EDENBRIDGE: Helles Licht im kollektiven Schatten

15.01.2026 | 17:40

Dass "Set The Dark On Fire" nicht bloß ein neues EDENBRIDGE-Album ist, beweist uns auch das Gespräch mit Sabine und Lanvall, den beiden Gründungsmitgliedern. So gehen Konzept und Bedeutung über das übliche Maß hinaus und versprechen, nicht nur für Symphonic-Metal-Liebhaber ein absoluter Leckerbissen zu werden. Welches tiefgreifende Konzept hinter der neuen Platte steckt, welche Rolle "Set The Dark On Fire" in der hiesigen EDENBRIDGE-Diskografie spielt und wie es Sabine geschafft hat, noch kraftvoller und energischer denn je zu wirken, erfahren wir hier.

Hallo ihr beiden. Lanvall, wir hatten ja bzgl. der Tour-Präsentation bereits Kontakt miteinander. Wie ist die Stimmung bisher?

Lanvall: Nun, die Tour findet ja erst statt, und zwar im Februar und März 2026 und wir freuen uns schon sehr darauf. Mit FLOWERLEAF und MIRACLE FLAIR haben wir ebenfalls zwei Female-fronted-Bands im Gepäck und es wird mit Sicherheit ein toller Symphonic-Metal-Abend.

Sabine: Ja, die Stimmung bei uns ist Vorfreude. Wir sind allesamt gespannt, wie die Fans auf das neue Album reagieren. Die Reaktionen der Journalisten bisher waren schon sehr erbaulich und es liegt etwas Feuriges in der Luft.

Ihr habt einen neuen Gitarristen an Bord. Weshalb hat Dominik denn nach fast 15 Jahren die Band verlassen?

Lanvall: Für Dominik hat sich SERIOUS BLACK in den letzten zehn Jahren als Hauptband entwickelt, insofern war es klar, dass da mal ein Cut kommt. Der Hauptgrund war aber, dass wir uns in den letzten Jahren auseinandergelebt haben. Da ich ungern, was dies betrifft, den ersten Schritt setze, kam Dominik mir zuvor und es war dann auch überhaupt kein großes Thema. Die Trennung verlief bereits Anfang 2022 und war total unkompliziert. Es gab so eine Art symbolische Übergabe an unseren neuen Gitarristen Sven, der mittlerweile ja schon mehr als drei Jahre in der Band ist und mit dem wir bereits zwei Headliner-Touren absolviert haben. Seit Sven in der Band ist, ist die Stimmung absolut großartig und wir haben mächtig Spaß zusammen.

Sven ist allerdings ein toller Ersatz für Dominik geworden. Wie seid ihr auf ihn aufmerksam geworden und wie konnte er sich in das Songwriting des neuen Albums integrieren?

Lanvall: Ich sprach mit unserem Bassisten Steve, wen er sich als Gitarristen vorstellen könnte und er kam sofort auf Sven, mit dem er bei CRYSTALLION schon jahrelang zusammenspielt. Unser bayerischer Bassist empfiehlt uns also quasi einen Gitarristen, der bei uns im nördlichen Oberösterreich mehr oder minder um die Ecke wohnt, haha. Er hatte sofort Interesse und die Audition war dann auch nur Formsache. Sven ein absoluter Spitzengitarrist, wie einige der Soli auf dem neuen Album eindrucksvoll dokumentieren.

"Set The Dark On Fire" heißt die neue Scheibe und verspricht ein absoluter Volltreffer zu werden. Verfolgt das neue Album eine bestimmte Thematik, einen thematisch roten Faden, der sich durch das Album zieht?

