top banner 156
side banner 157

The Angina Pectoris (Tourtagebuch) - Deutschland

28.10.2000 | 11:43

19.07.2000,

Nicht jede Tour hat so gute Vorzeichen wie diese Welttournee von Angina Pectoris. Sage und schreibe 6 Magazine präsentieren sie: Hammer, Gothic, Feedback, Newszine, Oblivion und Powermetal.de. Noch dazu ist Angina Pectoris Urgestein der deutschen Gothic Szene. Doch trotz dieser fast perfekten Ausgangslage kam alles ganz anders. Joelen Mingi der Bandleader erzählt: \"Im Januar haben wir an Marc Varesco (57 Productions) den Auftrag für die Deutschlandtour vergeben. Er hatte somit ein halbes Jahr Zeit diese Tour vorzubereiten, das sollte eigentlich ausreichen. Doch selbst am Tag vor Tourbeginn stand noch nicht alles fest, angeblich hatte er Gigs in Bremen und Lübeck festgemacht, dort wußten die Clubs jedoch nichts davon. Wir selbst haben dann noch kurzfristig Gigs in Leipzig und Herfurt festgemacht damit wir nich jeden zweiten Tag einen Day Off haben. Anscheinend hat Marc Varesco kein Interesse an unserer Tour gehabt und sowohl wir als auch die Clubs fühlen sich ziemlich angepisst.\" Das andere Problem war wohl, daß die neue CD Lakshmi zu Tourbeginn noch nicht veröffentlicht war und auch die Werbung in einschlägigen Szenezeitschriften schief lief. Aber es gibt ja noch Hoffnung für die Tour \" In Japan werden wir zum Beispiel eine Woche in Tokio spielen. Es wird eine Halle mit ca. 1000 Personen Fassungsvermögen sein und die Woche ist jetzt schon ausverkauft\".

Trotz dieses Misstandes haben sich die Mannen um Joelen Mingi nicht beirren lassen und spielten ihr Set vor dem Publikum nicht einfach nur herunter. Gerade bei den Gigs in Köln und Herfurt konnte man allen die Spielfreude sichtlich anmerken. Aber dazu mehr später.

Mit Speed Id als Vorgruppe hat Joelen auch eine der eindrucksvollsten Bands verpflichten können, die ich in den letzten Jahren sah. Schon auf der CD Präsentation vor einem halben Jahr war ich fasziniert von dem Auftreten der 3 Japaner. Leider war diesemal J.P.Hal.J ans Schlagzeug gefesselt und konnte nicht wie ferngesteuert rumzappeln. Aber dafür hatten sie mit Kengo einen Bassisten dabei den sie in Frauenkleider \"zwangen\", was bei vielen für Verwirrung über sein wahres Geschlecht stiftete. Der Hammer aber ist die eindrucksvolle dunkle Stimme von Henry Lee Euro.

Um seine Truppe für die Tour zu vervollständigen verpflichtete Joelen Mingi an der zweiten Gitarre - Jacek Janiszewski (u.a. Mighty D., Mutilated und Exorial)und am Keyboard Jens Robbers (Headstone Epithaph).

Mittwoch:

Leider konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht die ganze Tour begleiten aber am Mittwoch stieß ich dann in Heidelberg zu der Truppe. Ich wurde gleich herzlich aufgenommen. Der Schwimmbad Club bot neben dem Konzert noch Kino und Disco an und da der Eintritt 15 DM wohl für viele Studenten zu \"teuer\"(???) war, hingen viele der angereisten Grufties lieber in der Disco herum anstatt sich die Live Bands anzusehen. Speed Id machten ihre Sache ziemlich gut. Die Musik hörte sich diesmal mehr nach Gothic mit Prodigy/Rammstein Rhytmen an. Leider war Captain Marquee gezwungen Playback Gitarre zu spielen, da sein Rack aus Kostengründen nicht mit nach Europa genommen werden konnte. Aber dafür war die Show von Henry Lee Euro wieder absolut eindrucksvoll. Als Indianer verkleidet stürmte er auf die Bühne um Deutschland zu erobern und dem Applaus nach zu urteilen kam es bei den Besuchern auch gut an.

