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Tourtagebuch Paul Di´Anno - Belgien - Deutschland -Österreich

25.01.2001 | 08:19

14.12.2000,

19.12. A-Spielberg „Festsaal“

Erste Berichte beim Frühstück lassen für den heutigen Tag nichts Gutes erahnen. Alle Musiker sind am Vorabend dem Stadtrat im Rahmen einer offiziellen Party vorgestellt worden und der örtliche Promoter vom Kulturamt hat wohl sinngemäß verlauten lassen, daß ihm egal sei, ob etwaige Fans auftauchen werden, da er Paul Di‘Anno zu seinem Privatvergnügen gebucht und einige Angestellte eingeladen hat. Und wegen so eines Typen (ein Schimpfwort wäre hier angebrachter) fahren wir fast bis zur slowenischen Grenze? Aber daß der Tag dann noch so beschissen werden wird, ahnen wir zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht. Auf dem Weg zum Konzertsaal bauen wir erst einmal einen Unfall, bei dem der Kühler unseres Wohnmobils zerstört wird. Panik, Hektik und großer Frust sind die Folgen dieses Unglücks und als wir hören, daß jener Kühler kaum zu besorgen ist, sind wir gänzlich am Boden. Wir müssen die Situation irgendwie durchstehen, bauen auf, checken die völlig unzureichende P.A. und erfahren, daß der Van doch am nächsten Tag repariert werden kann, was uns allerdings den Gig in Pratteln kostet, aber es gibt leider keinen anderen Weg. Am Abend treffen doch noch einige wenige Metal-Fans in dem geräumigen Saal ein. Diese bekunden lauthals ihr Gefallen an unserer Darbietung, dennoch stellt man uns nach zwanzig Minuten auf ‘Befehl‘ des lokalen Promoters den Strom ab, da dieser ja nur Paul Di‘Anno gewollt habe. Er habe ja schließlich auch Ahnung von Heavy Metal (er sieht eher aus, als habe er Ahnung von Sonnenstudios, ‘Haarblondierungen‘, schlechten Frisuren und knackigen Jungs) und unsere Musik sei ‘eine Belästigung für die Ohren‘ (nur gut, daß er gar nicht im Saal gewesen ist, um sich die Show anzusehen). Wir sind außer uns, wo sind wir hier gelandet? Und noch mal: wegen so eines ‘Riesen-Arschlochs‘ fahren wir fast bis zur slowenischen Grenze? Paul entert daraufhin sichtlich angepißt die Bühne, mosert darüber, welcher ‘Fucker‘ unseren Gig beeinträchtigt habe und spielt mit Unwillen auf Anordnung seines anwesenden österreichischen Managers (der die Tour unter dem Motto „Santa Claus goes Heavy Metal“ angekündigt hat) zusätzlich drei Weihnachtslieder, welche die Band am Nachmittag im Hotel eingeübt hat. Die Songs klingen absolut schrecklich und werden von Paul mit den Worten „Fuck that, I will never play that shit again!“ kommentiert. Nach diesem ganzen Desaster hocken wir noch lange zusammen in einem Restaurant, um uns den Frust bei Bier und Wein herunterzuspülen. Ich unterhalte mich angeregt mit Cliff und Pete und die allgemeine Stimmung bessert sich zusehends. Erneuter Ärger brandet auf, als ein nerviger und augenscheinlich ziemlich ‘bedröhnter‘ Konzertbesucher endlich den Raum verläßt, vor dem Restaurant allerdings seine Freundin schlägt, was einige von uns sehen und nach draußen stürmen. Die Nacht wird immer länger und endet erst ungefähr eine Stunde vor dem Abreisetermin der „Killers“, die mit Ausnahme von Paul um sechs Uhr morgens mit dem Zug in die Schweiz bzw. nach Pratteln reisen müssen, weil das Nötigste von unserem Equipment in dem Kombi transportiert werden muß, in dem die Musiker ansonsten von unserem Kumpel Oliver alias Gung chauffiert werden. Da wir heute eigentlich keine Hotelzimmer mehr zur Verfügung haben, verkrümeln wir uns in die Doppelzimmer der jeweiligen „Killers“-Musiker.

20.12. Day-Off (unfreiwillig)

Auch Mario und ich müssen um halb acht aus den Federn, um die Reparatur unseres Vans in endgültige Bahnen zu lenken. Anstatt in Pratteln ordentlich Gas zu geben, hocken wir in diesem Scheiß-Dorf fest und warten fieberhaft darauf, daß die per Express georderten Ersatzteile eingebaut werden. Für Erheiterung sorgt allerdings ein Video-Mischnitt vom gestrigen Abend, denn die Herren Trommler („One million drummers - the same one brain“) haben noch etwas länger gefeiert, vor dem Restaurant Songs gekrächzt und schließlich zu einer Strip-Einlage angesetzt. Nur gut, daß Mario noch mit der Kamera dabei war! Am Nachmittag erhalten wir endlich unser repariertes Gefährt und brechen mit gedrückter Stimmung in Richtung Stuttgart auf. Nur endlich heraus aus Spielberg!

