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X-Mas-Festival - Engelsdorf

14.12.2004 | 12:42

10.12.2004, Hellraiser

X-Mas-Zeit, schönste Zeit, denkt man sich. Alljährlich sorgen die weihnachtlichen Konzerte für die wärmsten Gefühle, nicht nur, weil es alternativ zum Bier auch Glühwein zu schlürfen gibt, sondern weil in solch frostigen Winternächten heiße Metal-Konzerte genau das richtige sind um sich in der Zeit der Herzen einzustimmen. Doch nicht jedem bereitet das Thema Weihnacht so viel Freude...
(Wiebke Rost)

... vor allem schon deshalb nicht, weil dies traditionell die Zeit von Unmengen pädophilen Süßwarenvertickern mit weißem Bart und Rute ist. Und selbst im Hellraiser schwebt die ebenso rote wie widerliche Mütze der Spezies Weihnachtsmann herum. Hölle, zu hülf...
(Henri Kramer)

Ärgerlich sind dann auch solch horrende Eintrittspreise wie die heutigen 29 Euro an der Abendkasse. Das ist kein Vorwurf an den Club, denn das Hellraiser hat daran keine Schuld. In die allgemein immer weiter steigenden Preise für (Metal-)Konzerte spielen einfach zu viele Faktoren mit rein. Allerdings muss man sich dann nicht wundern, wenn der Saal trotz guter Bands nicht voll wird. Dieses Jahr sind es ja sogar nur sechs, also eine weniger als 2003.
(Wiebke Rost)

Dafür kostet das 0,5er Bier wie immer nur zwei Euro. Parallel zur ersten Gerstensaftprobe stehen schon BELPHEGOR auf der Bühne. Die vier Jungs prügeln sich von Beginn an in rasender Black-Metal-Manier durch das Set, welches schon Lust auf das im Februar erscheinende neue Album "Goatreich - Fleshcult" macht. Denn BELPHEGOR verstehen es nun schon seit mehr als einem Jahrzehnt hyperaggressiven Black Metal mit eisig-packenden Riffs und rassigen Melodien zu versehen. In Leipzig fühlen sich die vier Musiker sichtlich wohl, kloppen von Beginn an los, so schnell, dass Frontgrunzer Helmuth nur Zeit für zwei kurze Ansagen hat. In einem dieser seltenen Momente widmet er 'Fukk The Blood Of Christ' in schönstem Ösi-Akzent einem gewissen Clemens, der an diesem Tag wohl Geburtstag hat - gevögeltes Christenblut zum Ehrentag, dass ist doch 'mal ein ausgefallenes Geschenk. Inzwischen ist die Halle in Leipzig gänzlich aus der Anfangsstarre erwacht, die Fans feiern die ständig an ihren Grenzen polternden BELPHEGOR. Besonders Schlagzeuger Torturer ist ein echter Folterknabe, seine Drum-Stöcke sind zu jedem Zeitpunkt potentiell abbruchgefährdet. Gleichzeitig präsentiert sich das Quartett auf der Bühne trotz der technischen Brillanz als bangende Haarschütteleinheit. Nach dem finalen Fanal 'Lucifer Incestus' hallen deswegen sogar bei der ersten Band des Abends schon "Zugabe"-Rufe durch die Halle. Geil!
(Henri Kramer)

Rucksack-Publikum und schlecht sitzende Hosen bewirken ja beim konservativen Metaller Fluchtreflexe. Aber, und das ist groß, THE BLACK DAHLIA MURDER fesseln auch die Fluchtbereiten mit Energie und Leidenschaft. Die Band verdient noch einen Pluspunkt, sie sind keine Veganer und klopfen keine politisch korrekten Sprüche. Deswegen kann man sich auch als "normaler" Metaller ihrer Death Metal-/Metalcore-Mischung richtig verbunden fühlen. Außerdem bietet die Story hinter dem Bandnamen genug dunkle Power, aus der sich kranke Horror-/Psycho-Mugge basteln lässt. So kommt auch Möchtegernschauspielerin Elizabeth Short endlich doch noch zu unsterblichem Ruhm. Der Mord an ihr hat schließlich schon viele Bücherschreiber und Filmemacher inspiriert. Nun hat sich diese Band aus Michigan, Chicago die "Schwarze Dahlie" zum Emblem genommen. Trotz der harten Gangart irgendwie romantisch!
(Wiebke Rost)

