Gruppentherapie: ALTER BRIDGE - "Alter Bridge"
06.02.2026 | 22:39Bietet das Duo Tremonti-Kennedy ein neues Meisterwerk?
ALTER BRIDGE zieht seit jeher die Aufmerksamkeit auf sich. Das liegt nicht nur an der musikalischen Qualität, sondern sicher auch daran, dass Mark Tremonti als Gitarrist und Myles Kennedy als Sänger ein magisches Duo bilden. Da sich beide Musiker gerne auch anderweitig austoben, hat es nun vier Jahre gedauert, bis eine neue Platte der Gruppe unter dem Namen "Alter Bridge" erschienen ist. Häufig wird ja unterstellt, dass Selftitled-Alben etwas Besonderes sind. Dies zeigt einmal mehr ein Platz auf unserem Soundcheck-Treppchen. Ist den beiden mit ihrer gemeinsamen Band ein Meisterwerk oder doch nur solider Durchschnitt gelungen?

Die neue selbstbetitelte ALTER BRIDGE eröffnet mit einem optimalen Duo: 'Silent Divide' und 'Rue The Day' räumen richtig ab. Der Opener sägt in ALICE IN CHAINS-Manier, Riffing und schräggelegter Gesang können begeistern. Der zweite Track setzt das Gebiege von Stahl fort. Danach wird es etwas getragener, 'Power' gibt noch etwas Stoff, doch Melancholie und Herzschmerz betreten die Bühne. Rosen werden hingehalten, man darf mitsingen und Feuerzeuge schwenken, kommende Geheimratsecken bedauern oder der verschwundenen Nachbarin nachtrauern.
Im mittleren Teil des Albums fehlen mir etwas die zwingenden Melodien, die das Eröffnungsduo so brillant machen. 'Scales Are Falling' ist dann wieder ein solcher Song, der einen niederknien lässt: Hier setzt es einen geilen Chorus, man muss gleich nochmal zurückskippen, wenn das Ding durch ist, abheben inklusive.
Nach zwei ganz guten Songs gibt uns das instrumental beginnende, überlange Finale nochmal das, was wir an dieser Band am meisten schätzen: schräge Gitarren, melodische Alternative-Sounds und Groove. Vier Übersongs von zwölf machen noch keine Übernote, wegen der leichten Hänger im mittleren Teil (die auf lässigem Niveau stattfinden), vergebe ich Demonizer hier die Note "gut".
Note: 7,5/10
[Matthias Ehlert]
ALTER BRIDGE und ich haben eine etwas ambivalente Beziehung, denn vermögen mich stets einzelne Songs in der Diskografie zu überzeugen, so konnten mich die Amis bisher auf Albumlänge noch nicht abholen. Das bleibt auch mit "Alter Bridge" so, das sei bereits verraten. Bisher war "Fortress" (2013) das Opus Magnum der Band für mich, seitdem habe ich die Veröffentlichungen zwar weiterhin verfolgt, jedoch sehr nebenbei. Die Singles von "Alter Bridge", allen voran die bereits von Matthias hervorgehobene Nummer 'Scales Are Falling', machten mich jedoch wieder neugieriger - zurecht! Denn so rifflastig tönte ALTER BRIDGE tatsächlich seit "Fortress" nicht mehr. Ich kann daher Matthias auch hier nur zustimmen, 'Silent Divide' gibt einen ordentlichen metallischen Opener ab, der mir allerdings sonst etwas zu zäh ist.
Auch im weiteren Verlauf braucht das Album etwas Zeit, um in Schwung zu kommen, erst 'Trust On Me' erweitert und öffnet die Platte um eine wirklich schöne Nummer im tanzbaren 6/8-Groove (was man leider nur noch selten hört), danach rockt 'Disregarded' in bester ALTER BRIDGE-Manier wieder alles in Grund und Boden und Kollege Mario hört für sein Review richtig, dass 'Tested And Able' Dank des "Duetts" von Kennedy und Tremonti einerseits und des Nu-Metal-Einschlags andererseits zu den Highlights gehört. Abschließend beweist 'Slave To Master', wie schnell gut komponierte neun Minuten verstreichen können.
