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TNT Open Air - Würzburg

21.07.2013 | 21:17

22.06.2013, Kilianeum

Ein kleines, aber feines Festival an außergewöhnlicher Stelle mit exquisitem Line Up zu einem unschlagbaren Preis: Schwarzmetall-Herz, was willst du mehr?

Zugegeben, Open-Air-Veranstaltungen und Eintages-Festivals gibt es inzwischen vom Norden bis Süden der Republik wie Sand am Meer. Aber da gibt es auch die kleinen Perlen der Szene zu entdecken wie das "There's No Tomorrow" Open Air in Würzburg: Hier zählt der abgenutzte Spruch "von Fans für Fans" noch wirklich. Das zeigt allein schon der unschlagbare Eintrittspreis von 5 (!) Euro. Da hat man schon fast ein schlechtes Gewissen, sich als Magazinvertreter oder Crewmitglied zu akkreditieren. Hinzu kommt der ungewöhnliche Ort: Der Hof eines ehemaligen Klosters bzw. Knabeninternats. Flüssignahrung wandert gegen Vorlage eines Bierpasses in Glasflaschen (!) über den Tresen, auch hier kann niemand über den Preis von 1,50 Euro meckern. Bühne frei also für sieben Bands aus der deutschen Schwarzmetall-Landschaft.

Nachdem die Hessen ROTOVATHOR noch vor recht wenigen Zuschauern ran müssen und wegen technischen Problemen gleich mehrere Songs abbrechen, kreischen einem die Würzburger A SECRET REVEALED ihr Liedgut um die Ohren. Auch für APOKRYPHA ist es ein Heimspiel und ihre Mischung aus Thrash sowie Black Metal der erste Höhepunkt des Nachmittags. Der durchtrainierte Fronter Andy dürfte mit seinem ärmellosen Shirt vor allem die Blicke der weiblichen Fans auf sich ziehen, während hinten dran der neue Schlagzeuger João Gummi gibt.

Vor HERETOIR gibt es eine längere Pause als geplant: Die Technik will mal wieder nicht so recht. Was der anschließenden Stimmung der Band um die beiden AGRYPNIE-Mitstreiter Dave und Matti allerdings keinen Abbruch tut. Das erste Highlight gibt's sogleich beim noch unveröffentlichtem Opener 'Eclipse': Wie auf der erst jüngst absolvierten "Aetas-Cineris"-Tour, als AGRYPNIE-Sänger Torsten vornehmlich bei DER WEG EINER FREIHEIT die Bühne stürmte, lässt es sich der Unhold nicht nehmen, diesmal gemeinsam mit Dave ein paar Zeilen zu schmettern. Was vom Publikum und vor allem von den Dauerfans in der ersten Reihe entsprechend gefeiert wird. Während Bandkopf Dave im Folgenden den eingängigen Post-Black-Metal der Augsburger gewohnt gekonnt sowohl mit Schreien als auch klarem Gesang garniert, führt Basser Matti wie immer ein Shirt seiner Drittband THRÄNENKIND vor. Diesmal ein neues mit Botschaften á la "green-minded, anti-fascistic, drugfree". Auf die Reaktionen aus der NSBM-Szene darf jetzt schon gespannt gewartet werden. Zum Abschluss gibt's das ebenfalls noch unveröffentlichte Instrumental 'Inhale'. Chapeau!

Kleinere technische Aussetzer machen auch vor dem Intro von EÏS nicht Halt. Die ehemaligen GEIST-Veteranen und ihre Fans nehmen's mit einem Schmunzeln. Die Bühne ist mit einem dreifachen Holzkreuz verziert, hinter dem Sänger Alboin mit weiß geschminktem Vollbart hervor grinst. Der überrascht das inzwischen 600 Mann/Frau starke Publikum auch sogleich mit einem Marsch durch selbiges, während epische Songs wie 'Galeere' oder 'Mann aus Stein' aus den Boxen krachen. Einen netten Blick über die ungewöhnliche Innenhof-Szenerie bietet übrigens auch der große Balkon gegenüber der Bühne, in dessen Richtung fast jede Band brav ein paar Dankesworte an die Veranstalter richtet. Gefolgt vom Applaus der zufriedenen Menge.

Als so langsam die Sonne hinter den Klosterdächern verschwindet, wird es Zeit für den Co-Headliner des Abends. Wer AGRYPNIE-Mastermind Torsten kennt, weiß auch um das übliche Prozedere während der ersten Klänge von 'Der tote Trakt': Der Unhold spaziert hochkonzentriert hinter der Bühne auf und ab. Doch diesmal ist er besonders gut drauf und sogar noch für ein Späßchen zu haben, Sekunden bevor er die Bühne entert und die Anhängerschaft mit einem lautstarken "Würzburg!" begrüßt. Beim anschließenden 'Kadavergehorsam' greift Torsten selber zur Gitarre und lässt diese gleich umhängen: Das Instrumental '0545' kommt früher in der Setlist als gewohnt, ehe dem fränkischen Publikum 'Trümmer' von der aktuellen Langrille "Aetas Cineris" um die Ohren gepfeffert wird. Diesmal muss man sich auch nicht zwischen den beiden eingängigeren  'Morgen' und 'Zurück' entscheiden, das Sextett haut einfach beide Hits raus. Und schiebt sogar noch das auf der Tour beim letzten Stopp in Zürich wieder entdeckte 'Augenblick' hinterher. "Wir kommen zum letzten Stück, aber ihr wisst ja, wie's läuft", verrät Torsten grinsend. Zugabe-Rufe und Intro zu 'Gnosis', während Torsten mit Schlagzeuger Rene rumflaxt. Anschließend darf das Publikum auch noch den jubelnden Hintergrund für ein Gruppenfoto bilden. Die Stimmung ist bestens, so soll es auch sein.

Somit ist das Feld bestens bereitet für den Headliner HELRUNAR. Und irgendwie erinnert das Billing ein wenig an eine kleine, aber feine Neuauflage des jüngsten Ragnarök-Festivals. Sänger Marcel findet zum Black Metal mit leichten Pagan-Anleihen wie immer die Mitte zwischen bösem Keifern und nachdenklichem Sinnieren, während Gassenhauer wie 'Aschevolk' oder 'Älter als das Kreuz' aus den Boxen krachen und von den Fans lautstark mitgegrölt werden. Aber bin ich eigentlich der einzige, den der Refrain von 'Nebelspinne' an MARDUK's 'Christ Raping Black Metal' erinnert? Was ja mitnichten etwas Schlechtes ist und auch nichts an der guten Stimmung ändert. Während der letzten Klänge von 'Glámr' belädt der AGRYPNIE-/HERETOIR-Trupp backstage schon die Fahrzeuge mit Equipment und vernichtet die letzten Muffin- und Kuchenreste, die ein paar Münchner Fans liebevoll mit Band- und Festival-Logos verziert haben. Dann geht's erst zum kollektiven Aftershow-Bierchen mit der Anhängerschaft vor die Tür und anschließend in großer Runde in eine Würzburger Rock-Disco, wo bis in die Morgenstunden noch der eine oder andere Mexikaner vertilgt wird. Hut ab für einen mehr als gelungenen Tag!

Redakteur:
Carsten Praeg

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