Jupps, die fünf Amis mit Schweden-Einschlag der Marke AT THE GATES rocken und angesichts eines unfassbar brutalen neuen Songs darf sich das Label Metal Blade schonmal auf die Schenkel klopfen. Außerdem ragt die Stimme von Trevor Strnad aus dem Metalcore-Einheitsrei wohltuend abwechslungsreich heraus. Trotzdem regen sich ein paar Fans, die erst jetzt kommen, darüber auf, dass BELPHEGOR schon längst gespielt haben. Doch einer muss in diesem starken Billing schließlich den Anfang machen.

Und: Es geht noch unverständlicher als der frühe Beginn von BELPHEGOR. Als dritte Band spielen schon VADER ?! Gehts noch?! Noch vor FINNTROLL. Es ist schon fast beschämend, diese Death-Metal-Institution so früh so verheizt zu sehen. Doch VADER machen aus der Not eine Tugend und lassen ihr kurzes Set mit einem Hammer-Sound umso intensiver in die Massen krachen. Alle Klassiker sind dabei, egal ob sie 'Silent Empire' oder 'Carnal' heißen. Auch die neue "The Beast"-Scheibe wird ausreichend gewürdigt, kann jedoch nicht ganz mit der Stärke der früheren Stücke mithalten. Schon allein das Schlagzeug bei 'Crucified Ones' ist der höllenmegaüberschallschnelle Wahnsinn, der wohl dauerhafte Doc-Ersatz Daray macht seine an den Trommeln mehr als nur gut. Überall im Saal schwingen nun Haare, die Band wird gefeiert. Sänger und Gitarrist Peter bedankt sich freundlich und redet gebrochen deutsch: "Leider spielen wir heute etwas kürzer..." Am Ende des Sets steht ein überragendes 'Reborn In Flames', dann ist schon Schluss. Bleibt Peter nur noch ein letzter Gruß: "Es war gut mit euch, auf Wiedersehen." Nächstes Mal bitte wieder mehr...
(Henri Kramer)

Nein, was ist das?! Wo ist denn der dicke am Keyboard hin? Jetzt steht da eine relativ schlanke schwarzhaarige Frau und haut nur mäßig kraftvoll in die Tasten. Da ist FINNTROLL wirklich ein echtes Schwergewicht verloren gegangen. Prompt ist das Keyboard auch kaum zu hören, so wie der restliche Sound an Scheußlichkeit kaum noch zu überbieten ist. Das hat diese Band nicht verdient. Man hört auch, dass sie sich selber nicht hören. So muss man sich des Öfteren fragen, ob sie überhaupt zusammenspielen. Die Ode an den Pilz mit dem Titel 'Ursvamp' macht mit seiner Geschwindigkeit zwar das Schlimmste weg. Ausgerechnet so wunderschöne Midtempobrecher wie 'Nattfödd' oder 'Grottans Barn' und dann auch noch das normalerweise selbst Morphiumaddikten rockende 'Trollhammaren' fallen aber entsetzlich unbunt aus. Obendrein hat der größte Teil des Publikums hier keinen Bock auf trollische Humppa-Rhythmen. Letztlich gehen vielleicht hundert Mann begeistert dazu ab, während der Rest interessiert zuschaut, Pommes isst oder Bierchen tankt {Pommes, nur ein Euro - HK}. Wenigstens tönt 'Det Iskala Trollblod' absolut heavy und dreckig aus den Boxen. 'Elyitres' geht ohne Big-Band-Sound dafür wieder gnadenlos an den Baum. Dennoch mobilisieren FINNTROLL letztlich doch noch ein paar mehr Metaller dazu wild vor der Bühne herumzuspringen. "So kennen wir Deutschland!", hört man Sänger Wilska zum Schluss sagen. Aber FINNTROLL haben definitiv schon bessere Konzerte erlebt.
(Wiebke Rost)