Sabine: Wir leben in einer Zeit, in der kollektive Schatten sichtbar werden, und wir begrüßen das mit unserem Album. Nur was ans Licht kommt, kann gesehen, erkannt und folglich von allen verändert werden. Textlich beschäftigen wir uns mit dem Dunklen, oder vielleicht besser gesagt: mit dem, was oft im Dunkeln, also im Verborgenen liegt. Dabei geht es uns nicht nur um das, was man klassisch als "bedrohlich" oder als "das Böse" einordnet, sondern auch um unbewusste Anteile, zu denen unsere eigenen Schattenanteile, aber vor allem auch Fähigkeiten und innere Ressourcen zählen. Wir haben das Gefühl, dass konstruktive Veränderungen dann entstehen können, wenn man hinsieht, was überall so los ist, ohne sich selbst zu sehr emotional zu involvieren, worauf man keinen direkten Einfluss hat. Nur auf diese Weise bleibt der Geist klar und unsere Kräfte erhalten, um von innen heraus zu wachsen und um individuell die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Viele Menschen kennen das Gefühl von Machtlosigkeit. Wir erleben das zum Teil, weil wir uns unserer eigenen Schöpferkraft, also unserer Kreativität und Gestaltungsmöglichkeiten, nicht immer bewusst sind. Wenn unsere innere Anbindung schwächer wird, fühlen wir uns leichter beeinflussbar oder entmutigt. Umgekehrt entsteht dort Vertrauen, wo Menschen sich sicher fühlen und mit Vertrauen wächst auch der Mut, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, um es zu "beleben" oder um auch einmal "nein" zu sagen.

Aktuell wird eben vieles, was lange im Hintergrund lief, gerade sichtbarer. Für uns fühlt sich das nach einer Zeit der Klärung an. Unsere Texte sind aber auch diesmal kein Aufruf zur Revolution oder Eskalation, sondern wir versuchen den Prozess der Transformation zu beschreiben. Das Element Feuer steht sinnbildlich genau dafür. Es kann wärmen, nähren, zerstören, aber auch verwandeln und erneuern, wie etwa beim "Phönix aus der Asche-Prozess". Wir haben es in der Hand mit unseren Entscheidungen für uns selbst konstruktiv ins Kollektiv einzuwirken um als Menschheit herausfordernde Zeiten gut zu überstehen und ein neues Energielevel auf Erden zu erreichen.

Auf all unseren Alben beschreiben wir deshalb einen persönlichen Entwicklungsweg, der für uns ein zentraler Teil des kollektiven Wandels ist. Musik, die emotional berührt und stärkt, kann dabei unterstützen, die eigene Kraft wiederzufinden um dort aktiv zu werden, wo wir tatsächlich etwas bewirken können. Wer unsere bisherigen Texte kennt, weiß vermutlich, dass wir keine Flucht auf Wolke Sieben propagieren. Uns interessiert eher, wie man mit beiden Füßen auf dem Boden bleiben und trotzdem innerlich wachsen kann. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass jeder Mensch mit einem individuellen Blick auf die Welt unterwegs ist, geprägt durch Kultur, Erfahrungen und eigener Geschichte. Unsere Texte sind deshalb auch oft in Metaphern verfasst, weil das Poetische schöner klingt und den erhobenen Zeigefinger außen vor lässt.

Vielen lieben Dank für den tiefen Einblick - ein besonderes Album also, speziell in dieser Zeit. Für mich wirkt "Set The Dark On Fire" noch orchestraler und bisweilen auch progressiver - sehr vielschichtig und abenteuerlustig. Eine bewusste Entscheidung oder kam dieser Kurs von alleine? Und was unterscheidet musikalisch "Shangri-La" vom neuen Album?

Lanvall: Eine ganz natürliche Entwicklung. Ich plane niemals im Vorfeld, wie das Album jetzt klingen soll. Zuerst reifen die Songs im Arrangement-Prozess und dann kristallisiert sich ein Groundsound heraus, den ich unserem Mixing Engineer Karl Groom (THRESHOLD) versuche zu vermitteln. Dann beginnt die Millimeterarbeit um jedes kleine Detail perfekt in Szene zu setzen. Vom Musikalischen her ist das neue Album auf jeden Fall härter. Das liegt einerseits daran, dass die meisten Grundriffs der Songs tiefer liegen und der Bass dieses Mal wesentlich mehr Raum hat und mehr Distortion aufweist. Das lässt wiederum die Gitarren heavier erscheinen. Progressiv im eigentlichen Sinn waren wir denke ich schon immer. Das bezieht sich jetzt nicht auf ungerade Takte oder Frickelpassagen, sondern um neue Soundwelten zu ergründen und "bewährte" Akkordstrukturen oftmals zu umgehen. Die Balance zwischen den Elementen ist der wichtige Faktor. Sie brauchen Raum und deswegen kann nicht alles immer auf Anschlag passieren. Ein fettes Riff wird eben nur dann fett wirken, wenn es nicht durch etliche andere Instrumente zugekleistert wird. Wenn du cineastische Orchesterparts in den Mittelpunkt stellen willst, müssen dann eben auch die Gitarren mal einen Schritt zurückfahren.