Klar ist: Es gibt wenige Kollaborationen, wo Gesang und Gitarre sich so gut ergänzen wie bei Kennedy/Tremonti. Wie bereits erwähnt, kann "Alter Bridge" mich auf Albumlänge dennoch nicht auf dem hohen Niveau wie die besagten einzelnen Tracks überzeugen. Klar ist aber auch, dass "Alter Bridge" für mich das beste Album seit "Fortress" ist.
Note: 7,0/10
[Jakob Ehmke]
Ich bin bei ALTER BRIDGE von Anfang an am Start, mit 'Metalingus' und 'Blackbird' hat die Band seinerzeit auch mindestens zwei zeitlose Klassiker veröffentlicht, welche weit oben in meinen persönlichen Top-100-Songs aller Zeiten liegen. Während ich mir "Alter Bridge" anhöre, beschleicht mich allerdings ein Gefühl, welches ich auch bei den letzten Alben bereits hatte: dass ich ALTER BRIDGE vor allem nur noch aus Nostalgiegründen höre.
Denn eine Sache ist ganz klar, für bahnbrechende musikalische Weiterentwicklung stand ALTER BRIDGE noch nie. So könnte auch vom aktuellen Album wahrscheinlich jeder einzelne Song genau so auf dem Debüt-Album auftauchen und würde nicht sonderlich auffallen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass man alle ALTER BRIDGE-Songs in einen Sack schmeißen und zehn bis zwölf davon rausfischen könnte. Und zack hat man ein Album, das man so auch releasen könnte.
Diese musikalische Kontinuität ist natürlich auch Aushängeschild und Erfolgsrezept von ALTER BRIDGE - die Hörerinnen und Hörer wissen genau, was sie erwartet. AC/DC füllt ja auch immer noch Stadien damit, dass man Varianten des gleichen Songs spielt. Diese Beständigkeit muss also beileibe nichts Schlechtes sein. Es führt bei mir aber dazu, dass ich mich beim Hören eines kompletten Albums dabei ertappe, wie ich mich frage, warum ich das tue. Genauso gut könnte ich mir die zwei bis drei herausstechenden Songs schnappen, diese in meine ALTER BRIDGE-Best-of-Playlist schmeißen und mich meines Tages erfreuen.
Damit will ich meinen Vorrednern nicht widersprechen, ganz im Gegenteil. Sie haben mit nahezu allem, was sie schreiben, Recht. 'Scales Are Falling' ist DER herausragende Track dieser Scheibe. Dahinter reihen sich dann 'Tested And Able', 'What Lies Within' und 'Playing Aces' ein. Damit ist "Alter Bridge" per Definition ein gutes Album mit einigen sehr guten Songs. Dies liegt aber vor allem daran, dass ALTER BRIDGE halt einfach eine sehr gute Band ist und mit der Kombi Kennedy/Tremonti ein einmaliges Erfolgsrezept gefunden habt. Gelangweilt bin ich so langsam trotzdem davon.
Note: 7,0/10
[Chris Schantzen]
Ich glaube, ich bin der einzige Kollege, der ALTER BRIDGE auf Platte besser findet als live. Versteht mich nicht falsch: Jene Konzerte, die ich mitbekommen habe, waren gut - aber mehr auch nicht. Mir fehlte der Drive, die Abwechslung, sodass viele Auftritte zu selten über das Prädikat "ganz gut" hinausgingen.
