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Transatlantic - Hamburg

20.11.2001 | 12:11

16.11.2001, Grosse Freiheit 36

Die Grosse Freiheit 36 auf dem Kiez ist ein wirklich edler Laden für Konzerte. Ca. 1.500 Menschen finden hier Platz, die Bühne ist sehr groß und bietet den fünf Protagonisten an diesem Abend jeden Raum zur Entfaltung. Genug Platz zur Entfaltung haben auch die ca. 800 Anwesenden, die den Saal ordentlich füllen und dabei ein kunterbuntes Bild abgeben. Vom Normalo bis zum Metaller ist alles vertreten, wobei auch das Alter von 20 – 70 eine große Spanne hat. Zudem gibt es augenfällig viele Paare, wo die weibliche Hälfte mal nicht gelangweilt rumsteht, sondern mit großen Augen und Enthusiasmus dabei ist.

Pünktlich um 20.00 Uhr beginnen TRANSATLANTIC ihren Set mit dem Titeltrack des aktuellen Silberlings "Bridge Across Forever". Schon der Bühnenaufbau zeigt dabei, dass es sich hier um vier gleichberechtigte Musiker und einen Gast handelt. Neal Morse hat seinen Platz am linken Bühnenrand, hinter zwei Keyboards und ausgestattet mit einem Headmikro. Daneben steht Roine Stolt, der nicht nur musikalisch – mit den FLOWER KINGS – sondern auch modisch deutlich in den 70ern stehen geblieben ist. Seine gewagte Kombination aus einem grünen Hemd und einer fliederfarbenen Hose hat, in Verbindung mit seinem grandiosen Seitenscheitel, einen wirklich hohen Unterhaltungswert. Pete Trawavas zupft nebenan an seinem Bass herum. Am rechten Bühnenrand thront dann Mike Portnoy hinter seinem Schlagzeug, welches er am heutigen Abend sehr mannschaftsdienlich bedient und mit großer Präzision besticht, aber das ist man ja gewohnt. Hinter diesen Vieren postiert ist Daniel Gildenlöw, der Kopf der sträflichst unterbewerteten PAIN OF SALVATION. Er übernimmt die Rolle des zweiten Gitarristen, spielt ab und zu auf dem Keyboard und bringt einige Backingvocals. Was der wohl talentierteste Mann der europäischen Prog-Szene sonst noch drauf hat, zeigt er nicht nur während der Show, sondern wird er hoffentlich auch mit PAIN OF SALVATION im Februar auf Tour mit DREAM THEATER beweisen.

Widmen wir uns aber nun der Show.
Nach dem kurzen Träumer "Bridge Across Forever" geht es weiter mit dem ersten Epos "Duel With The Devil". Dies bedeutet 26 Minuten eingängige Vocallines, abwechslungsreiche Instrumentalparts, welche nie in unendliche Solofrickelparts ausarten, und ein traumhaft sicheres Gespür für große Melodien. Alle vier Künstler glänzen mit erstklassigen Vocals und einer ungeheuren Spielfreude. Diese Spielfreude hatte ich von Neal Morse und Mike Portnoy auch erwartet, sind sie doch die Motoren ihrer Stammbands (SPOCK'S BEARD, DREAM THEATER). Aber das Pete Trawavas (MARILLION) mit breitem Grinsen häufig über die Bühne hüpft, hatte ich nicht angenommen. Hier merkt man auch, dass es sich bei TRANSTALANTIC nicht wirklich um ein 'All-Star-Prog-Projekt' handelt, sondern bei genauer Betrachtung nur der Begriff 'Fun-Projekt' diesen kreativen Haufen passend beschreibt. Neal und Mike glänzen auch hier und heute als glänzende Entertainer mit witzigen Ansagen und bringen das Publikum div. Male zum Schmunzeln.
Das Publikum ist aber auch so sehr euphorisch. Von nordischer Kühle kann zumindest keine Rede sein. Die Songs werden lang und intensiv beklatscht und nicht wenige nehmen zwischendurch immer mal wieder Gebetshaltung ein, um der Meute auf der Bühne die gebührende Anerkennung entgegen zu bringen. Zu Recht.
Bei "We All Need Some Light" kann man sich dann von den ellenlangen Kompositionen eine kurze Zeit erholen und es gibt Gelegenheit mal ein paar Wunderkerzen zu zünden. Traumhaft.
"Suite Charlotte Pike" wird dann zu einer riesigen Coversession, denn im Verlaufe des Songs werden immer wieder Coverversionen eingebaut, die verdammt nach den BEATLES klingen. Komischerweise kenne weder ich, noch meine Bekannten auch nur einen der gecoverten Songs und das, obwohl die meisten alle BEATLES-Alben besitzen. Am Ende des Songs sagt Mike (im BEATLES-Shirt) zwar, dass dies ein Tribut an eine britische Band der 60er, die in Hamburg ihre Karriere startete, sei, was so auf die BEATLES passt, aber zweiflerisch bleibe ich da dennoch, denn wenn vier Fans der BEATLES keinen Song erkennen, kann da was nicht stimmen. Komisch. Großartig war es dennoch.
Als letzter Song des regulären Sets wird dann "Stranger In Your Soul" gespielt, wo man erneut die Genialität der Bande deutlich sehen kann. Während eines Instrumentalparts rennt Neal von seinen Keys rüber zum Schlagzeug, krallt sich zwei Sticks und übernimmt langsam aber sicher den Platz von Mike. In der Zwischenzeit hat Pete Trawavas den Platz hinter den Keys eingenommen und spielt mit der rechten Hand Bass und mit der linken Hand Keyboard! Hab ich auch noch nicht erlebt. Mike nutzt die Gelegenheit zu einem Bad in der Menge. Das Verrückte an dieser Aktion ist, dass man kaum einen Bruch im Song hört. Unglaublich!!!
Nach sechs Songs in zwei Stunden (!!) ist dann erst mal Schluss und die Herren verabschieden sich unter Ovationen, Kniefällen und 'Zugabe'-Rufen von der Bühne, die sie kurz darauf wieder betreten, um mit "All Of The Above" den Set endgültig zu beschließen. Nach 155(!!!) Minuten ist dann endgültig Schluss eines fast perfekten Gigs (einige Male gab es leichte Probleme mit Neals Funkmic), an dem sich jetzt jede progressive Rockband messen muss. Phantastisch.


Setlist

Bridge Across Forever
Duel With The Devil
My New World
We All Need Some Light
Suite Charlotte Pike
Stranger In Your Soul

All Of The Above


Redakteur:
Peter Kubaschk

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