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Review: Turbonegro - Retox

Turbonegro - Retox - 2 Reviews

-
15. 6.2007
Edel
Rock
http://www.scandinavianleather.com
  1. We're Gonna Drop The Atom Bomb
  2. Welcome To The Garbage Dump
  3. Hell Toupée
  4. Stroke The Shaft
  5. No, I'm Alpha Male
  6. Do You Do You Dig Destruction
  7. I Wanna Come
  8. You Must Bleed / All Night Long
  9. Hot And Filthy
  10. Every Body Loves A Chubby Dude
  11. What Is Rock?!

Review von Eike Schmitz

Die Schweine-/Schwanz-/Garagen-Rocker von TURBONEGRO sind wieder mal im Tonstudio eingefallen! "Retox" heißt das Ergebnis, und zeigt uns: Die Band rockt, rollt und tollt noch immer mit Lust, Laune und verfickt viel Spaß kreuz und quer durch vorneweg dreißig Jahre brüllend laut verstärkte Gitarrenmusik.

Rock ist einfach nicht totzukriegen. Da kann die britische Musikpresse noch so viele Hype-Säue durchs Dorf treiben und die deutsche Musikindustrie sie dann ein paar Jahre später aufs Neue als heißen Scheiß zur Zweitverwurstung durch den PR-Wolf jagen. Eine Zwei-Albums-Fliege nach der anderen schwirrt auf und stürzt wieder dahin ab wo sie her gekommen ist: In die Bedeutungslosigkeit. Wenn man den richtig guten Rocksound trotzdem nicht über bekommt, so kann das zum einen daran liegen, dass man Funk & Fernsehen rechtzeitig das Travis-Bickle-Treatment hat angedeihen lassen, bevor einen das immer gleiche Gedudel in neuer Verpackung in den Wahnsinn treiben konnte. Oder eben an Bands wie GLUECIFER, den HELLACOPTERS oder eben auch TURBONEGRO. Denn die skandinavische Hardrockszene dürfte das alles reichlich wenig jucken. Zumindest die oben genannten, wohl etabliertesten Bands aus dem Bereich sind bereits seit den Mittneunzigern dabei und dürften auch in Zukunft ihren Status als Steadyseller verteidigen können: Dreckig, schnell, eingängig, schnörkellos, und immer voll auf die Zwölf! Darüber aber nie die Notwendigkeit einer kraftvoll vorantreibenden Rhythmusmaschine unterschätzen. Merke: Schellenkränze sind zeitlose Instrumente, und solange eine fette Bassdrum konstant dagegen anwummert kommen sie auch garantiert nicht in Hippieverdacht. Von den poppiger orientierten Bands der letzten Jahre können da höchstens noch MANDIO DIAO erfolgreich mithalten; aber die kommen ja auch aus Schweden. Ob's am skandinavischen Trinkwasser liegt?

Nu ja, zurück zu "Retox":

Also, da haben wir das volle Paket. Schön schleppend und doch voller Drive rasselt 'We're Gonna Drop The Atom Bomb' ins Ziel. Hank von Helvete nölt hier stellenweise so fies, als sei er die Kreuzung aus Ozzy Osbourne & Alice Cooper - übrigens gar nicht unpassend für eine Band, die Homophobiker mit Stecken im Arsch (pun intended) gerne mal mit klischeeschwulem Gehabe aufzieht. There's no biz like showbiz, und TURBONEGRO zelebrieren ihre eigene Art eines Dark Carnival. So auch auf "Retox". Cooles Cover übrigens! Weiter geht's mit 'Welcome To The Garbage Dump', einem straighten Rocksong, der so ähnlich auch von GLUECIFER stammen könnte. 'Hell Toupee' ist tierisch eingängig, ein Song mit sleazigem Gitarrensolo, der besonders deutlich unterstreicht, dass man von TURBONEGRO oft schon beim dritten Hören fast alles mitgrölen kann. Siebzigerjahrerock im mittleren Tempobereich, und natürlich in turbonegroider Deathpunkversion dargeboten, flutet bei 'Stroke The Shaft' das Ohr, und auch bei 'No, I'm Alpha Male' wird gehörig Machismo versprüht: Punk 'n' Roll, klar, aber dargeboten mit raumgreifend wuchtiger, berauscht großkotziger MONSTER MAGNET Attitüde. Ein paar schillernde Soli, und danach gleich wieder mit voller Abfahrt im Steilflug die Refrainrutsche runter. 'Do You Do You Dig Destruction' fehlt für meine Begriffe das gewisse Etwas, doch auch hier halten die Norweger ein paar gut abgehangene Riffs bereit, welche den ein oder anderen Fan wohl auch begeistern werden. 'I Wanna Come', einer der melodischsten Songs des Albums, glänzt sowohl durch den Gesang wie auch durch die gediegene Gitarrenarbeit: Schnörkellos, doch elegant. Ein nett eingebautes DEAD BOYS Zitat sowie an den Sechzigern orientierte Harmonien runden das Stück ab. Und irgendwie erinnert es mich an THE BATES, aber fragt mich nicht warum. Etwas heavier wird es dann mit dem räudig wummernden 'You Must Bleed All Night Long'; ein okayer Song mit zu viel Refrain, aber nix Dolles. 'Hot And Filthy' bringt dann wieder fett bratzend Jeansjacken-und-Lederhosen-Attitüde mit rein: Zupackend und doch lässig. Spielt in der gleichen Liga wie GLUECIFER; Oslo-Rock vom Feinsten. Die Bandhymne 'Boys From Nowhere' macht als druckvoll-straighter Stomper zumindest im Albumzusammenhang gehörig Spaß, und auch 'Every Body Loves A Chubby Guy' lässt sich keineswegs lumpen: Ein schwerfälliger Monstersong mit fetten Riffs, der ein für alle Mal klarstellt, dass ein Mann ohne Plautze ein Krüppel ist. Wenn Hank darin stolz verkündet seinen eigenen Breitengrad zu haben und lautstark deklamiert "I am The Lizard King. I can eat ANYTHING!", macht das gleich noch mal so viel Spaß. Den Vogel schießt dann aber erst der Rausschmeißer ab. Nach einem ultrafiesen Keyboardintro, wie man es so furchterregend selbst in den Achtziger Jahren nicht zu hören bekam, gibt es bei 'What Is Rock?!' nämlich noch mal so richtig dreckiges Fratzengeballer auf KISS-Grundlage, bei dem noch so manches Klischee breit grinsend verbraten wird (TURBONEGRO dürfen das).

