Gruppentherapie: MOONSPELL - "Extinct"

05.03.2015 | 14:22

Dritter im Soundcheck und dritte Gruppentherapie diesen Monat. Doch auch bei den Noten herrscht überraschend viel Einigkeit.

Mit MOONSPELL habe ich mich bisher nur ganz am Rande beschäftigt. Ein Umstand, der sich nach heavy Rotation von "Extinct" definitiv ändern wird, denn das Album ist eine Hitfabrik und Melodienfeuerwerk sondergleichen. Wirklich jeder der zehn Songs überzeugt auf seine Art und geht ins Ohr, verbunden durch die prägnante tiefe Stimme Fernando Ribeiros. Hinzu kommt der sympathische Industrial-/Gothic-/Dark-Metal-Anstrich der 90er, der sicherlich nicht jedermanns Sache ist, mir aber so aufbereitet wie hier, sehr gut mundet. Gewürzt wird das, übrigens sehr organische und doch druckvolle, Klangbild mit orchestralen Parts, die sich aber nie zu sehr in den Vordergrund drängen, sondern gut integriert sind. Beide Daumen hoch für "Extinct" und ich werde nun meine CD-Sammlung mit MOONSPELL aufbessern.

Note: 8,5/10
[Jakob Ehmke]

Da empfehle ich Dir erstmal "Irreligious", lieber Jakob, 'Opium' ist nämlich - auch wenn sich mir bei dem Begriff immer etwas verkrampft - ein kleiner Metal-"Klassiker". Er lief in den 90ern in Rock/Metal-Diskos und ich verbinde ihn mit schönen Zeiten. MOONSPELL gehörte auch jahrelang zur Festival-Kultur, Fernando war vor allem für die Mädels immer ein Hingucker und die Band machte immer Spaß. Irgendwie ist sie aber - zumindest bei mir - aus dem Fokus verschwunden, doch so richtig präsent waren die in den letzten Jahren auch nicht, oder täusche ich mich da? "Extinct" darf gerne wieder eine Renaissance dieser Band auslösen, denn die Scheibe klingt schon nach der ersten Sekunde so gottverdammt nach MOONSPELL, wie eben nur MOONSPELL klingen kann. Wie immer ein cooler Mix aus Gothic Rock und Metal, zu dem Fernando auch wieder seine sehr gekonnten Growls herausholen darf. Sogar Erinnerungen an einen anderen Uralt-Hit namens 'Alma Mater' werden wach, auch wenn es heute niemals mehr so metallisch wird wie damals. Doch Jakob sagt es: Ein Hit reiht sich auf "Extinct" an den anderen und ich werde wie damals wieder mit Freude dabei sein, wenn Fernando im roten Gewand auftritt und die hungrigen Wölfinnen im Publikum anheult.

Note: 7,0/10
[Thomas Becker]

Für mich war MOONSPELL in den goldschwarzen Tagen Mitte der Neunziger eine wirklich große und wichtige Band. Mit IMMORTAL konnte ich die Jungs auf Tour bewundern, zu den Klängen von 'Alma Mater' die lusitanische Antwort auf den schwarzen Stahl des Nordens feiern. Grimmig war das, intensiv und dabei durchaus erhaben. Als es dann gruftiger, softer, weniger metallisch wurde, war ich sicherlich ein wenig irritiert, aber dennoch war natürlich auch "Irreligious" noch ein wahres Meisterwerk. Danach konnte mich die Band nie mehr komplett fesseln, aber immer wieder überzeugte das eine oder andere Album, und hier und da gelang der Band auch ein Hit. Mit "Extinct" ist das gut zwanzig Jahre nach meinem Erstkontakt mit Fernando Ribeiro & Co. noch immer so. Die Band hat eine eigene Ausstrahlung und einen nach wie vor charismatischen Frontmann. Die portugiesischen Folkelemente, die gelegentlichen orientalischen Melodiebögen, die prägende Rolle des Keyboards und eine recht lockere, tanzbare Rhythmik sorgen in weiten Teilen zwar für eine etwas größere Distanz zu den düstermetallischen Wurzeln der Band, die ich so sehr mag, doch an anderen Stellen, wie etwa beim Titelstück, wird auch für ein gerüttelt Maß an Härte gesorgt, so dass die Scheibe insgesamt nicht zu seicht geraten ist, obwohl sie immer wieder sehr romantisch schmachtet. MOONSPELL gehört damit nach wie vor zu den eigenständigen und unverkennbaren Größen zwischen Metal und Gothic Rock, und da muss man dann auch als passionierter Schwarzwurzeltherapeut mal anerkennen, dass nicht immer nur die ersten drei Scheiben einer Band die einzig wahren sind.

