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Welle:Erdball Hörerclub-Weihnachten - Zwickau

31.12.2005 | 14:01

17.12.2005, BPM-Club

"Wellllle!", rufen sie. "Wellllleee!" Sie tanzen. Die meisten von ihnen tragen schwarz. Ein paar haben sich dazu eine weiße Bluse, ein weißes Hemd, oder auch mal eine weiße Krawatte angelegt - ein schniekes Outfit, das so auch in teure Kreditkarteninstitute passen würde. "Wellllleee!" Die so adrett Gekleideten springen herum, sie recken ihr Arme in die Höhe und begrüßen die Töne ihrer Lieblingsband. "Wellllleee!"

Es ist Samstag. Der Zwickauer BPM-Club - der sich in den vergangenen Jahren nach ein paar Umbauten in einen doppeletagigen und durchaus respektablen Musik- und Partyort verwandelt hat - ist an diesem Abend einer Band gewidmet, die zwar nicht auftritt, aber trotzdem da ist: WELLE:ERDBALL - einem seit 1992 umhergeisternden vierköpfigen Musik-Projekt zwischen New Wave, Neuer Deutscher Welle, Commodore C-64-Sounds und der Technikästhetik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, angereichert mit Ausflügen in düstere Industrial-Härtegefilde und fröhlichere Elektropop-Weichebenen. Musikalische Fachbezeichnung: Minimal. Klang: viele Soundeffekte, wummernde Elektrobeats, tief-klarer Gesang, keine nennenswerten Gitarren, aber dennoch gnadenlose stilistische Vielfalt in den elektronischen Grenzen zwischen hartem Pop und Mainstream-Industrial.

"Elektrisch!", heißt folgerichtig auch das 9. Festival seiner Art an diesem Abend - Stargast sind HOMO FUTURA mit Welle-Sänger und Texter H.O.N.E.Y.; gleichzeitig ist es die offizielle Weihnachtsfeier des inzwischen zehn Jahre alten WELLE:ERBALL-Hörerclubs - einer Vereinigung, die so ähnlich funktioniert, wie ein Metal-Fanclub. Aber dann doch anders?
[Henri Kramer]

Den größten Unterschied stellt wohl der Name dar: Hörerclub. Klingt eher klassisch, eher altmodisch als aggressiv: Optisch eine These, die Unterstützung findet, aber im Tanzstil einiger "Hörer" verneint werden muss. Bei WELLE-Auftritten wird zwar nicht gemosht oder geheadbangt, jedoch kommt es trotz der eher gleichbleibenden, aber rhythmischen Musik bei den Gigs zu wilden Pogo-Aktionen. Eine weitere scheinbare Ähnlichkeit zur Metal-Szene lässt sich bei typischen Treffs wie dem Wacken oder dem With Full Force finden. Aber: Im WELLE:ERDBALL-Hörerclub, so könnte man meinen, läuft das ganze auf einer eher privateren Ebene. So gibt es das alljährliche Hörerclubtreffen kurz vor dem Wave-Gotik-Treffen und eben die Hörerclubweihnachten. Zwei feste Daten im Jahr, die sich eigentlich jeder auch nach mehreren Litern Bier noch einprägen kann. Privat ist es vor allem bei diesen Hörerclubweihnachten, die unter dem Banner des Elektrisch!-Festivals laufen: Eine generell schlechte Wetterlage mit viel Schneefall erschwert vielen Hörern den Weg nach Zwickau. So finden sich nach und nach bloß einige hundert Fans ein. Für die Glücklichen, die es geschafft haben, gibt es gleich zu Beginn eine nette Überraschung: Den Weihnachtsmann persönlich - nun gut, seine Vertretung in Form vom Hörerclubleiter Mike Bätz. Doch er wird so begrüßt als sei er DER Weihnachtsmann. Und er bringt sogar Geschenke in Form von Schokoweihnachtsmännern und Buttons mit. Die neugewonnenen Kalorien können anschließend beim Vorabtanzen wieder abtrainiert werden.
[Franziska Böhl]