21.12. D-Stuttgart „Limelight“

Die Di‘Anno-Bande ist froh darüber uns wiederzusehen und berichtet von einem guten Gig am Vorabend. Es bleibt noch etwas Zeit vor dem Aufbau die Stadt zu erkunden und einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt zu schlürfen. Nach den folgenden üblichen Verrichtungen wie Soundcheck und Catering fassen liegt es an uns, dem gut gefüllten Club eine amtliche re-Vision-Show zu bieten. Um die ganze Sache für uns spannend zu halten, tauschen wir jeden Abend einige Songs der Setlist aus und am heutigen Abend hauen wir den Fans zusätzlich „The Trooper“ um die Ohren. Aber auch unsere Eigenkompositionen kommen gut beim Stuttgarter Publikum an, auch wenn die Bühne mal wieder zu klein ist und ich unserem Klampfer Daniel zu seinem Leidwesen mal wieder viel zu oft bedrohlich nahe komme. Zudem hat einer der Leiter des französischen Maiden-Fan-Clubs den weiten Weg nach Schwaben auf sich genommen und wird heuer zum Fan ‘re-Visionärer‘ Musik bekehrt. Cool! Paul ist besonders stark durch eine Erkältung gezeichnet, die seiner Stimme hörbar zu schaffen macht, allerdings sind die Fan-Reaktionen unglaublich gut, so daß er den Gig mit Bravour durchzieht. Heute bleibt es Mario überlassen die Bühne bei der letzten Zugabe „Prowler“ zu entern, um Cliff Evans zu unterstützen und ein paar Posen abzuliefern, die ihm für den weiteren Abend den Zusatznamen „Rockstar“ bescheren. Nach dem Gig erreicht uns dann allerdings die Hiobsbotschaft, daß der Gig am nächsten Tag auf Grund von finanziellen Schwierigkeiten des örtlichen Promoters gecancelt worden ist. Also verziehen wir uns wiederum in die eigentlich nur für den Headliner gemieteten Hotelzimmer. Auch ein Platz auf dem Sofa oder dem Boden ist besser als noch eine Nacht im arschkalten Wohnmobil...

22.12. Day-Off (unfreiwillig)

Es ist schon etwas komisch, daß sich das Hotelpersonal bei sechs gebuchten Einzelzimmern nicht über ein Dutzend hungriger Musiker wundert, die sich am Frühstücksbüffet laben...
Nach einem Stadtbummel inklusive Abgreifen einiger Second-Hand-CD‘s und LP‘s und einem ruhigen Essen entscheiden wir uns, schon mal in Richtung Hannover zu fahren und hierbei einen Zwischenstopp in heimischen Gefilden zu machen, um im eigenen Schlafgemach etwas Energie zu tanken. Paul, Cliff, Pete und Darayus bleiben dagegen in Stuttgart und gönnen sich abends in Begleitung von Drum-Animal Dominik den CD-Release-Gig von Chinchilla im „Limelight“. Immer noch schaudernden Augenzeugen zufolge legten die etwas hirnlosen Drummer Pete und ‘Dom‘ bei der anschließenden Disco gemeinsam ein paar heiße und eng umschlungene Sohlen aufs Parkett. Brrr!
Zu später Stunde muß Dominik noch den angeschlagenen Paul, dem die Beine alkoholbedingt etwas wegknicken, auf dem Weg ins Hotel stützen. Das weiß er zumindest zu berichten, aber sei doch mal ehrlich, wer hat hierbei wen gestützt?

23.12. D-Hannover „Musikzentrum“

Frisch ausgeruht und gut gelaunt fahren wir nach Hannover, um den letzten Gig der „Höhen und Tiefen“-Tour zu zelebrieren. Heute spielt noch ein zusätzlicher lokaler Support, der diverse metallische Stil-Ausrichtungen in seinem Sound vereint. Außerdem entpuppen sich die Jungs als überaus nett und ‘feierwütig‘, denn bei unserem Gig ‘hotten‘ sie zusammen mit anderen Fans ordentlich vor der Bühne ab. Wir bringen abermals „The Trooper“ und ernten auch mit unseren Songs tosenden Applaus. Danke, Hannover! Paul Di‘Anno und seine Mannen spielen wiederum ihren „Maiden-Revisited“-Set und werden auch im „Musikzentrum“ hierfür mit einer tollen Atmosphäre belohnt. Heute bittet Paul unsere komplette Combo bei „Running Free“ für Backings auf die Bühne und erzählt dem Publikum Sachen wie „These guys are mad, if You see them on the street, call the police!“. Hehe, danke Onkel Paule! Leider fällt eine gemeinsame Zugabe flach, da die Engländer unmittelbar nach dem Gig aufbrechen müssen, um ihre Fähre rechtzeitig zu erreichen. Daher werden in Windeseile noch ein paar Erinnerungsbilder geschossen und die gesamte Headliner-Truppe bringt nochmals zum Ausdruck, wie gut ihnen das Verhältnis untereinander gefallen hat. Dies können wir nur bestätigen und daher hoffen wir trotz aller vorgefallenen Pannen, daß die Jungs es schaffen, ihre Idee uns als Support für die nächste „Killers“-Tour, die nach einem neuen Album in diesem Jahr folgen soll, oder als Anheizer für eine mögliche „Tank“-Tour zu buchen, in die Tat umsetzen können. Denn dann könnte es wieder heißen: „What‘s uuuuuuup?“
Christoph (re-Vision)

Redakteur:
Gastautor

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