Alben jedoch wie "Blackbird", "AB III" oder jüngst "Pawns & Kings" haben es mir echt angetan und die Messlatte für das selbstbetitelte, achte Album wahrlich hoch gehangen. Doch "Alter Bridge" schafft es, sich zumindest nach den ersten zwei Durchgängen energisch, verspielt, rockig, einprägsam und tiefgängig an die Seite der genannten Diskografie-Highlights zu stellen. Gesanglich und instrumental ist ALTER BRIDGE nach wie vor eine Wucht, doch ich will die Hits! Ich will die Evergreens! Ich will die lichterloh brennenden Highlights mit den Sonnenaufgangs-Refrains. Und wo sind die auf "Alter Bridge"?
'Playing Aces' ist fett, 'Power Down' ist Dynamik pur, 'Hang By A Thread' hat einen wunderbaren Tiefgang und 'What Are You Waiting For' ist schlichtweg DER Hit auf "Alter Bridge". Doch ob auch die übrigen Songs aus ähnlichem Holz geschnitzt sind, wird erst die Zeit zeigen. Der Gesamteindruck jedenfalls ist schon mal ein guter.
Note: 8,0/10
[Marcel Rapp]
Eigentlich soll man ja das Fazit eines Textes nicht am Anfang gleich preisgeben, weil dann niemand mehr weiterliest, aber für diesen gruppentherapeutischen Quickie fällt mir einfach kein besserer Einstieg ein: ALTER BRIDGE war und ist für mich immer eine prototypische Acht-Punkte-Band. Ich finde die Musik auf jedem der bisherigen Alben richtig gut, freue mich auf jeden Durchlauf, anerkenne die musikalische und gesangliche Leistung in hohem Maße, aber gerate zu keinem Zeitpunkt in echte Verzückung oder Ekstase. Meistens bin ich sogar die ersten 15 bis 20 Minuten ziemlich begeistert, aber dann irgendwann nehmen meine Aufmerksamkeit und mein Interesse langsam, aber doch stetig ab. Das liegt vielleicht zumindest in Teilen daran, dass die objektiv gute Musik von ALTER BRIDGE sich von der Intensität und Emotionalität her durchgehend auf dem selben Level bewegt. Mir fehlen da irgendwie die Ausschläge nach unten und nach oben, die Überraschungsmomente, manchmal gar die Erholungspausen in dem doch recht dicht gestrickten modernen Heavy-Rock-Sound.
Tatsächlich gilt dies alles auch für das aktuelle selbstbetitelte Album wieder genauso. Die Musik rockt und groovt fett, die eine oder andere Hookline entwickelt sogar echte Langzeitwirkung. Mein Kopf sagt mir die ganze Zeit, was für eine tolle Band ALTER BRIDGE doch ist und was die Musiker hier alles richtig gut machen. Aber trotzdem will sich keine richtige Begeisterung einstellen. Es tut mir fast ein bisschen leid und ich kann auch nicht besser festmachen, woran es genau liegt. Aber es ist nun mal so.
Note: 8,0/10
[Martin van der Laan]
Herrschaften, was ist denn hier los? Fünf Einschätzungen und keiner hat bis jetzt die richtige Note gezückt? Matthias, Jakob und Chris sind dabei deutlich zu niedrig unterwegs, während sich Martin und Marcel schon einmal langsam den richtigen Regionen der Punkteskala annähren. Dabei kann ich gerade Chris' Einwand mit der Langeweile durchaus verstehen, denn so erging es mir angesichts der letzten ALTER BRIDGE-Alben.
Klar, mit dem Songwriter-Duo um Myles Kennedy und Mark Tremonti können die Amerikaner per Definition schon einmal kein schlechtes Album veröffentlichen, aber nach einer Serie von überragenden Scheiben bis "Fortress", aus der bis heute "Blackbird" als überragendes Juwel hervorsticht, stellte sich bei mir etwas Ermüdung ein. Ja, auch die letzten Alben hatten ihre tollen Songs, trotzdem konnten mich die Solo-Ausflüge von Myles und Mark zuletzt weit mehr abholen.
