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Vader/Rotting Christ - Leipzig

31.10.2005 | 23:40

21.10.2005, Hellraiser

Der Hellraiser in Leipzig, da wo die Hölle in musikalischer Form auf die Erde springt und die Fans von extremer Musik mit abgrundtief bösen Melodien und finsteren Gestalten beglückt - am 21. Oktober ist es wieder einmal soweit. Blitzkrieg, so heißt das Motto des Tages. Dafür sind vier Bands im Tourbus vorgefahren, ein Quartett, dessen akustisches Können den kreativen Stand der extremen Metal-Szene anno 2005 zeigen soll - mit Erfolg.

LOST SOUL aus Polen sorgen dabei für das erste Gewitter am milden Herbstabend. Sie spielen typischen Polen-Death-Metal, der sich wie die Politik unseres Nachbarlandes am amerikanischen Vorbild orientiert. Rifflastig und voll mit derbem Doublebass-Drumming holzen LOST SOUL von Beginn an los. Der Vierer scheint dabei den Ausdruck "Gefangene" nicht sonderlich zu schätzen - brachial und aggressiv ohne Ende klingen ihre Songs. Dazu sind sie, wie die meisten polnischen Bands, technisch unglaublich versierte Musiker, besonders der Drummer drischt sich ohne mit der Wimper zu zucken von Break zu Break und von Song zu Song. Gitarrist und Bassist sind derweil am Dauerrotieren, werfen ihre langen Haarmähnen wie Berserker im pfeilschnellen Rhythmus der Musik. Einen Nachahmer solch nackenfeindlichen Verhaltens finden sie in Sänger Jacek Grecki, der zwar eine Glatze trägt, aber ebenso vor seinem Mikro den Kopf schüttelt, als gelte es ein Heer festgesaugter Zecken aus der freiliegenden Ex-Haar-Fläche per Extrem-Headbanging zu entfernen. Die Fans honorieren den Einsatz, sie jubeln in den ersten Reihen und bangen ebenfalls mit. Was auch nicht schwer ist, schließlich setzten die Polen nur selten auf den Überschalldruck, sondern fühlen sich in nackenbrechenden Mid-Tempo-Sequenzen am Wohlsten. 30 Minuten sind vorbei am Ende, viele Haar-Schuppen schon zu Boden geschüttelt, die Masse gut angeheizt - was möchte man als Vorband mehr erreichen?

Im Kontrastprogramm sind ANOREXIA NERVOSA als nächstes an der Reihe. Und wie? Megaschnell und brachial-pompös werfen die Franzosen ihre Verdammnnishymnen á la 'Enter The Church Of Fornication' in die Menge. Und wie schön, obwohl die junge Band zum ersten Mal in Deutschland auf Tour ist, scheinen sie hier schon eine ordentliche Fanschar zu besitzen - ihr Ruf als eine der Hoffnungen im symphonischen Black Metal eilt ihnen wohl voraus. Dabei sehen sie eigentlich recht untypisch für echte Back Metaller aus, besonders Sänger Hreidmarr in seinem Lackmantel und den gekürzten Haaren erinnert eher an Marylin Manson als einen ultrabösen Derwisch, der den Dead-Schrei "Leipzig, come on!" (vom MAYHEM-Bootleg "Live in Leipzig") verinnerlicht hat. Doch wie in den "guten" alten Schwarzmetall-Tagen sind es auch bei ANOREXIA NERVOSA besonders die oberkrassen Schreie, die das wohlige Gefühl des allumfassenden Wahnsinns auslösen - unterlegt mit schneidenden Gitarren, donnernden Drums und dem Gefühl, dass Raserei endlos erscheinen kann. Songs wie 'Sister September' füttern den Irrsinn weiter, am Ende bleiben tobende Fans und die Erkenntnis, dass dieser Geschwindigkeitsrausch einfach perfekte Unterhaltung ist - trotz des für "True"-Blackies wohl recht gewöhnungsbedüftigen Outfits von ANOREXIA NERVOSA.

ROTTING CHRIST sind im Anschluss anders, aber nicht weniger brachial. Inzwischen haben die Griechen - im Gegensatz zu ihrem Gig beim Summer Breeze - einen Bassisten gefunden und stehen zu viert auf der Bühne. Gut so, denn Songs wie 'In Domine Sathana' ("Genesis") kommen an diesem Abend wie Brechwalzen und stehen kaum hinter ewig schönen Krachern wie 'King of A Stellar War' ("Triarchy Of The Lost Lovers") zurück. Im Vergleich zum letzten Gig der verrottenden Christen vor ein paar Jahren im Hellraiser fällt das Publikum viel positiver auf: Diesmal bangen die Köpfe, die Haare fliegen. Die totalen Ausrasternummern sind erwartungsgemäß 'The Sign Of Evil Existence' und 'Non Serviam', beide ebenso unterstützt von einem nackbrechenden Sound - WOOUUARGH! Ob diese Steigerung der livehaftigen Erhabenheit von ROTTING CHRIST an derem neuen Label Season Of Mist liegt? Spätestens der nächste Gig in Leipzig wird es zeigen - und bis dahin bleibt eine extrem spielfreudige Band im Gedächtnis, die von einem krass knarzend-keifendem Frontmann Sakis während des Gigs immer wieder zu neuen diabloschen Großtaten getrieben wird. Teuflisch fein!

Nach solchen Großtaten ist der schwarze Boden im Hellraiser gut bestellt für eine Band wie VADER. Die Polen machen noch einmal klar, warum die Tour dieser vier Bands den Namen "Blitzkrieg" im Untertitel trägt: Sie sind einfach nur tight, brutal, aggressiv, ohne die Spur eines musikalischen Kompromisses. "Schön, dass wir hier nach Leipzig zurück gekommen sind", raunt der an diesem Tag seinen 40. Geburtstag feiernde Sänger Peter ganz am Anfang in die Menge. Es folgen Songs wie 'Sothis' oder 'The Crucified Ones' - Perlen des osteuropäischen Death Metals. Den Tod ihres früheren Drummers Doc (R.I.P.) scheinen VADER musikalisch gut verkraftet zu haben, Daray als der neue Schlagwerker ist ebenso ein Tier wie es sein Vorgänger war, 'Wings' ist dafür der ultimativ hämmernde Beweis. Doch irgendwann, während des Gigs, fällt trotzdem noch die Entscheidung, zu den am selben Abend spielenden NECROPHAGIST in der Leipziger Moritzbastei zu fahren. Dort die leichte Ernüchterung: Zwar sind NECROPHAGIST seltener zu sehen und technisch noch krasser und filigraner, aber VADER live doch noch um einige Trümmergrade härter und deswegen wohl auch livehaftig erdrückender. Nicht umsonst sind diese Polen in der internationalen Death-Metal-Liga ganz, ganz vorn. Also Blitzkrieg im Höllenreißer? Ja, WOAAAAAAHHHH!

Redakteur:
Henri Kramer

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