Sabine: Der Sound entsteht ganz natürlich, wenn man sein eigenes Ding durchzieht. Sich persönlich wie musikalisch von innen heraus weiterzuentwickeln, ist sinnvoller, als sich ständig zu vergleichen, zu kopieren oder irgendwelchen Trends hinterher zu laufen. Seit dem ersten Album werden wir gefühlt schrittweise härter. Es ist für mich immer, wie wenn wir von dem engelhaft Himmlischen immer mehr in Richtung Erde wandern und dennoch die Verbindung nach oben beibehalten. Es ist jedoch eine natürliche Entwicklung wie ziemlich alles bei uns. Wahrscheinlich haben wir das beim Universum mitgebucht, als wir uns für den Namen EDENBRIDGE entschieden haben.

Was macht 'Cosmic Embrace' und 'Where The Wild Things Are' für euch zu perfekten Singles?

Lanvall: Nun, ich denke sie haben das perfekte Format dafür, glänzen beide durch catchy Refrains und transportieren doch die klassischen Elemente, für die der EDENBRIDGE-Sound steht.

Sabine: Bei beiden Songs/Videos geht es um etwas, was wir für den Transformationsprozess individuell brauchen. Bei 'Cosmic Embrace' ist das der Rückzug in die Stille, um dann mit Inspiration den eigenen Weg durch das Chaos zu finden. Symbolisiert durch das Labyrinth und die Verbindung innerer Sonne mit äußerer Sonne und die dadurch entstehende Feuerkraft, die uns ins Handeln bringt.

Bei 'Where The Wild Things Are' ist es auch eine Art Rückverbindung zur Lebenslust dargestellt durch die weibliche Urkraft unserer Schauspielerin Aleen. Sie steht für Leidenschaft und hat eine unbändige Kraft, mit der sie auch eine Gefahr darstellt für jegliche Routine. Meiner Beobachtung nach leben wir in einer Zeit, wo wir wieder lernen dürfen mehr im Moment zu sein, um aus diesem heraus die individuell stimmigen Entscheidungen zu treffen, abseits von eingefahrenen Wegen. Musikalisch gesehen gehen beide Songs leicht ins Ohr und werden hoffentlich Menschen in eine gute Stimmung versetzen.

'Lighthouse' gefällt mir unheimlich gut. Welche Bedeutung hat für euch ein Leuchtturm? Nicht nur für die Seefahrer, sondern auch für euch als Band? Was ist euer persönlicher Leuchtturm?

Sabine: Wir haben das Thema natürlich symbolisch betrachtet im Sinne von: auch bei Wind und Wetter - er steht fest in seiner Verankerung und leuchtet auch die dunklen Seiten aus. Nichts bleibt ihm verborgen, aber er beobachtet nur. Es gibt ihn in guten, wie in schlechten Zeiten und damit steht er auch für unsere innere Stärke, die unbeeindruckt ist von manchem Irrsinn auf dieser Welt. Mit dieser Kraft gelingt es eben auch zu leuchten, wenn es drumherum nebelig wird. Für uns alle ist die Musik selbst ein Leuchtturm, die uns schon des Öfteren durch herausfordernde Zeiten geführt hat.

Das Herzstück des Album ist allerdings mit Sicherheit das vierteilige 'Spark Of The Everflame'-Epos. Worum geht es? Bereits auf dem Vorgänger habt ihr solch ein Mammutprojekt verwirklicht - ihr habt anscheinend daran Gefallen gefunden, oder?

Lanvall: Die epischen Longtracks hatten wir von Beginn an dabei, es gab zumindest einen davon auf jedem unserer Alben. 'Spark Of The Everflame' handelt vom wiederkehrenden Kreislauf des Lebens. Wir sind ein "Funke" ('Spark') aus Energie, der nach unserem vermeintlichen Lebensende als Energie bleibt und zum großen Ganzen ('Everflame') zurückkehrt. Denn Energie kann niemals zerstört werden. All is one and one is all.