Nun, zumindest bis heute, denn auch wenn "Alter Bridge" uns mit dem Titel suggerieren möchte, dass die Band sich in der eigenen Identität heuer so wohl fühlt wie nie zuvor, beschleicht mich angesichts des starken Songmaterials eher das Gefühl, dass hier das gerade erwähnte Solowerk der beiden Bandköpfe für kreativen Aufwind gesorgt hat, der sich endlich auch mal wieder in einem rundum gelungenen Album der Hauptband niederschlägt. Spuren des letzten TREMONTI-Überwerks "The End Will Show Us How" und des Kennedy-Soloalbums "The Art Of Letting Go" sind für mich jedenfalls überall in den ansonsten typischen ALTER BRIDGE-Sound hörbar eingewoben. Die Höhepunkte haben die Kollegen dabei schon brav allesamt erwähnt, nur kommen sie am Ende eben nicht auf die richtige Note, denn hier muss für mich der klare Aufwärtstrend auf einer Platte ohne echte Ausfälle mit neun Zählern honoriert werden!
Note: 9,0/10
[Tobias Dahs]
Ein selbstbetiteltes Album muss einfach eine Macht sein. Das ist ein Naturgesetz und dagegen wird nicht verstoßen! Das hat auch ALTER BRIDGE verstanden und mal eben aus dem Ärmel ein weiteres Topalbum vorgelegt, bei dem ich mich das Gleiche frage, was ich bei jedem neuen Werk der Burschen frage: Wie kann es sein, dass sie auf das letzte Album noch einen draufsetzen können?
Und so pflichte ich Tobias bei, denn "Alter Bridge" überspringt ganz klar die Neuner-Hürde, ist vielseitig und doch gleichzeitig fest im ALTER BRIDGE-Universum verortet. ALTER BRIDGE macht hier nichts anders, erfindet nichts Neues, ist aber einfach noch ein klitzekleines bisschen besser als zuvor. Tobias weiß Bescheid, ich würde nur den Satz "ohne echte Ausfälle" in "ohne jegliche Ausfälle" ändern, damit hier niemand auf den Gedanken kommt, er müsse das Haar in der Suppe suchen, das könnte nämlich dauern. Und ihr anderen werdet jetzt Ziel meines schwermetallischen Zorns: Ihr seid Rockbanausen, nur verschiedenen Grades!
Note: 9,0/10
[Frank Jaeger]
Wenn ich ALTER BRIDGE höre, frage ich mich immer, warum ich das nicht viel öfter tue. Das spielt beiden Seiten hier in die Karten, könnte es doch bedeuten, dass mir wie Martin der allerletzte Kick immer fehlt und die Musik von daher in Vergessenheit gerät. Aber wenn sie dann läuft, ist es immer top und ich bin dann voll bei Frank und Tobi. Ich zähle auch deutlich mehr als Stendahls vier Hits zu eben jenen, ich würde da eher anfangen zu suchen, welches Lied kein solcher ist. Am ehesten wohl die Ballade 'Hang By A Thread', was ungewöhlich für mich Softie ist. Aber die Band hat 'Blackbird' geschrieben, eine Ballade, die ich für alle Ewigkeit in meinem Herzen tragen werde.
Bevor ich jetzt aber an Stendahls Rosen schnüffle, mache ich lieber Halt. Das heißt auch, ich gebiete meinem Drang, neun Punkte zu geben, Einhalt. Vorsorglich. Falls ich wieder vergesse, mehr ALTER BRIDGE zu hören, wäre Neun zu viel. Und ich wäre ein Banause, doch ich werde mir Mühe geben, keiner zu sein, lieber Frank!
Note: 8,5/10
[Thomas Becker]
Fotocredits: Frank Hameister (Mark Tremonti; oberes Bild) und Chris Schantzen (Myles Kennedy, unteres Bild, vom Rock im Park-Festival 2025)
- Redakteur:
- Dominik Feldmann