Auf jeden Fall, der Auftritt im Hellraiser ist eher drollig schlecht als trollig gut. (Da muss ich widersprechen, trotz der dem miesen Sound machen FINNTROLL zumindest mir und noch hundert anderen Riesenspaß. - WR) Doch genug der Spachspiele, schließlich ist das hier eine Langhaarveranstaltung. Das Klo ist im Fall von FINNTROLL neben dem Imbiss der soziale Treffpunkt, langsam machen selbst die stärksten Blasen nicht mehr mit. Und was hört der aufmerksame Pinkler?! "Ich muss schlafen", schnaubt es aus einer Kabine. Nichts da. Denn jetzt spielen NAPALM DEATH und zeigen, wie man den Weihnachtsmann wirklich verängstigen kann. "We are NAPALM DEATH from Birmingham, England", ruft Barney traditionell am Anfang in sein Mikro, dann crashen sie los: Der Sound ist fett, die Stücke kurz und tödlich. Dieses Mal haben die vier Grindcore-Urgesteine gleich zwei neue Scheiben mit dabei: Einmal die fantastischen Cover-Songs von "Leaders Not Followers Part II", dazu die nächstes Frühjahr erscheinende neue Platte - der neue Song davon verspricht einen Groove-Hammer. Doch heute geht es mehr ums Nachspielen, denn besonders die Cover-Songs gleichen Geschossen, die anstachelnd in das Nervensystem der Gäste eindringen und die Hirne damit zum Überschäumen und Ausrasten bringen: Ohne das geringste Schmerzempfinden gehen die Zuschauer aufeinander los, lassen sich zu Klassikern wie CELTIC FROSTs 'Procreation Of The Wicked', CRYPTIC SLAUGHTERs 'Convicted' oder AGNOSTIC FRONTs 'Blind Justice' willig durchschütteln. Wer kurz Zeit hat, schaut hoch, bewundert die von Tour zu Tour größere werdenden Glatze von Dauerbang-Bassist Shane Emburry - nur noch seine Seitenhaare kreisen mit. Hätte er Corpsepaint, mit seinen Haaren sähe er aus wie ein Clown. Das Schicksal der Schwarz-Weiß-Schminke bleibt Shane allerdings erspart, hier wirkt er als einer der coolsten Grindcore-Opas der Welt. Auch Barney hat trotz Knieschützer am rechten Bein nichts von seiner Energie verloren und hastet wie immer angestachelt über die Bühne. Dann steht er wieder still, tänzelt vor und zurück, gleicht dabei einem wartenden Tier vor dem Ausbruch. Neben den Coverversionen sorgen auch die traditionellen NAPALM DEATH-Klopper der Sorte 'Suffer The Children' für viel Spaß im Moshpit. Und auch Barney muss mal grinsen, als ein besoffener Fan sich für ihn auf der Bühne zu entkleiden versucht. Ein Ordner verhindert mit einem beherzten Stoß Schlimmeres, der Typ landet auf dem Boden. Barney: "Oh No." Grins. Das Konzert endet im Rausch, nach 'Nazi Punks Fuck Off' kommen die obligatorischen Kurz-Metzeleien der ersten NAPALM DEATH-Scheibe "Scum" ? 'Siege Of Power' sprengt als letzter Song noch einmal den Moshpit, die Menge tobt, divt, schwitzt, lässt sich gern Wasserflaschen von den napalmtoten Musikern zuwerfen. Krieg ohne Opfer.
(Henri Kramer)

