Gruppentherapie: SERVANTS TO THE TIDE - "Where Time Will Come To Die"
10.08.2024 | 16:31Hopp oder top? Alles nur eine Frage des Gefühls?
Bei der dritten Gruppentherapie zum Juli-Soundcheck tauchen wir wieder ins untere Drittel der Rangliste. Dort finden wir das zweite Album der meeresaffinen Doom Metaller SERVANTS TO THE TIDE auf Platz 20. Manche mögen zwar die hymnischen Refrains, von anderen Seiten wird hier aber gekrittelt. Primär über den Gesang und die Langatmigkeit der Musik. Alle Aspekte werden so auch in Walters Hauptrezension zu "Where Time Will Come To Die" behandelt.
In dieser Gruppentherapie fragen wir uns obendrein, was Ken Kellys MANOWARrior, der das "Kings Of Metal"-Album ziert, zu SERVANTS TO THE TIDE sagen würde. Zudem versetzen wir die Band in die Berge und schauen, wie schwindelfrei sie auf einem Grat agieren würde. Und nicht zu guter Letzt reden wir über Gefühle. Echte Gefühle natürlich. 
Die Vorzeichen könnten besser nicht sein: Das selbstbetitelte Debüt von 2021 verpasste mir schon einen enormen Wow-Effekt, bin ich doch ohnehin sehr empfänglich für epischen Doom Metal, wie ihn DOOMSWORD, ATLANTEAN KODEX, SOLSTICE, WHILE HEAVEN WEPT und die früheren CANDLEMASS-Werke kreieren. Und dank meiner erneuten "Twilight Of The Gods"-Phase gibt es auch sicherlich schlechtere Zeitpunkte, um sich dem zweiten SERVANTS TO THE TIDE-Album zu widmen.
Doch leider will der Funke auf "Where Time Will Come To Die" nicht in Gänze überspringen, obwohl die Nordköppe ihren vor drei Jahren gestarteten Pfad weiterverfolgen ohne auf den ausgetrampelten Stellen zu verharren. Die leichte Weiterentwicklung - noch epischer, gesanglich noch knackiger - ist definitiv zu spüren, doch lag damals vor allem in der Kürze die Würze. Nun dürfte man sich eigentlich freuen, geballte 50 Minuten aus dem Hause SERVANTS TO THE TIDE vor den Latz geknallt zu bekommen, doch diese Vollbedienung birgt auch einige unnötige Längen. Vor allem hätten 'If The Stars Should Appear' und der Titeltrack dem Ende hin gerne auch kürzer, konsequenter gehalten werden können.
So ist den sympathischen Hamburgern zwar wieder ein gutes bis stellenweise sogar sehr gutes Album und ein Ohrenschlacker für Anhänger des epischen Dooms gelungen, doch mit weniger Längen hätte es in diesem Monat die Nase vor "Ancient Doom Metal" aus dem Hause SCALD gehabt. Schade.
Note: 7,5/10
[Marcel Rapp]
Eine neue aufstrebende Metal-Combo aus meiner Heimatstadt? Da muss ich natürlich allein aus stadtpatriotischen Gründen sowie als leidenschaftlicher Maritimist und Nordseewattwanderer schon ein paar Zeilen schreiben. Nach einigen Hördurchläufen reihe auch ich mich aber im Großen und Ganzen in Walters Gedanken und Meinungen aus seiner Hauptrezension ein und in weiten Teilen gehe ich hier auch mit unserem Chefredakteur konform. Alle Songs vereint zeigt die Band zweifelsohne eine ganze Menge Potential, die einzelnen Songmotive werden aber in meinen Ohren oft nicht konsequent aus- und weiterarrangiert, sondern enden häufig in einer songwriterischen Sackgasse.
Allen Songs wohnt unbestritten ein stahlepischer Zauber inne, doch nichtsdestotrotz will meine eiserne Faust sich trotz gelegentlichen wundermächtigen und fesselnden Gitarrenriffs dauerhaft einfach nicht in den wolkenverhangenen Himmel recken lassen. Die Songs sind zwar durch die Bank reich an Abwechslung und vielschichtig komponiert (ganz fabelhaft die gelegentlich eingestreuten Klavierpassagen!), trotzdem möchte man während der Lauschung oftmals reinrufen: Less is sometimes much more, folks!