Musikalisch ist 'Spark' die Visitenkarte für den Sound, für den EDENBRIDGE 2025 steht. Fräsende Riffs, mächtige Chöre, wiederkehrende Motive, ein großer orchestraler Mittelteil und ein bombastisches Finale.

Ich habe euch mit "The Grand Design" kennengelernt und 'Flame Of Passion' sowie der opulente Titeltrack laufen noch immer rauf und runter. Insgesamt habt ihr nun euer zwölftes Album am Start, wie würdet ihr die Entwicklung in diesen 25 Jahren betrachten und welche Alben sind für euch die wichtigsten der Bandkarriere?

Sabine: Gestartet hatten wir mit einem neuen Genre, dem Angelic Bombast Metal. Dort hatten wir uns selbst verortet, weil es schwierig war uns einzuordnen. Es beschrieb das Powervolle wie das Melodiöse, sowie das Mystische - geprägt durch die Lyrics und meine helle Stimme. Man darf nicht vergessen, dass EDENBRIDGE aus einem Vorprojekt entstanden ist, wo ich bereits 1996 die Sängerin war. Mit unserem Debütalbum sind wir aber dann in eine Zeit gefallen, wo Female Fronted Metal plötzlich als Stilrichtung ausgerufen wurde. Das hatte zur Folge, dass alle Bands mit Frau am Mikro in einen Topf geworfen und untereinander verglichen wurden. Dabei wurde aber nicht differenziert, was musikalisch eigentlich passiert, was sehr schade war. Wir hatten es nicht leicht uns selbst zu definieren, weil wir eben nicht in einen Topf wollten. Irgendwann haben wir es aber akzeptiert, zumal uns das Feedback der Fans wichtiger war und wir ohnehin immer unserer Intuition gefolgt sind, den eingeschlagenen Weg unbeirrt weiter fortzusetzen.

In der Rückschau sind wir von dem himmlisch Hellen mit jedem Album erdiger geworden und haben dennoch unsere Trademarks beibehalten. EDENBRIDGE - ein Mix aus Symphonischem, ziemlich bombastisch und heavy, gerne auch balladesk, mit einem Schuss Progressivität, manchmal auch doomig.

Lanvall: In Retrospektive würde ich die folgenden Alben nennen. "Sunrise In Eden", weil es unser Debüt war und uns von 0 auf 100 in der Szene etabliert hat. "Shine", weil wir mit dem vierten Album etliche neue Elemente in unseren Sound brachten. "MyEarthDream", weil wir hier erstmals mit echtem Orchester und mit 7-Saiter Gitarren gearbeitet haben. "The Bonding", weil es für mich die Aufarbeitung einer ganz schwierigen Lebensphase war. Und dann natürlich unser neues Album "Set The Dark On Fire".

Wie würdet ihr die vergangenen zwölf Monate bewerten und welche Vorsätze habt ihr für die nächsten zwölf? Außer einer glorreichen Tour, die wir erneut präsentieren dürfen.

Sabine: Das neue Album hat uns ganz schön in Besitz genommen und auch unter Feuer gesetzt, hehe. Ich hatte Ende letzten Jahres eine mega Zwerchfellspastik, deren Ausläufe mich bis in die Aufnahmen hinein begleitet haben. Es wurde dadurch aber auch in mir eine Energie freigesetzt, welche mich am Ende stimmlich auf ein neues Level gehievt hat. Es war und ist nach wie vor eine herausfordernde Zeit und das ganze Drumherum wird von Mal zu Mal intensiver. Mein persönlicher Vorsatz ist, dass ich diese Power vom Album auch auf die Bühne bringen möchte, und ich freue mich schon riesig auf die Tour.

Ihr Lieben, danke euch, dass ihr euch Zeit für mich genommen habt - "Set The Dark On Fire" ist ein tolles Album geworden, für das ich euch alles Gute wünsche! Was möchtet ihr unseren Lesern und euren Fans noch mit auf den Weg geben?

Vielen lieben Dank, Marcel. Wir danken den Fans für ihren Support und hoffen, dass ihr zahlreich zu unserer Tour im Februar und März erscheint.

 

Fotocredits: Günter Leitenbauer & Johannes Gral

Redakteur:
Marcel Rapp

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