichen.
Note: 6,0/10
[Matthias Ehlert]
Es gibt diese Alben, die kommen genau zur richtigen Zeit. "Reliance" von SOEN ist so ein Album.
Ich verstehe die Kritik meines Vorredners – hier wird ein Schema genommen, das zugegebenermaßen sehr gut funktioniert, und dann zehnmal hintereinander durchgezogen. Das Ergebnis sind dann eben zehn sehr ähnliche Songs. Verstehe ich alles – auch, dass der eine oder andere da den Rotstift am Heftrand ansetzt.
Trotzdem ist "Reliance" für mich ein Fest: Eine perfekt orchestrierte Reise entlang von Melancholie, Harmonie, Lärm und Frust. Jede Pause, jeder Refrain, jeder Klang sitzt. "Reliance" ist harmonische Schönheit in Reinform. Begleitet von Texten, die irgendwo zwischen Depression und Resignation daher schwingen. Dabei gelingt es der Band, Songtitel zu wählen, die im Song nicht vorkommen und trotzdem perfekt zum Gefühl der Tracks passen. Du hörst den Song, guckst auf den Titel, und denkst: "passt". Das ist eine Kunst für sich.
Vor allem aber ist "Reliance" genau das, was ich derzeit abends brauche, wenn ich irgendwo zwischen Weltschmerz und Frustration über die Unzulänglichkeit von Welt und Menschheit in Frage stelle, in was für einer wahnsinnigen Zeit wir gerade leben.
Note: 9,0/10
[Nils Pfennig]
Oh weh, das klingt tatsächlich so, als ob sich meine erste Enttäuschung des noch jungen Jahres anbahnt! Dabei gehörte SOEN über viele Jahre zu den Bands, die ich stets sehr bewundert habe; jedes Album seit dem Debüt 2012 war ein weiteres Wunderwerk des melancholischen Progressive Metals, mit den Höhepunkten "Lotus" (2019) und "Imperial" (2021). Bereits mit dem letzten Album "Memorial" (2023) stellte sich jedoch schon eine leichte Kursänderung ein, die sich nun mit "Reliance" fortsetzt, man könnte es auf die Formel "weniger Melancholie, mehr Metal" zusammenbringen.
Mehr Metal soll negativ sein? Ja, bei SOEN schon. Prägnantes Drumming und Riffing waren zwar stets zwei wichtige Säulen in der Musik, aber eben in Verbindung mit einer fast magischen Zerbrechlichkeit und Emotionalität sowie in Kombination mit gefühlsvollem Gesang, kombiniert zu klug arrangierten Songs. Nun scheint es jedoch so, als ob die Schweden endgültig auf "dicke Hose" machen wollen und anstelle von Nachdenklichkeit Breitbeinigkeit stellen: vergleichsweise simple, plakative Riffs, kaum Variationen im Schlagzeugspiel und immer gleiche Gesangs-Muster, wodurch die Songs von "Reliance" allesamt nach gleichem Schema funktionieren. Ich kann den Eindruck von Matthias daher sehr gut nachvollziehen.
'Discordia' inklusive toller Lyrics, allerdings exklusive des vollkommen übetriebenen "Djent-Parts", 'Huntress' (tolles Solo!) sowie zum Ende 'Draconian' und 'Vellichor' stechen da positiv hervor. Hier klingt SOEN tatsächlich etwas, wie ich sie in Erinnerung hatte. Am schwierigsten bei dem ganzen Unterfangen hat es jedoch meines Erachtens Sänger Joel Ekelöf, dessen Stimmbänder sehr angestrengt klingen bei dem Versuch, etwas der Wall Of Sound entgegenzuhalten. Nicht falsch verstehen: Singen kann er, ich muss aber, je mehr er seine Stimme presst, umso eher an einen gewissen Chad Kroeger denn an Joel Ekelöf denken.
Ich muss daher leider meinem Kollegen Martin widersprechen, wenn er in seinem Review davon ausgeht, dass Fans "Reliance" quasi "blind" gefallen wird.
Note: 6,5/10
[Jakob Ehmke]
SOEN ist bei mir nach sehr positiven Eindrücken zum Debüt "Cognitive" links liegen geblieben, ohne dass es dafür besondere Gründe gibt außer: Es gibt zu viel gute Musik! Gute Gelegenheit also, nach fast vierzehn Jahren nochmal ein Ohr zu riskieren, zumal das Album ja durchaus unterschiedlich wahrgenommen wird.