Ihr merkt möglicherweise schon jetzt: Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, würde die Jungs und das Mädel eigentlich gerne standesgemäß abfeiern, kann aber aus den genannten Gründen bisher noch nicht wirklich durchgehend im Dreieck springen. Müsste ich für die Band eine Schublade öffnen, würde ich sie ins 'Epic Heavy Metal'-Fach legen. Klassische Doom-Anleihen höre ich hier doch nur sehr marginal raus. Und von epischen Göttergaben und Spannungsbögen, die hier und da genannte Referenz-Bands wie SOLITUDE AETURNUS und CANDLEMASS zu schreiben imstande sind (bzw. waren), ist man hier doch (noch) ein sehr gutes und weites Stück entfernt. Parallelen zu ATLANTEAN KODEX höre ich hier auch eher raus. Da ich mit der Band aber noch nie wirklich viel anfangen konnte, hoffe ich persönlich doch eher auf eine zukünftige Orientierung Richtung Bands wie EREB ALTOR, WHILE HEAVEN WEPT und der von Marcel bereits völlig zurecht erwähnten Band TWILIGHT OF THE GODS.
Potential hierfür ist wie bereits geschrieben reichlich vorhanden, so dass ich große Hoffnungen in die berühmt-berüchtigte dritte 'Make it or break it'-Scheibe lege. Und wenn auch Sänger Stephan Wehrbein bis dahin noch ein wenig an der Variabilität und Intensität seiner Stimme feilt, bin ich mir sicher: Das wird ganz gewiss eine "Make it"-Platte! Meine Anspieltipps sind hier im übrigen die beiden Longtracks 'White Wanderer' und 'If The Stars Should Appear'.
Note: 6,5/10
[Stephan Lenze]
Ach – jetzt geht's mir gut. Ich dachte schon, ich würde mal wieder eine Epic-Metal-Band dilettantisch zerpflücken, weil ich dieses Genre einfach nicht verstehe. Aber wenn Hardliner wie meine Kollegen schon solche Noten vergeben, dann habe ich mich mit meinen 5,5 Punkten doch nicht ins Wespennest gesetzt. Es sind ja schon einige Band-Referenzen genannt wurden und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich alle kenne und keine wirklich abfeiere. Also auch nicht die CANDLEMASS-Klassiker, fall ihr euch gerade die Augen gerieben habt.
Trotzdem kann ich SERVANTS TO THE TIDE zumindest ins Verhältnis zu diesen Alben setzen und da fehlt es wirklich noch an allen Ecken und Enden. Besonders der Gesang, mag er auch noch so authentisch sein (und ich weiß, es ist bei solcher Musik ja soooo wichtig), ist eine absolute Zumutung und macht die knapp 54 Minuten zu einer echten Herkules-Aufgabe. Sorry Stephan, ich fresse einen Besen, wenn das auf Album Nummer drei plötzlich so viel besser klingen sollte. Gerade die vielen Laut-Leise-Dynamiken sorgen für Phasen, die für mich nicht hörbar sind. Aber meine Ohren sind ja auch zu hundert Prozent Pop-verseucht und ich kenne genug Freunde, die sowas komplett abfeiern.
Die restliche Kritik betrifft leider auch primär den Klang. Ob nun die Gitarre oder das Schlagzeug, da sind Parts dabei, bei denen ich nicht verstehen kann, dass man das so veröffentlicht; gerade, wo einzelne Tracks vom Kern ganz okay sind und nur darunter leiden nicht auf den Punkt zu kommen oder sich bewusst zu sein, was denn nun der Höhepunkt des Songs ist. Ich glaube, ich habe in der Vergangenheit schon einmal gesagt, dass Fans des Genres meiner Note gerne zwei Punkte hinzu addieren dürfen. In diesem Fall – kurzer Blick zu Marcel – passt das auch.
Note: 5,5/10
[Stefan Rosenthal]
Ich konnte durchaus etwas anfangen mit dem Debütalbum von SERVANTS TO THE TIDE, dem ich vor drei Jahren stolze neun Punkte gab. Umso überraschter war ich, als ich hier die nahezu vernichtenden Kritiken von Stefan und Stephan lesen musste. Konnte die Band so abgebaut haben?
Also, erstmal: Am Gesang krankt diese Scheibe aus meiner Sicht wirklich nicht. Der ist weiter ähnlich hochwertig wie auf dem Debüt. Was da für manche schwer zu ertragen ist - das erschließt sich mir einfach nicht. Die Gitarrenarbeit ist stark, das Riffing fantastisch, und die Produktion hat das nötige Niveau für ein Label wie No Remorse Records.
Vielleicht sind hier manche mit der falschen Erwartungshaltung an das Scheibchen herangetreten? Ich muss sagen, dass mir die Hitdichte des ersten Albums ein wenig fehlt. Daher gebe ich diesmal nur acht Zähler. Wer aber auf das Genre steht, der möge bitte nicht auf Stefan und Stephan hören. Natürlich hat dieses Album kein KODEX-Niveau, das erwartet auch niemand. Aber starken epischen Metal gibt es hier ohne Frage!
