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TOOL - Köln

22.05.2022 | 22:04

17.05.2022, Lanxess Arena

Die Prog-Titanen TOOL statten der Domstadt Köln einen Besuch ab, dass ich diese Zeilen einmal schreiben dürfte, hätte ich vor wenigen Jahren noch nicht gedacht. Zu oft besuchten die Amerikaner die Region nur, wenn sie einmal für Rock Am Ring gebucht wurden, und so wartete ich schlussendlich 18 Jahre, um Maynard James Keenan und seine Mitstreiter endlich einmal im Setting einer Arena erleben zu können. Gleichzeitig ist der heutige Abend auch mein erstes Livekonzert nach über zwei Jahren unfreiwilliger Abstinenz dank Corona, entsprechend hoch sind dann natürlich auch die Erwartungen an den heutigen Abend.

Begleitet wird TOOL auf der diesjährigen Europa-Tour übrigens von BRASS AGAINST, doch aufgrund einer recht ausgeprägten Abneigung gegenüber Blasmusik meinerseits und einem noch immer vorhandenen Unmut über den Zwischenfall im vergangenen Jahr, als Sängerin Sophia Urista auf einen Fan urinierte, verzichte ich heute Abend dankend auf die Supportband. Nein, die ersten Töne live gespielter Musik, die ich nach so langer Zeit höre, sollten doch lieber von den Prog-Göttern persönlich kommen. Und diese lassen die nahezu ausverkaufte Lanxess Arena auch nicht lange warten, denn nach dem Hinweis, dass Foto- und Videoaufnahmen heute Abend vollständig verboten sind, erlischt kurz nach 20:30 Uhr unvermittelt das Hallenlicht und die ersten Takte von 'Fear Inoculum' erfüllen den Saal.

Und was soll ich sagen, die lange Wartezeit hat sich mehr als gelohnt, denn von der ersten Sekunde an ist das Konzert des Vierers einfach nur fesselnd. Verhüllt von einem durchsichtigen Vorhang, der die komplette Vorderseite der Bühne umspannt und teilweise als Projektionsfläche für visuelle Effekte dient, und vor einer gigantischen LED-Leinwand, die durchgehend mit wunderbaren visuellen Effekten und Animationen bespielt wird, zelebrieren Keenan, Adam Jones, Justin Chancellor und Danny Carey von der ersten Sekunde an Prog Metal in Perfektion. Besonders fesselnd ist dabei das Wechselspiel zwischen ruhigen Momenten, bei denen man teilweise fast eine Stecknadel in der Arena fallen hören könnte, und der brachialen Gewalt, die vor allem Chancellor und Jones in den rauen Momenten entfesseln können. Über allem thront der wunderbare Gesang von Mr. Keenan, der sich wie immer auf zwei Podesten im hinteren Teil der Bühne austobt, mit seinem bunten Irokesen-Haarschnitt und schwarzem Makeup wie ein teuflischer Clown anmutet und phasenweise wie ein eingesperrtes Tier umhertigert. Die Reaktionen des Publikums fallen allerdings erst einmal verhalten aus, nicht weil das Konzert nicht absolut begeisternd ist, sondern weil die Musik von TOOL in Kombination mit der visuellen Aufbereitung sogar noch fesselnder wirkt als vor dem heimischen CD-Player, was zumindest bei mir teilweise dazu führt, dass ich zwischendrin jegliches Gefühl für Raum und Zeit verliere.

Entsprechend schnell verfliegen dann auch die gut zweieinhalb Stunden, die der Vierer auf der Bühne steht. Dominiert wird die Setlist wenig überraschend vom aktuellen Langspieler "Fear Inoculum", der gleich sechs Songs stellt. Zugegeben, begeistert war ich darüber zunächst nicht, denn seit dem Release habe ich mich irgendwie mit dem Silberling etwas schwer getan, doch gerade die Live-Versionen des heutigen Abends lassen meine Begeisterung für die neuen Kompositionen noch einmal wachsen. Insbesondere 'Desceding' und 'Pneuma' spielen sich heute Abend in mein Herz und werden von einer grandiosen Lightshow in Szene gesetzt. Die Klassiker ernten trotzdem die lautesten Publikumsreaktionen, wobei allen voran 'Pushit' und das grandiose 'The Pot' am lautesten mitgesungen und bejubelt werden. Dass das Überalbum "Lateralus" mit 'The Grudge' nur mit einem einzigen Song bedacht wird, gerät angesichts der hervorragenden Wahl des wunderschönen 'Right In Two' als zweitem Song von "10000 Days" und 'Hooker With A Penis' als Abschluss des regulären Sets zur Nebensache.

Es folgt eine zehnminütige Pause, in der sich die Fans schnell noch eine Erfrischung besorgen können, bevor der halbstündige Zugabenblock beginnt, der erneut komplett von "Fear Inoculum" dominiert wird. Zuerst steht hier Danny Carey im Vordergrund, der zu Syntheziser-Loops in 'Choclate Chip Trip' seine nahezu außerirdischen Fähigkeiten zur Schau stellt, bevor es mit 'Culling Voices' fast sogar ein wenig besinnlich wird. Die Ruhe hält allerdings nicht lange an, denn 'Invincible' entlässt die zufriedene Menschenmenge schlussendlich mit einem fantastischen Noise-Crescendo in den lauen Kölner Abend.

Und ich, nun, ich sitze noch ein paar Minuten auf meinem Platz und muss verdauen, was ich da gerade gesehen habe. Es gibt einige wenige Bands, bei denen man einfach nicht glauben kann, dass sie ihre komplizierten Songs in Perfektion auch auf die Bühne transportieren können. MESHUGGAH fällt mir da etwa ein und seit heute gehört TOOL ebenfalls zu dieser Kategorie von Bands, die mich einfach ungläubig zurücklassen. Das hier heute Abend hätte man so eins zu eins auf Tonband bannen und als Studioalbum veröffentlichen können, was angesichts der unheimlich vertrackten und komplexen Songstrukturen fast schon an ein Wunder grenzt. Ja, TOOL ist einfach eine absolut einmalige Band und auch wenn sie im Studio die absolute Perfektion von "Lateralus" in den letzten Jahren nicht mehr erreichen konnte, war das hier heute Abend vielleicht das beste Konzert, das ich bisher in meinem Leben gesehen habe. Hoffentlich muss die Wiederholung nun nicht wieder 18 Jahre warten...

Setliste TOOL: 1. Fear Inoculum, 2. Sober, 3. The Pot, 4. Pushit, 5. Pneuma, 6. The Grudge, 7. Right In Two, 8. Descending, 9. Hooker With A Penis, 10. Choclate Chip Trip, 11. Culling Voices, 12. Invincible

Redakteur:
Tobias Dahs

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