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VEKTOR, ANGELUS APATRIDA, DISTILLATOR - München

08.12.2015 | 18:43

02.12.2015, Backstage

München wird gethrasht!

Das Timing der Burschen ist zwar merkwürdig, aber das ist mir völlig wurscht. Die Parole des Tages lautet: VEKTOR kommt! Immerhin haben die US Amerikaner einen großen Teil der Redaktion mit ihren beiden Granaten "Black Future" und "Outer Isolation", begeistert, mich eingeschlossen. Da ist die Tour gewissermaßen Pflichtprogramm. Es ist allerdings merkwürdig, dass die Band jetzt auf Tour geht, wo doch ihr drittes Album im Frühjahr erscheinen wird und eine Tour zur Unterstützung des neuen Werkes sinnvoller erscheint. Aber egal, ich bin bereit, mich auch ohne neues Album mal so richtig frickelthrashen zu lassen.

Heute Abend findet das Ganze im Backstage statt, meiner häufigst aufgesuchten Live-Location in den letzten Jahren. Hier gibt es drei Konzerthallen und die Booker leisten wirklich ganze Arbeit, nahezu jeden Abend ein fettes Programm auf die Bretter zu bringen. Parallel spielt in der zweigrößten Halle SOILWORK. VEKTOR und Konsorten bleibt mit dem Club zwar nur die kleinste der Hallen, aber auch hier passen mehr als 200 Personen rein. Zu Beginn sind es noch nicht ganz so viele, aber 140 Anwesende schätze ich dennoch, als DISTILLATOR aus Holland loslegt. Das Trio spielt einen etwas weniger technischen Thrash, was auch daran liegt, dass es nur mit einer Gitarre an den Start geht. SLAYER trifft MOTÖRHEAD, oder so. Das Debütalbum der Jungs gefällt mir gut, aber live, muss ich feststellen, kommt das Material noch besser. Zwar ist das Publikum zu Beginn noch etwas reserviert, man muss sich ja erst einmal warmbangen, doch nach ein paar Liedchen gibt es im Raum freudig leuchtende Augen und die Lücken vor der Bühne werden kleiner. Die Niederländer machen einen sehr sympathischen Eindruck, schießen messerscharfe Riffs ins Rund und vor allem die Soli machen Spaß. Gesanglich ist es rau und aggressiv, und spätestens mit einer SLAYER-Coverversion verneigen sich die drei vor ihren gelegentlich raushörbaren Heroen. Welcher SLAYER-Song? Ich weiß es nicht. Ich kann zwar fast mitsingen, aber ich komme nicht drauf. Ich glaube 'Black Magic', aber schwören kann ich es nicht. Partielle Amnesie. Leider ist das Ganze nach 30 Minuten vorbei, aber diese halbe Stunde war klasse. Wenn DISTILLATOR in eure Stadt kommt, solltet ihr euch das mal anhören.

Nächster Stopp: Spanien. ANGELUS APATRIDA ist schon eine größere Hausnummer und war auch schon im Soundcheck hier bei PM.de vertreten. Gefiel mir damals gut, aber ich habe sie trotzdem aus den Augen verloren. Ich erinnere mich noch daran, dass ich da Power Metal-Einflüsse im Thrash verortet hatte, speziell wegen des melodischeren Gesangs. Doch gleich zu Beginn brettern die Iberer erst einmal rasend schnell und brutal durch das metallische Unterholz. Zwei Songs lang werden keine Gefangenen gemacht und das Publikum honoriert das sichtlich. Es befinden sich auch zahlreiche ANGELUS APATRIDA-Shirts im Publikum, das Package am heutigen Abend ergänzt sich augenscheinlich gut. Und nicht nur das, musikalisch kann auch die zweite Truppe auf ganzer Breite überzeugen. Die Spielfreude ist geradezu ansteckend, da haben ein paar Langhaarige so richtig Bock auf ihre Show. Die 45 Minuten vergehen wie im Fluge, da hätte es sogar noch mehr sein dürfen. Leider kenne ich mich mit den Songs nicht gut genug aus, um etwas zur Setliste sagen zu können, aber ich formuliere es mal so: Wenn ANGELUS APATRIDA Headliner wäre, hätte sich der Abend bereits gelohnt. Auch diese Band werde ich auf dem Schirm behalten, so mitreißend nette Thrasher muss man einfach unterstützen.