Angina begann mit einem sehr rockigen/metallischen Programm. Ich war richtig erstaunt da ich davon ausging Angina würde ein reines Gothic Programm spielen. Jedoch gerade zu Beginn des Konzerts erinnerten sie mehr an eine Gothic Metal Band, und letztendlich war es mir ja recht, daß sie es so richtig krachen ließen. Im Laufe des Sets wurden sie jedoch immer sanfter. was aber hauptsächlich daran lag, daß die Gitarre von Jannis \"Jay Phoenix\" Tsitsiklis einen technischen Defekt hatte der sich nicht mehr am selben Abend beheben lies. Das Programm setzte sich aus Klassikern wie \"Anguish, \" als auch neuen Stücken wie \"Dying Heart, Decayed Lakshmi oder Phobia\". Phobia wurde übrigens für Channel 5 (dem Asiatischen MTV Pendant) live recordet. Und nach dem Konzert wurden noch weiter Bandvorstellungen etc. gedreht. Mit Mandy (Klassiker von Barry Manilow) der aktuellen Single und dem Bonustrack von The Burning Funeral Pire, nämlich The Agony After beschlossen die Jungs ihr fast 2 stündiges Set.

Nachdem die Drehs beendet waren machte sich der Bus in Richtung Köln auf. Die Party ging noch bis um 04.00 und gegen 06.00 steuerte der Bus einen Rasthof an um das schlafen endgültig einzuläuten.

Donnerstag:

Vor dem Kölner MTC angelangt fingen auch gleich die Probleme an, wie findet man in dieser Einkaufsstraße einen geeigneten Busparkplatz der noch dazu nicht allzuweit vom MTC entfernt liegt. Mit etwas Geduld schafften wir es doch dann tatsächlich eine Stunde später direkt vor dem MTC zu parken. Der Club hatte sich mit der Werbung ziemlich Mühe gegeben (u.a. Tagestip in der Bild Zeitung) . So waren wir gespannt was dieser Abend bringen würde.

Als Speed Id die Bühne betrat waren die Besucher ziemlich gespannt was die Japaner bieten würden. Man konnte wieder deutlich merken wie verunsichert sie gerade über das Geschlecht des Bassisten waren. Die Show fand ich insgesammt noch besser als am Vortag. Wobei ich mit diesen Prodigy Rhytmen so meine Schwierigkeiten habe. Aber diese Stimme von Henry Lee Euro ist einfach ein wahrer Hammer. Und die ausdrucksstärke der Präsentation lies mich öfters zweifeln ob ich es da nicht doch mit so Verrückten wie Marilyn Manson zu tun habe.

Angina Pectoris hatte dann das Programm etwas zusammengestrichen, da sie den Eindruck hatten, daß das Set am Vortag doch etwas lang geraten war. Und mit der reparierten Gitarre von Jannis krachte es auch wieder richtig los. Feinster Gothic Metal der von der variablen Stimme von Joelen Mingi lebt. Ob singen oder Growlen, er beherrscht sein Organ und setzt es bei den Songs gekonnt ein. Jens Robbers (Headstone Epithaph), der extra für die Tour angeworben wurde, konnte sich diesmal hinter seinem Keyboard nicht stillhalten. Die Spielfreude überwog einfach zu sehr. Und diese Spielfreude merkte man der ganzen Mannschaft an.

Nach der Show streichelte J.P. Hal J. doch glatt noch einen vorbeilaufenden Hund einer Punkerin die daraufhin gleich versuchte eine Schlägerei anzuzetteln. Hal wusste, da er auch kein Deutsch verstand, gar nicht wie ihm geschah. Doch zum Glück konnte die Situation wieder ziemlich schnell beruhigt werden. Daraufhin verzogen wir uns aber doch lieber, nicht daß noch etwas ernsthaftes passiert. Im Bus veranstalteten wir noch ein Gamma Ray Party und beschlossen eines Tages eine Gamma Ray Coverband zu gründen.

Freitag:

Der Freitag war Konzertfrei so daß wir uns nochmal Köln vornahmen. Gerade Speed Id sorgte ziemlich für Aufsehen, da sie in ihren Kostümen durch die Stadt liefen und jedes geeignete Motiv für eine Foto und Video Session nutzten. Abends machten wir noch eine Kneipentour während der wir den Japanern beibrachten wie man Schnupftabak schnupft. Das erstaunliche war, daß keiner von ihnen niesen mußte. Unser singender Busfahrer Pino (hat eine Maxi mit italienischen Liebesliedern namens \"Sorriso di Bambino\" herausgebracht) erwies sich als toller Reiseführer, da er sich ständig darum kümmerte herauszufinden wo wir den Abend verbringen könnten.