Nach dem Eintanzen zur Musik aus der Konserve kommt die Bewegungslosigkeit bei der Live-Show: Sonderlich viele Zuschauer - bis dato haben ohnehin nur knapp 150 bis 200 Leute in den BPM gefunden - scheinen von PROFANE FINALITY nicht beeindruckt zu sein. Auf der Bühne toben sich zwei junge Männer sachsen-anhaltinischer Herkunft musikalisch aus, abwechselnd tauschen sie dazu ihre Position an Mikro und Keyboardtürmchen. Allein, sonderlich viel Begeisterung können sie damit bei der Zuhörerschaft nicht ernten. Denn diese Art von Bühnenperformace zu ihren eigentlich recht dynamischen Elektro-Minimal-Klängen besitzt eher Proberaumcharakter; echter Bühnen-Spaß will nicht aufkommen. Besonders der größere der beiden Musiker mit seinem betont auf grimmig eingestellten Gesichtszügen scheint noch nicht gehört zu haben, dass allein der böse Blick nicht reicht um mögliche Fans zu faszinieren. So klingt denn auch am Ende des Gigs sein elektronisch verzerrter Wunsch "Viel Spaß heute Abend noch" eher wie die Hoffnung auf viel bessere Zeiten - das Warten auf die nächste Band unter den lustig-schwarzen Augen des aufblasbaren Riesenschneemanns neben der Bühne beginnt...
[Henri Kramer]

Einspruch: Für eine Band, die auch erst aus dem "Proberaum" kommt und direkt auf die Bühne muss, sind PROFANE FINALITY gut. Bei ihrem Auftritt klingen sie zum Teil wie TERMINAL CHOICE früher, eben teilweise recht industriallastig. Aber als erste Band hat man es leider meistens schwer andere zu begeistern, noch dazu, wenn erst ganz am Ende der ersehnte Headliner spielt...

Als nächste Band betreten CARETAKER die Bühne - ebenfalls eine Zweimanngruppierung, die größtenteils mit Keyboard und Schlagzeug auskommen und eher auf ruhigere Melodien setzen.
[Franziska Böhl]

Als Lästermaul ließe sich zu ihrem Auftritt sagen: Das Motto "Technik, die uns begeistert, muss auch unsere Fans aus den Socken hauen" scheinen CARETAKER verinnerlicht zu haben. So wird unter großem Aufwand per Videoleinwand der Drummer nach Zwickau geholt - die ganze Zeit über ist er und sein Schlagzeug per Live-Übertragung im Saal präsent; ob die erzeugten Klänge nun "live" sind oder doch aus dem Computer kommen, lässt sich so nicht feststellen. Doch dass ist auch nicht wichtig, denn so überragend klingt auch das real-virtuelle CARETAKER-Trio nicht. Sie spielen ebenso wie schon PROFANED REALITY mit den Variationen von elektro-minimalistischen Klängen, nur dass CARETAKER an manchen Stellen doch ein wenig stärker rocken - die mitgebrachte Bassgitarre ist schuld. Das Ende der durchschnittlichen Darbietung trägt folgerichtig den Songnamen: 'Kurskorrektur'...
[Henri Kramer]

Es folgt die für WELLE:ERDBALL-Hörer bekannte Band GRAPHIK MAGAZIN, denn die beiden Männer treten nicht zum ersten Mal als Vorband bei WELLE-Events auf. Trotz ihres etwas größeren Bekanntheitsgrades erreichen sie, wie die zwei Bands zuvor, das Publikum scheinbar nicht. Außer nickenden Köpfen steht der Großteil der Leute mit dem selben Abstand vor der Bühne wie zuvor. Da helfen auch keine Songs wie 'Arten einer Popkultur', 'Where Is Your Hammerfield' oder 'Sie sind hier'. Und das, obwohl der Wechsel zwischen Gesang und Sprechgesang sehr eingängig wirkt. Allerdings ist es wohl vielen zu monoton, genauso wie das blau-weiß-gestreifte Hemd des Sängers oder dessen ständige Lieblingsbewegungen: Nach vorn und wieder zurück zu gehen. Ein kleines Highlight folgt jedoch beim letzten Song: Der Keyboarder spielt mit dem Rücken zum Instrument gerichtet - und sogar gut. Das erweckt zwar den Eindruck, als sei es Playback, aber wichtiger ist wohl, dass es gut aussieht.
[Franziska Böhl]

Der letzte Satz zu GRAPHIK MAGAZIN, die die wenigen Reaktionen im Publikum sicher nicht verdient haben: Das Konzept, ihre Songs als Soundcollagen funktionieren zu lassen, ist für ein Album trefflich gewählt, solch verstörende LSD-Elektronik ist mit mehr Bühnenerfahrung sicher aber auch live noch mitreißender umzusetzen.