Tiefgang irgendwelcher Art wird man auf "Retox" nun wahrlich nicht finden, dafür rockt das Teil aber mehr als nur recht und macht dabei einen Heidenspaß. Die wenigen relativen Durchhänger zwischen den instant hits stören da nicht weiter, denn TURBONEGRO haben die Scheibe als Gesamtalbum wirklich rund hinbekommen.

Anspieltipps: Stroke The Shaft, I Wanna Come.

Note: -
Eike Schmitz, 15.6.2007

Review von Björn Backes

TURBONEGRO macht geil. Sagen zumindest ihre Fans von der Turbojugend, die nun auch schon wieder auf das dritte Werk nach dem fulminanten Comeback schauen dürfen, das dieser Tage unter dem Titel "Retox" in die Läden gestellt wird. Und in der Tat: Hier kehrt er wieder zurück, dieser dreckige Vibe, der einst die alten Werke zu Klassikern machte und zumindest noch auf "Scandinavian Leather" ein wenig vermisst wurde. Die Jungs sind zwar mittlerweile größtenteils von der Schweinerock-Szene in traditionellere Gefilde abgewandert, wissen aber immer noch, wie man einen guten Hardrock-Song auf eine schmutzige Art und Weise interpretiert, dass einfach jedem einer abgehen muss - homo oder hetero.

"Retox" beginnt dabei noch in etwa so, wie das letzte Album "Party Animals" aufgehört hat. Der flotte Einstieg mit dem coolen 'We're Gonna Drop The Atom Bomb' verweist zwar noch auf selige "Apocalypse Dudes"-Tage, doch dann wird auch schon zünftig im Midtempo gerockt und gegroovt, dass es KISS-Fans die Freudentränen in die Augen treiben sollte. Was einst noch bei den HELLACOPTERS in eher biederer Form funktionieren sollte, wird hier perfektioniert, ohne dass TURBONEGRO bewusst in die Klischeekiste greifen. Die Songs sind hübsch melodisch, beinhalten gute Refrains, erstaunlich sauberen Gesang und generell auch eine gezügelte Attitüde, wie man sie von TURBONEGRO nicht dringend gewohnt ist. Folgerichtig tun Kompositionen wie 'Do You Do You Dig Destruction' auch nicht sonderlich weh und besitzen auch kaum Ecken und Kanten, dafür aber brillante Hooklines und eine gewisse Coolness, die sich mal wieder durch das gesamte Album zieht.

Im letzten Drittel schalten die Norweger dann aber überraschenderweise doch noch den Turbo ein. 'You Must Bleed / All Night Long' sowie das erneut an KISS angelehnte, jedoch ungleich rauere 'Hot And Filthy' drängen den Hörer in TURBONEGRO-Nostalgiegefühle zurück, bevor dann das megafette 'Every Body Loves A Chubby Dude' mit so viel Eiern durch die Botanik wuchert, dass der Gott des Rock 'n' Roll voller Stolz gen Nordeuropa schielt. Yes, baby, here we go, dudes! Bleibt noch 'What Is Rock?!', eine merkwürdige musikalische Analyse des eigenen Berufs mit den gewohnten TURBONEGRO-Grooves und herrlich dreckigen Gitarren. Toller Abschluss, tolles Album, wiederholte Erektion und verzweifelte Tränen, weil ich die Band kürzlich auf Tour verpasst habe. Hatten TURBONEGRO es auf den vergangenen beiden Scheiben noch nicht ganz geschafft, komplett zur alten Form aufzulaufen (was live indes nie ein Problem darstellte), dann kehrt man spätestens mit "Retox" wieder auf das Level zurück, welches man kurz vorm vorzeitigen Rückzug am Ende der Neunziger bediente. Ich verneige mich!

Anspieltipps: Do Dou Do You Dig Destruction, What Is Rock?!, Every Body Loves A Chubby Dude, You Must Bleed / All Night Long, We're Gonna Drop The Atom Bomb

Note: -
Björn Backes, 10.6.2007

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