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We Insist!/Beehoover - Potsdam

12.03.2008 | 08:04

06.03.2008, Fabrik

BEEHOOVER und WE INSIST! haben eine Gemeinsamkeit: Die Köpfe und Stimmen ihrer Sänger Ingmar Petersen und Etienne Gaillochet können völlig losgelöst von ihren restlichen Gliedmaßen musizieren. Während Petersen sitzend singt, spielen die Finger quer über seinen Bass - und während Gaillochet sein Mikro hält, schlägt er mit der rechten Hand einen Trommelstock mit jazzig-komplexer Rhythmik auf sein Schlagzeug vor ihm. Ingmar Petersen und Etienne Gaillochet sind zwei besondere Musiker, die an diesem Donnerstagabend nacheinander auf der kleinen Bühne des Potsdamer "fabrik"-Clubs stehen - und ihre Bands hexen lassen.

BEEHOOVER allein sind schon ein Phänomen, weil hier nur ein Schlagzeuger und ein singender Bassist zusammen einen Doom-Sound fabrizieren, als wären mindestens vier Leute auf der Bühne. Langsam brodeln ihre schwermütigen Kompositionen durch den Raum, während Ingmar Petersen immer wieder mit seinen nur bestrumpften Füßen auf die sieben Fußpedalen vor sich tippt - und sein Bass so sieben verschiedene Klangfarben im Raum versprühen lässt, wie auch der helle bis schreiende Gesang irgendwo zwischen Melancholie und Apokalypse pendelt. Die Musiker aus dem Schwabenland selber wirken da weniger bedeutungsschwer: Ein Blick auf den wuchtigen Drummer Claus-Peter Hamisch in kurzen Hosen und Badeschlappen genügt ...

An dem vergnüglichen Ereignis nehmen allerdings nur 40 Zuschauer teil. Kein Wunder, ist die Musik zwar experimentell genial, aber eben auch so komplex, dass sie anstrengend wirken kann. Post-Rock heißt wohl solcher Sound, wuchtig-verzerrte Klänge jenseits traditioneller Pop- und Rock-Klischees. In diese Kategorie fallen auch WE INSIST! aus Frankreich. Nervös muten ihre Kompositionen an, auf einen Punkt zusteuernd, um im letzten Moment vor dem Höhepunkt zurück zu schrecken - und erneut die Spannung zu steigern. In dieser hektischen Endlosschleife sind im Gegensatz zu BEEHOOVER aber deutlich mehr Instrumente verstrickt, neben Gitarre und Bass unter anderem zwei Saxophone. Dazu kommt die vielseitige Stimme des singenden Trommlers Etienne Gaillochet: Ein lautstarkes Wirrwarr aus schweren Riffs und Harmomien, Töne von oben, unten, links und rechts. Rockmusik aus einer anderen Dimension, wie schon bei BEEHOOVER geplant verquer.

Doch wie kommt ein Musiker zu solchen Klängen? Darüber geben die Auftritte keine Auskunft, die Trinkgewohnheiten auch nicht: Denn während Ingmar Petersen nach jedem Song herzhaft zum Bier greift, verlässt sich Etienne Gaillochet auf Limonade. Für die schrillen Ideen beider Musikertypen müssen also andere Drogen verantwortlich sein - oder einfach ungebremste Kreativität. Dem Exile On Mainstream-Label ist es zu verdanken, dass solche Klänge auch live zu erleben sind. Ein ganz besonderes Erlebnis.

Redakteur:
Henri Kramer

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