Danach nimmt sich das gotische Intro vor der letzten Band des Abends wie ein Kulturschock aus. Neofolk und Black Metal?! Jetzt wird hier plötzlich auf düster gemacht. Gespannt harrt man dem Auftritt von MARDUK mit dem neuen Sänger Mortuus entgegen. Würde er Legion ersetzen können, gerade was alte Hits wie "Panzer Division Marduk" oder "Heaven Shall Burn" angeht? Natürlich nicht. Der dicke hellhaarige Schwede war einfach zu charismatisch, als dass man ihn einfach so aus dem Bild MARDUK streichen könnte. Der "Neue" scheint es zwar ernst zu meinen, sorgt aber bei weitem nicht für soviel Spaß, wenn er sich grimmig stierend unter seinen dunklen Haaren versteckt und verbiestert vor sich hinkeift. Schwarz weiß angemalt und mit Blut übergossen wird er auf Fotos zwar sicher hübsch furchterregend aussehen, besonders wenn er wie ein Genagelter die Arme weit aufspannt, während der Kopf dramatisch in den Nacken zurückfällt und 'Burn My Coffin' zum Besten gibt. Trotzdem ist die Show eine Enttäuschung. Songs wie 'Hangman Of Prague', 'Throne Of Rats' oder gerade das brachiale 'Perished In Flames' klingen auf der neuen CD viel mächtiger. Mitten im Song vergeht mir einfach das Bangen, weil die Power in der Musik fehlt. Der einzige, der hier noch Feuer fabriziert und echten Spaß hat, ist Gitarrist Morgan. Seine Grimassen sind unübertroffen: mal schlabbert die Zunge fast am Boden, dann mutiert der Mund plötzlich zum Froschmaul und letztlich zu einem fiesen zahnigen Grinsen, während dämonisch die Augäpfel aus den Höhlen treten.
(Wiebke Rost)

Man könnte fast schon von einer missglückten Live-Premiere sprechen. Der schlanke Mikroquäler Mortuus wirkt mit seinem Ledermantel, seinen dünnen Haaren, dem Corpsepaint und dem verbitterten Blick viel zu verbiestert für MARDUK. Auch wenn seine Kreischstimme recht hoch und böse klingt, das endgültige Feeling will sich einfach nicht einstellen. Nur am Ende der Show, als sie die frühen Sachen der 'Those Of The Unlight'-Tage herausholen, da sind MARDUK ein würdiger Headliner und bescheren weiblichen wie männlichen Bangern vor boshafter Ergriffenheit geschlossene Augen. Diese Songs wie 'Departure From The Mortals' sind es auch, die MARDUK einst so groß machten: Wo jetzt nur noch Geschredder steht, kamen damals noch rasend schnelle Melodien hinzu. Doch heutzutage wirken sie seltsam ausgebrannt. Eine längere Pause täte sicher gut.
(Henri Kramer)

Vielleicht braucht es aber auch noch mehr Live-Erfahrung für Mortuus, Devo Andersson und Co. Gebangt wurde im Hellraiser trotzdem schon fast in gewissem Pflichtbewusstsein. Auch, wenn hier mancher im frischen DISSECTION-Tour-Shirt ein wenig wehmütig an das Konzert der Schwedendeather vor einer Woche zurückdenkt. Welche Adrenalinschübe da durch den Körper gejagt wurden! MARDUK machen eher müde. Und so leert sich der Saal nach der letzten Zugabe rasch. Zufrieden kann man nach Hause gehen, denn vor allem die ersten Bands des Abends waren den Weg wert. Absoluter Überflieger, Drehbeschleuniger, Nackenbrecher und sowieso totale Weihnachtsanarchisten waren aber definitiv NAPALM DEATH. Laut, lauter am lautersten! Deswegen kann man nach dem X-Mas auch dieses Jahr nicht einschlafen, denn das Ohrenfiepen besiegt jede MARDUK'sche Müdigkeit. Süßer die Verstärker nie nachklingen....
(Wiebke Rost)

Redakteur:
Wiebke Rost

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