top banner 161
side banner 160

Tourbericht: AMON AMARTH, CARCASS und HELL - Oberhausen, Osnabrück

14.11.2013 | 12:05

07.11.2013, Turbinenhalle, Hyde Park

Death Metal für Jung und Alt!

Eine der Konstanten im Metal-Sektor ist wieder unterwegs und hat ein richtig starkes neues Album im Gepäck: AMON AMARTH. "Deceiver Of The Gods" wurde diesen Sommer auf die Meute losgelassen und soll nun im Rahmen dieser Herbsttour noch einmal ordentlich präsentiert werden. Die Live-Shows von Johann Hegg & Co. gelten seit jeher als mitreißend, so dass wir uns gleich an zwei Standorten (Oberhausen: Nils Macher, Osnabrück: Oliver Paßgang) mal wieder von den Qualitäten der Schweden überzeugen lassen wollen. Als Vorbands dürfen - etwas exotisch - HELL und die legendäre Death-Metal-Band CARCASS mitfeiern. Wir freuen uns auf vielversprechende Abende, die jedoch nicht gänzlich reibungslos ablaufen sollen.
[Oliver Paßgang]

Denn Feierabendverkehr im Ruhrgebiet und eine eher mittelprächtige Organisation sorgen dafür, dass uns um kurz vor 20 Uhr bereits der vierte Song der britischen Death-Legenden von CARCASS begrüßt. Eigentlich sollte die Band HELL ab acht Uhr vorlegen, doch wie man von bereits anwesenden Fans erfährt, startete das Konzert insgesamt beinahe eine Stunde früher als verkündet. Sei es drum, wir machen das Beste draus und gönnen uns die kräftige Nackenmasage, die uns Jeff Walker und seine Gefährten um die Ohren hauen. Obwohl die meisten Fans für AMON AMARTH angereist sind, erntet der Briten-Vierer kräftig Beifall, es wird fröhlich im Moshpit abreagiert und auch ohne mentale Vorbereitung ist man hier gleich auf Betriebstemperatur. Die starken Songs des Comeback-Albums "Surgical Steel" werden von der Meute jedenfalls genauso abgefeiert wie die zahlreichen Klassiker im Set. Von einem Generationenkonflikt oder gar einer unpassenden Headliner/Support-Kombination kann hier überhaupt nicht die Rede sein. Wer im Vorfeld befürchtet hatte, dass das Wacken/Summer Breeze-Publikum, das eine Band wie AMON AMARTH nun einmal anlockt, bei CARCASS schmollend dreinschauen würde, wird durch kreisende Köpfe, geschüttelte Mähnen und Heere von Pommesgabeln eines Besseren belehrt. Schade nur, dass die Band nach 'Captive Bolt Pistol' den Gig ziemlich verdattert beenden muss, weil der Stagemanager des schwedischen Hauptacts vermutlich schon mit der Streitaxt gestikuliert. Trotzdem eine mitreißende Show, die weit mehr war als bloß ein Support-Act.
[Nils Macher]

Für Osnabrück sind wir somit also gewarnt, auch ja pünktlich um 19 Uhr vor den Brettern zu stehen, um beide Vorbands in vollem Maße erleben zu dürfen - und faszinierenderweise geht der Plan tatsächlich auf. Die Ansetzung von HELL kann man mit Blick auf die stilistische Ausrichtung der beiden folgenden Bands kritisch sehen. Dieser Anflug von Zweifel ist jedoch vollkommen unangebracht, denn bei vom ersten Ton an bestem Sound bekommt man hier eine Heavy-Metal-Show der besonderen Sorte. Musikalisch ist das schon allererste Sahne, die theatralische Inszenierung tut dann ihr übrigens: Man merkt HELL überhaupt nicht an, dass die Band hier Support ist, stattdessen nehmen sie die Bühne ein, als wäre es ihre Tour. Das liegt natürlich maßgeblich an Sänger David Bower, der Mimik und Gestik im besten KING DIAMOND-Stil einsetzt, um sich zu inszenieren. Die Stimmung ist ebenfalls gut - aber welcher Metalhead kann und will sich ordentlichem Heavy Metal wirklich verschließen? Eine überzeugende halbe Stunde, die ich meinem Kollegen in Oberhausen auch gegönnt hätte.

Das gilt nicht weniger für die ersten Songs der folgenden Kapellle: CARCASS war in der Turbinenhalle schon verdammt amtlich, heute geht da allerdings noch einiges mehr. Die Tour scheint sich eingespielt zu haben, denn erneut ist der Sound von Beginn an unglaublich transparent, laut sowie einfach fett. Die Band wirkt zudem wesentlich souveräner und scheint einen ganzen Batzen mehr Spaß in den Backen zu haben. Entsprechend gut ist auch die Stimmung. Der Hyde Park kocht an diesem Samstagabend schon zu früher Stunde und jung sowie alt geben sich mit breitem Grinsen im Moshpit auf die Glocke. Dies gipfelt in fünf Gänsehautminuten zu 'Corporal Jigsore Quandary'. Spätestens hier sollte auch die junge Generation (zu der ich mich selbst zähle) verstanden haben, wie gut (und wichtig) diese Band einst war und ist. Dieser teils räudige, teils melodische Death Metal ist etwas absolut Besonderes. Heute gibt es zudem das komplette Set und keine böse unkenden Techniker, weshalb die Gruppe ihr Set mit 'Heartwork' zu einem mehr als runden Ende bringen kann. Extrem starker Auftritt von CARCASS. (Randbemerkung: Ob diese Ekel-Videos nun wirklich sein müssen, sei mal dahingestellt - aber es muss wohl auf die ein oder andere Weise "stimmungsfördernd" sein.)
[Oliver Paßgang]

