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Turbonegro - Berlin

16.05.2007 | 11:14

14.05.2007, Columbia Club

Ein älterer Kerl, nackt, mit einer Wampe wie ein Hängebauchschwein, tanzend, als wäre er eine zierliche indische Schlangenanbeterin. Nüchtern betrachtet scheint es schon ziemlich seltsam, dass diesem komischen Vogel namens Hans Erik Dyvik-Husby mehr als 500 Stimmen auf Englisch zurufen, dass sie jetzt eine Erektion bekommen. Doch sind TURBONEGRO und ihr beleibter Frontmann eben keine Gruppe, an die sich normale Maßstäbe menschlichen Seins anlegen lassen. TURBONEGRO, das ist ein Phänomen. Bei ihrem Konzert in Berlin an einem verregneten Montag zeigen die Norweger dies wieder einmal: Sie schaffen es, dass sich die vielen Drei-Tage-Bart-Träger unter ihren Fans wieder fühlen, als wären sie 18, mit einem Bier in der Hand und einer Frau im Arm, bereit für den Rock 'n' Roll dieser Welt. TUBONEGRO als Lebensgefühl.

Kräftig diese Prise Rocker-Feeling inhaliert hat auch die Vorband des Abends. Aus dem schönen Bramsche in Niedersachsen kommen BOOZED, denen es als erklärten TURBONEGRO-Fans wohl ein Orgasmus ist, für ihre Vorbilder die Einheizer zu geben. Zumindest wirken die fünf Musiker der jungen Truppe äußerst motiviert als sie die Bühne betreten und losbrettern. Auch die typischen Gestiken echter Rocker beherrschen sie nach Lehrbuch: Da spuckt Schlagzeuger Ugge beherzt über die Bühne nach einem Song, da reißt Gitarrist Marvin immer wieder sein Instrument in die Höhe und wirft cool die blonden Haare nach hinten. Der Sound zu soviel Gepose klingt rockig-rotzig, manchmal wie eine fiesere Version von AC/DC, mit viel Enthusiasmus gespielt, voller schicker Gitarrenriffs und zugehörigen fetzigen Melodien. Dazu besitzen die Songs klischee-sympathische Namen wie 'Street Skills' oder 'Take Me To Vegas'. Außerdem haben sie für ihr Publikum eine kostenlose CD mitgebracht, die am T-Shirt-Stand verteilt wird. Sehr nett, diese BOOZED-Typen.

Doch was die junge Gruppe noch nicht perfektioniert hat, ist das nun folgende Charisma von TURBONEGRO. Nach einem orchestralen Intro springt der Hitzezeiger im Raum auf den Anschlag und die Fans flippen aus. Mit edlen Knauf-Spazierstock aus Metall und einem Ami-Flaggen-Umhang kommt Sänger Hans Erik Dyvik-Husby herein und bringt mit der 'Atom Bomb' gleich den passenden Anfangssong. Alles Weitere ist vorhersehbar: Die Turbojugend frisst ihm aus der ausgestreckt musikalisch-virtuellen Hand. Gut die Hälfte der Zuschauer hat Utensilien dieser weltweiten Fan-Kult-Bewegung an: Ein Beispiel dafür ist die Turbojugend Potsdam in blauen Jeanshosen und -jacken samt Rückenaufnäher. Manche im Saal haben dazu noch kleine weiße Seemannskäppis auf dem Kopf, einer führt sogar eine aufblasbare Kuh mit sich. Und die größte Gemeinsamkeit der Turbojugendmannschaften an diesem Abend: Sie sind ausnahmslos mehr oder weniger betrunken, leere Augen wippen im Takt. Dennoch, die Texte können sie noch alle, egal ob von Knallern wie 'City Of Satan' oder 'All My Friends Are Dead'. Und dies liegt eben an Hans Erik Dyvik-Husby, der die Lebensfreude und den (Un-)Geist verkörpert, der echte Rocker eben zu echten Rockern macht. Da grüßt er einmal seine "homosexuellen" Bandkollegen, dann wieder alle Turbojugenden "aus Preußen". Sein Akzent klingt dabei schauderhaft, aber eben auch authentisch. Und dann sinniert er: Darüber, dass es für TURBONEGRO-Fans keinen Montag gibt, sondern immer nur Wochenenden, an denen sie sich selbst feiern können: "Wasted Monady, wasted Tuesday, wasted Wednesday, wasted Thursday, wasted Friday ... 'Wasted Again' ...", schließt er den bekannten Gassenhauer seiner Band an solcherlei Erkenntnis an. Kurz vor Ende hat er noch einen Gruß übrig für die "klassische Berliner Dunkelheit", der sich postwendend ein fulminantes 'Are You Ready For Some Darkness' anschließt. Die Erektion ist inzwischen aus allen Kehlen zu vernehmen, weil dieses eine Stück noch fehlt; im Zugabenteil wartet es dann: 'I Got Erection', so der Titel des Fäkalklassikers. So fehlt nur eines: Die Arschraketen - sind doch TURBONEGRO auch dafür bekannt, sich gerne einmal Feuerwerk in den Arsch zu schieben und so Anus samt Fans zum Explodieren zu bringen. In Berlin ist solch zusätzliche Erhitzung bei der gespürten Begeisterung kaum noch nötig. Denn, das zeigt Hans Erik Dyvik-Husby mit seinem tuntigen Schlangentanz mit Bierbauchunterstützung, von ihrer Attitüde einer gespielt tuntigen Punk 'n' Roll-Band sind TURBONEGRO auch nach all den Jahren noch keinen Zentimeter abgewichen. Gut, dass es solche konstanten Irren gibt.

Redakteur:
Henri Kramer

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