Note: 8,0/10
[Jonathan Walzer]
Wo die Zeit zum Sterben hinkommen wird, weiß ich nicht. Wodurch hingegen der Epic Metal im übertragenen Sinne irgendwann einmal in hoffentlich ganz langer Zeit zu Grabe getragen werden könnte, wird einem beim Hören von "Where Time Will Come To Die" von SERVANTS TO THE TIDE langatmig und teils erschreckend erfolgreich vor Augen geführt. Lasst es mich einmal so ausdrücken: Wenige andere Cover stehen derart ikonisch für die Musik und Stilistik des von ihnen verzierten und verhüllten Tonträgers, wie das Motiv von "Kings Of Metal" aus den Pinseln von Ken Kelly. Würde man nun den allseits bekannten MANOWARschen Warrior in meinen Augen und Ohren adäquat passend zur Musik von SERVANTS TO THE TIDE auf dem vorliegenden Album darstellen, genügte eine gestrichelte, grobe Fingerzeichnung auf einer angehauchten Autoscheibe, um den benötigten tumben, aus der Form geratenen, farblosen Warrior abzubilden.
Schon klar, es gibt viele Spielarten von Epic Metal, und die von den Vorrednern häufiger genannten Oberpfälzer ATLANTEAN KODEX passen freilich stilistisch viel besser als Vergleich zur Musik der Hanseaten als die Mannen um ROSS THE BOSS, Verzeihung, Majonäsen-Joe. Doch bereits der noch knackig voran drückende Opener des Albums, 'With Starlight We Ride', zeigt die Schwachstellen des "Fenstertau-Warriors" unserer Diener der Flut auf: Der Gesang von Stephan Wehrbein klingt durchaus stets so, als ob dieser ganz genau wüsste, wie sich welche Stelle technisch perfekt anzuhören hätte. Das setzt er dann mit seinen stimmlichen Möglichkeiten hörbar punktgenau um: mal rau, mal klar, mal flüsternd, mal voluminös und mal krächzend. So weit, so gut, doch leider wirkt sein Vortrag dabei auf mich überwiegend emotionslos und wie beschrieben technisch gewollt, aber leider überhaupt nicht mitreißend. Deshalb fehlt von der Stimme ausgehend auch häufig der Druck in den Songs, die kompositorisch an vielen Stellen gute Ansätze haben und mich auch mal etwas wohlwollender lauschen lassen, wie bei 'The Trial' beispielsweise.
Die genannte, sich ausbreitende, langgezogene Drucklosigkeit macht sich für mich unter anderem deutlich in 'White Wanderer' bemerkbar. Das hört sich zunächst alles spannungsgeladen an, die Parts ziehen sich jedoch ewig in die Länge und berühren mich aufgrund der bemühten, lauen und wenig enthusiastischen Umsetzung nur partiell. Soll heißen: Dabei ist nicht jeder Ansatz schlecht, an der musikalischen Darbietung müssen die Musiker aus Hamburg auf dem nächsten Album jedoch noch etwas mehr feilen. Der Vergleich mit ATLANTEAN KODEX funktioniert momentan nur stilistisch.
Note: 5,5/10
[Timo Reiser]
Eigentlich habe ich gerade gar keine Zeit für einen Beitrag zu dieser tollen Scheibe und ich dachte, es würde keinerlei positiven Buchstaben-Rückenwind von mir bedürfen. Aber wenn ich die bisherigen Meinungen meiner geschätzten Kollegen lese, muss ich wohl doch in die Tasten hauen. Trotz regionaler Verbundenheit bin ich erst verspätet auf den SERVANTS TO THE TIDE-Zug aufgesprungen, was eventuell an den ATLANTEAN KODEX-Vergleichen lag. Darauf muss ich nicht weiter eingehen, denn wer meine Schreibe ein bisschen verfolgt hat, weiß, wie ich zu eben jener Band stehe.
Nun wäre es natürlich geschummelt, wenn ich behaupten würde, es gäbe keine musikalischen Parallelen zu der hirschgeknöpften Truppe aus dem Süden unserer Nation. Aber die Hanseaten sind weniger verspielt und insgesamt etwas düsterer unterwegs. Epic Doom ist wohl die Schublade, in welche man SERVANTS TO THE TIDE stecken kann. Beste Grundvoraussetzung für meine Rezeptoren also. Von daher kann ich schreiben, dass die Scheibe auch schon etliche Durchläufe hinter sich hat und ich von daher hier jetzt keine überschwängliche Ersteuphorie in Buchstaben fasse.