Viele Bands sind live gut, brauchen aber ihre ein, zwei Nummern, um mit Bühne, Publikum und Nervosität klarzukommen. Nicht so bei AMON AMARTH, deren fünfköpfige Besatzung vom Betreten der Bühne an demonstriert, was eine außerordentlich gute Liveband ausmacht. Allen voran natürlich Johan Hegg, dessen Körpersprache nicht weniger als die uneingeschränkte Loyalität der anwesenden Metalfans fordert. Ganz nach dem Motto: "Wir sind AMON AMARTH, wer jetzt nicht durchdreht, kommt nie nach Valhalla!" Das Eröffnungsduo aus 'Father Of The Wolf' und 'Deceiver of the Gods' lässt jedenfalls kein Bein ruhig stehen, keine Hand in der Hosentasche. Volle Energie, die Turbinenhalle kocht. Das liegt natürlich an der unbestreitbaren Live-Qualität der Melo-Deather, aber auch an ihrem unglaublich guten Repertoire an geilen Songs. Wer einen Song wie 'Death in Fire' gleich an dritter Stelle "verbraten" kann, der braucht sich um Stimmungstiefs bei Konzerten ohnehin keine Gedanken zu machen. Die Fans würden natürlich gerne noch mehr Klassiker der etwas älteren Alben hören, bekommen aber hauptsächlich Material der letzten vier Alben auf die Ohren. Egal, Nummern wie 'Guardians of Asgaard', 'Warriors of the North' oder 'Destroyer of the Universe' dreschen so druckvoll und mächtig aus der P.A., dass sämtliche Anflüge von Nostalgie gleich im Keim erstickt werden. Das obergeile 'The Pursuit of Vikings' - nach 'Death in Fire' der älteste Song im heutigen Set - beschließt dann auch eine standesgemäße Show der Schweden, die so schnell keine andere Band im Genre vom Live-Thron stoßen wird. Ob Festival oder Halle, AMON AMARTH liefert. Nuff said.
[Nils Macher]

Nun, Nils, was soll ich hier noch großartig ergänzen? Vielleicht erst einmal die objektiv festhaltbaren Unterschiede: 'Tattered Banners and Bloody Flags' ist nicht mehr in der Setlist, dafür 'Blood Eagle'. Der Hyde Park ist eine ganze Ecke kleiner als die Turbinenhalle, dafür jedoch ausverkauft (okay, es ist zudem Samstag). Das war es dann aber auch schon. Auch in Osnabrück lassen die Wikinger vom Dienst zu keiner Sekunde den Zweifel aufkommen, wer hier Chef im Ring ist. Ich muss gestehen, dass ich vor jedem Auftritt AMON AMARTHs skeptisch bin, ob sie meine Erwartungen, eine der vielleicht besten fünf Live-Bands des metallischen Universums zu sein, erneut erfüllen können, nur um nachher festzustellen: Ja, verdammt! Und das sogar, wenn sie eine derartige New-School-Setlist wie auf dieser Tour am Start haben, bei dem mit Ausnahme der beiden Hits 'Death In Fire' und 'Pursuit Of Vikings' tatsächlich kein Song der ersten fünf Alben präsentiert wird. So ein Fakt könnte bei anderen Bands für lange Gesichter in den Zuschauerreihen sorgen, bei den Schweden scheint es jedoch quasi keinen Unterschied zu machen, welchen Song ihres großartigen Repertoires sie wählen. Das Publikum dreht quasi durchgängig am Rad, weshalb ich mich zu der These hinreißen lasse: Bei keiner anderen Death-Metal-Band werden mehr Fäuste gereckt, mehr Refrains mitgegrölt, mehr Köpfe genickt als bei den Männern vom Schicksalsberg. Ihre Musik schafft einfach immer den perfekten Spagat zwischen Eingängig- und Mitsingbarkeit auf der einen sowie Urgewalt und Spannung auf der anderen Seite. Und das i-Tüpfelchen ist dann wohl die Sympathie und Bodenständigkeit, die Johann Hegg & Co. durch Ansagen, Grinsen und Körpersprache allgemein immer wieder vermitteln. Das bisschen Show (drei verschiedene Backdrops, leuchtende Runen sowie der Einsatz von Thors Hammer) erscheint ebenfalls angemessen, so dass das Fazit bloß lauten kann: AMON AMARTH kann niemand etwas. Ein (erneut) makelloser Auftritt einer immer und überall unfassbar mitreißenden Band.
[Oliver Paßgang]

Die Bilder hat Markus Hillgärtner gemacht, vielen Dank dafür!

Redakteur:
Nils Macher
1 Mitglied mag diesen Konzertbericht.

Login

Neu registrieren