So, jetzt aber zu der Band, deretwegen ich mich überhaupt aufgerafft habe. Im mittlerweile zahlreich erschienenen Publikum sehe ich zahlreiche VEKTOR-Shirts, aber auch einschlägige andere Sachen wie ANACRUSIS oder VOI VOD. Jau, passt. Doch ehe ich mir noch mehr Gedanken machen kann, legen die Amerikaner bereits los. Technisch? Und wie. Aber das wussten wir ja, und natürlich tritt das ein, was zu erwarten gewesen war: Mir klappt mal locker die Kinnlade herunter, als ich sehe, was Gitarrist Erik Nelson da an seinen Saiten abzieht. Ich habe schon so einige Kapellen gesehen, die zu der "Zuviele Noten"-Fraktion gehören, aber VEKTOR steht denen in Nichts nach. Und David Disanto singt sogar noch dazu! Ich ertappe mich dabei, dass ich wieder den Gedanken hege, den ich auch immer habe, wenn ich die Alben höre: ein melodischerer Gesang würde den Frickelorgien etwas mehr Halt geben. Zwar ist der Sound im Club gut, aber natürlich ist es nicht ganz leicht, den einzelnen Ergüssen zu folgen und zu erraten, welches Stück da gerade gespielt wird. Einige Ansagen helfen, und manche charakteristische Songs wie 'Black Future' oder 'Tetrastructural Minds' erkennt man natürlich, aber live ist es doch etwas anstrengender als auf Tonträger.

Apropos Tonträger: Es gibt tatsächlich keine solchen am Merchandise zu kaufen. Was ist das denn? Sind die CDs noch nicht wieder aufgelegt? Earache, das ist doch Quatsch, oder? Und was ist mit den Vinyl-Ausgaben, die ich erwartet hatte, hier zu finden? Ich meine, man darf davon ausgehen, dass nicht jeder Anwesende beide Scheiben besitzt. Da sollte man doch die Chance nutzen, ein paar neue Fans auch mit Konservenmusik zu beglücken. Na ja, das muss ich nicht verstehen.

Dann konzentrieren wir uns eben wieder in Richtung Bühne, wo David Disanto immer mal wieder seine auch auf den Albumversionen schon schrägen, schrillen Schreie ertönen lässt. Dabei sieht er immer ein wenig weggetreten aus, so ein Art verstrahlter OZZY des Thrash. Sehr witzig und cool. Genauso wie seine Tätowierung "Sci Fi or Die!". Ja, ist klar. Macht sich übrigens auf den Shirts gut als Aufdruck. Wobei mir die Shirts alle nicht so gefallen, aber ich bin da eh etwas komisch. Altmodisch passt wohl. Und in meinem Alter wirkt so ein riesig bedrucktes, grelles Shirt irgendwie seltsam, finde ich. Darin fühle ich mich einfach nicht wohl. Aber Geschmäcker sind verschieden, ich sehe immer mal wieder Shirts über den Tresen gehen, die mit 20 bis 25 Euro auch nicht zu teuer sind.

Die Band spielt 75 Minuten lang, wechselt zwischen den zwei Alben genussvoll hin und her und bietet uns neben dem bereits bekannten 'Ultimate Artificer' auch noch 'Psychotropia' vom kommenden dritten Album "Terminal Redux". Letzterer ist ein echter Hammer, wie mir scheint, und rückt das kommende Album nach ganz oben auf meiner Vorfreude-Liste. Ansonsten kann es in der Setliste natürlich nur wenige Überraschungen geben, einzig unerwartet ist, dass VEKTOR das lange 'Accelerating Universe' vom Debüt spielt. Gehofft hatte ich es ja, aber ich bin dennoch freudig überrascht.

Um etwa Viertel nach Elf ist Schluss. Die Band hat alles gegeben, das Publikum ist glücklich und zufrieden und auch ordentlich ausgepowert. Der Abend war sogar noch besser als erhofft, und der einzige negativ anzumerkende Punkt ist der aggressive Pit in der zweiten Konzerthälfte, für den der Club einfach zu klein ist. Ich bin wohl zu alt für so etwas, aber ich gehe auf Konzerte, um Musik zu hören, sehen und zu genießen, nicht um mich zu prügeln. Da man aufgrund der Enge aber kaum ausweichen konnte, standen einige der Pit’ler kurz davor, von einigen älteren, sichtlich genervten Semestern ein paar Schellen zu fangen, wofür ich vollstes Verständnis gehabt hätte. Jeder darf sich ausleben, aber nicht auf Kosten anderer.

Aber dafür können die Bands nichts, die alle drei großartig waren. Ich hoffe, VEKTOR kommt zum neuen Album noch einmal zurück, und wenn man mich fragt, würde ich dafür stimmen, das gleiche Package einfach noch einmal zusammen durch Europa zu jagen. Das wird nämlich schwer zu überbieten sein.

Redakteur:
Frank Jaeger

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