Wenn es Stendahl zu clean und soft wird, bin ich ja meistens auf der Pro-Seite und ja, im Großen und Ganzen gefällt mir das Album. Aber es überrascht mich auch, weil ich etwas anderes erwartet habe. Es ist wohl kein TOOL-Gedächtnisprog mehr, sondern geht von ein paar tief gelegten Riffs abgesehen voll in Richtung eingängigem, fast sogar poppigem Rock. Wie von Martin in seinem Review erwähnt, höre auch ich passagenweise KATATONIA, aber was die Kompaktheit und Zugänglichkeit angeht – Achtung, ich halte meine Wange hin für Schläge – sogar ein bisschen BEYOND THE BLACK. Nee, ich ertappe mich tatsächlich dabei, dass ich mir bei der einen oder anderen Melodie Jenny Habens Stimme vorstelle.
Trotzdem habe ich ein paar Probleme nach den ersten paar Krachern, denn irgendwie haben Stendahl und Jakob dann doch recht. Die Songs, vor allem die Gesangslinien, ähneln sich total, und zwar so sehr, dass ich checken muss, ob sich der Stream nicht zurückgesetzt oder auf "random" gestellt hat. So sehr ich es mir vornehme, ich verliere in der zweiten Hälfte immer den Faden. Das passierte mir bei den anderen vier exzellenten Gruppentherapie-Alben dieses Januars nicht, aber vielleicht ändert sich das noch. Grundsätzlich geht mein Daumen also nach oben.
Note: 8,0/10
[Thomas Becker]
Ja, "Reliance" ist durchaus ein schönes Album. Trotzdem muss ich, so bitter das auch ist, ähnlich wie Jakob feststellen, dass die Band nicht nur klanglich auf der Stelle tritt, sondern dass die wenigen Anpassungen im Songwriting entweder wirkungslos verpuffen oder sogar eher das Gegenteil von dem erreichen, was SOEN vermutlich beabsichtigt.
Während ich auf "Memorial" noch fast eine Handvoll großartiger Tracks für mich entdecken konnte, finde ich 2026 leider keinen richtigen Zugang zum neuen Material. Auf den früheren Alben funktionierten Songs wie 'Unbreakable', 'Deceiver' oder 'Martyrs' als echte Türöffner, die einen sofort ins Album gezogen haben. Diesmal stehe ich zwar nicht vor komplett verschlossenen Türen, habe aber merklich damit zu kämpfen, wirklich einzutreten. Das Tor klemmt merklich.
SOEN war für mich lange eine Garantie für Gänsehaut-Refrains und unglaublich intensive Strophen, doch auf "Reliance" wird dieses Level nicht mehr erreicht. Am Ende bleiben zehn gute Songs, mal etwas stärker, mal etwas schwächer, die sich insgesamt angenehm durchhören lassen und zwar vor allem auch nebenbei. Und genau dieses "Nebenbeihören" ist eigentlich etwas, das ich nicht mit SOEN in Verbindung bringen möchte. Dafür ist die Band eigentlich viel zu grandios.
Note: 7,0/10
[Stefan Rosenthal]
SOEN holt die eigene Geschichte ein. Das ist richtig, aber eben doch nur die Hälfte der Wahrheit. Positiv formuliert hat SOEN ein weiteres, tolles Album abgeliefert, dass in der Diskographie der meisten Rockbands das ewige Meisterwerk wäre und von mir eventuell sogar noch höher bewertet werden würde, wenn es eben nicht von SOEN wäre. Aber nach "Tellurian" und "Imperial" ist es eben schwer, zu beeindrucken. Zumal beim siebten Album auch etwas die Überraschungen fehlen. Man kann das aber auch positiv ausdrücken: Die Band hat ihren Stil zumindest für den Moment gefunden. Als Fazit bleibt: "Reliance" ist ein starkes SOEN-Album, aber ein paar der früheren Werke haben mir, speziell, als sie erschienen, noch mehr Spaß gemacht, vor allem vom ersten Spin an, während "Reliance" bei mir länger gebraucht hat, um zu zünden. Trotzdem steht die SOEN-Diskographie auch nach dem siebten Album in der ersten Rockliga.
Note: 8,5/10
[Frank Jaeger]
- Redakteur:
- Jakob Ehmke