Samstag:

Am Samstag kamen wir gegen 16.00 im Spunk / Herford an. Das Spunk ist so eine Art Jungendzentrum das durch ehrenamtliche Arbeit getragen wird. Damit wir duschen konnten wurde extra in einem nahegelegenen Hotel ein Zimmer angemietet und so wurden wir schichtweise dort hinverfrachtet. Joelen fuhr mit der ersten Ladung in das Hotel und mit der letzten wieder zurück, jedoch war er noch immer nicht fertig. Das Catering war ebenfalls hervorragend, so daß man diesen Club wirklich jederzeit weiterempfehlen kann.

Speed Id starteten dann um 23.30 Uhr weil sich erst jetzt die Halle einigermaßen gefüllt hatte. Henry Lee Euro nützte auch gleich die gesamte Bühnenbreite und machte die bis dato beste Show. Und Aushilfsbassist Kengo sah ich diesmal zum ersten mal headbangen. Die modernen Prodigy/Rammstein Rhytmen in Verbindung mit dem Goth-Gesang und dem Marilyn Manson Eindruck fanden bei einem Teil des Publikums großen Anklang.

Angina Pectoris erklammen dann gegen 24.30 die Bühne und auch ihnen merkte man die Freude über eine geräumige Bühne an. Joelen nutze den vollen Platz und war auch auf den Boxen mehrfach zu finden. Im Publikum waren auch endlich richtige Goth zu finden, die in entsprechender Aufmachung erschienen waren.
So merkte man auch gerade bei den älteren Liedern daß das Publikum mitging. Wobei gerade neue Songs wie \"Dying Heart\" oder \"Phobia\" sich als absolute Live Kracher erwiesen. Der Sound war etwas schlechter als in Köln, so waren die Gitarren viel zu sehr im Hintergrund und die Bass Drum konnte man auch nur erahnen, aber für das angereiste Goth Publikum war es wohl auch besser so. Joelens geniale dunkle Stimme besorgte den Rest, so daß die Band sogar noch eine weitere ungeplante Zugabe geben mußte.

Anschließend gab es noch eine kleinere Party im Backstage Raum mit den Fans die dann gegen 05.00 endete. Mit somit 3 Stunden Verspätung machten wir uns also auf den Weg nach Stuttgart - unserer Heimat und dem letzten Gig auf der Deutschlandtour.

Sonntag:

Nachdem wir gegen 17.00 endlich in der Heimat einfielen verzog ich mich auch erst mal nach Hause um zu duschen und schon mal den Tourbericht vorzubereiten. Als ich dann gegen 20.30 im Limelight auftauchte fand ich dort alle in gereizter Stimmung vor. Nicht mal das Heimspiel war ausverkauft. Das war schon sehr enttäuschend. Doch lies sich davon keine der Bands abhalten wieder eine entsprechende Show abzuliefern.

Speed Id Frontman Euro lies nochmal die Sau raus und raste auch vor der Bühne herum. Und dem Applaus nach zu urteilen kam ihr Set in Stuttgart auch am besten an. Mir persönlich war es jedoch immer noch zu abgedreht. Aber es war eine schöne Erfahrung die 4 Japaner kennengelernt zu haben.

Als Angina Pectoris die Bühne betrat hatten sie schon gewonnen. Das Publikum ging mit wie noch kein anderes auf der Tour. So kam der Heimvorteil doch noch zum tragen und das tat der Band auch sehr gut und entschädigte für die enttäuschend verlaufene Tour. Erst nach der dritten Zugabe liesen die Fans die Band von der Bühne. Bei dieser spielte der ehemalige Gitarrist \"Paul\" für Jay Phoenix, während dieser mit seiner Klampfe vor der Bühne herumsprang und für Stimmung sorgte.

Alles in allem ein gelungener Abschluß für die Tour.

Redakteur:
Georg Weihrauch

Login

Neu registrieren