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Review: Geist - Kainsmal

Geist - Kainsmal - 2 Reviews

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10. 7.2006
Cold Dimensions
Black Metal
http://www.the-geist-reich.de
  1. Erben aller Einsamkeit
  2. Einst war es Wein
  3. Lykoi
  4. Stille Wasser
  5. In Pans Hallen
  6. Kainsmal

Review von Henri Kramer

Eigentlich sollte sich ein schlimmes Zeichen der Schande anhören, als wäre es dazu verflucht, keine vernünftig-ansprechende Musik komponieren zu können. Im Fall von GEISTs neuer Scheibe "Kainsmal" ist es andersherum: Die junge Band aus deutschen Landen liefert mit ihrem zweiten Album ein fulminantes Werk ab, das nicht nur äußerst positiv überrascht, sondern gleich noch viele Vorurteile über die Schwächen der deutschen Black-Metal-Szene ad absurdum führt. Denn GEIST sind in ihrer Musizierkunst zwar der Vergangenheit des Black Metals noch durchaus zugetan, mischen aber neue Stilelemente in dieses scheinbar so enge Genre. Und kulminieren diesen hohen Anspruch in einem Song, der wohl die schillernde Krone ihrer bisherigen Schöpfung ist: 'Kainsmal', der Titelsong, ein Stück, über das sich viele Zeilen verfassen lassen, wenn die Nacht lang, die Sonne bald hell und das Hirn noch wach ist.

Es ist dieser Song, der in sich die Essenz des Schaffens von GEIST trägt. Anfangend mit ruhigen Akustikgitarren setzen bald krachend die verstärkten Klampfen ein. Die Stimme von Sänger Cypher D. Rex überschlägt sich und beginnt zu rasendem Tempo mit herausstechendem Krächz-Kreisch-Sprechgesang in deutscher Sprache. Danach beginnt sich der Song mit kreativen Elementen fast zu überdehnen: Langsame Parts mit hymnische Charakter treffen sich mit machtvollen Midtempo-Riffs, sanfte Keyboards säuseln im Hintergrund mit eigenartig-entrückten Melodien und Trommelwirbel geben der gemächlichen Geschwindigkeit den nötigen Kraftschub. Dazu intoniert Cypher D. Rex äußerst einprägsame Textzeilen:

"Es kam die Nacht, einsam und kalt,
Der Morgen ohne Trost und klamm.
Und endlich zog die Winterluft
Auf weiten, leisen Schwingen
Seltsam nah zu uns heran"

Trotz seines krassen Gesangs sind solche Passagen mühelos zu verstehen - und fahren deswegen gerade unter die Haut. In rasendem Tempo geht 'Kainsmal' weiter, verdichtet seine Geschwindigkeit, einem Fanal gleich. Und plötzlich intoniert der schon verstorbene und unvergessene Schauspiel-Psychopath Klaus Kinski mit klarer Stimme ein Gedicht von Friedrich Nietzsche:

"Vereinsamt

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! -
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schein, -
Weh dem, der keine Heimat hat!"

Es sind Momente wie dieser, die aus "Kainsmal" nicht nur eine gute, sondern eine (nieder-)zwingende Platte machen. Ein Album, geschaffen von Besessenen der Finsternis und der dunklen Melancholie, die ihre Visionen musikalisch intelligent verpacken und zu keiner Zeit wie aufgesetzte Düsterlinge á la SAMSAS TRAUM wirken. Bei GEIST sind dagegen Perfektionisten am Werke, die zugleich die deutsche Dichtkunst perfekt beherrschen und so neben gnadenlos-grandiosen Melodie- und Rifflandschaften noch eine wunderbare Welt der dunklen Poesie kreieren. So bleibt zur Gratulation zu diesem außergewöhnlichem Werk eigentlich nur ein weiteres Zitat aus dem mit einem wunderbar treibenden Rhythmus versehenen Stück 'Stille Wasser'...

"Verweile, Augenblick, du bist so schön...
... ich will an dir zugrunde geh'n!"

Anspieltipps: Alles...

Note: -
Henri Kramer, 1.8.2006

Review von Rüdiger Stehle

Im deutschen Black Metal scheint sich langsam aber sicher eine qualitätsbewusste Elite zu etablieren, und das bayerische Label Cold Dimensions hat daran sicher einen gewissen Anteil. So überrascht es auch kaum, dass dessen neuestes Signing GEIST den hohen Erwartungen locker gerecht wird und mit seinem Zweitling "Kainsmal" ein wirklich mächtiges Exemplar schwarzmetallischer Tonkunst abfeuert.