Was haben die Kollegen zu bemängeln? Den Gesang? Ehrlich, Jungs? Für mich ist Stephans kraftvolle, teils etwas rauchige Stimme ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der Band. Gerade in einer Zeit, in welcher ein Großteil der aktuell angesagten Heavy-Metal-Bands sehr austauschbar klingt, finde ich so eine Stimme mehr als herzerfrischend. Klingt das immer perfekt? Zum Glück nicht, denn das ist ein weiterer Pluspunkt in meiner verscheuklappten Heavy-Metal-Welt: Ich möchte echte Emotionen hören! Ich weiß, dass manch einer das Attribut "authentisch" albern findet und ich bemühe mich dies auch eher selten zu benutzen, aber wenn es schon angesprochen wird, darf ich auch darauf reagieren. Während ich genau das bei rund gebürsteten Reih-und-Glied-Produktionen wie DREAM EVIL, AXEL RUDI PELL oder KISSIN' DYNAMITE eben vermisse und damit auch den Rock'n'Roll-Spirit dort zu keiner Sekunde hören kann, ist dies auf "Where Time Will Come To Die" mit jeder Note spürbar. Das mag man albern finden und vielleicht ist das auch weit entfernt vom heutigen Heavy-Metal-Aspekt, aber bei mir zählt auch nach 40 Jahren immer noch das Gefühl hinter der Musik dazu. Sonst könnte ich ja auch Casting Acts hören. Ohne deren Kunstform jetzt zur Diskussion stellen zu wollen, mag ich es dann doch lieber etwas roher und handgemacht.
Von daher geht mir bei solchen Nummern wie 'With Starlight We Ride' oder dem Titelsong das Herz weit auf und ich singe in meiner besten Schieflagen-Intonation voller Inbrunst mit gereckter Faust mit. Wenn es aus meiner offenbar altmodischen Betrachtungsweise etwas zu bemängeln gibt, ist das tatsächlich der etwas drucklose Sound, dem sogar ich eine Tube mehr Tiefe gewünscht hätte. Außerdem will 'The Trial' bei mir so gar nicht zünden. Das ändert aber natürlich nichts an einer hohen Note.
Note: 8,5 /10
[Holger Andrae]
Lieber Holg, schön, dass dir das Album so gut gefällt, aber ich musste bei deinem Text doch ein paarmal hüsteln. Ich denke, jeder, der in unserer doch so verschiedenen Metal-Welt lebt, will "echte Emotionen" hören, nicht nur der alte Kauz. Und an Emotionen mangelt es mir hier nicht. Der schiefe Gesang und die ultrabiederen Riffs und Melodien erhöhen den Herzschlag, mal bin ich schockiert, mal angewidert.
Okay, hin und wieder meine ich die Intention zu erkennen, hier etwas wie "Into Glory Ride" zu machen, ein tolles Beispiel übrigens für ein "Roh-und-handgemacht"-Album, das ich auch sehr mag. Hier muss ich aber passen. Warum, das beschreibt Timo ganz gut. Eigentlich weiß die Band recht genau, was sie möchte, wandelt dabei gerne auf einem haarscharfen Grat zwischen Kühnheit und Heldenepos-Kitsch, purzelt aber viel zu oft den Hang hinunter. Mario, magst du ihr vielleicht wieder hinauf helfen?
Note: 4,5/10
[Thomas Becker]
Lieber Thomas, aus meiner Sicht gibt es da gar nichts zu helfen, denn den Absturz vom Hang sehe ich bei SERVANTS TO THE TIDE nur, wenn die Truppe einen über den Durst getrunken hat. Denn musikalisch gibt es hier in meinen Ohren überhaupt keine Gefahr des Absturzes. Wenn ich eine Doom-Scheibe abfeiere, dann muss das was heißen, denn normalerweise machen ich einen großen Bogen um dieses Genre. Und ich muss Holger zustimmen, ich kann die Kritik am Gesang hier überhaupt nicht nachvollziehen. Klar, es ist auch oftmals eine Geschmacksfrage, aber dann kann man das auch so schreiben, denn gesangstechnisch sehe ich hier nicht wirklich viele Angriffspunkte. Der gute Stephan Wehrbein liefert hier für meinen Geschmack eine gesanglich gute Leistung ab und ich kann euch allen versichern, dass wir froh sein können, dass Leonid an der Gitarre bleibt und nicht selber singt, denn das habe ich selber schon erleben müssen.
Natürlich fällt auch mir hier als erstes ATLANTEAN KODEX als Soundpate ein, jedoch gefällt mir die Musik von SERVANTS TO THE TIDE noch um einiges besser als es die vom KODEX tut. Vielleicht auch deshalb, weil ich hier durchaus auch alte CANDLEMASS-Einflüsse höre. Dabei ist der Opener 'With Starlight We Ride' neben dem folgenden 'Sunrise In Eden' mein Highlight der Scheibe.
Note: 8,5/10
[Mario Dahl]
Fotocredits: Kerstin Rubinstein
- Redakteur:
- Thomas Becker