Note: 7,5/10
[Rüdiger Stehle]

Ähnlich wie Kollege Becker habe auch ich die ersten beiden Alben von MOONSPELL sehr geschätzt für ihre unter die Haut gehende Mixtur aus krachendem Düster-Metal und eingängigen Gothic-(Pop-)Melodien - und die Portugiesen dann aus irgendwelchen Gründen fast völlig aus den Augen verloren. Vermutlich weil meine Hörgewohnheiten sich Ende der 1990er wieder mehr in Richtung Prog Metal entwickelten. So kommt "Extinct" für mich als freudige Überraschung und Wiederentdeckung einer alten Leidenschaft daher. Lange habe ich keiner Band mehr gelauscht, die so sinnlich knisternd und selbstverständlich orchestralen Düster-Pathos mit saftigem Metal und sensationellen SISTERS OF MERCY-Gänsehaut-Hooklines (Titelsong!) verbindet. Das Ergebnis klingt mal mächtig tanzbar ('Medusalem'), mal melancholisch verträumt ('Domina'), mal treibend hymnisch ('Funeral Bloom'), aber vor allen Dingen so gut wie immer schlüssig, rund und ohrenschmeichelnd. Leider kann der eine oder andere Song im Mittelteil des Albums die dramatische Spannung nicht ganz aufrecht erhalten. Trotzdem zaubert "Extinct" bei jedem Durchlauf ein seliges Lächeln auf mein Gesicht und endet zu allem Überfluss noch mit dem wohl großartigsten Horror-Chanson aller Zeiten: 'La Baphomette'. KAUFEN!!

Note: 8,5/10
[Martin van der Laan]

Hier ist noch einer, der das Frühwerk der Portugiesen sehr schätzt. Zwischen "Irreligious" und "Wolfheart" findet noch "The Antidote" Platz in meiner persönlichen Top 3. Bei einer derartigen Vorprägung freut es mich natürlich, dass immer mal wieder die druckvolle Riff-Keule ausgepackt wird, wie bereits beim Opener 'Breathe (Until We Are No More)'. Das passt da einfach wunderbar rein und klingt schlicht und ergreifend unverwechselbar nach MOONSPELL. Insgesamt jedoch, da muss ich meinen Vorrednern recht geben, ist bei "Extinct" ein hohes Maß an Eingängigkeit zu konstatieren; die Vielzahl der catchy Melodien und die teilweise regelrecht opulente Intonierung sorgen dafür, dass man mit der Platte schnell warm werden kann. Allerdings ist mir das zumindest bei einigen Songs doch etwas zu seicht und konturlos (böses Wort!) geraten - gerade beim Titeltrack fällt auf, dass mir die Strophe mit dem wilden Gesang Fernandos und dem zackigen Riffing sehr mundet, während mich der deutlich harmonischere, glattere Refrain kaum anzusprechen vermag. Auch sonst bin ich hin- und hergerissen zwischen einigen Euphorieschüben (die im Endeffekt auch überwiegen) und vereinzelten "wie langweilig"-Gedankenspielen. Klar, auch der düster-einschmeichelnde Dark Rock hat seinen Reiz, aber bei MOONSPELL habe ich naturgemäß mehr Spaß an wuchtigem, gerne auch kantigem Gothic Metal. Da "Extinct" zum Glück auch diesen "Primärreiz" bedient, läuft mir der Rundling schon ganz gut rein, wenn auch beileibe nicht durchgängig. Und ja, 'La Baphomette' ist ganz großes Düster-Kino (ein wenig guckt da 'Full Moon Madness' hinter einer dunklen Wolke hervor).

Note: 7,5/10
[Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Simon Volz

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