Als erstes überzeugt schon die Produktion, die druckvoll und mächtig, aber dennoch extrem finster und schwermütig geraten ist, ohne dem Songmaterial die Schwere und Durchschlagskraft zu nehmen. Was GEIST auf diesem Werk meilenweit über die Heerscharen von durchschnittlichen, identitätslosen Black-Metal-Versuche heraushebt, ist aber nicht nur der Sound, sondern das Gespür für griffige Songstrukturen, die mehr hinterlassen, als den Widerhall altbekannter Weisen aus den Neunzigern. Obwohl GEIST sicher nicht die innovativste Band unter dem Nachthimmel sein mag, gelingt es dem Quintett immer wieder - im Prinzip mit jedem Song - etwas zu erschaffen, das aufhorchen lässt, und das sich auch einprägt. Auf einem klassisch schwarzmetallischen Grundgerüst, sind es erstens die Gitarrenriffs, die prägnant und individuell klingen, und zweitens die vielen kleinen, unaufdringlichen Farbtupfer, die dem Gesamtwerk Widerhaken geben, die den Anker auswerfen und damit den Hörer anketten, der rastlos durch die Ozeane an Veröffentlichungen schippert und sich nach einer solchen Ankerstätte sehnt. Egal was man genau betrachtet, bei GEIST gibt es in jedem Bereich Momente, die fesseln können. Cypher D. Rex' deutschsprachiger Gesang ist facettenreich, oft sogar gut verständlich. So schafft es der Frontmann zusammen mit Gitarrist Alboin, dessen Stimme ebenso zu vernehmen ist, immer wieder, die Melancholie, das Erhabene, das Bedeutungsschwangere und das Garstige ungefiltert an den Mann zu bringen. Ebenso gelingt es des drei Gitarristen wunderbar durch kalte Riffs, melodische Leads und vor allem sehr effektiv eingesetzte, wunderschöne akustische Melodiebögen zu glänzen, die "Kainsmal" unheimlich viel Tiefgang verleihen.

Paradebeispiel hierfür ist das grandiose Titelstück, das vom rein akustischen Beginn an fesselt und durch das Hinzutreten von Stimme und schnellen E-Gitarren-Riffs an Dramatik hinzugewinnt. Dazu gibt es einen episch-doomingen Hauptteil, dessen majestätisch gesprochener Gesang, von walzenden Riffs begleitet und von irrlichtartigen Synth-Elementen zersetzt weitere Dimensionen erschließt, von denen die breite Masse der Genrebands nur träumen kann. So begegnen uns in dem Stück etliche weitere Stimmungswechsel, die euch mit Sicherheit viele ergriffene Schauer über den Rücken jagen werden. Gerade im Zusammenspiel mit den zutiefst philosophischen Texten - von Goethes "Faust" bis hin zu Nietzsches Gedanken über die Einsamkeit finden sich allerlei klassische Zitate, aber auch eigene lyrische Kost, die es in sich hat - wirkt die Musik sehr einnehmend und intensiv. Seien es die dezenten Glockenschläge, die in trauter Eintracht mit mystischen Akustik-Zwischenspielen bei 'Erben aller Einsamkeit' vom dräuenden Schicksal künden, oder das orchestrale, an Edvard Grieg oder Gustav Holst gemahnende Moment der Einleitung zu 'Einst war es Wein' im Kontrast zum rasenden Vers und den dynamischen Zwischenstücken - bei GEIST hat jedes Lied Hand und Fuß, Seele und Charakter. Auch im Ausklang finden sich wieder akustische Arrangements mit spannender Trommelarbeit, bevor uns 'Lykoi' rasend und doch episch-anmutig, grimmig und doch mit majestätischen Chören die nordischen Wurzeln GEISTs offenbart, ohne das eigentümliche deutsche Element ihrer Musik zu verdrängen.

In einer Zeit, in der noch immer jährlich unzählige neue Bands aus dem Boden schießen, die sich ideenlos und impulsfrei am immer kleiner werdenden Black-Metal-Kuchen laben wollen, ohne der Szene und dem Genre etwas zurück zu geben, sind es Werke wie "Kainsmal", welche die Flamme weiterhin lodern lassen und die dunkle Ausstrahlung, die zur treibenden künstlerischen Kraft des vergangenen Jahrzehtes geworden war, in ein neues Zeitalter transportieren. Sich selbst und dem Geist der Musik treu, ohne Anbiederungen aber auch ohne Entfremdungen vom eigenen Stil, gelingt es den Geistern ihr Debüt zu übertreffen und somit einen felsenfesten Grundstein dafür zu legen, künftig zu den ganz großen Black-Metal-Bands unseres Landes zu zählen. Zu wünschen wär es ihnen mit dieser Scheibe, die jeder gehört haben sollte, der von Black Metal heute weit mehr erwartet als handwerklich gut gemachte Musik.

Anspieltipps: Kainsmal, Lykoi, Erben aller Einsamkeit

Note: -
Rüdiger Stehle, 11.7.2006

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