Mehr Action bieten da schon DIE PERLEN mit ihrer musikalischen Wiedergeburt von alten NINA HAGEN-Zeiten auf Elektro-Acid-Basis. Ein junges Mädel und ein junger Mann kommen auf die Bühne, stellen sich hinter ihre beiden Keyboardtürmchen und brettern los. Plötzlich kreischt das blonde Mädchen mit dem kurzen Zopf, schrill und hoch klingt ihr Organ - eben wie Madame Hagen in ihren besten Zeiten. Ab und zu ruft ihr Mitstreiter durch ein Megafon, dann wieder huschen und springen alle beide wie im Rausch über die Bühne. Die Augen der Blondine stieren dabei hyperaktiv umher - ein cooles Schauspiel. Die Songtitel? Witzige Namen wie 'Das Lied vom Kosmonaut', 'Bahnsteig 19' oder 'Namenlos'. Bei den Songs geht es um wichtige Themen wie abstürzende Computer, viele der hoch gekreischten Texte werden auf die große Videoleinwand hinter den beiden Musikern geworfen. Das Publikum wird von soviel elektronischer Lebensfreude fast überrollt, die ersten Fans tanzen, in den Songpausen wird lautstark geklatscht. Am Ende kommt sogar noch eine Gitarre ins Spiel, deren Saiten für minimale Töne eben auch nur einzeln angetippt werden. Schließlich verlassen DIE PERLEN mit einem breiten Grinsen die Bühne - eine echte Partyband.
[Henri Kramer]

Nach so viel ungewohnter Hektik wird es ruhiger: Nun heißt es warten auf HOMO FUTURA. Die Drei-Mann-Band erscheint geschlossen in weißen Ärztekitteln. An den beiden äußeren Seiten der Bühne stellen sich die beiden Männer an ihre Keyboards und werden neongrün angeleuchtet; in der Mitte steht eine junge Frau, die pink angestrahlt wird, vor einer kleinen Trommel. Eben futuristische Farben. Die ersten Töne erklingen und der erste Song 'Tanz mit deinem Gefühl' reißt das Publikum so mit, dass man meinen könnte, es wären "Alte Hasen" auf der Bühne, die ihre Klassiker spielen. Doch dabei gibt die Band an dem Abend ihr erstes Konzert überhaupt. Der einfach erlangte Erfolg kommt dadurch zustande, dass die beiden männlichen Mitglieder - WELLE:ERDBALL-Sänger H.O.N.E.Y. und sein Co-Musiker Matthias - zuvor die Band DAS PRÄPARAT begründet haben und diese sich mit der weiblichen Begleitung und Sängerin Antonia neu zu HOMO FUTURA formiert hat. 'Tanz mit deinem Gefühl' erschien als Mini-Album von DAS PRÄPARAT im vergangenen Jahr. Von dieser Scheibe stammt auch das meiste Material, was auf der Bühne präsentiert wird. Doch nach dem ersten Song gibt es erst einmal etwas fürs Auge: Die Sängerin lüftet ihren Kittel und legt ihn zur Seite. Es folgen PRÄPARAT-Klassiker wie 'Anatomie', 'Mein Freund der Baum' und natürlich weitere Versionen von 'Tanz mit deinem Gefühl', denn nicht ohne Grund gibt es den Song in fünf Ausführungen. Dabei übernimmt Antonia den weiblichen Gesang - oder vielmehr den Playback-Part. Doch leider klappt das Playback-Singen bei ihr noch nicht völlig, da helfen auch nicht die Blätter vor ihr, denn kleinere textliche Unsicherheiten werden nicht nur einmal offensichtlich. Dem Erfolg an dem Abend schadet das jedoch überhaupt nicht.
[Franziska Böhl]

Richtig, denn HOMO FUTURA funktionieren vor allem als optische Glanzleistung. Hinter den drei Musikern sind drei riesige Kondome aufgehängt, in denen jeweils ein Gruftie-Mädel ihren Körper zur Musik beweglich tanzen lässt. Vorn gibt es dazu mit Antonia einen echten Augenschmaus, in LAIBACH-Art schlägt sie mit strenger Miene auf die Trommel vor ihr ein - Männerphantasien werden wahr. Und auch wenn die recht coole Elektro-Musik wohl nicht jeden Metalhead in seinem Herz treffen dürfte, solch eine professionelle und optisch gut durchdachte Showleistung ist selten - vor allem für zehn Euro Eintritt. Das Fazit in einem Satz: Der Blick über den Live-Tellerrand in Richtung WELLE:ERDBALL und Konsorten kann sich lohnen.
[Henri Kramer]

Redakteur:
Henri Kramer

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